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Butterblumen

© Bettina Buske


"Hier für dich Mama" wieder sah Elisabeth das Gesicht ihrer kleinen Tochter Lena, sah ihr in die strahlend blauen Augen, die sie so intensiv musterten um die Freude im Gesicht der Mutter zu entdecken, weil sie ihr diese wunderschöne gelbe Blume schenkte. Und immer schien die Sonne auf den hellblonden Lockenschopf und ein strahlendes Leuchten umgab das kleine Gesicht, wenn sie Lena so sah und ihr Herz füllte sich mit Wärme.
Da hörte sie Patric, ihr Baby weinen. Seufzend stand Elisabeth auf und ging zum Kinderbett, hob ihren Sohn heraus, der ihr die Ärmchen entgegengestreckt hatte, legte ihn auf die Wickelkommode, säuberte und windelte ihn und legte ihn dann an die Brust. Bei all dem sprach sie kein Wort. Während der Kleine an ihr seinen Hunger stillte und die weiche Wärme ihres Körpers genoss, wanderte ihr Blick im Zimmer umher und blieb bei einer Blumenvase, die auf dem Fensterbrett stand, hängen. Sie erinnerte sich, wie sie Blume und Gräser Lena zuliebe in diese Vase steckten und wie erschrocken die Kleine am anderen Morgen war, als die schöne gelbe Blume schon vertrocknet schien und wie groß ihre Freude nachmittags, als eine Pusteblume, reinweiß, filigran und kugelrund, in der Vase steckte.
Elisabeth spürte Kälte an ihrer Brust und blickte an sich herab. Der Säugling in ihrem Arm war eingeschlafen. Vorsichtig nestelte sie ihren Stillbüstenhalter zusammen, darauf bedacht, den kleinen Jungen nicht aufzuwecken. Sie zog die Knie an und stellte ihre Beine auf das Sofa, zerrte an ihrer großen Strickjacke, so dass sie ihren Körper und das Baby damit umhüllte, solange sie die Jacke festhielt. Gedankenverloren streichelte sie dem Kind die Wange mit dem Zeigefinger, während ihr Blick von der Vase angezogen wurde. Ihre Gedanken machten wieder eine Zeitreise und sie stand mit Lena auf den Balkon und gemeinsam pusteten sie die Samenschirmchen in den Wind. Elisabeth hört wieder die Nachbarin fragen, was sie denn da machten und freute sich an den Bewegungen ihrer kleinen Tochter, die aufgeregt von der wundersamen Verwandlung der schönen gelben Butterblume in eine Pusteblume berichtete und dabei die Hände in die Höhe hob und zur Unterstützung ihrer Rede possierlich drehte. Und wie damals überkam sie das Bewusstsein, dass sie dieses kleine Menschlein liebte, so liebte wie nichts anderes auf der Welt, nur, dass dieses Gefühl sie jetzt nicht glücklich, sondern zutiefst traurig machte. Schon traten ihr die Tränen in die Augen.
Hat Andreas vielleicht Recht, bin ich für Patric eine schlechte Mutter?
Liebe ich ihn etwa nicht? Sie sah auf das zufrieden in ihrem Arm gekuschelte Baby. Nein ich liebe ihn, ich kann es nur nicht so zeigen, dachte sie, ich liebe ihn, wie ich Lena liebte. Sie sah auf die Uhr, war schon wieder so spät? Sie legte den schlafenden Säugling auf das Sofa und zog sich schnell um. Andreas könnte gleich kommen, da wollte sie ihm keinen Grund geben, sie zu kritisieren, wie er es in letzter Zeit häufig machte. Er scheint Lenas Tod gut verarbeitet zu haben, sie war eigentlich auch der Meinung gewesen, sich damit abgefunden zu haben, aber seit der Geburt von Patric hat sie die Trauer um die Tochter wieder eingeholt und setzte ihr so zu, dass sie Stunden zusammengekauert auf der Erde neben dem Sofa verbrachte, den Säugling dabei im Arm wie eine Puppe.
Irgendwann bemerkte sie selbst, dass sie sich nicht normal verhielt und begann, ganz gezielt Erinnerungen an Lena aufzurufen und wenigstens in Gedanken mit ihr zusammen zu sein. Wieder und wieder rief sie ihre Erinnerungen auf, lebte in einer Zwischenwelt mit Lena, aber das gab ihr die Stärke, den Alltagspflichten annähernd zu genügen. Sie war überzeugt, wenn sie in ihren Gedanken nur die mit Lena erlebten Situationen aufrief und ihrer Fantasie nicht gestattete, neue Erlebnisse zu erschaffen, solange sie nur die Bilder der Vergangenheit sah, war sie gesund. Andreas sah das anders, er und seine Mutter Ulla meinten, sie bräuchte psychologische Hilfe. Psychologische Hilfe, als ob so ein Psychologe Lena wieder lebendig machen könnte. Wie soll ein fremder Mensch ihren Schmerz verstehen, wenn es nicht einmal ihr Mann und ihre Schwiegermutter können, die doch auch beide Lena liebten. Elisabeth stellte sich vor den Spiegel im Flur und begann ihr Haar zu bürsten. Sie sah in ihr Gesicht und konnte sich selbst kaum wieder erkennen. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen, ihr Haar war sehr dünn geworden, ihre Wangen eingefallen. Ihr fiel das gestrige Gespräch mit Monika, der Nachbarin wieder ein, die ihr seit Patrics Geburt ab und an Gesellschaft leistete und mit der sie sich seit einiger Zeit duzte.
"Lisbeth", hatte sie gesagt, "Lisbeth, du musst was für dich tun. So kannst du keinem anderen mehr Liebe geben. Gib dem Patric die Chance, ein fröhliches Kind zu werden, das eine Mutter hat, die immer für ihn da ist, die lebendig ist." Plötzlich glaubte sie, zu verstehen, was Monika meinte und auch was hinter den Vorwürfen von Andreas und Ulla an Sorge steckte. Sie band ihr dünnes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen und schlüpfte in ihre Jacke. Dann zog sie Patric an, legte ihn in den Kinderwagen und ging mit ihm spazieren. Der Kleine versuchte im Wagen erste Brabbellaute von sich zu geben, die wie "awwwh" klangen.
Elisabeth lächelte und versuchte ihn zu animieren, indem sie die Geräusche nachmachte.
Sie ging ganz gezielt in die Hoffmannstraße, suchte dort nach der Nr.58, der Adresse, die ihr Monika gegeben hatte und las das Schild - Dr. Andrea Neugärtner; Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin.
Sie betrat die Praxis und sagte der Schwester am Empfangstresen: "Guten Tag, ich möchte mich zu den Treffen der Selbsthilfegruppe verwaister Eltern anmelden."
Den Rückweg nach Hause machte sie durch den Park. Sie fühlte sich irgendwie erleichtert und wurde sich plötzlich des schönen Frühlingswetters bewusst. Als Patric versuchte, sich im Wagen aufzurichten, nahm sie ihn in den Arm, setzte ihn auf ihrer Hüfte ab und trug ihn, den Kinderwagen mit der freien Hand schiebend.
Als sie an der großen Liegewiese vorbei kamen, sagte sie "Schau mal, Patric, so viele schöne gelbe Butterblumen."


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Eingereicht am 19. Oktober 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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