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Amadeos Schuld

© Sabine Bauernschmidt


Amadeo sitzt da, reglos, und starrt auf das Fenster. Er hätte auch weglaufen können. Es wäre doch einfach gewesen, wegzulaufen.
Sie stellen immer wieder die gleichen Fragen. Er hat ihnen Antworten gegeben, auf alles, was sie wissen wollten. Er ist müde jetzt, möchte sich ausruhen. Sie werden das nicht zulassen. Es wird langsam dunkel. Nebliges, düsteres Novembergrau kriecht um das Gebäude. Der Herbstwind spuckt dicke Tropfen gegen das Fenster. Amadeo stellt sich vor, dass sie für ihn bestimmt sind, dass er sie geschickt hat. Er starrt sie an, beobachtet, wie sie auseinander platzen und langsam die Scheibe hinunterlaufen. Er ist der Scheibe dankbar für den Schutz, den sie ihm bietet, obwohl das Unsinn ist, er weiß das. Aber er muss ja irgendwas denken. Du musst alles sagen. Gib es doch endlich zu, Junge, es hat doch keinen Sinn mehr. Amadeo hat alles erzählt. Sie glauben ihm nicht. Dass er nicht angefangen hat. Dass es ein Unfall war. Nur ein Unfall. Hast du kein Mitleid? Er spricht deutsch, wie sie. Und doch scheint es eine andere Sprache zu sein.
Seit Monaten hatte er ihn schikaniert, dieser Junge, dessen Namen er nicht einmal wusste, als er den ersten Tritt von ihm bekam. Erst später erfuhr er, dass er Benedict hieß und aus der reichsten Familie der Umgebung stammte. Seine Freunde nannten ihn Ben. Amadeo versuchte, ihm aus dem Weg zu gehen, aber in dem kleinen Dorf gibt es nicht viele Wege, die von der Schule zu ihm nach Hause führen. Einer führt am Bahndamm entlang, der andere durch den Wald. Benedict hatte plötzlich vor ihm gestanden, wie aus dem Nichts, mit ein paar Freunden. Fast jeden Tag lauerten sie ihm dann auf. Scheißnigger. Verdammter dreckiger Scheißnigger. Sie machten sich einen Spaß daraus, ihn zu schubsen, so dass er hinfallen musste. Dann ließen sie ihn aufstehen und schubsten ihn wieder, abwechselnd. Sie traten ihn, auch ins Gesicht. Erst noch zögernd, fast, als hätten sie erst ein letztes Hindernis überwinden müssen. Um so heftiger, als die Schwelle dann überschritten war. Einmal war seine Brille kaputt gegangen, die neue Brille mit dem goldfarbenen Rand, die seine Tante aus Brasilien mitgebracht hatte. Die Schläge seines Vaters nahm er hin, teilnahmslos. Eine Erklärung wollte sein Vater nicht hören. Amadeo hatte sich wieder geprügelt, und die Brille war kaputt. Was gab es da noch zu erklären. Seine Mutter mischte sich niemals ein in diese Dinge.
Ein paar Wochen lang sah Amadeo Benedict nicht. Vielleicht war er weggezogen. Vielleicht hatte er Glück, und er war einfach weg, in irgendeinem anderen Dorf, wo er ihm nicht mehr begegnen musste. Benedicts Freunde waren noch da, aber sie ließen ihn in Ruhe, mehr oder weniger. Ihre Beschimpfungen prallten an ihm ab. Worte können wehtun, aber sie hinterlassen keine Wunden, die genäht werden müssen.
Benedict kam zurück. An dem Tag, als es dann passierte. Am 2. November. Es war Nachmittag und schon fast dunkel. Wie heute. Sie warteten am Waldrand, in ihren Gesichtern die geduldige Vorfreude der Siegesgewissen. Sie waren zu fünft. Benedict hatte sich vor ihm aufgebaut. Breitbeinig, grinsend. Er würde ihn jetzt fertig machen, endgültig, hatte er gesagt. Solche dreckigen Schmarotzer wie ihn müsste man fertig machen. Ein paar Touristen spazierten vorbei, drehten sich um, gingen kopfschüttelnd weiter. Das war der Moment gewesen, in dem er hätte weggehen können. Sich unter die Leute mischen und mit ihnen weggehen. Er hat es nicht getan.
Erst hielten sie ihn fest und bespuckten ihn, einer nach dem anderen. Es gelang ihm irgendwie, sich loszureißen und wegzurennen. Sie hetzten ihn, wie Hunde das Wild hetzen bei einer Treibjagd. Er war schnell. Aber er übersah die Baumwurzel in der Dunkelheit, stolperte. Da hatten sie ihn schon beinahe eingeholt. Eine Föhre rettete ihn, im Klettern war er gut. Harz klebte an seiner Hose, an seinen Händen, überall. Das gibt wieder Prügel zu Hause. Benedict erreichte den Baum kurz nach ihm, keuchend. Er stierte zu Amadeo nach oben, sein Blick hassverzerrt. Auch Benedicts Freunde waren jetzt da. Einer von ihnen sagte, es wäre genug jetzt, Zeit abzuhauen. Die anderen lachten und feuerten Benedict an, der sich Zentimeter für Zentimeter die Föhre hinaufkämpfte. Als er nur noch ungefähr einen Meter unter ihm war, packte er Amadeos Bein. Amadeo hatte sich nur wehren wollen und hatte zugetreten. Dann war alles sehr schnell gegangen. Ein Schrei. Benedict hatte den Halt verloren. Ein dumpfes Geräusch, dann war es still gewesen. Einfach still. Alle hatten auf Benedict gestarrt, wie er da lag. Amadeo weiß nicht mehr, wie lange er auf dem Baum gesessen hat, wie er herunterkam. Er weiß nicht mehr, wann Benedicts Freunde fortgelaufen sind. Irgendwann waren da Taschenlampen. Stimmen. Die Polizei. Ein Arzt. Benedicts Eltern. Amadeos Eltern.
Benedicts Mutter hatte geschrieen, sie hatten sie festhalten müssen. Sein Vater war weiß im Gesicht gewesen und hatte kein Wort gesagt. Amadeos Vater hatte ihn geohrfeigt. Immer wieder ins Gesicht geschlagen, bis ein Polizist eingriff. Vielleicht hätte er ihn totgeschlagen, wenn der Polizist nicht gewesen wäre. Vielleicht wäre das besser gewesen. Seine Mutter hatte geweint, lautlos wie immer.
Benedicts Freunde haben ausgesagt. Sie haben alle die gleiche Geschichte erzählt. Amadeo hätte Benedict schon immer gehasst und ihm aufgelauert. Ihn verprügelt, wenn er ihn allein traf. Sie hätten Benedict beschützen müssen vor Amadeo. Meistens hätten sie das Schlimmste verhindern können. Diesmal wären sie zu spät gekommen. Sie wären mit Benedict am Waldrand verabredet gewesen, er sei nicht gekommen. Dann hätten sie Schreie aus dem Wald gehört und wären sofort hingelaufen. Sie hätten gesehen, wie Benedict vor Amadeo auf einen Baum floh. Amadeo sei hinterhergeklettert und habe Benedict vom Baum heruntergeschubst. Vier Aussagen von Söhnen angesehener Familien gegen die Aussage eines Asylanten. Vielleicht werden sie ihn und seine Familie abschieben. Oder er bekommt eine Jugendstrafe. Sein Vater wird ihn halb tot prügeln, wie es auch immer ausgeht. Er wird die Schande nur auf eine Weise von der Familie abwenden können. Vermissen wird ihn niemand. Seine Mutter, ja, sie vielleicht. Sie war es, die seinen Namen ausgesucht hatte. Amadeo. Liebe Gott.
Sie finden ihn am nächsten Tag. Niemand weiß, wo er das Messer versteckt gehabt hatte.
In der Kirche beten sie für Benedict. Benedict. Der Gesegnete.
Für Amadeo betet niemand.



Eingereicht am 19. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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