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Kurzgeschichte Alltag Kurzprosa Geschichte Erzählung short story

Teelin

© Volker Krauleidis


Während ich hier in meinem Arbeitszimmer sitze, denke ich an den Pub in Teelin. Auf meinem Tisch, neben der Tastatur, liegt ein Bierdeckel aus dem Laden. Als ich ihn das letzte Mal in Händen hielt, saß ich noch in dem besagten Pub. Ich habe mir damals vorgestellt, wie es sein würde, wenn ich diesen Bierdeckel in meiner Bude in Berlin erneut anfassen würde. Ich versuchte mir, so viele Details wie möglich zu merken, die Ecke, das Tischchen, die Wand, den Geruch, die eigene Befindlichkeit in diesem Augenblick. Der Bierdeckel sollte als Auslöser der Erinnerung fungieren. So wollte ich mich in Berlin an jede "Faser" erinnern...
Ich saß damals in der Kaminecke des Pubs...
...der Laden ist dunkel, die Wand der Ecke ist aus groben Steinen, auf die Wand sind Münzen aus aller Welt geklebt, in der Mitte der Wand thront der Kamin. Die Sitzecke ist heruntergekommen, da es warm ist, verströmt das Leder einen eigenartigen Geruch. Ich hole mein Guinness, "one Euro eigthy", brummelt der alte Barkeeper. Beim Hinstellen auf den Tresen läuft etwas Schaum auf das Untersatzdeckelchen, auf dem Deckelchen ist ein Vogel zu sehen, der ein Glas Guiness auf dem gekrümmten Schabel trägt: "Guinness is good for you", steht auf dem Deckel. Seitlich von mir sitzt ein alter Mann auf dem Barhocker, er trägt eine irische Mütze (die Sorte, die man in Deutschland Schiebermütze nennt), sie ist so tief in sein Gesicht gezogen, dass ich seine Augen kaum erkennen kann. Die Mütze scheint sein Gesicht abzurunden, "irischer" geht's kaum! Ich sehe an ihm herunter, unförmige Tweethosen und Gummistiefel, wohl ein Bauer. Ich bezahle mit zwei Euro - Stücken, das Wechselgeld kommt, beim Tragen zum Tischchen läuft Bier aus dem randvollen Glas über die Finger. Beim Hinstellen des Glases erklingt ein sattes Geräusch, da der Tisch aus massivem Holz ist.
Der erste Schluck, das stimmungserhöhende Naß wirkt sofort, da ich noch nicht gefrühstückt habe. Ich fühle mich gut, die Muskeln sind angespannt vom morgentlichen Schwimmen im Atlantik. Mit jedem Schluck nimmt die Wirkung des Gebräus zu: "Guinness is good for me!"
Ich zücke mein Notizbuch, versuche mich an einer kurzen Anmerkung auf Gälisch: "Bhí na gasúisr uilig ag an bfarraige inné. Bhí an aimsir go hálainn (etwa: Gestern waren die Kinder am Meer. Das Wetter war herrlich). Nun ja, klingt noch ziemlich vorschulmäßig, also weg mit dem Notizbuch.
Ich berühre die Wand, sie ist kühl und rau, weich hingegen sind die Oberflächen der Münzen. Da sieh und fühle! Ein deutsches 5-Pfennig-Stück, ganz einsam klebt es zwischen den Münzen aus zahlreichen Ländern. Ich bin völlig konzentriert, nehme alle Eindrücke in mich auf. Mir kommt ein alter "Perry - Rhodan - Roman" in den Sinn: Guggy (oder ähnlich), der Mausbiber, konnte teleportieren. Wenn ich es doch nur könnte! Jederzeit nach meinem Belieben nach Teelin, Dunkineely, Killybegs! Ich drücke den Bierdeckel, könnte er doch nur meine Stofflichkeit hierher befördern, wann immer ich ihn berührte. Mit dem zweiten Glas Guinness steigert sich die Sehnsucht, ich will nicht zurück...Mit dem vierten Glas stellt sich zunehmendes Wohlbefinden ein, meine Phantasie steigert sich vom Trab zum Galopp: Ich sehe mich auf grünen Hügeln, von Sleavemore sehe ich herunter auf den Atlantik, niemand wird mich mehr von hier vertreiben. "Zivilisationsmüder Schwätzer und ein kleines Schreiberlein, das bist du, mein Freund", ermahnt mich der noch nicht ganz verdrängte Realist in mir.
Die Notwendigkeit der erneuten Guinness- Bestellung unterbricht meine Träume, also her mit dem nächsten Guiness! Doing nothing means a luxury! Endlich! Der Barkeeper hat das nächste Glas fertig, ich trotte zum Tresen. Der Guinness - Vogel scheint, ob des vielen Schaumes, der überlief, ebenso angeschlagen zu sein wie ich: Ganz aufgeweicht nun, sieht er nicht mehr so fröhlich aus, Guinness is not good for him. Ich setze mich wieder hin, sehe mich um, über mir baumelt ein ausrangiertes Banjo, im Aschenbecher befinden sich 2 tote Zigaretten der Marke "Silk Cut", eine der Marke "Sweet Afton", an einem der Stummel ist Lippenstift zu erkennen. Ich schlage die Zeitung auf, die hinten in der Sofaritze steckt: Tuesday, 11th July, 2006:"A retired man from derry has become the city's first million Lottery winner!". Schön für den Renter! Mir bleibt nur der Traum von der eigenen Behausung. Hier in der Nähe verkaufen sie ein kleines Häuschen, ich hatte die Info - Mappe bei einem Makler in Killybegs entdeckt. "Over 65.000 EUR" wollen sie, ich werde wohl 65.000 Guinness trinken müssen...
Der Geruch des vergammelten Sofas ist nun noch stärker wahrzunehmen, riechen Sie es? Wenn nicht, erinnern Sie sich einer ähnlichen Situation, strengen Sie sich an! Na sehen Sie - besser - riechen Sie? Bei Ihnen stand "das Sofa" in England oder Holland, oder sonstwo, Sie riechen, was ich meine! Lassen Sie mich Sie riechen machen, riechen Sie umher, hat nicht irgendein Gegenstand in Ihrem Zimmer einen ganz typischen Geruch? Gut! Berühren Sie jetzt die Wand in Ihrem Zimmer, bemerken Sie das Gefühl in den Fingerspitzen? Ja, genau so! Ich höre das Streichen Ihrer Finger. Stellen Sie sich die Wand nur etwas rauer vor, reizen Sie die Fingerspitzen, sie vermögen mehr zu fühlen, als sie ertasten...
...wir sind in Teelin, noch immer sitze ich in der Ecke, draußen geht der Sprühregen nieder. Es juckt(e) mich an der rechten Schulter, nun, in Berlin juckt es wieder, die Suggestion macht das in der Klammer des Wortes verwendete "e" überflüssig. Vergangenheit und Gegenwart mischen sich. Ich möchte den Pub nicht verlassen [möchte mein Arbeitskabuff nicht verlassen] Ich bestelle das nächste Guinness [öfffne die nächste Dose Bier in Berlin] Ich berühre die Wand, das 5 - Pfennig - Stück, hier in der Vergangenheit und dort in Berlin...
Ich sehe erneut in den Aschenbecher, Friedhof von "Silk Cut" und "Sweet Afton". Eigentlich Konkurrenten, jetzt im Tode vereint! Die Tränen der Rührung zwingen mich, ein weiteres Guinness zu bestellen...Inzwischen wird es dunkel, der Laden füllt sich nun. Am Abend ist Folk Music angesagt, vier Gestalten nehmen Platz. Keine Verstärker, nur Banjo, Gitarre, Fiddel und eine Trommel aus Ziegenfell kommen zum Einsatz. Die Darbietung findet nicht auf einer Bühne statt, vielmehr sitzen die Musiker auf der großen Couch rechts von mir. Glücklicherweise ist der Tresen mir gegenüber, der Laden wird nun immer voller. Neben der Couch der Musiker sitzt nun ein altes Ehepaar. Das Gesicht des Mannes ist faltig, als er sich in meine Richtung dreht, erkenne ich ihn, es ist der alte Bauer, der vorhin am Tresen saß. Er hatte am Mittag den Pub verlassen, ich erkannte ihn erst nicht, da er nun einen Anzug trägt. Sein Profil ist nun nicht mehr so markant, verwaist ist dieser Kopf ohne die Mütze! Ein weiterer alter Mann tritt an das Tischchen vor der Couch, er sagt etwas, ich kann es nicht hören. Ich sehe nur die Bewegung der Lippen, da in diesem Augenblick die Ziegenfelltrommel laut geschlagen wird. "Mein" Bauer sitzt, beide Hände an der Tischkante, er scheint nicht zu wissen, wie er sich verhalten soll. Er lächelt, nimmt die Hände vom Tisch, hebt sein Gesäß leicht an, führt die Hände an die Hose und fällt dann (mit einem Ruck des Hinterns) in die weiche Couch zurück. Er erhebt den Kopf, als wolle er fragen, was zu tun sein. Nun treten mehrere Männer mit Biergläsern vor den Bauern, ich sehe nur noch ihre Hinterteile...
Die Gruppe spielt Instrumentalstücke, ich mag diese Art Musik, mystisch und voll bitterer Zärtlichkeit. Sie schmeckt wie ein Guinness auf nüchternen Magen...
Das nächste Stück ist in Gälisch gehalten, ein Stück der Gruppe Altan, wie so oft tauchen Märchenwesen in den Texten auf, diesmal eine "Banshee" (etwa: Fee). "Casadh bean sí domh thíos ag Lios Bhéal an áth", "I met a Banshee by the Fairyrath near Ballina", erklärt die nun hinzugetretene junge Sängerin. Mit wunderschöner Stimme trägt sie vor, ich denke mir, dass ich bei der Niederschrift meiner Notizen auf das Wort "wunderschön" bestehen werde. Diese schöne Wort sollte sprachlich rehabilitiert werden, dieses Wort, das als kitschig gilt und umter neusprachlichem Müll begraben wurde.
Wunderschön, grasriechenderdig, regentropfig, atlantiksalzern, fauligaustern, hafenfischwindig, klingt diese Musik durch das verrauchte Kabuff, das sie Pub nennen...
Ich schweife gedanklich ab: Sleave Leage, gigantischer Abbruchfelsen, hier ist für uns Schluß. Man kann bis zum Rand vortreten, die winzigen Zäune sind längst plattgetreten. Triviales Erlebnis scheinbar, in einer Zeit, die nahezu alles entmystifiziert hat. Die Natur als sportlich - therapeutisch beherrschbares Erlebnis. Mir indessen wird mulmig bei der Auffahrt, zwischen meinem Ford Fiesta und der Abbruchkante liegen nur wenige Zentimeter. Das zarte Drahtzäunchen würde nicht einmal ein Klapprad am Fall hindern können. Endlich oben, ist der Herunterblick kaum zu übertreffen, gewaltige Wellen brechen sich an den Klippen, Gischt spritzt satanisch empor. Ich übersteige das Zäunchen, sehe herab, ein Zwischenbereich. Hier ist nichts mehr sportlich beherrschbar. Der Wind heult, die Brandung donnert, ich setze mich an den äußersten Rand. Für einen Augenblick scheint die Melodie einer Fiddel hörbar. Dieser Bereich scheint der Zeit nicht unterworfen zu sein, ich kann aus dem Meer ragende Felszacken sehen, ich kenne sie von alten Schwarzweißbildern und Zeichnungen, sie sehen unverändert aus...Ich blicke auf die bräunlich überwachsene Kante, wie ein Wald sieht sie aus. Im Geiste sehe ich Hildebrand und seinen Sohn Hadubrand, Hildebrand zückt sein Schwert, er ist zu allem entschlossen ... in diesem Augenblick klatscht etwas auf meine Jeansjacke ... PATZ! ... ein Möwe hat sich erleichtert. Dies war die Strafe, selbst dein Denken muss noch bildungsbürgertümlich daherkommen, kleiner Schreiberling...
Ich kehre gedanklich in meine Umgebung zurück. Gegenüber nimmt nun ein junges Paar Platz. Da sie so nahe sitzen, kann ich sie deutlich hören.
"Looks nice, doesn't it?", sagt der junge Mann.
Jesus, shouldn't we have stared if any one told us six months ago, that we'd be married to one another by now?"
Merkwürdig altertümliche Ausdrucksweise für so junge Menschen! Dann beginnen sie zu streiten. Ich bestelle einen Whiskey. Während ich den Schnaps abschütte, denke ich belustigt daran, dass ich dem Leser meiner Schilderung vorkommen muss, wie einer der alten Knacker aus der Muppet - Show (die immer auf dem Balkon sitzen und hetzen). Ich kehre zu meiner Ecke zurück, ich ziehe ein altes Buch aus der Tasche. Ich kaufte es in Inishowen, in einem Trödelladen. Ein englischer Roman, auf der ersten, verblichenen Seite steht der Name "Jenny S. McGregor", dahinter das Datum "1923". Die Handschrift ist schön, ist geschwungen, weiblich, das "c" vom "McGregor" ist hochgestellt und zweimal unterstrichen. An dem letzten "r" von "McGregor" ist ein mädchenhafter Kringel angebracht. Der Kringel weist nach oben, der Schwung ihres fröhlichen Übermutes ist auch 83 Jahre später nicht zu übersehen. Ja, Jenny, nun steht dein Name in einer Geschichte...
Der Wirt läßt die Beleuchtung zweimal blitzten, das Zeichen für die letzte Runde. Ich trinke am Tresen noch einen Whiskey und ein Guinnes. Ein dicker junger Mann tritt an die Theke und fordert mich auf, mit ihm zu singen. "Sean Nos", Gesang ohne jede Instrumente, in unserem Falle allerdings eher Gegröl. Wir saufen, nein Trinken ist es nun nicht mehr, ungeachtet der Sperrstunde noch zwei Runden. Wir reden über Irland, über Deutschland, dann treibt uns der Wirt hinaus. Wir werden über den traditionellen Seitenausgang über den Hof hinausgeschleußt, damit es die Garda (Polizei) von der Straßenfront aus nicht merkt.
Auf dem Weg zu meinem Hostel entzünde ich eine "Sweet Afton", ich blicke auf das Kopfsteinpflaster, das Bild verschwimmt, ich drücke die "Sweet Afton" in den Aschenbecher neben meiner Tastatur... in Berlin geht gerade die Sonne auf...


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Eingereicht am 29. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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