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Dez
01
Tod eines Kaufmanns
© Christian Heynk

Es war nicht mehr als ein weit entferntes Donnergrollen, nicht mehr als der Einschlag von Artillerie in einem hinter dem Berg gelegenen Schlachtfeld. Es waren Geräusche, die ich hörte, ohne sehen zu können, woher sie kamen.

Der Name Heinz Glöckner drang das allererste Mal so gedämpft an mein Ohr, dass ich ihn unter all der alltäglichen Kakophonie von Geschäftsgesprächen sofort wieder vergaß. Ich weiß nicht einmal mehr welcher meiner Mitarbeiter mir mitteilte, dass ein Angestellter in einer meiner Firmen einen Beschwerdebrief an die Geschäftsleitung geschrieben hatte, mit der Bitte um eine persönliche Stellungnahme von mir. Seit ich mich für die Massenentlassung entschieden hatte, bekam ich Kritik aus allen Lagern, ein einzelner Angestellter mit seiner Beschwerde war da noch mein geringstes Problem.

Ich hatte zu der Zeit einen vollen Terminkalender. Ich traf mich mit den Gewerkschaftsvertretern, mit dem Betriebsrat, mit Politikern und anderen Lobbyisten. Ich wurde von Journalisten gebeten, eine Stellungnahme abzugeben, und die Moderatorin einer politischen Fernsehsendung rief mich persönlich an.

"Herr Weidemann, ich möchte Ihnen die Gelegenheit geben, sich zu rechtfertigen. Ich denke, dass sie enorm davon profitieren können. Bringen sie doch ihre Frau mit in die Sendung, dann sehen die Menschen sie nicht mehr nur als Konzernchef, der Menschen entlässt, sondern auch als Privatperson!".

Es klang ernst gemeint. Ich bat mir ein paar Tage Bedenkzeit aus, und versprach, mich wieder bei ihr zu melden. Ich schloss aber von vorneherein aus, meine Frau in diese Sache mit hinein zu ziehen. Anna hätte ohnehin abgelehnt. Die Öffentlichkeit, die mit meinem Beruf einherging, war ihr ohnehin schon zuwider, und auch die wenigen Fotos, die in zahlreichen Gesellschaftsmagazinen publiziert worden waren und uns beide als Paar auf irgendwelchen Wohltätigkeitsveranstaltungen zeigten, hatten bei ihr nur Missfallen ausgelöst. Ich selbst genoss dieses öffentliche Interesse an meiner Person auch nicht, aber ich hatte mich innerhalb der sechs Jahre als Vorstandsvorsitzender der Media Res KG damit abgefunden. Ich war verantwortlich für dreiundfünfzigtausend Angestellte im In- und Ausland, und dass meine Entscheidungen weitreichende Konsequenzen für das Leben vieler Menschen haben konnten, war mir schon vor meinem Antritt als Konzernchef bewusst gewesen. Ich wusste, dass die Macht, die ich hatte, gleichzeitig eine unglaubliche Verantwortung bedeutete, die wiederum eine psychische Stabilität sondergleichen von mir verlangte. Und bisher hatte ich mich auch nie überfordert gefühlt. Erst mit der feindlichen Übernahme der taiwanesischen Gunshu Holding hatte ich das erste Mal Gewissensbisse bekommen. Und jetzt mit der Entlassung von über fünftausend Angestellten weltweit.

Was war passiert?

Nun. Im Zuge der Maßnahmen zur Erweiterung unseres Unternehmens hatte ich mich ein wenig verzettelt. Die Media Res KG war ursprünglich eine Firma gewesen, die sich auf Elektronikgeräte spezialisiert hatte. Fernseher, Videorecorder, Computer. Der erwirtschaftete Gewinn ermöglichte es der Firma zunächst, kleinere private Elektronikläden aufzukaufen und schließlich kleinere Ketten zu übernehmen. Als der aus der Vergrößerung des Unternehmens entstandene Gewinn wieder alle Erwartungen übertraf, begann mein Vorgänger, Joachim Pirrer, Anfang der 90er ins Buchgeschäft einzusteigen. Er verkaufte Klassiker, die bundesweit in vier oder fünf Lagerhallen en masse deponiert wurden, billig über einen Versandkatalog.

Als Joachim Pirrer 1998 aus privaten Gründen das Unternehmen verlassen musste, fiel die Wahl auf mich. Ich hatte mich durch meine Arbeit bei einer anderen Firma hervorgetan, und war in einem Managermagazin als einer der besten zwanzig Unternehmer des Jahres 1997 porträtiert worden. "Dieser Mann hat alles, wovon der Vorstand eines jeden Unternehmens träumt", hieß es in dem Artikel zu meiner Person. "Er ist jung, international, energisch und kompromissfähig zugleich, er hat eine Vision, eine Philosophie und den richtigen Riecher, wenn es um das große Geschäft geht. Wäre er Vertreter einer Staubsaugerfirma, dann würde die Welt mehr staubsaugen!".

Kurz und gut, ich wurde das Oberhaupt der Media Res KG. Ich war verantwortlich für die Expansion des Unternehmens, und traf vier Jahre lang die richtigen Entscheidungen. Ich verfolgte mit Interesse die Entwicklungen im IT-Bereich, stieg in den Verkauf von Laptops und Computern ein, und finanzierte mehrere Projekte, die sich mit dem Internet beschäftigten. Einige Suchmaschinen, die heute tagtäglich benutzt werden, sind nur auf mein Betreiben hin geschäftsfähig geworden und werfen heute noch Geld für die Media Res KG ab.

Aber vor zwei Jahren beging ich einen großen Fehler, indem ich in das Handygeschäft einstieg. Grundsätzlich war das Handygeschäft keine schlechte Idee, aber ich hatte ein paar Dinge nicht bedacht, und so wurde die Handysparte unseres Unternehmens bald zu einem großen Problemkind. So sehr ich dieses Kind, mein Baby sozusagen, auch mit Geld fütterte, es wollte und wollte nicht wachsen.

Als dann auch noch der Buchmarkt einbrach, und ich plötzlich auf Millionen von Klassikern saß, griff der Verlierervirus auf gespenstische Art und Weise auf alle Sparten der Media Res KG über. Plötzlich gab es mehrere Brände gleichzeitig zu löschen, und ich wurde von den Großaktionären dazu gedrängt, die Handysparte aufzugeben und Leute zu entlassen.

In der Öffentlichkeit steht der Konzernchef immer als die Person da, die die Fäden in der Hand hält. Er ist der Gebieter über das Leben seiner Mitarbeiter, einem römischen Kaiser gleich kann er über das Leben eines Angestellten per Fingerzeig entscheiden. Jeder Konzernchef, so liebenswürdig und aufgeschlossen er sich auch gibt, ist immer von dem Vorurteil bedroht, der Arroganz der Macht anheim gefallen zu sein. So gehört es beispielsweise zu meinem Beruf, immer adrett und geschäftsmäßig gekleidet zu sein, da ich mit meiner äußeren Erscheinung das Unternehmen, das ich führe, repräsentiere. Ich trage teure Schuhe, teure Designeranzüge, und mein Haar wird von einem der teuersten Coiffeure der Stadt gepflegt. Mit der Bedeutung, die ich meinem Aussehen beimesse, möchte ich lediglich zu verstehen geben, dass ich mein Unternehmen auf angemessene Weise verkörpert wissen möchte. Dieses adrette Aussehen wird aber von der Volkspresse seit meiner Entscheidung zur Massenentlassung als pure Überheblichkeit gewertet. Wenn es einem Unternehmen gut geht, dann gibt es keinen beliebteren und glücklicheren Menschen als den Konzernchef, geht es dem Unternehmen aber schlecht, dann wird die gesamte Schuld an diesem Zustand auf eben diesen Konzernchef projiziert. Der ganze Hass, die ganze Enttäuschung, Verbitterung und Angst der Angestellten, die von der Entlassung bedroht sind, entlädt sich auf diesen einen Mann.

Ich war da keine Ausnahme. Ich war der Puffer zwischen der Öffentlichkeit und den Großaktionären, die die eigentlichen Entscheidungen trafen. Ich will damit nicht die ganze Verantwortung auf die Großaktionäre abwälzen, aber ich will betonen, wie klein der Handlungsspielraum für einen Konzernchef wie mich eigentlich ist. Denn ich habe die Massenentlassung nicht aus persönlichem Sadismus veranlasst, sondern aus marktstrategischen Gründen. Um das Unternehmen nicht weiter zu gefährden, um es nicht so schwach zu machen, dass es von einem größeren Konzern übernommen werden konnte, um die verbleibenden Arbeitsplätze für die Zukunft zu sichern, musste ich fünftausend Angestellte entlassen.

Der Stürm der Entrüstung, der bei der Ankündigung dieser Maßnahme auf mich niederging, ist beispiellos. Was mich dabei am meisten erstaunt, ist der allgemein verbreitete Glaube, wir Konzernchefs trieben die Globalisierung unermüdlich voran und würden dadurch Schuld an der Misere tragen. Fakt aber ist, dass die Globalisierung ein eigendynamischer Prozess geworden ist, dem wir Manager uns wehrlos ausgeliefert sehen. Wir sind auch nicht mehr als ein Spielball der Verhältnisse, und nicht selten habe ich das Gefühl, ein Steward zu sein, der seine Zeit auf einem sinkenden Schiff damit verbringt, die Klappstühle zu reparieren.

Das zweite Mal, dass ich den Namen Heinz Glöckner hörte, war auf einer Betriebsratssitzung. Auf der Sitzung waren alle Betriebsräte zugegen, deren Firmen von der Schließung bedroht waren. Der Betriebsratsvorsitzende der Firma, in der auch Heinz Glöckner arbeitete, erzählte mir die Geschichte von einem seiner Mitarbeiter. Obwohl er den Namen Heinz Glöckner erwähnte, brachte ich ihn schon nicht mehr in Verbindung mit dem Mann, der den Beschwerdebrief geschrieben hatte.

"Wir haben eine Versammlung abgehalten, um mit den Mitarbeitern zu diskutieren. Im Grunde wusste aber jeder im Betriebsrat, dass es nicht viel zu diskutieren gab. Im Saal befanden sich Angestellte, die seit über zwanzig Jahren für die Media Res KG gearbeitet haben, und denen mussten wir mitteilen, dass es nun aus war für sie."

"Und, wie haben die Leute es aufgefasst?", fragte ich.

"Na ja, sie waren nicht gerade erfreut. Es gab lautes Gebrüll, und ein paar Pappbecher flogen in unsere Richtung. Erst als sie sich beruhigt und sich auf einen Wortführer geeinigt hatten, bekamen wir ein bisschen Struktur in das Ganze!"

"Einen Wortführer!?"

"Ja, Heinz Glöckner, er arbeitet schon seit fünfundzwanzig Jahren im Betrieb. Er ist 49, verheiratet, hat drei Kinder. Eigentlich ein ganz besonnener Typ, aber da hat er zum ersten Mal mit knirschenden Zähnen gesprochen!"

"Was hat er gesagt?"

"Das Übliche. Dass unsere entschuldigenden Worte nicht ernst gemeint seien, sondern nur ein Reflex, den die Situation bei uns auslöst. Und dass er sich fünfundzwanzig Jahre lang den Arsch für den Betrieb aufgerissen hat, und nun aus Dankbarkeit einen Tritt in den Hintern von uns bekommt. Dass wir auch nur Sklaven sein, und von unserem hohen Ross steigen sollten. Eben das Übliche! Beschimpfungen, Bedrohungen! Aber alles sehr ruhig ausgesprochen!"

"Sie sagen Bedrohungen! Womit hat dieser Glöckner denn gedroht?"

"Er hat gesagt, ... warten Sie mal, ich glaube ich kriege es noch auf die Reihe, er hat gesagt, dass er weiter protestieren wolle, solange, bis er es nicht mehr nur mit den Stellvertretern der Stellvertreter zu tun habe! Er hat gesagt, er werde nicht eher Ruhe geben, bis er sie persönlich gesprochen habe!"

Ich überlegte kurz.

"Vielleicht sollte ich diesen Heinz Glöckner mal zu mir bitten!"

Die Betriebsräte guckten mich verwirrt an. Sie glaubten mir wohl nicht, dass ich das ernst meinte. Und wenn ich ehrlich bin, glaubte ich mir das selbst nicht.

Ich weiß, dass ich nach dieser Sitzung noch kurz an Heinz Glöckner gedacht habe. Ich glaube, der Name selbst war mir schon wieder entfallen, aber ich hatte diesen Namen nun doch schon zweimal gehört, und sollte ich ihn noch ein drittes Mal hören (ich sollte!) würde ich mich wohl daran erinnern.

Ich habe vielleicht für eine Minute daran gedacht, ob ich diesen Glöckner mal zu einem Gespräch bitten sollte. Aber im Grunde stand einem Treffen mit ihm zu viel im Wege. Taktisch gesehen, so dachte ich zu jener Zeit, ist es nicht klug, einen Mitarbeiter persönlich zu treffen, so gerechtfertigt seine Beschwerde auch sein mag. Denn wenn die anderen Angestellten mitbekämen, wie leicht es ist, an den obersten Chef heranzukommen, dann hätte ich von da an nur noch mit Mitarbeitern konferiert. Ich glaube, dass ich ein mulmiges Gefühl hatte aufgrund dieses einen Mitarbeiters. Es war, als sagte mir mein Instinkt, dass dies mehr war als nur ein aufgebrachter Mitarbeiter, der Dampf ablassen wollte. Aber vielleicht bilde ich mir dieses Gefühl nun, im Nachhinein, auch einfach nur ein. So wie viele Menschen, denen etwas Schreckliches passiert, rückblickend sagen: "Ich habe es geahnt!"

Ich kam an jenem Abend nach Hause, und hatte das Gefühl, ich wäre nicht einfach nach Hause gefahren, sondern geflohen. Ich fühlte eine Befreiung, als mein Fahrer das Tor und die Anfahrt zu unserem Haus passierte. Das sich hinter mir schließende Tor vermittelte den Eindruck, ich könne die Welt da draußen hinter mir lassen. Mein Zuhause war meine Insel.

Aber das stimmte nicht. Nicht mehr. Niklas, unser Sohn, war von einem seiner Mitschüler verbal angegriffen worden.

"Mein Vater sagt, dein Vater sei schlimmer als ein Mörder, weil er Leuten ihre Arbeit wegnimmt", hatte dieser Mitschüler, mit dem Niklas sich sonst gut verstand, zu ihm gesagt.

Was sollte ich meinem Sohn sagen? Sollte ich ihm sagen, dass das nicht stimmte? Dass es alles ein großes Missverständnis war? Dass sich seine Mitschüler mit der Zeit schon wieder beruhigen würden? Was sollte ich meinem Sohn sagen, der nun unter meinem Beruf zu leiden hatte, und der mit vierzehn Jahren Auswüchse eines Klassenkampfes mitbekommen musste. Selbst einige der Lehrer, so behauptete Niklas, würden Männer in leitender Position wie mich verächtlich als Blutegel beschreiben.

"Sie fallen über einen Betrieb her, saugen ihn aus bis auf die Knochen, und lassen den Betrieb dann eiskalt fallen. Sie tragen Anzug, Schlips oder Krawatte, aber sie begehen dennoch ein Verbrechen", hatte Niklas' Politiklehrer gesagt und ihn dabei angeschaut.

Ich war erschüttert. Ich realisierte, dass mein Beruf nun auch mein Privatleben bestimmte, und dass das mickrige Tor vor der Auffahrt kein wirklicher Schutzwall gegen die Welt da draußen war. Aber immerhin hatte ich noch Anna.

Anna. In Bezug auf erfolgreiche Männer habe ich schon oft den Spruch Cherchez la femme gehört, was bedeuten soll, dass hinter jedem großen Mann eine großartige Frau steht. Ich hielt diesen Spruch lange Zeit für sehr albern, vor allem vor meiner Zeit mit Anna, da ich glaubte, alles, was ich erreicht hatte, mir selbst erarbeitet zu haben. Heute jedoch glaube ich, dass ich es auch meiner Beziehung zu Anna zu verdanken habe, dass ich so weit aufgestiegen bin. Sie hat eine emotionale Intelligenz, die die meine bei weitem übersteigt, und aufgrund derer ich in menschlich heiklen Situationen immer die richtige Entscheidung getroffen habe. Was Anna kann, kann keine andere Frau. Sie richtet mich auf, wenn ich am Boden bin.

"Ich fühle mich schuldig", sagte ich zu ihr. "Ich fühle mich schuldig, weil ich fünftausend Menschen entlasse. Ich entziehe ihnen ihre Lebensgrundlage".

"Das ist eine natürliche Reaktion", erwiderte Anna. "Aber du bist der Chef eines Unternehmens. Es ist deine Aufgabe, wirtschaftlich zu denken. Du weißt ebenso gut wie ich, dass das ganze Unternehmen zugrunde geht, wenn du es nicht schlanker machst."

"Ich weiß, ich weiß ..", sagte ich müde.

"Du weißt auch, dass dein Job kein Beliebtheitswettbewerb ist. Unbequeme Entscheidungen zu treffen ist eine Qual, ich weiß, aber dass du das tun musst, war dir doch von Anfang an klar, oder nicht?"

"Doch. Doch, das war mir klar. Und ich weiß auch, dass es logisch ist, und rational und vernünftig und alles. Aber ich denke trotzdem an die Familien, an die Kinder. Es belastet mich einfach!"

"Das ist auch gut so. Ich habe keinen emotionslosen Mann geheiratet. Vielleicht kannst du ja Maßnahmen ergreifen, die es den Entlassenen einfacher macht. Du weißt schon: Frührente, Umschulungen, großzügige Abfindungen. Schnür doch ein finanzielles Paket zusammen, dass die Entlassenen nicht ganz so verbittert macht!"

Ich fand das eine gute Idee. Zehn bis zwanzig Millionen Euro ließen sich sicherlich aus der Portokasse abzweigen. Wenn ich die Großaktionäre dazu überreden konnte, ein Sicherheitsnetz aufzubauen, damit die Entlassenen nicht ganz so arg fallen, dann würde das die Gemüter bestimmt beruhigen. Und zwanzig, ja, selbst dreißig oder vierzig Millionen Euro waren ein verkraftbarer finanzieller Aufwand, um die Massenentlassung nicht zum totalen Fiasko für unseren Ruf werden zu lassen. Verbunden mit einer Ansprache müsste das gehen. Oder besser noch: Anhand eines entlassenen Mitarbeiters könnte man exemplarisch darstellen, wie das Leben nach der Entlassung aussieht. Man bietet ihm ein finanzielles Polster und hilft ihm bei der Jobsuche. Medial aufbereitet konnte das werbewirksam sein.

Als ich am nächsten Tag nach der Arbeit nach Hause kam, erwartete Anna mich im Hausflur.

"Einer deiner Angestellten war heute hier!", sagte sie. Sie wirkte etwas verstört.

Ich war gerade von der Sitzung zurückgekommen, in der ich den Großaktionären und Betriebsratsvorsitzenden mein finanzielles Auffangpaket für die entlassenen Mitarbeiter unterbreitet hatte. Sie hatten das Konzept befürwortet, aber nur vier Millionen Euro dafür bewilligt. Umgerechnet auf fünftausend Angestellte bedeutete das weniger als tausend Euro pro Person. Ich war enttäuscht. Und nun das.

"Wie, ein Mitarbeiter war heute hier?"

"Na, eines deiner Opfer! So hat er sich zumindest vorgestellt!"

"Hat er seinen Namen genannt?"

"Ja, er hat ihn deutlich ausgesprochen, zweimal. Er heißt Heinz Glöckner!"

Ich erinnerte mich augenblicklich. Der Mann, der Wortführer, der Beschwerdebrief. Da war er wieder, dieser Mann.

"Wieso hast du ihn denn durch das Tor gelassen?", fragte ich in einem leicht vorwurfsvollen Ton. Doch Anna wehrte ab.

"Habe ich nicht", gab sie zurück. "Er stand hier vor der Tür, als ich in die Stadt fahren wollte. Ich habe mich richtig erschrocken, als ich die Tür aufmachte!"

"Und?"

"Was und?"

"Na, was hat er gesagt?"

"Na, dass er dich sprechen möchte. Und dass er eines deiner Opfer sei. Ich hab ihn blöd angegrinst und ihm gesagt, dass du auf einer Sitzung wärst. Erst wollte ich ihm noch sagen, dass du gerade finanzielle Entschädigungen für die Mitarbeiter raus schlägst. Aber das habe ich mir verkniffen."

"Gut so", sagte ich lapidar.

Ich überlegte kurz.

"Vielleicht sollten wir die Polizei rufen. Wir könnten ihn wegen Hausfriedensbruch dran kriegen".

Anna dachte nach.

"Er machte eigentlich einen ganz vernünftigen Eindruck. Er hat mich auch nicht bedroht, oder so. Ich war nur so erschrocken, weil er plötzlich vor der Tür stand. Aber eigentlich war er sehr höflich. Als ich ihm gesagt habe, dass du nicht da bist, ist er gegangen!"

"Einfach so?", fragte ich.

"Ja, ... das heißt Nein!", sagte Anna. "Er hat gesagt, er würde wiederkommen."

Ich war beunruhigt. Wenn ein Angestellter einer der Tochterfirmen es für nötig hielt, mich persönlich zu sprechen, dann war die Wahrscheinlichkeit groß, dass es noch andere Angestellte gab, die ebenso aufgebracht waren wie dieser Heinz Glöckner. Die gesamten fünftausend vor der Entlassung stehenden Angestellten wurden in meinen Augen plötzlich zur potentiellen Gefahr. Ich wurde mir bewusst, dass meine Entscheidung, so sachlich und objektiv sie auch zustande gekommen war, bei vielen Menschen zur Verteufelung meiner Person geführt haben musste. Ich war ein Ziel geworden.

Als mein Fahrer mich an nächsten Morgen abholte, meinte er, draußen einen verdächtigen Wagen gesehen zu haben.

"Bestimmt Journalisten", meinte ich und gab mich damit leichtfertiger als ich war. Ich verabschiedete mich von Anna und stieg auf den Rücksitz.

Als wir an der Torausfahrt ankamen, sah ich den Wagen. Es war ein schwarzer Mercedes, die oder den Insassen des Wagens konnte ich auf die Entfernung nicht ausmachen.

"Ist das der Wagen?", fragte ich meinen Fahrer.

"Das ist er", erwiderte er.

Der Wagen folgte uns. Ich weiß nicht warum, aber ich dachte an Alfred Herrhausen, der 1989 von der RAF umgebracht worden war. Ich sah das Bild von seinem explodierten Mercedes vor mir, und fühlte mich allein aufgrund dieser Vorstellung plötzlich in meinem eigenen Wagen unwohl. Ich erlag der Wahnvorstellung, dieser Heinz Glöckner hätte tags zuvor an meinem Wagen eine Bombe befestigt, und würde nun in seinem Mercedes hinter mir herfahren, um an irgendeiner Kreuzung dann den Zünder zu betätigen. Ohne dass mein Fahrer es merkte, begann ich leicht zu hyperventilieren. Ich musste mich selbst zusammenreißen, und mir immer wieder sagen, dass ich mich gerade lächerlich machte. Nach zehn Minuten, ungefähr zu der Zeit, als wir auf die Autobahn fuhren, hatte ich mich ein wenig beruhigt. Obwohl der schwarze Mercedes immer noch an uns dran hing, war ich mir nun relativ sicher, dass es sich um Journalisten handelte. Es war auch schon öfter passiert, dass Journalisten, vor allem Journalisten der Boulevardpresse, mich vor meinem Anwesen abfingen um mir mehr oder minder peinliche Fragen zu stellen, oder einfach, um Fotos zu machen.

Als ich dann vor dem Regierungsgebäude, in dem ich für den Tag einen Termin mit dem Wirtschaftsminister hatte, ankam, bestätigte sich meine Vermutung. Der schwarze Mercedes hielt ungefähr zwanzig Meter hinter mir, ein Mann stieg aus, und schoss ein paar Fotos. Das einzig Befremdliche daran war, dass es nach meinem Gespräch mit dem Wirtschaftsminister ohnehin eine Pressekonferenz gab, bei der der Mann im Mercedes seelenruhig seine Fotos hätte schießen können. So hatte er nur Fotos von mir auf der Strasse, aus einer größeren Distanz.

Das Treffen mit dem Wirtschaftsminister verlief kläglich. Hinter verschlossenen Türen sagte er mir direkt und ehrlich, dass er sich gezwungen sehe, mich öffentlich zu rügen.

"Verstehen Sie meine Lage, Herr Weidemann! Unser oberstes Ziel ist die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Und nun entlassen sie fünftausend Angestellte. Ich weiß, dass sie sich aus wirtschaftlichen Gründen dazu gezwungen sehen, aber wie gesagt, sie müssen auch meine Lage bedenken. Das Volk ist einfach noch nicht bereit für die Wahrheit. Wenn ich nun da hinausginge, und den Leuten sagte, dass es nie wieder Vollbeschäftigung geben wird, dann würde das die ganze Regierung in Verruf bringen!"

"Aber so ist es nun mal", protestierte ich. "Es wird nie wieder Vollbeschäftigung geben. Schon allein wegen der Lohnkosten werden immer mehr Firmen ins Ausland abwandern. Der deutsche Bürger muss endlich einsehen, dass er in Zukunft mobiler werden muss. Irgendwann wird der deutsche Bürger den aussiedelnden Firmen hinterher reisen müssen, wenn er seinen Job behalten will."

"Das weiß ich alles selbst", entgegnete der Minister. "Aber ich kann es dem Volk nicht verkaufen. Erst recht nicht jetzt, wo unser Kanzler die Nahostgespräche vermasselt hat. Sie wissen genauso gut wie ich, wie launisch das deutsche Volk ist."

"Das ist immer noch kein Grund, mir die ganze Schuld in die Schuhe zu schieben. Ich würde mir ein Bein ausreißen, um die Angestellten vor der Entlassung zu bewahren. Aber ich kann nicht anders. Wenn sie als Wirtschaftsminister den Leuten weiterhin Lügengeschichten erzählen und ihnen irgendeinen Sündenbock zum Fraß vorwerfen, wird das an der Situation nichts ändern. Haben sie den Anstand, seien sie sich selbst treu, und klären sie die Leute über die Lage der Nation auf. Wenn das Problem bekannt ist, kann man auch über Lösungen diskutieren!".

Die immer hitziger werdende Diskussion führte schließlich zum Abbruch unserer Gespräche. Verärgert über den Minister stellte ich mich nicht für die anschließende Pressekonferenz zur Verfügung. Der Minister hielt sie alleine ab. Vor den Journalisten behauptete er, er habe mir mein verantwortungsloses Verhalten gegenüber den eigenen Mitarbeitern deutlich vorgehalten, woraufhin ich die Gespräche abgebrochen habe. Bei dieser Erklärung machte der Minister eine entschuldigende Geste. Er wusch seine Hände in Unschuld, wie Pontius Pilatus. Aber auch Pontius Pilatus trug Schuld an Jesu Tod.

Nach dem Treffen ließ ich mich direkt nach Hause fahren. Mein Fahrer setzte mich direkt vor der Haustür ab.

"Danke, Jürgen", sagte ich müde. "Sie können nach Hause fahren, ich brauche sie heute nicht mehr".

Er fuhr davon. Als ich die Vordertür aufschließen wollte, merkte ich, dass sie nicht verschlossen war. Meine Frau hatte eigentlich einen Termin und die Kinder waren in der Schule. Wir hatten zwar ein Hausmädchen, aber es besaß keinen Schlüssel für die Tür. Ob meine Frau vergessen hatte hinter sich abzuschließen?

"Jemand zuhause?", rief ich, in der Vorhalle stehend, fragend in das Haus hinein.

Keine Antwort.

Ich lief in die Küche, doch da war niemand. Von der Küche aus konnte ich ins Wohnzimmer sehen. Die Tür zur Veranda stand offen, ein leichter Windzug spielte mit den Vorhängen und wehte ein paar Herbstblätter herein. Die offene Verandatür machte mich stutzig.

Ich suchte das Erdgeschoss ab, ohne jemanden zu finden. Ein zweites Mal rief ich in das offensichtlich leer stehende Haus hinein, bekam jedoch auch diesmal keine Antwort. Ich überlegte, ob ich meine Frau auf ihrem Handy anrufen sollte, verwarf diesen Gedanken jedoch wieder. Zuerst wollte ich in den ersten Stock gehen, und dort alles absuchen.

Die harten Sohlen meiner schwarzen Lackschuhe klapperten auf den frisch gewienerten Absätzen der Eichentreppe, als ich mich nach oben machte. Oben angekommen, inspizierte ich zuerst das Bad. Es war leer. Ich öffnete den Wasserhahn, ließ ein wenig Wasser in meine zur Schale geformten Hände fließen und spritzte mir das Gesicht ab. Ich nahm das vom Haken hängende Frotteetuch und trocknete mich ab.

Im Arbeitszimmer hörte ich meinen Anrufbeantworter ab. Außer einer Nachricht der Fernsehmoderatorin, die mich in ihre Sendung eingeladen hatte, waren keine weiteren Nachrichten darauf. Sie bat um Rückruf und betonte noch einmal, dass ich von einem Besuch in ihrer Sendung sehr profitieren könne. Einen kurzen Moment lang musste ich der Versuchung, sie anzurufen, widerstehen. Dann war die Versuchung weg.

Ich wurde mir schlagartig meiner Müdigkeit bewusst. Ich ging erneut nach unten ins Erdgeschoß, um die Haus- und die Verandatür zu schließen. In der Küche holte ich ein Aspirin aus dem Schrank und ließ es in einem Glas Mineralwasser auflösen. Ich trank das Glas in einem Zug leer.

Auf dem Weg zurück nach oben lockerte ich die Krawatte und zog mein Jackett aus. Oben angekommen, hing ich die Krawatte und das Jackett ordentlich über das Treppengeländer. Ich zog mir die Lackschuhe aus, knöpfte mein Hemd auf, und nestelte an meiner Hose herum. Zur gleichen Zeit stieß ich die Tür zu unserem Schlafzimmer auf.

Und da stand er. Neben dem Nachttisch. An der Bettseite meiner Frau. Er trug eine schwarze Jeans und einen schwarzen Pullover. In der Hand hielt er eine Pistole.

"Wer sind sie? Was wollen sie hier", rief ich in einer Mischung aus nackter Angst und aufkeimender Angriffslust.

Der Mann lächelte.

"Mein Name ist Heinz Glöckner", sagte er ruhig. "Und ich möchte ihnen eine Geschichte erzählen".

Ich erstarrte.

****

"Ich möchte ihnen eine Geschichte erzählen, Herr Weidemann", sagte Heinz Glöckner. "Die Geschichte von Oskar Brüsewitz! Kennen sie Oskar Brüsewitz?"

Herr Weidemann schluckte. Immer noch starr vor Schreck, drangen die Worte des Mannes mit der Pistole nur langsam zu ihm durch. Er kapierte nicht. Oskar wer?

"Oskar ... Brüsewitz ...?", stotterte Herr Weidemann.

"Ja", erwiderte Heinz Glöckner ruhig, "Oskar Brüsewitz."

Herr Weidemann versuchte sich unter Kontrolle zu bringen. Er nahm sich vor, sich zusammen zu reißen, und konzentrierte sich auf das Gesagte. Der Name, den der Mann mit der Pistole geäußert hatte, sagte ihm nichts. Herr Weidemann hielt es für das Beste, sofort zur Sache zu kommen.

"Hören Sie, Herr Glöckner, ich weiß, wer sie sind, und warum sie hier sind. Warum setzen wir uns nicht nach unten in die Küche und reden über ... "

"Oskar Brüsewitz", unterbrach ihn Heinz Glöckner energisch, "war ein Pfarrer in Zeitz. Wissen sie, wo Zeitz liegt, Herr Weidemann?"

Herr Weidemann hielt es nun für angebracht, sich auf die Fragen des Mannes mit der Pistole einzulassen.

"Im Osten, glaube ich."

"Genau", erwiderte Herr Glöckner. "Zeitz liegt im Osten. Und Oskar Brüsewitz war dort Pfarrer. Anfang der Siebziger wurde er mit seiner Familie dorthin beordert. Wissen sie, wie es den Kirchenmännern in der DDR erging, Herr Weidemann?".

Herr Weidemann fühlte sich steif und ungelenk.

"Sie wurden unterdrückt", antwortete er zögerlich.

"Genau, sie wurden unterdrückt", freute sich Herr Glöckner. "Der sozialistische Staat war gegen die Religion, sie duldete die christlichen Kirchen nur in dem Maße, wie es eben nötig war, um das Volk nicht gegen sich aufzuwiegeln. Aber Oskar Brüsewitz ließ sich das nicht gefallen. Er eckte an, wo er nur konnte".

Heinz Glöckner unterbrach sich. Er schaute Herrn Weidemann an und machte mit der Pistole eine Bewegung nach unten. Herr Weidemann interpretierte diese Geste als Aufforderung. Er setzte sich auf das Bett. Herr Glöckner blieb stehen und sprach weiter.

"Zum Beispiel 1975! Die DDR verstand sich ja als Arbeiter- und Bauernstaat, und als 1975 die Ernte eingefahren wurde, kam die SED auf einen tollen Losungsspruch. Sie ließ überall Banner aufhängen, auf denen stand: Ohne Gott und ohne Sonnenschein fahren wir die Ernte ein. Witzig, oder?"

Herr Weidemann antwortete nicht. Die Pistole in der Hand von Heinz Glöckner unterband jedes natürliche Verhalten seinerseits.

"Naja", fuhr Heinz Glöckner fort. "Oskar Brüsewitz jedenfalls erkannte die Angriffslust der SED in dieser Losung. Sie behauptete, dass Gott nicht nötig wäre für eine gute Ernte, und Sonnenschein schon gar nicht. Die SED warb mit den Bannern für einen Atheismus, der Oskar Brüsewitz natürlich gegen den Strich ging. Also malte er sein eigenes Banner. Er nahm seinen Pferdewagen und befestigte ein großes Tuch daran. Dann fuhr er damit durch Zeitz, fast den ganzen Tag".

"Was stand auf dem Banner?", fragte Herr Weidemann. Er glaubte, er könne die Situation vielleicht unter Kontrolle bringen, indem er sich auf das Gespräch einließ.

"Auf dem Banner stand: Kirche in Not - ohne Regen, ohne Gott geht die ganze Welt bankrott."

"Originell!", meinte Herr Weidemann.

"Nicht wahr?", sagte Heinz Glöckner und nickte. Dann wurde seine Miene ernster.

"Die SED war natürlich nicht erfreut über diese Aktion. Um diesem Staatsfeind die Leviten zu lesen, bedrängte die Stasi die Kirchengemeinde von Brüsewitz. Sie gab allen Leuten, die zu Brüsewitz' Gottesdiensten kamen, den Befehl, von der Kirche fern zu bleiben. Eingeschüchtert wie sie waren, gehorchten die Gemeindemitglieder. Nur zwei oder drei Senioren ohne Familie hielten Oskar Brüsewitz die Stange, aber der Rest ging nicht mehr in die Kirche. Sie hatten Angst. Und, was noch viel wichtiger war: Sie hatten Familie. So sehr sie den Pfarrer auch mochten, sie hielten sich von der Kirche fern, da sie um ihre Kinder fürchteten. Die Familie ist doch das Wichtigste im Leben, oder nicht, Herr Weidemann?"

Herr Weidemann schwieg.

"Na, ist doch so", fuhr Herr Glöckner unbeirrt fort. "Jedenfalls, Oskar Brüsewitz war von da an abgekapselt. In der Gemeinde stand niemand zu ihm und auch die Kirchenleute hielten die Kollaboration mit dem Staat für wichtiger als die Unterstützung eines einzelnen Pfarrers. Die Kirchenleitung legte Brüsewitz und seiner Familie nahe, die Kirche zu wechseln und einen Neuanfang zu wagen. Und wissen sie, was Brüsewitz gemacht hat?"

Herr Weidemann schaute Herrn Glöckner irritiert an. Natürlich wusste er die Antwort auf die Frage nicht. Aber Herr Weidemann glaubte, dass jede seiner Reaktionen nun über Leben und Tod entscheiden konnte. Er glaubte, dass sein Verhalten die Situation entspannen müsse, und deswegen zwang er sich zu einer Antwort.

"Wenn Sie so fragen, dann hat er wahrscheinlich nicht auf die Kirchenleitung gehört und ist geblieben", sagte Herr Weidemann zögerlich.

Herr Glöckner grinste.

"Sie sind ein kluger Kerl, Herr Weidemann. Genau, er ist geblieben. Er hat sich gesagt, Scheiß auf die Stasi, auf die SED, Scheiß auf die ganze gottverdammte DDR. Jetzt war keine Zeit mehr zum Einlenken, jetzt war Zeit für Protest".

Herr Glöckner und Herr Weidemann schauten sich an. In Herrn Glöckners Augen lag so etwas wie Herausforderung, etwas wie Wut oder Ärger. Aber viel stärker war der Blick noch von einer Eigenschaft durchtränkt, die nicht so recht zur Situation passen wollte: Angst. Diese Angst im Blick vom Mann mit der Pistole ließ Herr Weidemann Hoffnung schöpfen. Wenn Herr Glöckner Angst hatte, dann hieß das, dass er ihn vielleicht von dem Vorhaben, ihn umzubringen, abbringen konnte. Er wollte es wagen.

"Hören Sie, Herr Glöckner. Tun sie es nicht!"

Herr Glöckner schien irritiert.

"Tun sie was nicht?", fragte er, und wirkte dabei ehrlich überrascht.

"Na ... ", sagte Herr Weidemann, und sein Blick ging zur Pistole.

Herr Glöckner schaute auf die Pistole, die er in der Hand hielt, als sähe er sie jetzt zum ersten Mal. Dann musste er lachen. Es war ein leises Lachen, ein Lachen, das in winzigen Tränen der Verbitterung endete.

"Ich verstehe", sagte Herr Glöckner. "Sie glauben, ich will sie umbringen. Und ich kann nicht einmal sagen, dass ich nicht mit dem Gedanken gespielt hätte. Aber seien sie unbesorgt, ich bin nicht gekommen, sie zu töten".

Herr Weidemann glaubte das noch nicht ganz.

"Warum sind Sie dann hier", fragte er, mutiger geworden.

Herr Glöckner lächelte.

"Um Ihnen von Oskar Brüsewitz zu erzählen. Und um Ihnen von mir zu erzählen. Wissen Sie, seit sie die bevorstehende Massenentlassung publik gemacht haben, habe ich mir überlegt, wie wohl die wirksamste Form von Protest aussehen kann. Ich wollte es nicht auf die weinerliche Tour machen, sie wissen schon, von meinen Kindern erzählen, von meiner Frau, von meiner Krankheit und so. Das wollte ich nicht. Ich habe mich also zuallererst hingesetzt, und der Betriebsleitung einen Brief geschrieben. Ich wollte, dass sie diesen Brief auch lesen, aber die Betriebsleitung bei uns hat ihn nicht weitergeleitet. Der Chef kam zu mir, und hat mir erklärt, dass er mich sehr gut verstehen könne, aber dass ihm eigentlich die Hände gebunden seien. Dann hat er mir versprochen, sich ‚bei denen da oben' für mich einzusetzen, ganz so, als gehöre er zu mir und nicht zu ‚denen da oben'. Jedenfalls habe ich auf irgendeine Reaktion gewartet. Aber nichts passierte. Immer hörte ich nur dieses einlenkende ‚Wir verstehen sie ja', aber im Grunde hatten sich schon alle mit der Situation abgefunden. Selbst manche meiner Kollegen waren zu müde für Protest. Da kannste nix machen, haben sie gesagt, und sich dann weggedreht. Aber ich war nicht so. Ich nicht. Ich wollte mich nicht damit abfinden, dass man mich nach dreißig Jahren einfach so vor die Tür setzt, ohne Dankeschön, ohne Blumenstrauß. Verstehen sie das?"

"Ja, natürlich, aber.."

"Kein Aber, Herr Weidemann, tun Sie mir einen Gefallen und sagen Sie nicht 'Ja, aber'. Da reagiere ich mittlerweile allergisch drauf. Jedenfalls, als auf den Brief hin nichts passierte, habe ich mir bei der Betriebsversammlung Gehör verschafft. Das hätten sie mal sehen sollen. Der Vorstand hatte gesagt, er wolle mit uns über die anstehenden Massenentlassungen diskutieren. Diskutieren?? Was ist das für eine Diskussion, in der das Ergebnis schon von vorneherein feststeht? Die saßen da auf ihren Stühlen, mit ihren fetten Ärschen, mit ihren zugewachsenen Augen und den Krokodilstränen und wollten sachlich über unsere Entlassung reden. Ich kann mir vor wie ein Angeklagter, der zum Tode verurteilt worden ist und vom Richter noch ein paar tröstende Worte zugeflüstert bekommt".

Herr Glöckner pausierte kurz. Er hielt die Pistole etwas schlaffer in der Hand, in seinen Augen war kalte Wut.

"Die haben uns nicht zugehört. Die haben uns glattweg ignoriert. Und da habe ich mich dann entschlossen, sie persönlich zu sprechen. Ich wollte ihnen persönlich sagen, was ich davon halte!"

Herr Weidemann versuchte erneut, einzugreifen.

"Das ist Ihr gutes Recht! Und deswegen möchte ich Ihnen vorschlagen.", begann er.

"Seien Sie ruhig!", sagte Herr Glöckner. "Seien Sie ruhig. Verstehen Sie denn nicht? Ich habe einen Entschluss gefasst. Sie können diskutieren mit mir, aber ich würde ihnen nicht glauben. Ich bin nicht wirklich gekommen, um mit ihnen zu reden. Ich bin gekommen, um zu protestieren. Ich bin gekommen, weil alles Reden und alles Demonstrieren vertane Zeit ist. Sie würden es doch nicht kapieren, Herr Weidemann! Und deswegen mache ich es wie Oskar Brüsewitz. Ich protestiere! Doch sein Protest war nicht nach außen gerichtet, er war nach innen gerichtet, verstehen sie?"

Herr Weidemann wusste nicht, ob dieses ‚Verstehen sie?' als ernsthafte Frage oder nur als bedeutungsloses Satzanhängsel gemeint war.

"Nein, ich verstehe nicht ... " antwortete er langsam.

"Oskar Brüsewitz", sagte Heinz Glöckner, " war sich der Tatsache bewusst, dass er alleine gegen die DDR nichts auszurichten vermochte. Jede gewöhnliche Form des Protests zielt ja meistens darauf ab, andere Leute zum Mitprotestieren zu bewegen. Gemeinsam sind wir stark und so. Aber die Duckmäuser in seiner Gemeinde hatten ja schon eine Entscheidung getroffen. Sie hatten sich gegen den Pfarrer und für den SED-Staat entschieden. Der Kampf war also schon verloren, noch ehe er richtig begonnen hatte. Und mir geht es ähnlich. Ich wollte die Mitarbeiter auf die Straße bringen, gemeinsam mit ihnen gegen die Massenentlassung protestieren, notfalls sogar mit Gewalt. Aber keiner wollte! Alle dachten an ihre Familie, an den kläglichen Rest von Zukunft, der ihnen noch vergönnt war. Und da habe ich lange überlegt. Wirklich, ich habe lange überlegt. Ich habe an meine Frau gedacht, an meine Kinder und daran, dass ich ja vielleicht woanders noch einen Job finden könnte. Aber das Gefühl in mir war stärker. Das Gefühl, protestieren zu müssen, war stärker. Ich wollte Protest einlegen, ich wollte, dass die ganze Welt aufhorcht, und sagt, schaut mal, da ist einer, der sich dagegen aufgelehnt hat. Einer, der sich gegen die Lebensbedingungen aufgelehnt hat, einer, der uns mahnt, umzukehren und noch mal über alles nachzudenken. Und dann kam ich auf Oskar Brüsewitz. Dann kam ich darauf, dass der beste Protest, den ich machen kann, dass der beste Protest ist, wenn ich es wie Oskar Brüsewitz mache".

Schweigen. Eine unangenehme Stille erfüllte den Raum. Heinz Glöckner zitterte nun am ganzen Leib, eine einzelne, dicke Träne lief an seiner ledernen Wange herab, und dennoch war da diese Entschlossenheit, die Herrn Weidemann peinlich berührte. Die konzentrierte Stärke der Situation sorgte dafür, dass dieser erlebte Moment sich tief in sein Gedächtnis einbrannte. Was nun passieren sollte, würde er nie mehr vergessen.

"Ich mach es wie Oskar Brüsewitz", stotterte und schluchzte Heinz Glöckner. "Ich mach es wie er!"

Dann holte Heinz Glöckner etwas hinter dem Bett hervor. Es war ein Karton mit drei Flaschen darin. Die erste Flasche, die Heinz Glöckner hervorholte, beinhaltete dem Etikett nach hochprozentigen Alkohol. Herr Glöckner drehte den Verschluss ab, und ohne viel Aufheben übergoss er sich mit dem Inhalt der Flasche. Die Kleider, die er am Leib trug, sogen die Flüssigkeit begierig in sich auf, nur ein kleiner Rest tropfte in silbrigen Tropfen auf den Teppich des Schlafzimmers. Erstarrt, wie gelähmt und ohne die Geistesgegenwart eines Handelnden, blieb Herr Weidemann auf der Bettkante sitzen und schaute zu.

"Ich mach es wie Oskar Brüsewitz", sagte Heinz Glöckner erneut und holte die zweite Flasche hervor. Tränen perlten von seinem Gesicht ab, seine Nase lief. Er öffnete die zweite Flasche und überschüttete sich von oben mit dem Inhalt. Die Haare glänzten nun im fahlen Sonnenlicht, das durch die großen Fenster und Vorhänge des Schlafzimmers herein strahlte. Es schien, als ob Heinz Glöckner beim Voranschreiten seiner Tat immer entschlossener wurde, und die Zögerlichkeit eines Selbstmörders suchte man bei ihm vergebens. Herr Weidemann saß noch immer auf der Bettkante, als Heinz Glöckner schon den Inhalt der dritten Flasche über sich entleert hatte.

Herr Glöckner zog ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche hervor.

"Ich protestiere aufs Stärkste", sagte er. Dann klickte es.

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