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Der Fund auf dem Dachboden

© Christina Marion


Meine kleine Geschichte für meine Heimatstadt, die eine Geschichte über einen Kölnbesuch beinhaltet, beginnt vor einigen Jahren auf dem Dachboden eines winzigen Häuschens, welches meine Freundin Barbara für wenig Geld nach dem Tode einer alleinstehenden, alten Dame gekauft hat.
Bevor Babs seinerzeit damit beginnen konnte, ihre neuerworbene Heimstatt für ihre Zwecke und nach ihrem Geschmack herzurichten, mussten zunächst einmal die noch vorhandenen und leider Gottes miterworbenen Habseligkeiten der Vorbesitzerin sortiert und entsorgt werden.
Einiges erwies sich für Babs als durchaus noch brauchbar, das meiste aber war nur noch ein Fall für den Container, insbesondere alles, was der Keller und der Dachboden beherbergte, schien meiner Freundin mehr als suspekt, denn dort war die Population an Spinnen, Ohrenpitschern und anderem Getier höher, als die der Einwohner der Kölner Innenstadt.
Aber merkwürdig, obwohl ich es eigentlich auch nicht so sehr mit Krabbeltieren und verdächtigem Rascheln in dunklen Ecken habe, war es gerade diese Unberührtheit des Vergangenen, was einen ungeheuren Reiz auf mich ausübte, worüber Babs so hocherfreut war, dass sie mich gern zwischen Staubwolken und Spinnweben gewähren ließ.
Na, und als hätte ich es geahnt, fand ich neben kaputten Möbeln und ausrangiertem Hausrat, der schon vor dem Krieg auf die Müllkippe gehört hätte, auf dem Dachboden einen uralten, schweren Koffer, der muffig roch und auch noch überzogen war mit Staub und Spinnweben, deren Erbauer schon seit Jahrzehnten den Spinnenhimmel verweben.
Vorsichtig und zum Sprung bereit, für den Fall, dass mir quietschende, graue Kofferbewohner entgegenkommen könnten, öffnete ich unter Mühen das Schloß des großen Ungetüms und fand den Inhalt scheinbar unberührt, zumindest aber unbewohnt.
Der Koffer diente augenscheinlich über Generationen hinweg als Aufbewahrungsstätte für Papierkram. Neben alten, brüchigen Büchern fand ich Zeichnungen, Briefe, Zeitungsausschnitte und engbeschriebene Hefte, von denen ein ungeheurer Stapel ein vergessenes, aber daher unberührtes Dasein fristete und vieles zerbröselte unter meinen groben Fingern, als ich den Inhalt ungeschickt und wohl auch ein wenig unvorsichtig untersuchte.
Der Kopf meiner Freundin erschien just in dem Moment in der Dachluke, als ich es mir mit einem der handbeschriebenen Hefte im Schmutz gemütlich machen wollte. Vorwurfsvoll sah sie mich an und erlaubte mir großzügig, Koffer nebst komplettem Inhalt zu behalten.
In Wahrheit rührte die Großzügigkeit aber wohl auch daher, dass Babs froh war, etwas von dem Plunder loszuwerden und ihrer Hoffnung, ich werde noch mehr finden, was ich heimschleppen würde, denn der Container wurde schließlich nach Gewicht bezahlt.
Abends, in meiner heimischen Umgebung, untersuchte ich meinen Fund nun schon wesentlich vorsichtiger und stellte fest, dass in der Tat das Interessanteste der handgeschriebene Inhalt der Hefte war, die, nicht wie ich einen Moment gefürchtet hatte in sentimentaler Anwandlung behaltene Schulhefte der lieben Kleinen waren, sondern sich als die Tagebücher einer schreibfreudigen Dame entpuppten, die um die Jahrhundertwende in Wyoming in den Vereinigten Staaten auf einer echten Ranch gelebt hat.
Zuerst las ich wild durcheinander, wie mir die Hefte in die Finger fielen, hier eine Seite, dort ein paar Zeilen, doch irgendwie fesselte mich das Gelesene so, dass ich, voyeuristisch wie ich nun einmal veranlagt bin, immer neugieriger auf den Menschen und sein niedergeschriebenes Leben wurde. Ich verbrachte daraufhin sehr viel Zeit damit, die Hefte zu sortieren. Dafür musste ich mich allerdings erst einmal in die wunderschöne, aber leider Gottes sehr zierliche und zum Teil doch stark verblasste Handschrift einlesen. Glücklicherweise fand ich schnell heraus, dass im Laufe der Zeit die Hefte qualitativ immer besser wurden, aus den einfachen, anfangs noch in Papier, später in Pappe gebundenen, schlecht gehefteten Exemplaren wurden schließlich lederbezogene, hochwertige Büchlein, so dass die chronologische Einordnung schließlich schneller vonstatten ging, als ich zunächst befürchtet hatte.
Und auf noch etwas anderes, nämlich auf den wachsenden Wohlstand der Schreiberin ließ dieser Qualitätsanstieg schließen, was mich, als Fan des amerikanischen Traums, noch neugieriger machte.
In mühseliger Kleinarbeit bekam ich die Eigenarten der Handschrift und auch das amerikanische Element der Sprache in den Griff und begann fasziniert eine grobe Übersetzung niederzuschreiben, wobei ich folgendes über meine neugewonnene Geistesfreundin erfuhr:
Im Jahre 1875 als Tochter eines Briten und einer Deutschen geboren, hat sie die Eltern sehr früh verloren und den Kampf um die nackte Existenz aufgenommen. Etwa zu dieser Zeit begannen die anfangs noch sehr sprunghaften Notizen, die mit der Zeit immer genauer, ja schließlich sogar fast akribisch wie ein Roman wurden.
Trotzdem die Frau sehr früh geheiratet und unzählige Kinder geboren hat, hat sie viele abenteuerliche Dinge erlebt und ist von einer Merkwürdigkeit in das nächste Abenteuer gestolpert. Sie schien eigenartige Verwicklungen nahezu magisch anzuziehen und die Schilderungen all dessen zog wiederum mich tage- und nächtelang in seinen Bann.
Unglaublich beeindruckend waren ihre Schilderungen des großen Erdbebens in San Francisco oder die Gefühle der Menschen, als die Titanic nicht wie erwartet im New Yorker Hafen eintraf.
In zweiter Ehe war die Frau, die ich Carol nenne, mit einem Schriftsteller verheiratet, einem echten englischen Lord, der sie irgendwann auf eine Reise nach Europa mitnahm und genau diese Reise enthält die Tage aus Carols Leben, über die ich im folgenden, wenn auch in gekürzter Form berichten möchte.
Zur Erklärung darf ich noch einige handelnde Personen erwähnen, die sich in Begleitung des Ehepaares Applegate befanden. Da waren zunächst Carols jüngste Kinder aus ihrer ersten Ehe, Laura und David sowie Sarah, das gemeinsame Töchterchen mit dem Lord und last but not least der Verlagsmitarbeiter Kirk Thurman, denn die Reise diente auch und wahrscheinlich in erster Linie zu Werbezwecken für die Bücher des Schriftstellers Lea Hamshire, so das Pseudonym des Lords, ein Name der, wie alle anderen frei von mir erfunden wurde und auch keine Ähnlichkeit mit dem echten Pseudonym der echten Persönlichkeit hat.
Übrigens konnte ich leider nie eine Verbindung zu dem Dachboden, wo ich die Tagebücher fand, herstellen, denn Carol starb einige Jahre nach dem Kölnbesuch in Wyoming. Hier sind auch die letzten Eintragungen, wohl von einem ihrer Kinder, gemacht worden. Eine Enkelin, der ich die Originaltagebücher zurückgegeben habe, erlaubte mir die Verwendung aller Geschichten, allerdings nur unter der Bedingung, dass keinerlei Namen eine Verbindung zu der immer noch riesigen Schar der Nachkommen herstellen. Lediglich der Staat Wyoming ist echter Lebensraum gewesen, die Namen Ebony Town, Willow-Tree-Ranch und aller sich durch tausende Manuskriptseiten ziehenden Handelnder sind meiner Phantasie entsprungen, nicht so das Leben und Tun all dieser Personen, auch wenn meine Phantasie hin und wieder "Lückenfüller" oder Pausenclown gewesen ist, um einen durchgängigen Faden zu spinnen.
Doch nun wollen wir eintauchen in das Köln Anfang der Dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.
Es ist finstere Nacht, als der Zug in den Kölner Bahnhof dampft. Die Kinder sind quengelig und allen ist es kalt. Eine unschöne Mischung aus Schneeregen empfängt die Reisenden und bewirkt einen Abfall der guten Laune bis unter den Gefrierpunkt.
"Hoffentlich ist das Hotel nicht so weit weg," mault Laura und reibt sich die müden, verschlafen dreinblickenden Augen.
"Nein, es muss meiner Information nach hier ganz in der Nähe sein." Thurman gibt sich zuversichtlich und Carol schaut sich suchend um. Schnell entdecken ihre scharfen Augen eine Uniform und sie läuft auf den Mann zu. Es ist erstaunlich, wie rasch ihr Gehirn die französische Sprache streicht und sich auf Deutsch einstellt, wobei sie hofft, dass ihr die Sprache ihrer Kindheit noch leichter fallen wird, wie das mühsam erlernte Französisch.
Höflich bittet sie den Uniformierten, der wie sie rasch erkennt ein Polizist ist, um Auskunft, wie sie am schnellsten in ihr Hotel kommen können. Ihr Blick ist dabei sanft und verführerisch zugleich. Der Mann strahlt, steht stramm und beginnt etwas zu erklären. Carol sperrt nur Mund und Ohren auf. Sie dachte immer, sie beherrsche das Deutsche perfekt und nun muss sie feststellen, dass sie kein einziges Wort verstehen kann, nur im letzten Satz meint sie das Wort Parapluie zu verstehen. Das ist nun allerdings eindeutig französisch, aber alles andere war unverständliches Kauderwelsch.
"Sie sind mir nicht böse," schmeichelt sie wie ein Kätzchen schnurrend, "aber ich habe leider kein Wort verstanden."
"Nich?", wundert sich der Mann, räuspert sich vernehmlich und fragt: "Dass se nich von hier sind ha ich jemerkt, ävver se sprechen eso joot deutsch, woher kommen Sie?"
Jetzt ist es an Carol zu strahlen. Alles hat sie zwar nicht verstanden, aber da der Mann jetzt langsam gesprochen hat, ist ihr wenigstens der Sinn der Worte aufgegangen. "Wir kommen aus den Vereinigten Staaten."
"Oche nää, dafür sprechen Se ävver fast aksentfrei."
Carol reimt sich den Sinn zusammen und lächelt: "Vielen Dank der Herr. Ich habe nur das Gefühl, mit dem Verstehen hapert es ein wenig." Das ist mächtig untertrieben. Der Tonfall ist so ungewohnt, wahrscheinlich würde sie kaum mehr verstehen, wenn der Mann Chinesisch spräche.
Ein breites Grinsen geht über das Polizistengesicht. "Ach, da machen 'se sich nichts draus, das ist nur unser rheinischer Dialekt." Er spricht jetzt betont langsam und die Frau beginnt sich einzuhören.
Nachdenklich schaut der Mann auf das zierliche Persönchen hinab, dann wandert sein Blick zu der wartenden Gruppe hinüber und er bekommt Mitleid mit den müden Reisenden, besonders mit den kleinen Kindern, die sich kaum noch auf den Beinen halten können.
"Wissen Se was, ich zeijen Ihne der Wäch!" Energisch geht er zu den Wartenden, ergreift zwei Gepäckstücke und fordert lächelnd zum Mitkommen auf.
Kopfschüttelnd folgt die rothaarige Frau dem Mann und tuschelt: "Der spricht vielleicht merkwürdig, ich verstehe kein Wort, aber irgendwie ist französisch mit drin. Na, jedenfalls will er uns wohl den Weg zeigen, wenn ich das richtig mitgekriegt habe."
Schnell sammeln die Reisenden ihre Gepäckstücke zusammen und hasten dem großgewachsenen Uniformträger hinterher.
Aus dem Bahnhof hinaus geht es über einen großen Platz, unter tropfenden Straßenlaternen hindurch und schon bald, Kirk hatte recht, es war wirklich nicht weit, stehen sie, reichlich durchnäßt, vor dem Hoteleingang.
Der Polizist hält ihnen, noch immer die beiden Gepäckstücke fest im Griff, die Türe auf, eilt dann an ihnen vorbei zum Empfang und wechselt dort einige Worte mit dem Portier, von denen Carol nur was von Amerikanern versteht.
Der Mann am Empfang strahlt: "Schön, dass Sie es doch noch geschafft haben, meine Herrschaften," radebrecht er auf Englisch. Carol strahlt entzückt und antwortet in ihrem etwas breiten, aber wirklich fast fehlerfreien Deutsch: "Sie glauben nicht, wie froh wir sind, endlich hier zu sein und wir sehnen uns nach einem Bett."
"Einem?", der Mann griemelt, er scheint ein kleiner Witzbold zu sein, "Doch wohl nicht für Sie alle zusammen?"
Jetzt muss Carol lachen. Sie ist richtig glücklich, denn sie versteht den Mann so gut, wie sie ihre Mutter verstanden hat. "Natürlich nicht, ein eigenes Bett für jeden von uns wäre erstrebenswert. Deutsch ist manchmal nicht einfach."
"Sie sprechen es hervorragend, gnädige Frau!"
"Danke für die Blumen. Ich verstehe nur viel zu wenig, wie mir scheint." Sie schaut hinter dem Polizisten her, der sich mit einem kurzen Gruß verabschiedet hat und wieder in die regnerische Nacht zurückkehrt, wobei sie leise brummt, fast so, als spräche sie zu sich selbst: "Den Mann habe ich überhaupt nicht verstanden."
"Och ja, der Jupp," lächelt der Portier verständnisvoll, "dä Jupp kütt us em Vringsveedel, dä kann üvverhaup kee Hochdeutsch." Laut lacht er los. "Wieder kein Wort verstanden? Und dabei war das doch eigentlich unser Kölsch für Ausländer."
"Wie bitte?" Carol ist todmüde und momentan überhaupt nicht für derartige Späße zu haben. Der fröhliche Mann hinter dem Tresen erklärt: "Wir sprechen hier in Köln einen sehr eigenen Dialekt. Immis, also Nichtkölner, verstehen so gut, wie gar nichts."
"Das habe ich gemerkt!", bemerkt Carol trocken. "Und was haben Sie mir eben sagen wollen?"
"Ach so, ja, ich sprach über den Josef, den Polizisten, der Sie hergeführt hat. In Köln sagt man Jupp zu einem, der auf Josef getauft ist. Unser Josef kommt aus dem Severinsviertel, das ist ein Kölner Stadtteil im Süden und die Leute dort können meistens nur Kölsch, so wie der Jupp. Hochdeutsch hat der nie richtig gelernt.
"Du meine Güte," wundert sich Carol, "ich hätte nicht gedacht, dass man eine Sprache derart verfälschen kann."
Der Mann schmunzelt nun gutmütig. "Machen Sie sich deswegen keine Gedanken, denn selbst Deutsche aus anderen Gegenden tun sich mit unserem Dialekt schwer, manche verstehen sicher nicht mal die Hälfte." Sein Blick fällt während seiner Rede auf die Kinder. David hat ganz kleine rote Äugelchen und Sarah hält sich krampfhaft, immer wieder einnickend, am Bein Ihres Vaters fest, der verhalten gähnt. Schnell nimmt der Mann drei Schlüssel von einem Brett hinter sich. "Wer bekommt das Einzelzimmer?" Er hält einen Schlüssel hoch und Carol nickt Thurman zu. "Ihr Schlüssel, Kirk!" Sie greift rasch nach den beiden anderen. "Wir verteilen uns schon selbst!"
Der Portier nickt, er merkt, dass keiner mehr Lust auf eine Unterhaltung hat, klopft auf eine Klingel und augenblicklich erscheint ein höchstens fünfzehnjähriger Knabe in Uniform, der Laura neugierig beäugt.
Beide Hotelangestellte bemächtigen sich eines Teils des Gepäcks und unter Ächzen werden die Gäste zu ihren Zimmern gebracht.
Lady Applegate kümmert sich nur rasch darum, dass Ihre beiden Kleinen wenigstens die Schuhe ausziehen und fällt dann, ohne sich noch lange im Badezimmer aufgehalten zu haben, wie ein Stein ins Bett.
Der Vormittag ist schon weit fortgeschritten, da erscheinen die Amerikaner endlich am Empfang. Der fröhliche Portier von letzter Nacht hat frei und sie sehen sich einem distinguiert wirkenden, steifen Grauhaarigen gegenüber. "Ich hoffe, die Herrschaften haben gut geschlafen. Mein Kollege sagte mir schon, dass Sie erst in der Nacht eingetroffen sind. Möchten Sie noch frühstücken?"
"Oh ja, gerne," Carol nickt dankbar, "das wäre sehr schön, auch wenn es schon fast Mittag ist."
"Kein Problem, gnädige Frau, wenn etwas machbar ist, so ist es bestimmt für Sie noch rasch ein Frühstück herzurichten. Was dürfen wir Ihnen bringen? Kaffee, Tee, Schokolade oder Milch?"
Carol staunt nicht schlecht. "Dafür, dass wir hier außerhalb jeder Zeit nach einen Frühstück verlangen, scheint der Service nicht schlecht zu sein."
Der Grauhaarige deutet eine knöcherne Verbeugung an: "Wir sind immer bemüht, unser Möglichstes zu tun!"
Nachdem zwei Portionen Kaffee, ein Tee und drei Schokoladen geordert sind, betreten die Gäste einen kleinen Raum mit lediglich fünf Tischen.
"Och," raunt Laura leise, "ich hätte wohl gedacht, das Hotel ist größer."
Der Portier, der diese Worte verstanden hat, lächelt: "Dieser Raum dient als gemütlicher Aufenthaltsraum, unser Speisesaal ist dort drüben!" Er deutet auf eine große, geschlossene zweiflüglige Tür mit bunten Glaseinsätzen. "In diesem Raum hier können unsere Gäste zwischen den Mahlzeiten Kleinigkeiten zu sich nehmen, so es unsere Küche erlaubt."
Nach dem ausgezeichneten, im Vergleich zu Paris sehr reichhaltigen Frühstück mit Eiern, Käse, Wurst, Quark und diversen Marmeladensorten, beschließt man die nähere Umgebung des Hotels zu erkunden.
Beim Verlassen des Gebäudes empfängt sie strahlender Sonnenschein und rege Betriebsamkeit. Von der kalten Nacht mit ihrem scheußlichen Schneeregen ist nichts mehr zu spüren, statt dessen ist die Luft mild und klar.
Edward schaut sich um: "Gestern abend sind wir von dort gekommen, ich würde sagen, dass wir uns erst mal in dieser Richtung halten."
Keiner hat dagegen Einwände und so spazieren sie gemütlich los, bis sie plötzlich auf einem großen Platz stehen, der von einem mächtigen, schwarzen Bauwerk mit hohen, durchbrochenen, wie aus feiner Spitze hergestellt wirkenden, spitzen Türmen hoch überragt wird.
Thurman reibt sich die Augen. Er ist von dem imposanten Bauwerk gleichermaßen geblendet und beeindruckt, wie seine Freunde und erst Sarah, die plötzlich zu weinen beginnt und unter herzzerreißendem Schluchzen an den Händen Ihrer Eltern zieht, holt alle sehr abrupt auf die Erde zurück.
"Liebling, was hast Du denn?" Keiner kann sich erklären, worüber sich die Kleine so plötzlich derart immens aufregt und was sie so gräßlich zu ängstigen scheint. In Ihrer Panik bekommt der Zwerg kaum einen klaren Ton heraus, bis Laura plötzlich glaubt die Worte: "Die Türme fallen um!", zu verstehen. Sie schaut zu den Turmspitzen empor und erbleicht. "Oh mein Gott, Sarah hat recht, die Kirche stürzt ein, seht dich nur, wie die Türme schwanken."
Augenblicklich wenden alle Ihre Blicke zum Himmel hinauf und es erscheint wirklich, als ob sich die beiden, wie mahnende Finger in den Himmel ragenden Türme bewegen würden.
Plötzlich beginnt Lord Applegate erleichtert zu lachen. "Das ist eine optische Täuschung, zugegeben eine sehr bedrohlich wirkende Täuschung, aber doch nichts weiter wie eine Trugbild. Durch die ziehenden Wolken sieht es aus, als kämen die Türme auf einen zu, eben so, als würden sie umstürzen. - Carol, was hast Du?"
Die Frau ist schneeweiß geworden und preßt sich beide Handballen gegen die Schläfen, was ihr sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit einbringt und niemand denkt mehr an umfallende Türme. Der Spuck dauert nur wenige Sekunden, doch das, was ihr Gehirn ihr gerade vorgegaukelt hat, läßt sie so schnell nicht wieder los. Mühsam krächzt sie: "Ich glaube, jetzt werde ich doch noch verrückt. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, ringsum nur noch Trümmer zu sehen, lediglich die schwarze Kirche war darüber erhaben. Überall waren Qualm, Feuer und schreiende Menschen und Blut, viel Blut!"
Besorgt legt der Lord den Arm um seine Frau. "Sollen wir ins Hotel zurückgehen? Du hast bestimmt zu viel von deinem Kopfschmerzmittel genommen."
Carol schüttelt energisch den Kopf und entspannt sich sichtbar. "Ich habe schon eine ganze Weile nichts mehr von dem Teufelszeug zu mir genommen. Ich habe es nicht gebraucht." Sie holt tief Luft und wagt ein verschämtes Lächeln. "Ich glaube, es ist auch schon wieder alles gut. Ich habe nur heute Nacht so viel dummen Mist geträumt und ich denke, wahrscheinlich war das eben nur ein letzter Traumrest, den meine Gedanken noch verarbeiten mussten."
Sie nimmt Sarah an der Hand und sagt voller Zuversicht: "Siehst Du Liebling, da kippt nichts um, es ist alles fest."
Das Kind kann diese Zuversicht jedoch nicht teilen. Ängstlich klammert die Kleine sich an der Hand der Mutter fest und folgt ihr nur sehr widerstrebend in Richtung der gewaltig großen Kirche.
In diesem Moment fängt David an zu kichern. Verstohlen deutet er auf einen rotgewandeten Mann, der dem Gotteshaus zustrebt und, als hätte er den Blick des Knaben bemerkt, stehenbleibt, um das Kind, das nun so tut, als wäre gar nichts gewesen, zu mustern, dann nähert er sich der kleinen Gruppe und er fragt sehr leise: "Sie sehen aus, als wären Sie nicht von hier. Wünschen sie eine kleine Führung durch unseren Dom?"
Carol, der das Benehmen ihres Sohnes ein wenig peinlich ist, lächelt den Mann an: "Das wäre toll, wenn es Ihre Zeit erlaubt."
Der Mann lächelt milde, legt seine Rechte auf Davids Schulter und seine Linke auf Sarahs Lockenkopf: "Ich denke schon, ich bin ein Domschweitzer und kenne dieses Gotteshaus besser, als meine Westentasche. Eigentlich wollte ich zum Gebet, doch kann ich dieses auch später noch sprechen. Es hat dem Herrn gefallen, dass sich unsere Wege kreuzen, also gefällt es ihm sicherlich auch, wenn ich Ihnen sein Haus zeige. Sie haben einen leichten Akzent, meine Liebe, woher kommen Sie?"
Carol erklärt es und der Mann schmunzelt: "Ein recht weiter Weg. Nicht gerade um die Ecke. Reisen Sie zu Ihrem Vergnügen?" Diese Frage ist an alle gerichtet und er hat sie auf Englisch gestellt. Es ist zwar ein wenig hölzern, aber dennoch sogar für die Kinder sehr gut verständlich.
Nun fühlt sich Kirk bemüßigt, auch seinen Teil zu der Unterhaltung beizutragen, er erklärt seine Funktion als Mitarbeiter eines Verlages und berichtet von der Vortragsreise seines Bestsellerautors. Der Kirchenmann runzelt die Stirn: "Lea Hamshire, hm, das habe ich doch schon mal gehört." Er mustert Edward scharf: "Haben Sie Reiseberichte über England geschrieben?"
Der Lord nickt. "Damit habe ich vor vielen Jahren meine schriftstellerische Laufbahn begonnen, Herr ...?" Das Fragezeichen ist Ed ins Gesicht geschrieben und der Deutsche beeilt sich zu sagen: "Oh entschuldigen Sie bitte, nennen Sie mich doch ganz einfach Benedikt."
Edward stellt nun seine Familie vor und dann beginnt der freiwillige Führer mit seinen Erklärungen. Er wendet sich der Kirche zu und seine Stimme bekommt einen liebevollen, aber auch ein wenig stolzen Tonfall: "Unser Dom wurde auf einem Hügel errichtet, der bereits zu Beginn der Besiedlung des hiesigen Raumes als Kultstätte diente." Kurz umreißt er die Stadtgeschichte Kölns von deren Anfängen als Militärstützpunkt der Römer und der Stadterhebung durch Kaiserin Agrippina im Jahre 50 nach Christus. "Agrippina nannte unsere Stadt Colonia Claudia Arae Agrippinensis. Das Wort Colonia heißt übersetzt Kolonie und aus diesem Colonia wurde im Laufe der Jahre Köln." Er berichtet von der immerwährenden großen Bedeutung der Stadt durch die Jahrhunderte und kommt dann zur Geschichte der Domerbauung.
Die Fremden staunen nicht schlecht, als sie hören, dass seit der Fertigstellung gerade einmal knapp 55 Jahre vergangen sind.
Edward lacht auf: "Dann ist er ja fast jünger, wie meine Frau."
"Eddi!", zischt Carol fast ein wenig empört, doch sofort gewinnt ihr Humor wieder die Oberhand und sie grinst: "Daran kannst Du es wieder einmal sehen, die besten Dinge sind aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts!"
Benedikt zieht die Augenbrauen hoch und mustert die rothaarige Frau scharf. Er hätte sie allerhöchstens auf 45 Jahre geschätzt, vor allem der beiden kleinen Kinder wegen, aber dann zuckt er unmerklich die Schultern. Er kennt sich halt doch nicht ganz so gut mit Frauen aus und im Schätzen vom Alter ihm unbekannter Personen war er noch nie besonders gut. Er widmet sich daher lieber wieder seiner Lieblingstätigkeit und vermittelt sein geballtes Wissen um seinen geliebten Dom. Er führt sie in das imponierende Innere des gewaltigen Kirchenbaus und nennt Daten über Daten. Länge, Höhe, Breite, Jahreszahlen, all das schwirrt unseren Freunden um die Ohren, die sich viel Mühe geben, so viel wie möglich zu behalten. Sogar die beiden Kleinen bleiben interessiert, obwohl so manches für sie unverständlich bleibt.
Benedikt zeigt ihnen Altäre und Schreine, erklärt Plastiken, Schnitzereien und Malereien, deutet immer wieder auf die wundervollen, bunten Glasfenster hin und hebt deren hohes Alter und ihre künstlerische Einmaligkeit hervor. Die Zeit verfliegt nur so und erst das Läuten einer Glocke, irgendwo in der Ferne, holt Benedikt in die Realität zurück. Nachdem er mit den beiden Kindern noch Kerzen zu Ehren der Madonna entzündet hat und sich ein wenig wundert, wie fremd den Kleinen dieses Ritual ist, tritt er zu Carol und sagt auf Deutsch: "Sie sind wohl nicht besonders gläubig?"
Die Frau wird puterrot. "Ich weiß nicht, allerdings sind wir auch nicht katholisch. An Gott glauben wir schon, wir beten auch zu ihm, aber alles ist irgendwie einfacher und schlichter bei uns. In unserer kleinen Kirche gibt es kaum Schmuck, lediglich ein einfaches Holzkreuz, eine silberne Taufschale und zwei Kerzen sind vorhanden. Allerdings glaube ich, dass sich bei unseren Gottesdiensten alle möglichen Religionen mischen und vielleicht ist es den Menschen so ganz recht."
Benedikt staunt. "Haben Sie denn nicht einmal einen Weinkelch?"
"Ach, Sie meinen für Abendmahl und Firmung. Doch, haben wir, aber das ist weniger ein Pokal, als ein einfacher Becher aus vergoldetem Silber. Naja, und beides, Becher als auch Taufschale, sind Indianerarbeiten, was wohl am eindeutigsten zeigt, wie unterschiedlich die Menschen sind, die in unserer Kirche zur Andacht erscheinen."
"Indianerarbeiten?" Benedikt wirkt irgendwie pikiert, zumindest aber unangenehm berührt.
Carol lächelt. "Ja, warum auch nicht. Mein erster Mann hat beides der Kirche zur Taufe unseres sechsten Kindes geschenkt, denn er war ein Mischling. Seine Mutter war Indianerin, die übrigens genauso Menschen sind, wie wir Christen auch. Sie fühlen genau wie wir Freude, Kummer, Schmerz und Trauer. Mein Mann ist jeden Sonntag in den Gottesdienst gegangen und alle unsere Kinder sind getauft."
Carol hat wieder Englisch gesprochen, denn sie möchte ihre Lieben nicht von der Unterhaltung ausschließen und Lord Edward, der fürchtet, das Gespräch könne missionarische Züge annehmen, mischt sich ein: "Wobei es den Menschen in unserer Heimat hoch angerechnet werden muss, wenn sie jeden Sonntag in die Kirche gehen, denn die ist für die meisten nicht mal gerade so über die Straße. Mit dem Pferdewagen ist man von manch einer entlegenen Ranch gut zwei Stunden oder länger in die Stadt unterwegs."
"Wirklich?" Ungläubig mustert Benedikt die Gruppe, zieht umständlich seine Uhr hervor und entschuldigt sich: "Ich muss Sie nun leider verlassen, meine Herrschaften, aber die Pflichten rufen mich." Er deutete eine Verbeugung an und Carol stupst ihren Gatten in die Seite, der daraufhin seine Brieftasche hervorzieht. Sofort winkt der Kirchenmann ab: "Nein, nein, meine kleine Führung war doch kostenlos. Immerhin habe ich mich Ihnen ja förmlich aufgedrängt. Außerdem," sein Blick bleibt auf Carol haften, "außerdem hat Ihre Gattin bereits einen ziemlich großen Obolus in den Opferstock bei der Madonna getan. Bitte entschuldigen Sie meine Indiskretion."
Edward läßt sich durch diese Worte nicht beirren. Er entnimmt seiner Börse einen großen Schein und sagt geradeheraus: "Ich weiß, dass diese Führung umsonst gewesen ist, doch da ich weiß, dass die Kirche ständig bemüht ist, bei Bedürftigen unterstützende Arbeit zu leiten, bitte ich Sie, das Geld dafür anzunehmen."
Nun ziert Benedikt sich nicht weiter, greift nach dem Schein und faltet die Hände. "Der Herr segne Sie alle und behüte Sie jetzt und in Ewigkeit."
Die Amerikaner folgen dem Mann zum Hauptportal und draußen schaut Carol sich um: "Sagten Sie nicht, man könne hier irgendwo den Turm besteigen?"
Der Deutsche nickt, deutet auf eine etwas entferntere Tür und sagt: "Gleich dort drüben, gnädige Frau. Es lohnt sich wirklich!" Er wirft einen Blick zum mittlerweile wieder von vielen Wolken bedeckten Himmel. "Es wird heute abend wieder Regen geben. Sie sollten sich überlegen, ob Sie nicht direkt hinaufsteigen wollen. Die Luft ist heute sehr klar und Sie haben eine Sicht bis weit ins Bergische Land und die Eifel, außerdem scheint das Siebengebirge so nahe, dass man glaubt, man könne hinlaufen."
"Was ist das Siebengebirge?" will Laura interessiert wissen. Sie erinnert sich an ein Märchen, welches ihr die Mutter in Kindertagen oft erzählt hat, von einer Prinzessin, die bei den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen eine Zuflucht vor ihrer bösen Stiefmutter gefunden hat. Doch der Mann scheint das Märchen nicht zu kennen, denn er deutet nur nach Südosten und brummt leise: "Siebengebirge nennen wir eine Hügelkette am Rhein, die aus sieben Erhebungen besteht. Sie können sie leicht erkennen, wenn Sie die Gipfel abzählen." Er verbeugt sich wieder, grüßt und eilt von dannen, während sich die Kölnbesucher dem Südturm zuwenden.
Die Wendeltreppe ist steil, eng und scheint endlos, dafür entschädigt schon der Anblick der Glocken sie für jede Mühe.
"Die würde ich ja gerne mal hören," seufzt David sehnsuchtsvoll, doch Kirk lacht: "Aber lieber nicht, wenn wir hier oben sind. Unsere Ohren würden vom Kopf springen, wie bei einer Explosion." Während die Erwachsenen noch ehrfurchtsvoll die riesige Glocke, die Benedikt als 'Dicken Pitter' bezeichnet hat, betrachten, haben die Kinder bereits die Treppe entdeckt, die noch weiter nach oben führt. Sie ist noch enger als die Treppe im unteren Teil des Turms und so schmal, dass man nur unter Mühen aneinander vorbei käme, doch glücklicherweise scheinen sie die einzigen Turmbesteiger zu sein und endlich ist das obere Ende der Wendelung erreicht.
Benedikt hat nicht zu viel versprochen. Die Aussicht von der Galerie ist atemberaubend. Schon der Blick von Sacre Coeur auf Paris war traumhaft, kann sich aber bei weitem nicht mit diesem Rundblick messen. Der Himmel ist aufgerissen und die helle Frühjahrssonne beleuchtet das Kölner Umland.
Tief unter den Besuchern schlängelt sich das silberne Band des Rheins durch die Landschaft und alles sieht von hier oben aus, als gehöre es in eine Miniaturpuppenstube.
Das Siebengebirge ist sofort ausgemacht und Carol muss an die Erzählungen eines jungen deutschen Arztes denken, der zwei atemlos lauschenden jungen Mädchen von der Schönheit Deutschlands erzählt hat, von den Flüssen, in liebliche schmale Täler gebettet, rechts und links mit Weinbergen gesäumt, von Burgen und Schlössern, die auf vielen dieser Erhebungen zu finden sind und majestätisch auf den großen Strom herabblicken. Das ist nun schon so viele Jahre her, doch plötzlich fallen der Frau sogar wieder Namen ein. Drachenfels, Ölberg und Petersberg. Aber vorsichtshalber behält Carol dieses Wissen dann doch für sich, denn sie ist sich nicht ganz sicher, ob ihre alten Erinnerungen ihr nicht doch einen Streich spielen.
Laura hat sich bei Thurman eingehakt und deutet immer aufgeregter nach unten und Sarah, die mittlerweile Mutters Arm erklommen hat, um auch etwas sehen zu können, piepst, an ihren Bruder gerichtet, der den Lord als Aussichtsturm nutzt: "Malst Du heute nichts? Das ist eine Stadt wo es bestimmt mehr Kirchen gibt, wie sonstwo auf der Welt. Das müssen bestimmt hundert sein."
Carol kehrt aus ihrer Vergangenheit zurück und lenkt ihren Blick auf die Stadt zu den Füßen der Türme. Mit hundert Kirchen übertreibt ihre Kleine sicherlich ein wenig, aber dennoch hat sie recht, überall erheben sich Türme und Türmchen über die anderen Häuser hinaus.
Laura ist wieder zu ihren Eltern getreten. "Das ist wirklich unglaublich Mama," pflichtet sie ihrer kleinen Schwester bei, "ich habe mindestens 22 Gebäude entdeckt, die wahrscheinlich Kirchen sind. So gläubig können Menschen doch gar nicht sein."
Kirk lächelt: "Scheinbar doch, Laura, aber Du darfst dabei auch nicht außer Acht lassen, was für eine riesige Stadt Köln ist, mit einer großen Anzahl von Bewohnern."
Die sechs Menschen lassen die vielfältigen Bilder auf sich wirken, ein jeder auf seine Art.
Laura hat den Blick sehnsuchtsvoll nach Süden gerichtet und seufzt: "Da hinten irgendwo muss Brühl sein." Carol hört diese Äußerung wohl, mißt den unverständlichen Worten jedoch keinerlei große Bedeutung bei, weshalb sie auch nicht auf den Satz reagiert sondern sich weiter verzückt umsieht, bis Sarah plötzlich ziemlich lautstark alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, indem sie sich fröstelnd schüttelt und jammert: "Mir ist es ziemlich kalt Mama, außerdem habe ich unheimlich viel Durst!"
"Ich auch!", verleiht David dieser Bemerkung Nachdruck. "Außerdem fängt es bestimmt gleich an zu regnen, ich habe einen Tropfen abbekommen."
"Mir ist auch einer auf die Nase gefallen!" juchzt Sarah und flitzt Richtung Ausgang.
Carol ist die Letzte, die sich von der Aussicht losreißen kann, besonders da jetzt, der Himmel hat sich stark verdunkelt und die Berge der Umgebung sind verschwunden, alles ganz anders aussieht, wie im strahlenden Sonnenlicht. Der eben noch so heiter blinkende, silberglänzende Strom hat sich in ein düsteres, bleigraues Band verwandelt und ein heftiger Wind zerrt an Carols Haaren. Genau als sie sich anschickt, ihren Lieben zu folgen, öffnen sich alle Himmelsschleusen und die Frau flüchtet regelrecht hinter ihrer Familie her zum Ausgang.
Bis sie endlich die über 500 Stufen abwärts hinter sich gebracht haben, ist der Regenschauer schon wieder vorbei und die Sonne blinzelt verstohlen zwischen den Wolken hervor, als wolle sie nachsehen, ob nun auch alles wieder sauber ist.
Lord Applegate deutet auf die Straße, die sie gekommen sind und brummt: "Dort drüben ist ein Kaffeehaus, wenn ich mich recht erinnere. Ich könnte ein Stück Kuchen essen."
Natürlich sind die Kinder begeistert und wenig später sitzen alle vor einer Tasse Kaffee beziehungsweise vor einer Brause und lassen sich Apfelkuchen sowie Waffeln mit Puderzucker und Sahne schmecken. Laura findet das Wort Hippe ungemein belustigend und muss diese Spezialität unbedingt probieren. Sie ist hellauf begeistert, aber nach der dritten, mit viel Sahne und Obst servierten Portion wird es ihr fast übel, was sie allerdings nicht davon abhalten kann, über ihre Mutter fragen zu lassen, wie Hippen hergestellt werden.
Die gutmütige Konditorsgattin lacht und fordert das reizvolle, wohlerzogene Mädchen auf, es sich anzusehen, da es ihr zu umständlich erscheint, jeden Satz von der Mutter übersetzen zu lassen.
Die beiden Kleinen wollen natürlich nicht zurückstehen und springen ebenfalls auf. Carol versucht noch sie zurückzuhalten, doch die Kölnerin lacht: "Lossen Se se ruhig mitjonn, minge Mann es jeck op Pänz, dem mäht dat nix, wenn em sechs Kinderäujelchers beim arbeede zusinn."
Carol versteht wieder mal kein Wort, worüber sie fast verzweifeln möchte, doch da die Gestik der Frau ihr signalisiert, dass ihre Kleinen in der Backstube willkommen sind, läßt sie sie ziehen.
Es dauert lange, bis die drei aufgeregt zum Tisch zurückkehren. Alle reden sie so lange durcheinander, bis Carol sich die Ohren zuhält und lacht: "Was wollen wir gemeinsam singen?"
Nun müssen auch die Kinder lachen und David malt rasch, mit mittlerweile fast routinierten Strichen den Bäckermeister bei der Arbeit. Dessen Frau blickt dem Kind über die Schulter und sagt begeistert anerkennend: "Eh, dat süht ävver klasse us, Jung, Du bess ja ne richtije Künstler."
Carol versteht nur das Wort Künstler und gibt dem Knaben ein Zeichen, der Frau das Bild zu schenken.
"Hätte ich sowieso gemacht," mault das Kind und trennt das Blatt vorsichtig vom Block, um es der Frau entgegenzustrecken.
Fast ein wenig verlegen greift diese nach dem Papier. "Für mich? Das is ävver lieb von Dir!" Sie bemüht sich um Hochdeutsch, denn sie hat mittlerweile bemerkt, dass die rothaarige Frau zwar deutsch spricht, mit den Eigenheiten der kölschen Sprache jedoch so ihre Probleme zu haben scheint. "Dat zeijen ich jleich mingem Mann, der wird Aujen mache."
"Können wir bitte vorher bezahlen?" Carol lächelt und hört nur mit halbem Ohr zu, wie ihre Töchter von Waffeleisen und Hippeneisen berichten. Die Bäckersfrau kassiert und strahlt über das großzügige Trinkgeld, dann streicht sie Sarah über die Locken. "Sie han reizende, wohlerzogene Kinder. Ich dät wünsche, de minge wöre och esu. Ävver ich hannere sibbe Stück, da bliet nite so vill Zick för der Einzelne."
Carol hört sich in den Tonfall ein, fragt jedoch nach: "Sieben Kinder haben Sie?"
"Jo, dat es vill, ich weiß," versucht sie sich zu entschuldigen, " ävver wat minge Mann es, dä es ärch jeck no singe Pute."
Lady Applegate schüttelt fragend den Kopf. "Jetzt habe ich wieder nichts verstanden."
Die Frau versucht sich also erneut im Hochdeutschen: "Mein Mann ist verrückt nach Kindern."
Nun lacht Carol auf: "Das kann ich verstehen. Ich habe auch noch ein paar mehr als diese drei. Das sind nur meine Jüngsten, alle konnten wir nicht mitnehmen, das hätte schlicht jeden Rahmen gesprengt. Außerdem sind die meisten eh schon verheiratet und haben ihre eigenen Familien."
"Tatsächlich? Och ja, ne jroße Famillich is schon wat Schönes."
Bevor die Frauen weiter ausholen, erheben sich die Männer schnell und schicken sich an, dass Kaffeehaus zu verlassen, so dass Carol nichts anderes übrig bleibt, als zu folgen.
Auf der Straße seufzt sie leise und brummt: "Oh Mann, ein Dolmetscher wäre in dieser Stadt nicht übel. Ich dachte immer, mein Deutsch wäre ganz gut, aber hier habe ich das Gefühl, ich kann überhaupt nichts. - Was machen wir jetzt?"
Thurman schaut sich um, deutet auf eine Buchhandlung und brummt: "Einen Reiseführer kaufen, hoffentlich gibt es was Gescheites."
Der Buchhändler ist sehr hilfsbereit und spricht leidlich englisch, so dass Thurman schließlich aus der Gruppe der bestinformierteste Kölnreisende ist.
"Wir sollen uns zuerst den Heinzelmännchen-Brunnen ansehen, bitte mir zu folgen!"
Kirk marschiert wieder in Richtung Dom, biegt aber vorher ab und bald stehen sie auch schon vor einem Brunnen, der wie ein Bilderbuch aussieht. Der Engländer gibt kurz wieder, was der Buchhändler ihm zu der Geschichte erzählt hat, was Sarah zu der Frage veranlaßt: "Gibt es diese merkwürdigen Männlein wirklich?"
"Das wäre schön," Carol grinst. "Ich würde gar nicht wissen wollen, wie die aussehen, wenn die nachts meine Arbeit machen. Ein herrlicher Gedanke."
Der Engländer schmunzelt ebenfalls, schaut sich dann um und wandert wieder los, "Wir sehen uns jetzt das Rathaus an. Früher war es vom Judenviertel umgeben, aber schon im 15. Jahrhundert wurden restlos alle Juden vertrieben."
David ist entsetzt. Eine Vertreibung von Menschen erscheint ihm barbarisch und Thurman versucht ein wenig zu der Geschichte dieser immer wiederkehrenden Judenvertreibungen zu berichten. Schließlich blättert er ein wenig nervös in seinem Büchlein, holt erleichtert Luft und schaut auf: "Eh voila, da sind wir schon." Er blickt auf seine Uhr. "Gleich ist es fünf und wenn es stimmt, was hier steht, gibt es gleich ein Glockenspiel zu hören."
"Das Haus ist wunderschön," freut sich Laura. "Ich finde die Rundbögen und die vielen Darstellungen unheimlich beeindruckend."
Thurman guckt wieder auf seine Uhr und genau in diesem Augenblick ertönen die Glocken. Nicht nur die beiden Kleinen sind begeistert und als die letzten Töne verklungen sind, klatscht Sarah in die Händchen. "Das war aber schön," lispelt sie aufgeregt. "können wir warten, bis die Glocken noch einmal spielen?"
Thurman verneint lachend. "Leider nicht, mein Schatz. Das würde heute nacht sicherlich reichlich kalt werden. Das Glockenspiel ist erst morgen mittag wieder zu hören."
"Ach," meint die Kleine enttäuscht, "dass ist aber schade. Gehen wir morgen wieder her?"
Carol lächelt verständnisvoll: "Das sehen wir morgen, mein Schatz."
Thurman liest einiges über das Rathaus vor, doch er muss feststellen, dass ihm niemand so richtig zuhört, denn die Blicke seiner Freunde wandern überall hin, nur nicht zum Rathausgebäude. Ein wenig frustriert wendet er sich nach Süden und erklärt nach einer Weile: "Hier in diesem Haus befand sich seit 1709 die zweite Kölnischwasser-Fabrik, welches anfangs als Wunderwasser medizinische Anwendung fand und erst später durch die französischen Besatzer als Duftwasser genutzt worden ist."
"Ach deswegen," Carol geht ein Licht auf, welches ihre Begleiter natürlich nicht sehen können.
"Weswegen was?", will Lord Edward wissen und seine Frau erklärt: "Ach weißt Du, ich habe mich doch schon gestern gewundert, als ich meinte, französische Brocken in der Sprache zu hören. Ich dachte bisher, ich hätte mich nur getäuscht, aber wahrscheinlich sind durch die Besatzungsmacht viele französische Einflüsse in die Sprache eingegangen, wie zum Beispiel," sie deutet auf das Haus mit der Kölnischwasser-Fabrik, "Eau de Cologne oder auch Parapluie, das erste Wort, das mir hier französisch vorkam und dann habe ich die Worte Trottoir und Portemonnaie auch schon gehört, die deutschen Worte sind nämlich eigentlich Gehweg und Geldbörse. Außerdem ist mir aufgefallen, dass über sehr vielen Geschäften die Vornamen der Inhaber mir Jean angegeben sind und Jean ist ganz eindeutig und ganz sicher nicht deutsch."
Laura interessiert die Exkursion in die Merkwürdigkeiten der ihr trotz Mutters Bemühungen immer noch fremdgebliebenen Sprache herzlich wenig und so unterbricht sie deren Ausführungen mit dem Ausruf: "Dort drüben kann man Duftwasser kaufen!" Ihr Zeigefinger weist auf einen klitzekleinen Laden mit winzigem Fenster.
David wundert sich: "Das Haus ist aber schmal, da können bestimmt nicht mal drei Personen nebeneinander stehen."
Das ist dann zwar doch stark übertrieben, aber dadurch, dass das Gebäude drei Stockwerke hat, wirkt es noch schmaler, als es tatsächlich ist.
"Na gut!" Lord Edward steckt seine Uhr, die er vorsichtshalber zu Rate gezogen hat, wieder in die Westentasche und brummt: "Die Damen sollen ihr Eau de Cologne bekommen, wenn wir schon einmal hier in der Stadt sind. Aber dann sollten wir uns doch auf direktem Wege ins Hotel zurückbegeben, denn ich wollte mich vor meiner Veranstaltung noch ein wenig frisch machen."
Die Kinder lassen am heutigen Tage die Abendmahlzeit ausfallen, sie sind noch vom Kuchen pappsatt und zeigen auch keinerlei Interesse, den Vater zu seinem Vortrag zu begleiten.
David brennt darauf, seine vielen Eindrücke des Tages auf Papier festzuhalten und Sarah ist schlicht und ergreifend total geschafft und hundemüde. Auch Laura gähnt verhalten, denn zum einen ist sie auch ziemlich müde, und zum anderen langweilt sie sich bei den Vorträgen immer und so verlassen die drei Erwachsenen gegen halb acht Uhr das Hotel ohne den Nachwuchs.
Die Veranstaltung vor überwiegend studentischem Publikum, aber auch Menschen der unterschiedlichsten Schichten, wird ein voller Erfolg, trotz anfänglich sehr kritischer Stimmen, die die Werke des Autors als dekadent bezeichnen.
Carol läuft es eiskalt den Rücken hinunter, denn sofort erinnert sie sich der Zeitungsberichte über die vielen Bücherverbrennungen und sie fühlt eine beklemmende Angst in sich aufsteigen. Bisher waren die Deutschen alle sehr nett, aber da wusste ja noch niemand, wer die Familie ist.
Sie grübelt weiter vor sich hin, bis eine junge Stimme in sehr sachlichem Tonfall die anderen übertönt. "Sollten wir nicht erst einmal den Autor zu Wort kommen lassen? Wer von Euch hat denn überhaupt schon ein Buch von Lea Hamshire gelesen? Ich habe es getan, ich kenne mehrere seiner Werke und finde alle sehr unterhaltsam. Ich verstehe nicht, warum Romane immer tiefsinnig, hintergründig oder gar schwermütig sein sollen. Das ist nicht unbedingt mein Verständnis von Unterhaltung. Ich kann mich bei der Lektüre von Herrn Hamshires Werken wundervoll entspannen und Kraft für andere Aufgaben schöpfen. Sie alle werden mir, wenn vielleicht auch nur insgeheim," hier ist aus verschiedenen Reihen Gekicher zu hören, "recht geben, dass das oft hilfreicher sein kann, als die Lektüre hochgeistiger Ergüsse oder wissenschaftlicher Abhandlungen." Beifälliges Gemurmel hat diese kleine Rede begleitet und als der Sprecher endet, brandet Beifall auf.
Carols Augen suchen den Verfasser des positiven Plädoyers, der sie so unverwandt anstarrt, dass sie ihn schnell ausmachen kann. Die Frau runzelt die Stirn, irgendwie kommt ihr das Gesicht bekannt vor, dann fällt es ihr wie Schuppen von den Augen, der junge Mann ist dieser Rupert von Irgendwas, der Knabe, den die Familie auf der Überfahrt über den Kanal kennengelernt hat und der der Grund für Lauras ab und an so sehnsuchtsvolles Seufzen ist.
Nach zwei Stunden zerstreut sich die Versammlung, doch Lord Edward wird noch von Dutzenden Menschen mit der Bitte um ein Autogramm bestürmt. Viele haben nach Ruperts Worten den Mut gefunden, eines der Bücher des Lords aus der Tasche zu nehmen und bitten, eine kleine Widmung hineinzuschreiben.
Geduldig warten seine Frau und sein Verleger ab, bis er auch den letzten Wunsch erfüllt hat, da fühlt sich Carol vorsichtig am Ärmel gezogen und merkt gleichzeitig, dass sie leise angesprochen wird.
"Einen wunderschönen guten Abend, gnädige Frau!" Der junge Mann von der Fähre steht vor ihr und verbeugt sich. Carol lächelt: "Herr von Schön..., oh, Sie müssen entschuldigen, ich tue mich recht schwer mit deutschen Namen."
"Von Schöneich, Mylady, aber Sie dürfen gerne Rupert zu mir sagen."
"Das fällt mir sicherlich ein klein wenig leichter, Rupert. Was machen Sie denn hier?"
"Das was alle anderen auch machen, einem interessanten Buchautor das Ohr leihen."
"Aber irgendwie machen Sie keinen vollkommen zufriedenen Eindruck, alle anderen wirken entspannter."
Der junge Mann wird blutrot bis hinter die Ohren, dann gesteht er unverhohlen: "Ich hatte gehofft, ihr reizendes Fräulein Tochter anzutreffen. Ich muss seit er Überfahrt über den Kanal ununterbrochen an sie denken. Ich habe noch niemals solche starken Gefühle für jemanden empfunden."
"Oh, oh," Carol schmunzelt, "das klingt ja fast so, als hätten Sie sich verliebt."
Der Teint des Jungen wird noch ein wenig dunkler, er senkt den Blick und gesteht: "Das stimmt leider, gnädige Frau. Laura ist so bezaubernd, so hinreißend, so süß, mir zerspringt das Herz bei dem Gedanken an sie."
"Das wäre eine sicherlich bezaubernde Liebeserklärung und für Sie beide wundervoll, Herr von Schöneich, wenn meine Laura etwas älter wäre, aber sie ist noch ein Kind. Sie wird im Juli erst fünfzehn. Sie müssen also verstehen, dass ich ihren Schwärmereien ein wenig skeptisch gegenüber stehen muss." Carols Tonfall ist sehr sachlich.
Rupert macht ein unglückliches Gesicht, die Mutter seiner Angebeteten nennt ihn nicht mehr beim Vornamen, obwohl er es Ihr doch angeboten hat. Er nickt verzagt: "Ich verstehe Ihre Vorbehalte, gnädige Frau, wer bin ich denn schon? Ein kleiner Student."
"Darum geht es nicht, mein lieber Junge. Ich habe keine Vorbehalte gegen Sie, ich finde nur, dass meine Tochter noch zu jung ist. Zu jung für eine Beziehung, die über eine freundschaftliche hinausgeht."
"Dann, dann hätten Sie also nichts dagegen, wenn ich Fräulein Laura noch einmal treffen würde?"
Nun kann sich Carol ein Grinsen nicht mehr verkneifen. "Solange Sie sich anständig benehmen!" Ihr Gesicht bekommt den Ausdruck einer Katze die der Maus vorgaukelt, sie sei die harmloseste Vegetarierin der Welt. "Ich habe in dem Alter selbst ganz dumme Erfahrungen gemacht und möchte dies meinen Kindern natürlich ersparen."
Jetzt wird ihr Lächeln wieder herzlich, denn plötzlich hat sie eine Idee, denn immerhin sind ja ein paar Leute dabei, die schon auf Lauras Tugend achten werden, außerdem hofft sie auf Ruperts Anständigkeit, als sie leise flüstert: "Ich weiß ja nicht, wie viel Sie im Augenblick zu tun haben ..."
"Ich habe alle Zeit der Welt, ich habe Ferien, gnädige Frau!", unterbricht der Junge ihre ausgesprochenen Gedankengänge.
"Fein," Carol lächelt nun etwas süffisant, "ich stehe hier in Köln völlig auf der Leitung, was die Sprache betrifft. Ich komme mir total dämlich vor, ich verstehe nämlich so gut wie nichts von dem, was die Leute mir erzählen."
Der junge Mann lacht auf: "Das glaube ich gerne, der rheinische Dialekt ist schwer zu verstehen, damit haben selbst Norddeutsche oder Bayern große Probleme." Er macht eine kleine Pause, die Carol zu der Bemerkung nutzt: "Das habe ich mittlerweile schon mehrfach gehört.", und wagt den Vorschlag. "Darf ich mich Ihnen als Dolmetscher zur Verfügung stellen?"
"Das wäre echt großartig, junger Mann und Laura wäre bestimmt selig!" Carol beißt sich belustigt auf die Unterlippe, denn Rupert reißt ungläubig die Augen auf. "Heißt das etwa, dass Fräulein Laura auch etwas für mich empfindet?"
Die Rothaarige zuckt mit den Achseln. "Es scheint fast so. Wenn der Blick eines jungen Mädchen immer wieder träumerisch in die Ferne schweift, ist meistens ein junger Mann daran schuld."
Ruperts Miene erhellt sich und dann strahlt er, heller als die Sonne im Hochsommer, während Carol ihn nachdenklich mustert: "Wo bleiben Sie heute nacht? Oder können Sie nach Hause fahren?"
Ein wenig betrübt schüttelt er den Kopf. "Das schaffe ich leider nicht mehr, der letzte Zug ist schon weg, aber ich werde schon etwas finden, wo ich unterkommen kann. Meine alten Herrschaften wissen, dass ich nicht nach Hause komme."
"Und das nehmen die einfach so hin?
Der Junge lacht. "Seit ich im November einundzwanzig geworden bin, bleibt ihnen wohl nichts anderes mehr übrig. Außerdem seit ich im Ausland studiere, bin ich sowieso viel eigenständiger geworden."
"Nun gut, wenn das denn so ist. Aber ich möchte nicht, dass Sie irgendwo nächtigen. Am besten wird es sein, wenn Sie mit in unser Hotel kommen."
Abwehrend hebt der Knabe die Hände. "Tut mir leid, ich bin nur ein armer Student. Das kann ich mir leider nicht leisten."
Jetzt winkt Carol energisch ab: "Papperlapapp, das regeln wir schon." Sie klacht verschmitzt. "Außerdem, was glauben Sie, wie gespannt ich auf Lauras Gesicht bin, wenn Sie morgen beim Frühstück auftauchen."
Lauras Gesicht ist in der Tat sehenswert, es spiegelt die ganze Palette menschlicher Regungen wieder, von fassungslosem Erstaunen, über Ungläubigkeit bis zu seligstem Glück ist alles vertreten. Und auch dem jungen Mann ist seine Freude über das von ihm zwar provozierte, aber doch so freudige Wiedersehen deutlich anzusehen.
Die Erwachsenen lassen die beiden jungen Menschen gewähren, denn der junge Mann erweist sich in den folgenden drei Tagen als charmanter, zurückhaltender Freund Lauras, als hervorragender, angenehmer Gesellschafter und vor allen Dingen als sehr kundiger Führer. Er kennt versteckte Winkel, malerische Plätze, die schönsten und ältesten Kirchen, bedeutende Lokale und die lohnenswertesten Geschäfte. Man merkt ihm an, dass er seine Stadt liebt, auch wenn er selber kein Kölner ist, aber Brühl ist gar nicht so weit entfernt, versichert er immer wieder und mit der Vorgebirgsbahn rasch und bequem zu erreichen. Auch die Eisenbahn hält im Brühler Bahnhof an und so sind die beiden Städte für ihn eng verbunden.
Immer wieder betont er in den Tagen des Zusammenseins mit den Amerikanern, wie sehr ihn deren Gesellschaft erfreut, doch mehr wie einmal gesteht er auch, dass er es enorm bedauert, dass keine Zeit mehr für einen Besuch in Brühl bei seinen Eltern bleibt. Zu gerne hätte er seine Freundin und deren herzliche Familie daheim vorgestellt.
Als die Stunde des Abschieds naht, erklärt er: "Ich fahre bis Brühl mit Ihnen mit, dann bleibt mir noch ein wenig mehr Zeit mit meiner verehrten Laura."
Carol schüttelt unmerklich den Kopf, doch sie hat Verständnis für die Bedürfnisse der beiden jungen Menschen, deren zartkeimendes Pflänzchen der ersten Liebe durch die leider unumgängliche Trennung jäh wieder zertreten wird, hat sie selber in dem Alter doch ständig die Nähe des von ihr so sehr geliebten Indianers gesucht und sie winkt Thurman zu sich. "Wie eng ist unser Zeitplan?" will sie von dem jungen Engländer wissen. "Bleibt uns noch ein wenig Zeit für einen kurzen Aufenthalt in Brühl?"
Der junge Mann kratzt sich am Kopf, zuckt mit den Schultern und eilt zu einem Fahrkartenschalter.
Wenig später erscheint er mit geheimnisvoller Miene und tuschelt mit der Frau, die ihm mit strahlenden Augen zuhört und leise haucht: "Hach, das gibt eine Überraschung."
Hier will ich meinen Einblick in das Leben einer bemerkenswerten Frau beenden, denn sonst wird es keine Geschichte, sondern ein ganzer Roman. Ich schlage Carols Tagebuch zu, aber sicher nicht für lange, denn ich fühle mich in ihrer Gesellschaft immer so wohl, dass ich sicherlich bald wieder eines ihrer Abenteuer nachlesen werde.


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Eingereicht am 06. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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