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Berliner Fenstersturz

© Uwe Hartig


Man kann es nicht Schmecken, Riechen oder gar Sehen, da ist nur dieses Gefühl. Es kommt an irgendeinem Tag, grundsätzlich unerwartet und rüttelt uns bis in die Grundfesten unserer Sinne durch. Wenn es geht, hinterlässt es eisige Kälte. Wir werden hoffentlich nie über die Fähigkeit verfügen, solche Tage vorherzusehen.
Ohne darüber nachzudenken machte ich, noch im Halbschlaf, um 04.00 Uhr morgens die übliche Verrenkung, um den Benzinhahn meines Trabant 601 zu öffnen. Zum Trost versprach der Wetterfrosch im fest eingestellten Sender Rias Berlin Sonne und sommerliche 26 Grad. Davon ausgehend, dass es sich dabei um keine feindliche Propaganda handelt, war diese Prophezeiung nicht gerade erquickend für eine Großstadt wie Berlin, doch jenseits des antifaschistischen Schutzwalls würde man genauso ins Schwitzen kommen.
Welcher Sommer, welcher Monat, was für ein Tag .... sie selbst werden feststellen, wie wenig wichtig das für die Geschichte ist, die ich heute erzählen will. Sie liegt lange genug zurück, ich träume nicht mehr so oft davon. Und wenn ich manchmal noch davon träume, geht die Geschichte meist gut aus.
Ich war so, sagen wir 24 Jahre, ein junger Kriminalpolizist, damals noch in der Volkspolizeiinspektion Prenzlauer Berg, ein Stadtteil Ostberlins, im Bereich Kriminaltechnik tätig. Es gab noch einen 24-Stunden-Dienst, an mehr als zwei Stunden zusammenhängenden Schlaf, während des Dienstes, auf einer verschlissenen Jägerpritsche, in einem stickigen Büro, war nicht zu denken. Tatort fotografieren ..."He Uwe, kannst du mal..", Spurensuche, "Ach du hast doch gerade nichts..., kannst du nicht mal..." Danach mussten die Fotos noch in der Dunkelkammer entwickelt, Spuren ausgewertet und Fotos von Kriminellen, für die Kriminalakte gefertigt werden. Ja, der liebe Uwe konnte, zumal er noch jung an Jahren und damit über schier unendliche Energie verfügte. Nicht dass ich heute über weniger Energie verfüge, nur der Energiehaushalt ist ein anderer...
Stellen sie sich vor, sie haben einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich und sind nun endlich froh, dass er vorüber ist. Nun war es fast schon wieder 04.00 Uhr, also fast 24 Stunden waren vergangen, seitdem ich aufgestanden war. Tagsüber war es heiß, inzwischen beschlich mich das Gefühl, meine Klamotten und meine Haut würden langsam verschmelzen. Ich schaute auf meine Ruhla-Uhr mit dem blauen Ziffernblatt und stellte erfreut fest, dass es nicht mehr lange bis zum Dienstende wäre. Schon mehrmals war ich über meinem Schriftkram, der immer nebenbei zu erledigen war, eingenickt, doch immer wieder rechtzeitig hochgeschreckt, um meine Arbeiten bis Dienstschluss schaffen zu können. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und einer meiner Kollegen vom Kripo-Dauerdienst, stand grinsend vor mir. "Pennste oder wat?" Sinnloserweise stritt ich das ab. "Kümmer dich mal um den Affen aus'm Vernehmungszimmer, Kalle musste zum Einbruch, ick muss noch mal runter in die Kartei, bin och alleene, geh mal mit dem Affen pissen, in die vierte Etage, die andern sind schon seit Wochen im Eimer, iss wohl irgendwas verstoppt." Er warf mir den Schlüssel für die Handschellen zu und zeigte in Richtung des Vernehmungszimmers. "Hat die Tochter seiner Freundin vergewaltigt, vier Jahre die Kleene, stell dir mal vor..., die olle Drecksau ." Heute verehrter Leser, gibt es aufgrund meiner langjährigen Berufspraxis nicht mehr so viel Sachen, die mich beeindrucken können. Delikte mit und an Kindern gehören aber immer noch dazu. Manchmal, so glauben sie mir, habe selbst ich Angst vor dieser sachbezogenen Gefühlskälte, mit der man sich selbst zu schützen glaubt und die einen vor allzu gefühlsbetonten Entscheidungen schützen soll. Objektivität ist gefragt! Kollegen die tagtäglich an der Basis sind und mit den Ellenbogen im menschlichen Abschaum wühlen, wissen vermutlich wovon ich rede. Es ist eine gewisse Kälte, die sich langsam in einem ausbreitet und schon so manche Beziehung und dann einen selbst aufgefressen hat.
Ich war hundemüde, in meinen Knochen steckten schon 20 Arbeitsstunden, ganz klar... Ich hasste den Typen, der die vierjährige Tochter seiner Freundin vergewaltigt hatte. Dass er es getan hatte, daran bestand für mich kein Zweifel. Als ich den Typen sah, wusste ich Bescheid. Er war so ein Schmächtiger, mit einer in schwarzes Leunaplastik gerahmten Brille, deren Gläser jeden Glasaschenbecherdoden in den Schatten gestellt hätten. Zwei riesengroße dunkle Augen musterten mich flüchtig, wenn sie nicht gerade auf den Fußboden starrten. Die spärlichen Haare des vielleicht Fünfzigjährigen, waren strähnig, dabei doch sorgfältig über die beginnende Glatze gelegt. Als mein Kollege verschwunden war, bat der Kerl mich weinerlich um eine Zigarette. Er streckte mir seine mit Handschellen gefesselten Hände entgegen, vielleicht dachte er wirklich, dass ich ihm diesen Gefallen tun würde. Seine Hände zitterten. Angeekelt sah ich, dass Zeige- und Mittelfinger braun vom Nikotin waren. Er jammerte in einem fort und wollte gerade anfangen zu Heulen. "Hör auf damit!" hörte ich mich brüllen und erschrak dabei vor meiner eigenen Stimme. Sofort brach das Jammern ab und der Kerl schaute zu Boden. Recht so du Ratte! Vier Jahre... so ein kleines Mädchen! dachte ich.
"Kann ich jetzt mal auf Toilette?" Oh mein Gott, fast hätte ich das vergessen. Der Kerl musste pinkeln, deswegen war ich hier! Ich zerrte ihn an den Handschellen hoch und schubste ihn vor mir her, zwei Etagen höher, bis in die 4. Etage. Oben in der Toilette ging ich Voraus und überzeugte mich, dass wir die Einzigen waren. Er zeigte mir seine gefesselten Hände. "Ich muss ..." Ich hatte verstanden und ging davon aus, dass es nicht zu meinen Pflichten gehörte, dem Kerl den Hintern zu wischen. Was sollte auch passieren. Die Klokette am Wandspülkasten wäre viel zu dünn, um sich daran aufhängen zu können. Abhauen konnte er nicht, wohin denn auch? Nachdem ich ihm noch einmal mit dem Schlimmsten gedroht hatte, löste ich ihm die Handschellen. Er rieb sich kurz die Handgelenke und verschwand sofort in einer der Toilettenboxen. Zur Sicherheit schaute ich noch einmal unter der Tür hindurch und sah, dass er die Hosen heruntergelassen hatte. Beruhigt ging ich in den Vorraum der Toilette und schaute in den Spiegel. Die abends noch dunklen Augenringe schimmerten jetzt tiefschwarz. Ich spülte kurz mein Gesicht mit kalten Wasser ab und rieb es mit meinen trockenen Unterarmen trocken. Das vormals gestreifte Handtuch mit den drei, unter einer Schmutzschicht verschwindenden, blauen Buchstaben, ließ ich unbenutzt neben dem Waschbecken hängen. Ich wollte nicht der 729 zigste Handtuchbenutzer sein.
Wie viel Zeit war vergangen, seitdem der Kerl in die Toilette ging? Zu Viel! stellte ich mit Erschrecken fest und riss die angelehnte Tür zum Toilettenraum auf. Die Tür der Toilettenbox, in die der Kerl vor ein paar Minuten verschwunden war, stand weit offen. Wenn der Kerl nicht an mir vorbeigekommen war, wo war er dann? Ich riss die Türen der anderen Toilettenboxen auf, doch der Mann war unauffindbar. Als ich die Tür der letzten Box wieder zuwarf sah ich ihn. Das Fenster stand weit offen und der Kerl saß auf dem Fensterbrett. Den Oberkörper hatte er leicht vornüber gebeugt, lediglich ein Lufthauch hätte ausgereicht, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sollte ich Schreien? Im Bruchteil von Sekunden lief der nachfolgende Film vor meinen Augen ab. Ich schrie, der Kerl erschreckte sich, verlor den Halt und stürzte vor meinen Augen in die Tiefe. Ich wäre daran Schuld, dass ein Mensch tot war, nur weil ich ihn angeschrieen hatte. Noch während ich überlegte, schob ich mich langsam in den Rücken des Mannes. Ich konnte sehen, dass sein Oberkörper bebte, wie bei einem Taucher, der noch einmal kräftig Luft holt, bevor er ohne Sauerstoff in die Tiefe hinabstößt. Plötzlich sah ich ganz deutlich das vierjährige Mädchen vor meinen Augen. Wie war es für sie, wie musste sie sich fühlen? Und wie würde es sein, wenn ich den Kerl einfach in den Hof hinabstoße? Keiner würde es merken, wenn ich nur nicht zu kräftig zustieß. Ein Kinderschänder! Die alte Drecksau! Hatte er es denn anders verdient? Kein Gericht der Welt könnte ihn hart genug für die Tat bestrafen. Ich allein könnte das jetzt in einer Sekunde erledigen, nur noch wenige Zentimeter war ich davon entfernt. Als meine Hand sachte seine Schulter berührte, so als hätte ich Angst mich zu verbrennen, zuckte der Mann zusammen. Ich hätte schwören können, dass er auf dem Fensterbrett noch ein paar Zentimeter nach vorn, dem Abgrund entgegen, rutschte. Ich ließ meine Hand auf seiner Schulter liegen. Als ich die Wärme seines Körpers spürte wusste ich, dass ich niemals am Tod di in wollte. All meine Sinne konzentrierten sich nun darauf, den Mann zurück in die Toilette zu bekommen. Meine Hand ließ ich auf seiner Schulter liegen.
Wäre in diesem Augenblick Mickymaus durch die Tür marschiert und hätte gesagt ich solle es so und so handhaben, glauben sie mir, ich hätte es genauso getan, froh darüber, dass mir irgend jemand die Entscheidung abgenommen hätte. "Ich weiß, dass du es nicht warst." hauchte ich ihm zu, obwohl ich es besser wusste. Sein Körper begann zu zittern und mich überkam jetzt tatsächlich Angst, dass er springen könnte. Obwohl ich nicht damit gerechnet hatte, erwiderte er etwas: "Alle sagen ich hab's getan. Auch auf Arbeit haben's schon alle gewusst, mein Brigadier, der Alte, alle!... und dabei war ich's doch wirklich nicht. Ich habe die Kleine lieb, das hätte ich doch niemals gemacht! Wir haben doch immer nur so gekuschelt, abends im Bett." In diesem Augenblick spürte ich noch einmal sprühenden Hass, der sich blutrünstig aus meinem Bauch heraus, auf den Weg ins Hirn machte.
Blitzartig umgriff ich den Hals des Mannes und drückte fest zu. Seine Reflexe reagierten prompt. Er nahm beide Hände nach Oben und wollte sich aus dem Würgegriff befreien. Das war der Augenblick der Entscheidung. Mit ganzer Kraft riss ich den Mann nach Hinten. Ich spürte wie er wie wild zappelte und versuchte sich aus meinem Würgegriff zu befreien. Als ich seinen röchelnden Atem ganz dicht neben meinem Ohr hörte wusste ich, dass ich es geschafft hatte. Sofort lockerte ich den Griff und ließ den Mann auf den Boden der Toilette fallen. Krachend schlug sein Körper auf dem Fliesenboden auf. Als er Anstalten machte sich zu erheben, legte ich ihm meine Hand auf die Brust. Das schmerzverzerrte Gesicht des Mannes entspannte sich. Er atmete aus, als hätte er lange Zeit die Luft angehalten. "Ich war's wirklich nicht." sagte er und schaute mich dabei an. Die Augen wirkten jetzt viel kleiner, da ihm die Brille während des kurzen Handgemenge verlorengegangen war. Noch ehe er sich besinnen konnte, legte ich ihm die Handschellen wieder an. Ich konnte sehen, dass seine Hose im Schritt völlig durchnässt war. "Aufstehen!" forderte ich ihn auf und sofort kam er dieser Aufforderung nach. Ich stieß ihn vor mir her aus der Toilette und bemerkte erst jetzt, dass auch ich am ganzen Körper zitterte. Auf der Treppe kam mir mein Kollege entgegen. "Ick dachte schon der Affe hat sich in der Toilette ersäuft." flüsterte er mir zu, gerade so, dass es der Mann noch hören konnte. Ich überreichte ihm den Schlüssel für die Handschellen und machte mich auf den Weg zurück in mein Zimmer. Hätte ich etwas sagen sollen? Welche Konsequenzen würde das nach sich ziehen? Wem wäre damit geholfen ? Gleich nach der Vernehmung brächte man den Kerl zurück in seine Zelle, dort wäre er sicher. Die Zeit bis dahin würde er in Handschellen verbringen, es gab keine Probleme, es hatte nie welche gegeben. Was war schon weiter passiert?
An diesem Tag konnte ich noch nichts ahnen von den Träumen, die mich noch einige Jahre später verfolgten. In denen ich zusammen mit dem Mann aus dem Fenster stürze und mich seine großen Augen anstarren. Kurz bevor wir aufschlagen, wache ich auf. Schon während ich träume wird mir klar, dass es nur ein Traum ist, vielleicht kennen sie dieses Gefühl ?
Ach ja, ehe ich es vergesse.... Eine Woche später hat mir der Kollege mitgeteilt, dass sich dieser Mistkerl in seiner Zelle erhangen hat. An einem Gürtel. Wer weiß schon, woher dieser Gürtel stammte. Vermutlich liefen diesbezügliche Ermittlungen im Sande. Ich klopfte dem Kollegen auf die Schulter und teilte ihm mit, wie froh ich doch war, dass das Leben manchmal selbst Gerechtigkeit übte.
Wenn sie, lieber Leser, ganz ehrlich sind, glauben sie das doch auch... oder? Da vergreift sich so ein Mistkerl an einem vierjährigen Mädchen und behauptet, selbst im Angesicht des Todes, dass er nur gekuschelt hätte.
Als ich dem Kollegen auf die Schulter klopfte war ich überrascht, dass er nicht in meine Laudatio einstimmte. Schweigend hörte ich ihm zu.
"Er war es wirklich nicht, die Frau des Kindes war ein paar Tage später bei uns. Sie erzählte uns, dass sie es sich alles noch einmal überlegt hat und nun doch keine Anzeige erstatten will. Ich erklärte ihr, dass sie auf eine Anzeigenerstattung jetzt keinen Einfluss mehr habe. Sie heulte und gab zu, dass alles gelogen war. Sie wollte den Kerl einfach aus ihrer Wohnung haben. Und auf dem Wohnungsamt hat man ihr erst in zwei Jahren eine Wohnung in Aussicht gestellt, du weist ja...., Wohnungen sind knapp. Ja... und da hat sie kurzerhand die Geschichte von der Vergewaltigung der Kleinen erfunden, oder besser gesagt, ihr neuer Freund hat sie erfunden, sie hat sie uns nur erzählt... leider sehr überzeugend. " Erschüttert lauschte ich seinen Worten und ich glaube es war die Nacht, in der ich zum ersten Mal von dieser unglücksseligen Begegnung träumte. Irgendwann einmal habe ich mich bei dem toten Mann entschuldigt. Ich kaufte eine Blume und warf sie kurzerhand aus dem Fenster, aus dem der Mann fast gesprungen wäre. Bescheuert oder nicht, es hat mir geholfen, seitdem gehen die Träume gut aus. Das soll wohl heißen, er hat die Entschuldigung angenommen.


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Eingereicht am 09. Oktober 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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