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Brief an einen Freund

© Volker Krauleidis


Dia dhuit, Marc!
Cén chaoi a bhuil tú?
Diesmal aus Carndonagh, einer Stadt auf der Inishowen - Halbinsel. Die Halbinsel befindet sich ganz im Norden, von hier aus ist es nicht weit, wie du auf der Karte sehen kannst.
Die Jungs haben hier eine ganz beachtliche Bücherei, man kann auch so einige gebrauchte Büchlein günstig einkaufen. Die Umgebung hat keine Menge zu bieten, genau dies schätze ich ja bekanntlich. Zahlrreiche Sandstrände, Klippen und kleine Dörfchen, mehr nicht. Aufgrund der Umgebung und des Klimas (der Golfstrom ist hier kaum spürbar) ist das Inselchen vom Massentourismus bisher überwiegend verschont geblieben.
Insbesondere Malin und Culdaff sind absolut einsam. Die Häuschen sind alle etwas verfallen, nicht so glatt wie das nun durchmodernisierte Scheunenviertel in Berlin. Die Oberflächen der Wände sind rauh, die Bausubstanz riecht ... Besonders Malin, ein gewachsenes, gelebtes Dorf, es altert ohne seinen Reiz einzubüßen - wie das markante Gesicht eines alten Menschen - jede Furche läßt eine Geschichte erahnen.
Besonders reizvoll ist es, nach Malin Head rauszufahren, eine schmale Straße führt an einem Trödelladen vorbei zu einer winzigen Siedlung auf der Klippe, lauter Puppenstubenhäuschen. In der Mitte einer der vergammelsten Pubs, den ich je sah. Gleich hinter den Häuschen geht es steil bergab, unten erstreckt sich ein riesiger Sandstrand. Viele Arbeiter aus Derry haben hier ihren Wohnwagen stehen. In der Nähe gibt es auch ein Independent - Hostel, das recht günstig ist. Etwas weiter hat ein alter Knacker seinen Trödeladen mitten an einer Landstraße. Hier findet man Autoren, die heute völlig vergessen sind, ich griff mir diesmal ein Buch von 1922. Man findet darin ein Englisch, wie es heute nicht mehr geschrieben oder gar gesprochen wird. Inmitten der Geschichte finden sich kleinere Gedichte, meist von finsterem Charme getragen.
I would forget a little while
The bitterness of fears,
The anxious thougts that crowd my life,
The buried hopes of years;
Forget that mortal 's weary toil
My patient care must be ...
Fährt man um den Malin Head herum, findet man zahlreiche Strände, mal Sand, dann wieder steinig und rauh. Hier zu sitzen ist ein Genuß, der salzige, fischige Geruch der herüberweht, die Gischt, die einem ins Gesicht spritzt ... diese Eindrücke sind so stark, daß ich in Deutschland oftmals sinnliche "Flashbacks" erlebte. Regnete es, und mischte sich der Geruch des Regens mit einem leicht salzigen "Touch" (wahrscheinlich von der Schering AG verursacht), lebte das Geruchserlebnis Atlantik auf ...
- Is oileán beag an seo. Tá sé go hointach an fharraige agus na halltracha a fheicéail. Bíonn an fharraige an- domhain agus anghorm -
Hier verbrachte ich Stunden und machte meine Aufzeichnungen ... in der Ferne sah man Seeroben ...
Ja, ja, da schwärmt der Stadtmensch, unser Heinrich Heine wußte solchem Gefühlsgeknödel eindrucksvoll entgegenzuwirken:
Das Fäulein stand am Meere
Und seufzte lang und lang
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! Sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück ...
Nun, diesmal bin ich das Fräulein ... In der Bücherei habe ich eine Version von "Seágan mit den beiden Schafen" entdeckt. Die von mir erwähnte Fassung findet sich in der irischen Märchensammlung "Crúach Chonail", eine weitere Fassung bei D. Hyde (eine Sammlung, ähnlich der der Gebrüder Grimm), und zwar eine nahezu identische Fassung. Allerdings rührt sie von nordamerikanischen "Indianern" her. Die aus Donegal überlieferte Geschichte und auch die Version aus Nordamerika waren lange vor der angeblichen Entdeckung des amerikanischen Kontinents bekannt ...
Am Abend hörte ich bei einem der von mir geschätzten Musikabende im Pub den Song "Well below the Valley". Der Text ist recht heftig:
He said to her you're swearing wrong
six fine childern you're had born
If you a man of noble fame
You tell me the father of them
There's one of them by your brother John
Another two by your uncle Dan
And three of them by your father dear ...
...der Betrogene tötet sämtliche Kinder ...
There 's three of them buried near the tree
And three of them buried down in the bog
And all of them outside the graveyard wall ...
Die "Brutalität" der meisten Lieder wird den politisch korrekten Mitmenschen etwas überraschen, klingen doch die Songs recht harmlos (Fiddel, Gitarre, Bodhran).
Hiernach ertönt ein Song, der die Auswandererproblematik (hier nach London) zum Thema hat.
Well the summer is fine, but the winter's a fridge
Wrapped on in cold cardboard under Charing Cross Bridge
... And I 'll never go home because of the shame
of misfit's reflection in a shop window pane ...
Heute, nach dem schönen Abend mal kein Dosenbeef, sondern ein richtiges Steak (Muh!) im Take - Away nebenan. Im Radio läuft "The Foggy Dew", ein Song, der dem Osteraufstand von 1916 gewidmet ist. Sinead 0' Connor, erstaunlich, was sie hier bringt, kein Vergleich mit ihren Schnulzen, die man uns in Germoney vorsetzt.
Übringens, kommt nach Dongal, gehe fahre man nach Crolly (N 56 ab Dungloe). Crolly ist etwas schwer zu finden, ist es doch, wie es einmal ein Reiseautor ausdrückte, nur eine "strategische Sraßenkreuzung". Hier findet sich Leo 's Pub, Leo ist eine lokale Berühmheit, er zieht trotz fortgeschrittenen Alters noch immer die berüchtigten Liederabende durch. Diese Abende werden allein mit seinem Akkordeon bestritten. Leo hat jeden Song drauf, man braucht ihm nur zu sagen, was man hören möchte. Zwischendurch darf sich jeder einmal auf der Bühne darstellen. Dieser Umstand macht die Abende immer zum Erfolg. Von deutschen Touristen, die dann stets "Hoch auf dem gelben Wagen" vortragen müssen, blieben wir in der Spätsaison verschont.
Von Crolly ging es nach Burtonport, von hier wieder nach Aranmore. Die Fähre erreicht die Insel in 20 Minuten, es regnet wie aus Eimern. Niemand geht nach unten, kurz vor Ende der Fahrt erscheint der Sohn des Fährmanns, er ist genauso angeheitert, wie der alte, zahnlose Mann, der den Rosteimer steuert. Endlich wieder hier! Wie immer sammlen sich die alten Köter am Hafen, an der Kaimauer stehen Autowracks, teilweise sind sie schon von Gras überwachsen ...
Einer der Köter folgt mir, was ich auch versuche, ich werde ihn nicht mehr los! Offenbar war es ein folgenreicher Fehler, ihn zu streicheln. Ich kaufe mir in dem kleinen Laden den üblichen Dosenfraß, danach setze ich mich an den Strand. Der Köter ist immer noch da. Der Dosenschinken schmeckt so hervorragend, daß ich ihn dem Köter überlasse .. er wedelt wie toll mit seiner Rute, ich ahne, daß ich ihn nun nie wieder loswerde. In der Tat, er führt mir vor, was für ein toller Hund er ist. Er schwimmt, er kommt zurück, er rennt die Hügel herauf und herunter, danach sieht er mich mit treuen Augen an. Sein Charme ist unwiderstehlich, ich gebe ihm den Rest meines Dosenvorrates. Nun ist er glücklich, ich aber werde hungern, denn der einzige Shop der Insel ist inzwischen geschlossen. An der Kaimauer finde ich einen Reim:
Old Mother Hubart, she went to the cupboard
To get her poor dog a bone
But when she got there
The cupboard was bare,
And so the poor dog got none ...
... In diesem Falle bin ich der Hund, der nicht mehr zum Fressen kommt, great!
Warum nichts zu essen? Weil auch die Pubs in der Spätsaison keinerlei Fraß bieten. Dafür war das B & B Zimmer wirklich putzig, winzig, mit Aussicht auf das Meer. Da B & B für Bed and Breakfast steht, kam ich wenigstens in den Genuß den irischen Frühstücks.
Auf der Weiterfahrt hatte ich Gelegenheit, mir wieder irische Architektur des Mittelalters anzusehen. Zum Beispiel in Cashel, der 30 Meter hohe Patrick's Rock. Zum Erstaunen des Reisenden findet sich in dem so frommen, zuweilen leibfeindlichen
Lande eine sehr erotische Darstellung. Es ist die Steinfigur der Sheela - na gig (Shíle na gCíoch = Sheela von den Brüsten). Die Figur erinnert an ägyptische Baubos, der nackte Frauenkörper zeigt eine Hockstellung, man sieht die gespreizten Schamlippen ... Man findet diese Figur erstaunlicherweise oftmals vor Kirchen.
Um den scheinbaren Widerspruch zu klären, las ich in einer Bücherei über Sheela na Gig nach. Was ich fand, war ein Gedicht des irischen Lyrikers John Montague, er hat es Sheela na Gig gewidmet. Die Scheide der Frau wird hier ganz ohne Scham als erste Heimat gepriesen.
Sheela na gig
Die blutige Zelttür öffnet sich. Wir schlittern ins Leben, schlüpfrig vor Schleim und Blut.
Klunte, kymrisch, cwm, Chaucers quente.
Erste Heimat, aus der wir ins Exil vertrieben, unser ganzes Leen irren umher und richten schwache Masten auf, zurückzusegeln in jene feuchten Lippen, die labia minora und clitoris umschließen.
Etwas weiter ein alter Friedhof, direkt am Meer. Ich muß an Brendan Behan denken, er hatte in seinem Roman "Borstal Box" geschrieben: "Viele meiner Angeörigen liegen auf dem Kilbarrack - Friedhof begraben, dem gesündesten Friedhof Irlands ...Ein Preis für diesen Spruch, Brendan ...
Ich erreiche den nächsten Ort, am Ortseingang prangt die irische Flagge. Sie entstammt der revolutionären Aufstandsbewegung, sie ist dem franzöischen Vorbild nachempfunden. Die drei Farbfelder (Grün, Orange, Weiß) verkörpern Irland (Grün), die Engländer (Orange = Wilhlem von Oranien) und die Farbe Weiß für den Frieden zwichen Orange und Grün ...
Hier wird noch Gälisch gesprochen. Nach dem Ursprungsmythos hatten Nimrod und sein Stamm aus Hochmut den Turm zu Babel errichtet. Zur Strafe ging der Menschheit eine Sprache verloren, die sie seit Adams Zeiten besessen hatte. Eibhear, der Sohn des Saile hatte die Arbeit am Turm verweigert und durfte daher weiter hebräisch sprechen. König Feinius Farsaidh sandte daraufhin 72 Schüler in alle Himmelrichtungen, nach ihrer Rückkehr errichtete er in Eathena die erste Sprachschule der Welt. Drei Weise zeichneten die Sprachen auf, Gaedheal, Sohn des Eathor wurde beauftragt die gälische Sprache in fünf Dialekte zu unterteilen und sie weiterzugeben. Daher trägt sie seinen Namen ...
"Tír gan teanga / tír gan anam", ein Land ohne Sprache ist ein Land ohne Seele ... oder moderner ausgedrückt, ein sprachlicher Selbstmord wird in der kollektiven Psyche ein Vakuum hinterlassen. Dem kommertiell orientierten Bürgertum gewidmet, welches gerne Gälisch als "bäurischen Kauderwelsch" abtut ...
... es bleibt zu hoffen, daß sich die jungen Leute dieses verlorene Geschenk zurückerobern werden ...
Pjotr, Igor, Hubert und immer nur der, den du kennst ...
Oileán = die Insel
beag = klein
an fharraige = das Meer
agus = und
Fheilceáil = (zu) sehen
domhain = tief
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Eingereicht am 01. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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