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Fernsehabend

© Elisabeth Zieger


Ein Greis steht vor dem Fernseher. Die Tagesschau läuft. Der Ton ist abgedreht.
"Zu meinem bloßen Fuß" - deutet der Alte, - "Leere Projektile.".
"…Sieh… doch… nur… hin...!" ächzt er und fuchtelt ziellos mit den Armen.
Seine Stimme rattert. Der Bildschirm flimmert wegen einer kurzen Sendestörung.
"Werden über den regennassen Boden der entweihten Heiligtümer gespült. Nicht wahr?"
Keuchend. Er fährt sich durch das hingehauchte gelblich weiße Bärtchen.
"Schmutziges Rot überall, befleckt die Trümmer aus Elfenbein. Wirklich überall. Sehr, sehr schmutziges Rot "
Blickt kopfschüttelnd zu Boden.
"Euer Rauch malt düstere Visionen in meinen verlorenen Himmel. Sehr, sehr düster."
Neigt schwach den Kopf zum Fernseher. Lauscht. Dann wieder zum Nachrichtensprecher.
"Schwer und krank - Hörst du es auch? Weißt du was es ist? Manchmal wenigstens?"
Lacht ironisch.
"Nein du weißt es nicht."
"Ihr wisst es nicht! Alle nicht."
"Hört ihr ja prinzipiell nicht hin, bei diesen Dingen…"
Leise. Mit der Hand über dem Mund.
"Aber ich höre. Muss ja hören- Immer muss ich hören."
Beginnt im Kreis zu laufen.
"Wie lächerlich. Der zerrüttete Geist der letzten Nacht atmet noch leise."
"Er kraucht gerade aus den dunklen Ecken, in die ihr euch immer verzieht, seit ihr die Nacht so hell gemacht habt, dass ihr sie scheuen müsst, ihr die ihr nur noch Schatten seid."
"Narren allesamt. Und ich bin euer Obernarr!"
"Selbst bei Sonne riecht ihr nach Gruft. Das kommt von Innen. Und irgendwann werdet ihr mir die Schuld geben! Mir! Ein zitternd schwindender Wind bin ich inzwischen, der nur noch flüsternde Fragen stellt, wie die Kinder heute träumen…"
Klatscht in plötzlicher Erkenntnis mit den Händen.
"Dabei habe ich schon lange gesagt, dass ich nichts mehr damit zu tun haben will!"
Nickt.
"Ja, ja. Fast schon ewig her."
"Euer Ding. Sucht euch doch aus was immer ihr wollt. Mich geht das nicht mehr an."
"Jetzt seid ihr die Unbegreiflichen! Ihr wolltet die Freiheit, ihr bekamt die Freiheit, zerstörtet die Freiheit und nun euch selbst!"
"Nichts kreativer Destruktives hat je gelebt! Mein Mensch, mein paradoxes Portrait! Du lässt mich schaudern, schämen und sterben als wär's eine Kunst so vielfach schrecklich und schön. Und suhlst dich in Exzessen wie dir und mir zum Hohn, der dir Verantwortung anvertraute"
Hockt sich neben den Fernsehapparat, wie neben einen guten Freund mit schlechter Laune. Legt den Arm um ihn.
"Spürbar machtvoll erheben sich vor uns Abgründe übereinander. Und wir gucken frenetisch zu, wie Affen im Kino zu."
"Hier. Schau!"
Deutet auf seine Schläfe.
"Verklungene Schreie hallen noch nach - bebend, röchelnd, ersterbend. Ein unerträglicher Tinnitus."
"Aber was kann ich noch tun? Recht behalte ich kaum mehr im Selbstgespräch! Da ich ohnehin nicht mehr bin, weil meine Definition unbeweisbar bleibt für eure kümmerliche Wahrnehmung, die sich ihre eigene Religion schafft…
"Dabei kennt ihr gar keine Realität. Verändert mit jedem Blick, was ihr seht. Beobachtet doch nur Einbildungen."
Schiebt den Fernseher von sich.
"Nichts mehr. Wir haben nichts mehr miteinander zu tun. Befreit vom Rost der Erinnerung, der Tradition und des Gedenkens, mit metallenen Schwingen gleitet charmant der moderne Gott empor - in den Vandalismus seiner Genialität. Er grinst süffisant mir zu."
Springt auf. Hält sich die Ohren. Gequält.
"Aus Kinderreigen erhebt sich in Dorf und Stadt das Requiem zager Lebensformen. Laut und chromatisch. Sehr, sehr chromatisch. Und Makabere in Gedanken sammeln Fossilien lachender Feuten."
Schließt die Augen. Wirft den Kopf in den Nacken.
"Meine Welt habt ihr zum Tollhaus gewandelt! Entstellte Wahrheit windet sich um den nächsten Wackelkontakt. Nebel zerlegt die Körper.
Wo wollt ihr hin? Wisst ihr es überhaupt?
Schwarze Schwärme verbrannter Seelen willkürlich zerstäuben zwischen Apathien.
Barrieren wie Dominosteine stürzen voran zur Kante des großen Tisches - Oh Handlung aus Händen gefallene Verlegenheit!"
Kniet nieder.
"Ringsum geht es wider die Natur. Das vollkommene Prinzip hat in seiner höchsten Stufe sein Ende erreicht, löst sich auf.
Menschen ringsum werden zu Piktogrammen reduziert und aussortiert.
Mächtige walten wie Verwünschungen in feinen Dressen, doch treu und still umgeben vom Vakuum der Zerstreuung, schlafen darüber hinweg."
Erschöpft. Sinkt zusammen.
"Meine Spieluhr ist verstummt.
Noch hört ihr es nicht…
Der Globus verharrt in seiner Umlaufbahn für die Dauer eines Augenaufschlags.
Ihr habt es nicht gemerkt…
Der Segen versiegt in der Asche eurer Ruinen.
Noch ist es niemandem aufgefallen…
Ein paar Köpfe drehen sich nach mir um und verschwinden.
Mein Volk, meine verlaufenen Erben.
Meine Worte und Taten, mein verlorenes Vermächtnis.
Meine Häuser und Stätten, meine unsichtbaren Grabmäler.
Meine Welt, mein verlorener Schatz.
Und ich? Meine vergessene Idee."
Mit der Hand am Bildschirm.
"Ihr würdet gerne rufen und nach mir schreien. Euch einfach wieder halten lassen…
aber euer geliebtes Gehirn klammert sich eifersüchtig an seine Depression, scheut die Anarchie des Glaubens und euer Herz hängt am mehr am Fatalismus als am Glück, fürchtet den Heroismus des Bekenntnisses, flieht vor der Liebe und Gütigkeit.
Etwas an euch fehlinterpretiert sich, lechzt nach Korrektur und will verschmelzen zur farblosen Masse konstruierter Evolution…
"Gleichmacher! Dann habt ihr den Punkt Null erreicht, wo sich nichts mehr ändert und nichts neu entsteht, weil ihr so wählerisch seid, ein Zustand grenzenlosen Ungenügens.
Die Entfaltung wird vollständig sein, trotz ihrer Unendlichkeit.
Gefangen in einer Schleife friert Existenz ein in der Stagnation des Besten.
Die Zeitanzeiger verwehen im Staub und was bleibt entspricht, zur Enttäuschung des Programmierers, in Sinn und Verlauf einem Bildschirmschoner…"
Schaltet den Fernseher ab. Der Raum wird dunkel.


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Eingereicht am 23. Oktober 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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