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Memento Mori

© Nico Hartmann


Normaler Morgen. Normaler Tag. Er ist vierunddreißig und sieben Zwanzigstel alt.
Er trägt Anzüge, und geht mit Kaffee in der einen, und Zeitung in der anderen Hand durchs Gedrängel.
Die Straße ist voll von solchen Menschen. Menschen die, die größte
Angst davor haben, dass ihr Leben zu Gewohnheit werde, ohne zu merken, wie es zur Gewohnheit wurde.
Er überquert die Straße und in dem Moment oder davor
entscheidet dein Schicksal. Kopf du lebst. Zahl du Stirbst. Er kommt sicher an. Er lebt. Er rempelt Jemand an.
Jemand dreht sich um und funkelt ihn Böse an.
Er lebt. Er betritt das Gebäude. Der freundlich schauende Wachmann tritt beiseite, schaut freundlich und legt seine Hand auf den Pistolenhafter.
Er passiert die Sicherheitsvorkehrungen wie ein Reflex. Und tritt in den Aufzug. Sonderbarerweise ist niemand im Aufzug. Dies zu der Zeit, ist undenkbar. Er nimmt es nicht wahr.
Vierter Stock.
Fünfter Stock.
Die Zeitung wird aufgeschlagen. Die Üblichen Toten und die üblichen Kriege. Die üblichen Skandale und die üblichen Sportergebnisse.
Neunter Stock.
Zehnter Stock.
Der Wachmann von vorhin geht seine übliche Runde.
Dreizehnter Stock.
Der Wachmann gelangt zum Parkhaus.
Fünfzehnter Stock.
Der Aufzug bleibt abrupt stehen.
In Gedanken versunken erkennt er nicht, das dies
nicht sein Stock ist.
Er ist beim Aussteigen, als der Aufzug sich schlagartig bewegt.
Ohne zu wissen was passiert ist fällt er schlagartig hin. Seine Beine baumeln aus dem Aufzug.
Parkhaus.
Der Wachmann hört ein Geräusch und ist plötzlich hellwach. Es hört sich so an als würde das ganze Gebäude hin und her schwanken.
Fünfzehnter Stock.
Mit entsetzen aber noch völlig verwirrt stellt er fest, in welchem Stock er ist. Bevor er sich bewegen kann, bevor er nur Blinzeln kann, fängt der Aufzug an nach unten zu fahren.
Ein sauberer Schnitt denn, besser hätte es der Chirurg nicht hinbekommen. Die Schmerzwelle bleibt aus. Denn sein Gehirn möchte einfach nicht die letzte Sekunde verarbeiten.
Parkhaus.
Die Wand vibriert.
Der Wachmann hört ein entsetzlichen Schrei und dann wieder dieses Geräusch.
Vierter Stock.
Er lebt.
Dritter Stock.
Er erlebt sein Leben in Zeitraffer.
Zweiter Stock.
Er wünscht sich die Hölle.
Erster Stock.
Er erkennt es.
Parkhaus.
Er stirbt.
Der Wachmann schaut immer noch auf die Trümmer. Es muss vor wenigen Minuten passiert sein. Sein Blick wandert vom Torso des Mannes zu der Zeitung. Er liest die Überschrift eines Artikels. "Gedenke zu Sterben " steht drauf. Er schaut noch eine Weile und holt dann Hilfe.



Eingereicht am 08. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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