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Der Mann am Bahnhof

© Elisabeth Zieger


Er war aufgestanden.
Ganz genau so, wie er schon immer aufgestanden war. Seit er sich erinnern konnte, war er schon so aufgestanden wie an diesem Morgen.
Seit fast 70 Jahren.
Er schlief schon lange nicht mehr in seinem Bett. Dort hatte er mit ihr geschlafen.
Er schlief auf dem Sofa.
Aber das machte beim Aufstehen keinen Unterschied.
Sie hatte schließlich nie auf diesem Sofa gesessen. Immer nur auf ihrem Sessel, der den Abdruck ihres lange schon toten Körpers konserviert hatte. Immer nur auf diesem Sessel. Immer mit ihrem wissenden Lächeln.
Zeremoniös platzierte er, ebenfalls wie jeden Morgen, nachdem er aufgestanden war, allerlei Frühstücksdinge, seinen Teller und sein Besteck in fester Anordnung. Kochte Kaffee. Holte die Zeitung. Aß.
Las.
Er aß und las nicht am Küchentisch. Dort hatte er mit ihr gegessen und sie hatte ihm mit ihrem verwüsteten Lockenkopf das Gesetz von Ordnung und Turbulenz erklärt.
Er aß am Fensterbrett.
Er aß und las so, wie er schon immer gegessen und gelesen hatte. Zuerst den Regionalteil.
Es hörte auch Musik. Nicht mehr mit dem Radio. Radio hatte er mit ihr gehört.
Er hörte Musik mit seinem Kopf. Die 80er. Doch die heutige Auswahl lies eindeutig zu wünschen übrig.
Dann ging er zum Bahnhof. Er wollte allein sein und am Bahnhof konnte man allein sein.
Allein sein wann immer man wollte. Allein solange man wollte.
Er setzte sich auf eine der grauweißen Plastikbänke. Gleis 1.
Die waren mit Kaugummi beklebt und obszön beschmiert. Er saß oft darauf. Oft, sehr oft. Saß da als würde er warten.
Er ekelte sich auch. Vor den Kaugummis. Vor den Schmierereien. Vor dem Bahnhofsgestank nach allzu viel Mensch, nach Müll und Urin. Am meisten vor den Kaugummis.
Er wartete nicht. Hier hatte er auf sie gewartet.
Jetzt saß er da. Saß da allein.
Manchmal sah er auch auf die Uhr. Aber das war nur ein Alibi.
Beine strömten an ihm vorbei. Arme schleppten und zerrten an Koffern und Beuteln und schreienden Kindern.
Der Himmel sah grau aus. So grau wie er im Herbst schon immer grau ausgesehen hatte. Grau als hätte man die Straße mit ihm gewischt.
Seine Wolken zerrauft vom Sturm.
Es war auch kalt. Kalt und nass.
Der frostige Wind schien sogar den Steinen zuzusetzen. Rötete Nasen und Ohren der Bahnhofsbeamten, die im Sommer mit fast tänzerischer Eleganz und einem dezentem Ausdruck von Verachtung den Verkehr schwungvoll regelten und im Winter wie defekte Gliederpuppen missmutig und steifbeinig über die Bahnsteige staksten.
Er beobachtete sie nicht mehr und auch sie schenkten ihm keine weitere Beachtung.
Die Welt hatte bereits begonnen ihn zu vergessen. Nur ein paar Firmen sandten noch Werbung an seine Adresse. Sicher würde auch das Leid irgendwann aus purer Langeweile verschwinden.
Bis dahin, würde er hier bleiben. Hier am Ort des Verlassens. Hier wo er allein sein konnte. Solange bis alle Trauer aus ihm gewichen wäre und nur noch seine leere Hülle übrig bliebe.
Weit war er ohnehin nicht mehr davon entfernt. Nicht weit. Denn wann immer ein verwirrter Mensch in ihn hinein rief, so kam nichts als sein eigenes Echo zu ihm zurück. Und der verwirrte Mensch wandte sich ab.
Inzwischen war es dunkel geworden. Aber der Mann saß noch immer auf seiner Bank.
Diese Nacht würde es soweit sein. Das wusste er. In dieser Nacht würde er den Bahnhof verlassen und nicht wiederkommen.
In dieser Nacht würde er jenen Ort aufsuchen. Jenen Ort mit der wohl höchsten Sterberate überhaupt.
Er würde sich in sein Bett legen. In das Bett, das er so oft mit ihr geteilt hatte und würde, noch bevor das erste Morgenrot das stumme Zimmer durchfunkeln könnte, durch das Dunkel zu ihr entschlafen.
Aber als er aufstand, spürte er ganz plötzlich ein heftiges Verlangen. Irritiert verharrte er einen Moment in seiner unvollendeten Bewegung. Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass er etwas so Intensives verspürte. Etwas das über die unpersönlichen Gefühle des Alltags hinausging. Und so betrat er mit all seinen 69 Jahren zum ersten Mal einen der neumodischen Aldi-Märkte die inzwischen aus allen Ecken und Winkeln der Stadt wucherten und kaufte sich eine Tafel weiße Schokolade.


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Eingereicht am 28. Oktober 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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