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"Platzfuhren"

© Ruedi Baumann


Ich war bekannt dafür, dass, wenn man mich und meinen Lastwagen für "Platzfuhren" einteilen wollte, ich auf wundersame Weise und ganz plötzlich von einer Grippe, einem Motorschaden oder sonstwas heimgesucht wurde. Folglich teilte man mir lieber vorher mit, man hätte im Moment keine Verwendung für mich. Mir war's recht so.
Zur Erklärung: "Platzfuhren" bedeutete Aushubtransporte an Ort und Stelle. Das konnte in einer Kiesgrube beim Humus-Abstossen oder auf einer Baustelle sein. Meist mit nur wenigen Metern Fahrstrecke zwischen Beladen und Kippen, eine oberlangweilige Angelegenheit also.
In meinem Bekanntenkreis war jedoch ein Berufskollege, der "Platzfuhren" allen anderen Transportaufträgen vorzog. Auf meine Frage, wie er denn diese geistlose Arbeit ausüben könne, antwortete er: "Ist doch herrlich - man braucht den ganzen Tag nichts zu denken."
Wie er dieses "Nichtsdenken" schaffte, blieb mir zunächst ein Rätsel - bis ich eines Tages unwillkürlicher Augenzeuge seiner so geliebten Tätigkeit werden durfte.
Mein Mitfahrer René und ich hatten einen Schwertransport zu bewältigen und mussten wegen der polizeilichen Sperrzeit (Berufsverkehr) "ausstellen". Als Profis kannten wir all die Plätze, wo man mit Riesentransporten ohne Behinderung für den übrigen Verkehr "parkieren" konnte. Leider meist ohne Gelegenheit, in einem Gasthaus die Wartezeit bei einem Kaffee zu verkürzen.
Unser "Parkplatz" grenzte seitlich an einen steil abfallenden Abhang, von wo man direkt auf eine Grossbaustelle hinunterblicken konnte. Auf dieser Grossbaustelle drehte ein Kipplastwagen seine "Platzrunden". Ein grosser Bagger schüttete jeweils einen Löffel Aushub auf die Brücke des Lastwagens, worauf dieser einen Halbkreis fuhr, kurz zurücksetzte und die Ladung kippte. Danach wieder in einem Halbkreis aus der Gegenrichtung zurück zum Bagger. "He, schau mal", sagt René und deutet in die Baustelle hinunter. "Das ist doch der Beny!"
Tatsächlich war mein Bekannter - der mit der Vorliebe für Platzfuhren - der Lastwagenfahrer. "Wie hält der das bloss tagelang aus?" meint René, schaut mich kurz fragend an und kratzt sich am Kopf. Nun, an dieser Frage war ich schon früher gescheitert, also erwiderte ich nichts.
Wir hockten auf einen Baumstamm und schauten gelangweilt dem Treiben in der Tiefe zu. Da begann es plötzlich interessant zu werden.
Der Kipper von Beny hielt wie gewohnt auf der Strasse im rechten Winkel zum Bagger an. Dieser drehte zum Lastwagen, der Maschinist betätigte die Klappe an der Baggerschaufel - aber in derselben Sekunde setzt sich der Lastwagen von Beny in Bewegung. Wenn einem Gast im Wirtshaus ein Glas eingeschenkt wird, er dieses gedankenlos im selben Moment wegzieht, landet das Getränk mit Garantie auf dem Tisch. So verhielt es sich auch mit dem Aushub. Der Baggerführer konnte die begonnene Operation nicht mehr bremsen und leerte den gesamten Löffelinhalt auf die Strasse.
Fluchend, das konnten wir bis zu uns oben hören, kratzte er den Dreck mit dem Löffel mühsam wieder von der Strasse. Was der Baggerführer während seinen Aufräumarbeiten aber nicht sah, war die Reaktion von Beny. Da war nämlich gar keine. Beny vollführte seinen obligaten Halbkreis, setzte zurück und kippte. Dass er nur reine Luft kippte, merkte er offensichtlich nicht. Wieder ein Halbreis und er stand wartend vor dem Bagger. Der Baggerführer drehte den Ausleger diesmal vorsichtiger, schaut den Beny derweil eindringlich an, - und betätigt die Klappe. Zweitauflage der Vorstellung: In wiederum derselben Sekunde setzt Beny den Kipper in Bewegung, worauf der Aushub erneut auf der Strasse landet.
Diesmal klettert der Baggerführer von seiner Maschine hinunter und will dem Beny offensichtlich an den Kragen. Dieser aber vollführte brav seinen Halbkreis, setzt zurück und kippt. Natürlich wiederum nur Luft. Der Baggerführer schaut mit offenem Mund zu und will seinen Augen nicht trauen. Als Beny seinen zweiten Halbkreis absolviert hat und nun den Aushubhaufen auf der Strasse bemerkt, deutet er fragend auf den Haufen - und tippt sich vielsagend an Stirn. Dass er damit nicht sich, sondern vielmehr den Baggerführer meint, bekommt dieser nicht mit. Vielmehr klettert er versöhnlich auf seine Maschine, kratzt mit dem Baggerlöffel den Dreck von der Strasse und befördert ihn auf den Lastwagen. Diesmal kippt der Beny nicht nur Luft.
Bei uns ist inzwischen das Polizeiaufgebot erschienen, um unsern Transport durch die Stadt zu begleiten. Noch immer lachend steigen wir ein, der René und ich. "Schau, schau!" sagt René und deutet aufgeregt in die Baustelle hinunter. Erneut liegt ein frischer Aushubhaufen auf der Strasse und der Beny dreht mit leerem Lastwagen seinen Halbkreis - aber diesmal rennt der Baggerführer dem Beny quer über die Baustelle nach und holt ihn mit roher Hand aus der Fahrerkabine. Beny muss noch wochenlang Kopfsausen gehabt haben, so sehr hat ihn der erboste Baggerführer geschüttelt.
"Du - der schafft das tatsächlich, überhaupt nichts zu denken", sagt René. "Aber wie macht er das?"
(Bezeichnenderweise fand Beny einige Zeit später beim Schweizer Fernsehen als Tontechniker eine feste Anstellung. Ob da sein "Talent" Voraussetzung war …?)


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Eingereicht am 04. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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