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Dublin (Brief an einen Freund)

© Volker Krauleidis


Bei meinem diesjährigen Aufenhalt fuhr ich auch wieder bis nach Dublin herunter.
Dublin, Baile Atha Cliath ("Stadt der befestigten Furt") oder auch Dubhlinn ("dunkle Untiefe"), die zweite Bezeichnung bezieht sich wohl auf die liebliche Farbe des River Liffey... Von Ptolemäus im Jahre 140 als keltische Siedlung Eblana erwähnt, hat es die Stadturkunde 1172 durch Heinrich II. erlangt und wurde im Jahre 1697 der öffentlichen Straßenbeleuchtung zugeführt ... ag am mar sin, dubhlinn ...
Dublin hat sich in gewisser Weise das Gepräge einer Kleinstadt erhalten können. Wolkenkratzer gibt es nur vereinzelt, auch die in Großstädten üblichen Wohnsilos gibt es nur in geringer Zahl. Bezeichnenderweise glänzt die Hochhaussiedlung "Ballymun" durch ein hervorragende Selbstmord- und Kriminalitätsquote ...
Leider sind auch hier die professionellen Stadtbildverunstalter emsig am Werke, georgianische Bauten, wie in der Henrietta Street sollen weichen, beziehungsweise sind bereits gewichen. Die modernen Globaltower werden durch die viertelherzige Backsteinverschalung im Pastichestil auch nicht schöner ... Cén mhaith? Das Selbstverwaltungsrecht der Kommunen ist leider äußerst begrenzt. Sinnigerweise lautet das Motto im Stadtsiegel "Oboedientia civium urbis felicitas" = Der Gehorsam der Bürger ist das Glück der Stadt"). Jawoll, meine Herren, so haben wir es gern...
Thema britische Fremdherrschaft: Während der Fahrt drängte sich mir auf, dass die Namensgebung mancher Dörfer vom Hass auf die Briten inspiriert wurde. So fuhr ich durch ein Kaff, welches den hübschen Namen "Kilbritain" trägt. Es scheint auch üblich gewesen zu sein, Orte nach Ereignissen zu benennen, wie etwa "Kilinaboy" (killing a boy). Ich bin mir sicher, dass die Namensgebung kein Zufall ist ... ich werde dem Verdacht weiter nachgehen.
Ich machte einen geistigen Sprung, zerrte dich Leser ungefragt in die Zeit meiner Anreise, verzeih! Daher zurück nach Dublin ...
... noch gibt es eine Menge Vergangenheit zu erleben, speziell in Hinblick auf die Pubs. Nehmen wir McDaid's , hier wurde ein ganzes Gotteshaus in eine Sauflokal umgewandelt (der Säufer Brendan Behan hatte hier seine Schreibmaschine stehen). Oder Kavanagh's, neben dem Dubliner Heldenfriedhof in Glasnevin, es ist durch die Luke berühmt, durch die Totengräber ihre Schaufeln steckten, um ein Pint in Empfang zu nehmen. Long Hall hat die längste Theke der Stadt, Ryan's bietet Spiegel und Messingszapfhähne ... Bás in Érinn" (Trinkspruch: "Tod in Irland"). Dieser Spruch ist nicht etwa Ausdruck morbider Veranlagung, sondern war der Trinkspruch der Auswanderer, welche wünschten, zum Lebensende hier zu sein...
Weg vom Trinken hin zur Kultur: Am südlichen Ende der O'Connell Bridge gabelt sich die Straße, halblinks geht es über die D'Olier Strett in die Pearsestreet, es folgt die Westmoreland Street, dann kommt man zum Trinity College. Diese Universität hat keinerlei Ähnlichkeit mit deutschen "Universitöten", selbst in der Mensa hängen Ölbilder ...
Genug der Kultur, man hört sich ja an wie ein Reiseführer, auf zum persönlichem Erleben.
Gestern saß ich in einem kleinen Pub in der Pearse Street, ich hatte keine Lust zu reden, ich saß in der Ecke und trank.
Ich dachte nach. Wir, die ab 58 Geborenen. Wir sind nicht 68er, sind nicht Generation X, wird sind nur Mörtel zwischen einer geschichtsträchtigen Generation und einer Generation, die man vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Umbruchs zukünftig als geschichtsträchtig empfinden wird. Es gab keine Dramatik im Hintergrund, kein Krieg, keine Hungersnot, nichts zu finden, mit dem wir unsere Lage rechtfertigen könnten. Sind nur Nichts - bzw. Teilnutze, die unkonstruktiv meckern. Die meisten von uns ließen die Gärten ihrer Phantasie von anderen anlegen - man hackt bestenfalls ein wenig darin herum - was wachsen darf, wird vorherbestimmt.
Haben es zu nicht wirklich zu etwas gebracht. Bewunderung wird dem Menschen zuteil, der es "zu etwas bringt". Wer sich von vornherein weigert ist faul. Es wird demnach eine Hürde aufgestellt, die übersprungen werden muss. Wurde übersprungen, ist er fertig, der sittlich und kulturell gereifte Mensch. Dann versucht er sich zuweilen als "Aussteiger".
Der Aussteiger beweist seinen Mitmenschen, dass er gekonnt hätte, wenn er denn gewollt hätte. Meist findet er sich einige Zeit später am Stammtisch ein und berichtet von seinem Abenteuern. Nun endlich nun wird ihm volle Bewunderung zuteil, denn einerseits hat er den auch ihn ihnen schlummernden Traum verwirklicht, andererseits beweist er durch sein Wiederauftauchen, dass die Anstrengung vergeblich war. Damit bestätigt er die Nichtaussteiger in wertvollster Form. Aussteigen als Kinobesuch, temporär begrenzt, nach einigen Monaten oder Jahren geht der Film zu Ende. Im Abspann steht zu lesen: "Vorbei, dein Film hatte schon Überlänge, nun aber raus aus dem Kinosaal deines Selbstbetruges!"
Raus, ja, raus auf die nasskaltschmierige Straße des wahren Lebens. Was jammerst du? Andere hatten nur die Zeitspanne einer Peep-Show, du immerhin die eines Monumentalfilms.
Und da stehen wir wieder, ratlos, verzweifelt, für eine weitere Kinovorstellung reicht es nicht, denn die Eintrittskarte gibt's nur für Chuzpe, nicht für Geld ... Wie wird es dir ergehen?
So dachte ich und sah Maria Magdalena mit einem Hurlingschläger und Jesus tötete ein Schwein ... ein Friedhof erschien, ich bin hier begraben ... bunt und zusammengestückelt, da Heinrich, am Donnerstagmorgen in Limerick. Trunkene taumeln durch die Gosse, ein Vater setzt die ganze Arbeitslosenhilfe auf "Flying Devil" und verliert ... Ein Sprühregen geht hernieder, Türangeln klingen melodisch, unverständliche Signale, zu abstrakt sie zu verstehen. Draußen treffen sich Regen und Wind, ihr Getöse ist ein Freudengeheul. Wie hoch ist der Fahrpreis?
Wie unkompliziert waren noch die Zeiten, als sich alles in schwarz oder weiß einteilen ließ. Doch plötzlich war Weiß ein Zusammenfallen der Spektralfarben und Schwarz gar keine Farbe im physikalischen Sinn. Das Grün der Blätter erklärte sich durch Absorption der Komplementärfarbe Rot. Irgendwo hatte ich gelesen, dass ein Vogel statt Weiß alle Hauptfarben des Spektrums sehen könne. Ich hatte daraufhin einen Traum: Ich saß vor einer großen, weißen Mauer, neben mir ein Vogel. Er sagte: "Sieh doch, mein Freund, diese schöne farbige Mauer". "Wieso farbig"? "Sie ist eindeutig weiß!" Nun gerieten wir darüber in Streit und plötzlich sah er nicht mehr aus wie ein Wellensittich, sondern wie ein großer, hässlicher Geier. Und da ich Recht hatte, erschlug ich ihn ... Tot lag da nun ein kleiner Wellensittich ...
So endete mein Abend ... bin jetzt im Hostel, bald Rückfahrt, schreibe diesen Brief, irgendwo werde ich einwerfen, auf dem Weg nach Inishowen ...


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Eingereicht am 19. Oktober 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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