www.online-roman.de
www.ronald-henss-verlag.de

Kurzgeschichte Alltag Kurzprosa Geschichte Erzählung short story

Natascha - ein Rätsel!

© Gaby Schumacher


Die ganze Welt nimmt Anteil an dem Schicksal dieser jungen Frau, fragt sich, wie ist es möglich, dass ...
Als Natscha entführt wurde, war sie gerade mal zehn Jahre alt, nach der Aussage ihres Vaters ihren Altersgenossen weit voraus. Genau an diesen Satz musste ich denken, als Natascha im Interview erklärte: "Ich habe gedacht, er bringt mich soundso um, also versuche ich, aus den mir verbleibenden Minuten oder Stunden noch etwas zu machen."
Erschüttert hörte ich zu. Ich erinnerte mich meiner Kinder, als sie so alt waren. Meine Älteste war ebenfalls ihren Freundinnen weit voraus. Dennoch traute ich ihr in einer das Leben bedrohenden Situation eine solche Denkweise nicht zu. Ein zehnjähriges Kind würde doch eher schreien, weinen, betteln oder sich vor Angst zusammenkauern und verstummen. Nataschas Reaktion dagegen ist mir unbegreiflich.
Ebenfalls unfassbar bleibt für mich die Tatsache, wie dieses Mädchen sich selbst durch die schlimmen Jahre der Gefangenschaft geleitet hat, sich diszipliniert hat, um zu überleben.
Sie hielt sich an der Vorstellung fest, dass sie ihre innere Stärke, gewonnen in einem sehr liebevollen Elternhaus, je älter sie würde, ihrem im Gegensatz zu ihr sehr labilen Entführer mehr und mehr gewachsen, vielleicht sogar überlegen sein ließe.
Es ist unfassbar, mit welch einer Energie sie sich aufrecht hielt. Die Bücher und Zeitungen waren ihre Verbindung zur Außenwelt. Sie las und las, erwarb dadurch eine hohe Bildung.
Im Interview beeindruckte sie alle tief, ihre Gesprächspartner und sämtliche Zuschauer vor den Bildschirmen. Mir kam der Gedanke, ob dieser hochintelligente Sprachstil für sie nicht gleichzeitig ein Schutzwall darstellte, hinter dem sie ihre ganze Verzweiflung wegen des Erlittenen, ihre innere Verkrampfung der enormen Belastung wegen, überhaupt über das Schreckliche zu reden, versteckte, ihr Nicht-richtig-Erwachsensein-können, da es ihr ja in den entscheidenden Pubertätsjahren nicht vergönnt war, normale Auseinandersetzungen mit Jugendlichen zu führen.
Natürlich grübele ich auch über ihren Schritt, so früh an die Öffentlichkeit zu gehen. Ist es nicht eigentlich blamabel für uns, dass offensichtlich der psychische Druck von außen dermaßen groß war, dass ihr kaum eine andere Möglichkeit blieb, als sich, gerade mal dem Gefängnis entronnen, soo früh den Medien zu stellen?!
Es wird behauptet, es sei ihr eigener Wunsch gewesen. Ich wage das zu bezweifeln. Es kostete sie unheimliche Mühe, während des Fernsehberichtes einigermaßen normal zu reden. Ihre verkrampft umeinander geklammerten Hände sprachen Bände. Bände sprachen auch der abweichende Blick, die zeitweise geschlossenen Augen und die Sekunden der Konzentrationsschwäche. Wie ihr Vater es so zutreffend sagte, denke auch ich:
"Ich denke, es wäre besser gewesen, dieses Befragungen hätten erst ein paar Wochen später stattgefunden!"
Hat Natascha die richtigen Betreuer, Berater? Ich bin mir da nicht sicher.
Weshalb darf ihr Vater sie nicht treffen? Das wird wohl kaum ihr eigener Wunsch sein. Man bedenke das ausgesprochen gute Verhältnis, dass sie zu beiden Elternteilen hat.
Ich habe so meine Befürchtung:
Ich möchte es ihr nicht wünschen, dass sie und ihre Geschichte letztendlich unbarmherzig vermarktet werden. Dass vieles, was uns, die wir Anteil nehmen, bereits jetzt am Verhalten der Medien stört, schon der rücksichtslose Beginn einer Sensationshetzjagd ist. Ich habe fast den Eindruck, denn es winkte ja ein Millionen Euro-Umsatz. Natascha jedenfalls ist psychisch absolut nicht in der Lage, sich ernsthaft gegen Manipulationen zu wehren.
Bis sie zu einem normalen Leben zurückfindet, können Jahre vergehen. Ihrer starken Persönlichkeit wegen wird sie es schaffen.
Sie wird es schaffen, jedoch nur dann, wenn man sie in Ruhe lässt!!



Eingereicht am 08. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.