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Dez
01
Nur ein Einkaufszettel
© Birge Laudi

Er kann nicht schlafen. Schläft kaum noch, seit seine Frau tot ist. Eine Stunde schläft er. Oder zwei. Dann ist er wach, dann steht er auf und streift durchs Haus. Kocht Tee. Sitzt da. Sitzt einfach da und schaut. Spürt die Einsamkeit.

Sie liegen neben der Teetasse. Ein weißer Kugelschreiber mit orangefarbenem Muster. Von einem Baumarkt. Und ein Einkaufszettel. Er starrt auf den Zettel. Müsli, Whisky, Käse. Mehr scheint er nicht zu brauchen. Nichts außer Müsli, Whisky und Käse. Vielleicht lässt sich davon leben. Eine Zeit lang zumindest. Leben wozu? Er starrt aus dem Fenster, denkt darüber nach.

"Warum sie und nicht ich?", murmelt er. Er redet jetzt oft mit sich selbst.

Im Traum kurz vor dem Aufwachen hatte er an einem Marathonlauf teilgenommen. Ist gerannt und gerannt und ist weit abgeschlagen Letzter geworden. Hatte die Startnummer 69. Ist erschöpft vom Lauf aufgewacht. Noch ist nicht Tag. Heute wird er 69 Jahre alt und sie ist nicht mehr da.

"Warum musste sie auf der falschen Seite im Auto sitzen und nicht ich?" Immer wieder die gleichen Gedanken, die gleichen Vorwürfe. Er ist gefahren, obwohl sie ans Steuer wollte. Als ihnen der Wagen in die Seite krachte, da saß sie direkt in der Schusslinie. Zielgenau vor dem Kühlergrill des Lastwagens.

"Ich bin nicht depressiv", sagt er laut. Sagt es zu sich selbst. Nein, nicht depressiv, wie sein Sohn behauptet. Melancholisch. Das vielleicht. Melancholisch ist schöner, weicher. Es ist ein melodisches, ein poetisches Wort. Vielleicht bin ich auch nur traurig. Warum? Weil ich den Marathon verloren habe? Weil ich allein bin? Weil Karin tot ist? Weil es regnet?

Gerlinde, die betagte Katze, ist im Regen unterwegs. Sie scheint wie er den Regen zu lieben. Wenn nicht gerade lieben, so doch zu akzeptieren.

"Wenn ich sie nicht hätte ...", denkt er

Er starrt auf den Einkaufszettel neben dem Kugelschreiber vom Baumarkt und der Teetasse. Die Tasse ist blau. Über dem Blau verstreut Gänseblümchen. Unschuldig. Ganz lächelndes Weiß um die gelbe Mitte herum. Der Henkel ist abgeschlagen. Der ausgequetschte Teebeutel liegt neben dem Löffel. Ein brauner Fleck breitet sich auf dem Tisch aus.

Die alte Küchenuhr schlägt fünfmal. Es regnet stark, es trommelt an die Fenster.

Müsli, Whisky, Käse. Das leidige Einkaufen. Immer wieder.

Er schlägt ein Buch auf. Er hatte es am Abend begonnen, als er nicht einschlafen konnte. Ein Buch, das von Krieg, Unmenschlichkeit und Tod erzählt. Ein echter Hemingway. Ein durch und durch männliches Buch. Nein, das will er jetzt doch nicht lesen. Er klappt das Buch wieder zu. Er will nichts mehr von Gewalt wissen. Ist so dünnhäutig geworden in letzter Zeit. Für diesen Morgen genügt das Lesen eines Einkaufszettels.

Müsli, Whisky, Käse. Kein Fleisch, keine Wurst. Er hat nur noch selten Appetit auf Fleisch und Wurst. Sieht noch immer das Blut über ihr Gesicht rinnen. Sieht den Knochen durch das zerfetzte Fleisch am Ellbogen spießen. Nein. Kein Fleisch. Er schränkt sein Leben ein. Macht Abstriche. Bis auf den Whisky. Der betäubt. Weniger Fleisch, weniger Wurst, weniger Kontakte zu Menschen. Nur noch Liebe für die alte Katze Gerlinde. Sein einziger Ansprechpartner. Sie frisst noch Fleisch.

Rückzug. Rückzug aus dem lauten Leben. Den Sohn sieht er selten. Regression. Eingeengt auf drei Dinge. Auf Müsli, Whisky und Käse.

Inzwischen ist der Tee kalt. Er sitzt schon lange wach am Küchentisch. Denkt, lauscht dem trommelnden Regen. Er liebt Regen. Nein, nicht wegen des Regens ist er melancholisch. Auch nicht wegen des kalten Tees. Er trinkt vom kalten Tee.

Unter Müsli, Whisky und Käse schreibt er Brot. Nicht in allen Dingen sollte man sich einschränken. Ja, Brot ist Leben. Das Brot des Lebens, sagt der Pfarrer in der Kirche. Dort geht er nicht mehr hin. Zu viele Menschen wollen ihn trösten. Nur dort. Nicht daheim. Da ist er allein.

Er schränkt sich ein. Reduktion auf das Nötigste. Doch er weiß nicht mehr, was das Nötigste ist in seinem Leben. Hatte er es je gewusst?

Es war alles so selbstverständlich gewesen. Dass sie da war, dass sie kochte, wusch, ihm die Wünsche von den Augen ablas. Es war nichts besonderes gewesen, mit ihr verheiratet zu sein, einen Sohn mit ihr zu haben. Es musste einfach so kommen, als er sie zum ersten Mal sah und auch für sie war es selbstverständlich gewesen, dass sie für immer zusammengehörten. Er hatte die Zeit nicht gut genutzt. Hatte zu wenig geliebt. War zu wenig glücklich gewesen. War der Selbstverständlichkeit erlegen.

Geräusche am Briefkasten. Der Mann mit der verfilzten Strickmütze ist heute früh dran mit der Zeitung. Bringt sie sonst erst später. Es ist sechs Uhr. Die Glocken der Kirche läuten in der Ferne. Sie läuten immer um sechs Uhr. Der kalte Teerest in der blauen Tasse mit den fröhlichen Blumengesichtern ist dunkel und bitter.

Müsli, Whisky, Käse, Brot.

Er liest die Zeitung. Ein kümmerliches Lesevergnügen. Kein Vergnügen, nur ein Genügen. Ein genügsames Genügen. Reduktion auf das Nötigste. Das muss genügen.

Er streicht das Brot wieder aus. Glaubt, es sei noch genügend da.

Müsli, Whisky, Käse.

In der Zeitung steht etwas von BSE. Nicht die Rinderseuche ist gemeint, sondern Bad Simple English. Eine Reduktion der deutschen Sprache auf das Englische. Unser Gehirn sei davon bedroht. So schreibt die Zeitung. Bedeutet die Bedrohung Einengung auf eine Weltsprache? Warum ist unser Gehirn bedroht und nicht unsere Sprache? Ihr Gehirn war bedroht von einer scharfen Kante an der Kühlerhaube des Lastwagens. Das Gehirn hatte keine Chance. Er denkt darüber nach. Braucht Zeit zum Denken. Braucht immer mehr Zeit zum Denken. Verbraucht die Zeit als Denkzeit.

Müsli, Whisky, Käse.

"Was sollte ich sonst noch brauchen? Jetzt, wo Karin tot ist."

Er reibt sich über die Brust. Immer wieder. Es ist so eine Leere da drin. So ein dumpfer Schmerz manchmal. Die Liebe fehlt. Er denkt nach. Der Tee ist dunkel und bitter. Der Regen rieselt nur noch leise auf die Dachfenster. Schneeflocken haben sich darunter gemischt. Nur ein ganz kleines bisschen Schnee. Das genügt vielleicht für ein wenig Freude. Sie hatte den Schnee so geliebt. Der Lastwagen war in die rechte Seite gekracht. War auf Schnee gerutscht. Kurz vorher hatte sie fröhlich gelacht, hatte ihn angestoßen und gesagt: "Schau doch Schatz, ist es nicht herrlich, wenn es schneit!"

Dann war der Lastwagen da. Kreischen. Blut. Sirenen.

Müsli, Whisky und Käse. Das hatte sie gemocht. Sagte immer: "Davon könnte ich leben. Mehr brauche ich nicht als Müsli, Whisky, Käse und Brot".

Morgen muss ich wieder Brot kaufen, denkt er. Morgen.

"Geh jetzt heim", hatte sie in einem lichten Augenblick gemurmelt, "geh heim und iss was. Mir geht es gut". Er sah sie an, sah die Schläuche und Verbände, sah ihr scheues Lächeln aus blutleeren Lippen und dunkel gerandeten Augen unter dem weißen Mull um ihren Kopf und er küsste sie vorsichtig auf dieses Lächeln. Dann war er heimgegangen, hatte versucht etwas zu essen.

Als er wieder ins Krankenhaus zurückkam, war sie tot. Sie hatte es nicht geschafft und der Arzt kondolierte.

Er flüstert: "Müsli, Whisky und Käse", streicht sich über die Brust, steht auf, um die Katze Gerlinde zu füttern. Regennass war sie heimgekommen, hatte schnurrend um Futter gebeten.

Am Abend kommt der Sohn, will dem Vater zum Geburtstag gratulieren. Der Vater liegt neben dem Schüsselchen mit Fleisch für die Katze. Putenfleisch mit Rinderherz. Er hat die Dose noch in der Hand. Kleingehacktes Herz in weichem Fleisch. Für die alte Katze.

Die Katze Gerlinde hatte sich neben seinem Vater, der heute 69 Jahre alt geworden ist, zusammengerollt und eine Pfote auf den erkalteten steifen Arm des Toten gelegt. Als der Sohn sich zu den beiden hinabbeugt, da hebt Gerlinde den Kopf und schnurrt ganz leise, ohne die Pfote vom Arm ihres Herrn zu nehmen. Ein trauriges Schnurren. Der wissende Blick aus den grünen Augen geht ins Unendliche. Als der herbeigerufene Arzt für seine Untersuchung die Katze beiseite schieben will, da faucht sie und schlägt nach ihm.

"Ihr Vater ist an gebrochenem Herzen gestorben", sagt der Hausarzt und kondoliert dem Sohn, der nun keine Eltern mehr hat. Er verlässt das Haus und hinter ihm fällt die Tür ins Schloss. Der Windstoß fegt ein Blatt Papier vom Tisch. Es ist nur ein Einkaufszettel. Müsli, Whisky und Käse.

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