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Der Entschluss

© Erich Ruzicska


Ich weiß nicht mehr, wann ich zum letzten Mal richtig glücklich gewesen bin. Das muss wohl an meinem 12. Geburtstag gewesen sein, als ich zusammen mit meinen Freunden auf dem kleinen Friedhof unseres Dorfes gespielt habe. Natürlich gab es viele andere Plätze und Möglichkeiten zu spielen, das Spiel mit dem Tod aber, das faszinierte uns auf eine Art die man heute als Besessenheit und als krankhaft bezeichnen würde. Die Begegnung mit dem Tod, die als ein lustiges, kleines und unschuldiges Spiel begann, wurde fortan ein Teil meines Lebens und hindert mich bis heute, meinen inneren Frieden zu finden.
Und obwohl diese Augenblicke schon über 20 Jahre zurückliegen, sind sie mir in diesem Moment näher als jemals zuvor. Einzelne Bilder und Gespräche sehe ich jetzt derart klar, dass man meinen könnte, sie sind erst vor ein paar Minuten passiert, dass man davon ausgehen könnte, die Darsteller würden sofort auftauchen, um das Spiel fortzusetzen.
Ich sehe die einfachen Gräber mit ihren alten, gebrechlichen Holzkreuzen, die Hauptallee mit den großen und pompösen Ruhestätten der Reichen, die alten Frauen, die auf den Bänken sitzen, um sich den letzten Tratsch zu erzählen, den großen Brunnen am Straßenrand, dessen Wasser schon lange nicht mehr trinkbar ist, die Hügel hinter dem Friedhof, die einst mit einem dünnen Wald bedeckt waren, den schmalen Weg, der von unserem Dorf ins nächste führte, den Berg in der Ferne, der im Abendlicht wie ein Gespenst aussieht.
Doch am klarsten sehe ich Martin, Alex und mich, wie wir eine Beerdigung inszenieren und unseren Spaß mit dem Tragen des Sarges und mit der Nachahmung von Pfarrer Stefan haben.
"Der Herr sei mit Euch" höre ich Martin sagen, während Alex in tränen aufgelöst die untröstliche Witwe, die nun auf sich alleine gestellt ist, spielt. Meine Aufgabe bestand darin, für die richtige Musik zu sorgen, um der ganzen Zeremonie den richtigen traurigen Ton zu verleihen. Um dies zu tun quälte ich meine alte Mundharmonika und spielte die traurigsten Lieder, die ich kannte.
Es machte uns unglaublich viel Spaß in verschiedene Rollen zu schlüpfen, ob es nun der Pfarrer, die Witwe oder der Musikant war, wir spielten sie dermaßen überzeugend, das ein Fremder sie für echt hätte halten können. Den größten Spaß hatten wir aber dadurch, die verdutzten und schockierten Gesichter unserer Nachbarn zu sehen.
"Gott beschütze euch Kinder", sagte Tante Nela, eine alte Nachbarin, "hört auf mit diesem Spiel, das kann ja Unglück bringen, Gott bewahre uns davon". Damals machte uns diese Warnung gar nichts aus, ganz im Gegenteil, wir wurden dadurch bestätigt, dass unser kleines Spiel ziemlich echt aussah, und waren unglaublich stolz darauf. Heute aber, wenn ich so zurückblicke, wird mir bewusst wie viel Wahrheit in ihren Wörtern gesteckt hatte.
Es ist kalt geworden, der Wind verstärkt sich und durchbohrt mich wie ein Kaltwasserstrahl und obwohl ich zu zittern beginne und es mich bis in meinem tiefsten Inneren friert, kann ich mich nicht bewegen. Ich bin nicht imstande, die geringste Bewegung zu machen, mein Körper ist wie gelähmt, es ist als wäre ich hier an Ort und Stelle festgenagelt worden, als wäre ich zu Unbeweglichkeit verdammt worden.
Und plötzlich ist die Unruhe wieder da und mit ihr ein Gedanke, eine Frage die mich anfangs nur streift, dann aber immer näher kommt und letztendlich mein ganzes Ich umfasst:
"Was mache ich hier eigentlich?"
Vor mir liegt die tiefe Schlucht, die ich aus meiner Kindheit so gut kenne, die für mich seither ein Bild der Angst und des Schreckens darstellt, nicht zuletzt durch die Erzählungen meiner Mutter, die mich fast täglich davor warnte, ihr zu Nahe zu kommen. Ganze Familien seien Dort umgekommen, sagte meine Mutter, ganz zu schweigen vom armen Vieh und den unzähligen Menschen die dort hinuntergestürzt sind oder aus lauter Verzweiflung ihre Erlösung gesucht haben.
Nun stehe ich an diesem Ort des Todes und es ist mir als könnte ich die Verzweiflung und die Zuversicht, die Trauer und die Freude, den Mut und die Feigheit der Menschen verstehen, die hier den Todesschritt gewagt haben. Ich glaube zu wissen, was diese Menschen alles durchgemacht haben, wie viel Leid und Kummer sie ertragen mussten, wie sehr sie leben wollten, wie sehr sie lieben wollten, wie sehr sie sterben wollten....und sterben, das will ich jetzt auch.
Mein Wunsch steht nun endgültig fest und zwar in einer solchen Klarheit wie noch niemals zuvor. Die lange Zeit des Wartens und der Hoffnung scheint vorbei zu sein. Ich will sterben um das zu vergessen, was ich getan habe und was mir angetan wurde, um die Angst, die mich nun schon seit Jahren fesselt loszuwerden, um die so lang ersehnte Ruhe zu finden.
Doch vorher muss ich noch etwas erledigen.



Eingereicht am 20. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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