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Dez
01
Im Reich der Sinne
© Christian Heynk

Mangold entsprach, was seine Beziehung zur neunzehnjährigen Rhea anging, nur in einem Punkt nicht dem Klischee: Er hatte keine Ehefrau in den Wechseljahren und keine heranwachsenden Kinder verlassen müssen, um mit Rhea zusammen zu sein. Er hatte keine Familie gehabt, die er hätte im Stich lassen können. In allem anderen aber war Mangold genau so, wie man sich einen alternden Universitätsprofessor, der junge Frauen verführt, vorstellte. Er war mittelgroß, von leicht fülliger, aber dennoch recht fester Figur, trug gerne lange Mäntel und darunter eine Kleidung, die für sein Alter etwas zu jugendlich war. Er hatte graumeliertes Haar, wache Augen, einen scharfen Verstand und einen Sprachduktus, mit dem er nicht nur seine ihm hörigen Studenten sondern auch seine alteingesessenen und ebenbürtig verlebten Kollegen zu beeindrucken wusste. An der Universität war er eine der wenigen Koryphäen, für die sich die akademischen Räte (die sonst das schmale Finanzbudget der alma mater verteidigten, als wäre es ihr eigenes Geld) großzügig, ja fast schon verschwenderisch zeigten. Mangold genoss diesen Status, aber gleichzeitig war ihm auch bewusst, dass er nur an einer kleinen Universität zu den ganz Großen zählte. Lieber wäre es ihm da noch gewesen, an einer der großen Universitäten zu den Kleinen zu gehören.

Auf seiner Fahrt nach Hause dachte Mangold an Rhea, die er abends zuvor zum ersten Mal nackt gesehen hatte. Allein in Gedanken an diesen nackten Körper kam es Mangold vor, als trinke er von eben dem Jungbrunnen, nach dem er schon solange verzweifelt suchte. Und in Gedanken erlebte er die Situation noch einmal nach: Er und Rhea waren nach einem Abend im Theater zu ihm nach Hause gegangen, hatten einen Kaffee getrunken, als sie ihn plötzlich, aus heiterem Himmel, gefragt hatte, ob er sie nackt sehen wolle. Ungeachtet der Abgebrühtheit, die Mangold sich in den siebenundfünfzig Jahren seines ereignisreichen Lebens erworben hatte, war seine Antwort mehr ein verlegenes Krächzen als ein festes, bestimmtes, wohlwollendes und erfreutes Sprechen gewesen. Aber er hatte Ja gesagt. Rhea war daraufhin ins Wohnzimmer gelaufen, hatte das Licht gedimmt und sich so vor der Couch und auf dem Perserteppich positioniert, dass Mangold vom Küchentisch aus freien Blick auf ihren Körper hatte. Dann hatte sie in einer Mischung aus Verlegenheit und Koketterie zuerst ihren schwarzen Pullover ausgezogen und Mangold damit zum ersten Mal einen Blick auf ihren nackten Oberkörper gewährt. Ihre Haut hatte golden im Schein der Wohnzimmerlampe geschimmert, und das Muskelspiel ihrer Schulterblätter, die Mangold zu sehen bekam, als sie sich lasziv und unbeholfen zugleich um ihre eigene Achse drehte, hatte dunkle Schatten über ihren eleganten Rücken geworfen. Dann hatte sie noch etwas scheu am Büstenhalter zu nesteln begonnen, ihn schließlich geöffnet und alsbald auf den Boden fallen lassen. Die Arme vor der Brust verschränkt, hatte sie sich für ein paar Momente im Takt einer offensichtlich imaginären Musik gewiegt, dabei träumerisch die Augen verschlossen, und diesen Moment alleine erlebt, so, als wäre Mangold nicht in der Küche gewesen. Letztendlich hatte Rhea ihre schwarze Hose geöffnet, sie langsam über die Hüfte gestreift und dann fallen gelassen. Das gleiche Prozedere hatte sie mit dem darunter liegenden Höschen vollführt. Schließlich, die Oberschenkel aneinander geschmiegt, ihren Busen und ihre Scham mit ihren Händen bedeckend, hatte sie da gestanden, verlangend und doch leicht erschüttert über ihren eigenen Mut. Mangold hatte Mühe gehabt, seinen Augen zu trauen. Mit jedem Kleidungsstück, das Rhea ihm zuliebe ausgezogen hatte, war sein Atem schwerer geworden. Sich an ihr rötliches Haar und die pigmentlose Haut erinnernd, glaubte Mangold nun, der Geburt der Venus beigewohnt zu haben. In seinen Lackschuhen, der schwarzen Stoffhose und dem schwarzen Rollkragenpullover war Mangold langsam auf Rhea zu gegangen. Als er bei ihr angekommen war und sie ihn hilflos und scheu angeguckt hatte, musste es angefangen haben. Als er ihre Haut berührte, hatte ein Beben eingesetzt, das zunächst tief aus seinem Innern gekommen war, und das Mangold selbst jetzt, vierundzwanzig Stunden nach seiner Berührung, noch immer spürte. Er hatte Rheas Haut berührt und war der festen Überzeugung, nie in seinem Leben etwas so Kostbares angefasst zu haben.

*

Rhea lag weinend im Bett. Im Wust der Laken und im Wust ihrer Gedanken verlor sie Tränen, die an den Hügeln ihrer roten Wangen abperlten, und auf das Spannbetttuch fielen. Seit gestern Nacht hatte sie kein Auge zugetan. Immer wieder kehrten ihre Gedanken an den Ort zurück, an dem sie tags zuvor ihre Unschuld verloren hatte. Immer wieder dachte sie an den Moment, als Alexander sie berührt hatte, an den Moment, als ihr sein Zittern aufgefallen war, von dem sie zuerst gedacht hatte, es sei ihres. Unablässig erinnerte sie sich an den Moment, als sie ihm den schwarzen Rollkragenpullover über den Kopf gezogen hatte und darunter seine freie Brust zum Vorschein gekommen war. Sie war nicht so verträumt gewesen, dass sie darunter einen kräftigen Waschbrettbauch und eine stolze Brust erwartet hätte, aber doch verträumt genug, um das Bild, das sie sich von seinem nackten Oberkörper gemacht hatte, revidieren zu müssen. Es war kein Ekel, der über sie gekommen war, als sie ihn berührt hatte, aber auch kein Gefühl der Erregung. Es war eher ein Gemisch aus Überwindung und Neugier gewesen, das sie dazu bewogen hatte, ihn anzufassen. Aber im Angesicht all dessen, was danach passiert war, stand eine Sache für Rhea unerschütterlich fest: In der letzten Nacht mit Alexander war neben dem Gefühl der grenzenlosen Liebe ein neues Gefühl aufgetaucht. Ein Gefühl, das sich in den letzten vierundzwanzig Stunden immer mehr in den Vordergrund gedrängt hatte, und welches innerhalb der letzten Stunde so vehement hervor getreten war, dass Rhea schon längst aufgegeben hatte, dagegen anzukämpfen. Das Gefühl, das sie hatte, ließ sich, wenn man einmal davon absieht, dass es für die meisten Gefühle kein wirklich treffendes Wort gibt, noch am ehesten so definieren: Ernüchterung.

Rhea musste zur Arbeit. Es blieb keine Zeit, die in ihrem Kopf umherjagenden Gedanken einzufangen und zu strukturieren. Vorläufig musste sie sich damit begnügen, keine Gewalt über ihren Kopf zu haben, und sich mit der über ihren Körper zufrieden geben. Sie lief aus ihrer Wohnung in der Rathausgasse in Richtung Ring, wo sie einen Bus der Linie 16 ins Stadtzentrum nehmen musste. Dort würde sie in dem Gebäude verschwinden, in dem das Café Schwartz untergebracht war, um für insgesamt acht Stunden Latte Machiatto, Café Crème, Espresso, Eiskaffee und Capuccino zu verkaufen. In der Hektik des Treibens, das wusste Rhea, würde sie nicht dazu kommen, Entscheidungen zu treffen. Sie musste arbeiten, und während der Arbeit alle persönlichen Gedanken in den Hinterkopf verbannen, zumindest solange, bis sie wieder genug Muße hatte, um sich ernsthaft mit ihren Gefühlen gegenüber Alexander Mangold zu beschäftigen.

*

Anfangs hatte Mangold geglaubt, es wäre einfacher, ein junges Mädchen zu verführen als eine gleichaltrige Frau. Und zunächst war es auch so gewesen. Rhea hatte an seinen Lippen gehangen, als er begonnen hatte, von seinem Freund Rudi zu reden, der, wie er nachher in einem Nebensatz hatte fallen lassen, tatsächlich ‚der Rudi Dutschke' war. Es hatte Rhea umgeworfen, als er ihr gestanden hatte, eine kurze Affäre mit Dutschkes damaliger Freundin gehabt zu haben, noch bevor Dutschke sich schließlich für das amerikanische Mädchen, Gretchen, entschieden hatte. Auch seine Rebellion gegen den Vater, der im Zweiten Weltkrieg Mitglied der Totenkopf SS gewesen war, hatte Rhea imponiert. Mangold hatte gemerkt, dass er für Rhea nicht nur ein Mann in den Fünfzigern, sondern ein Stück Zeitgeschichte war. Das Problem war nur, und Mangold hatte das ziemlich schnell erkannt, dass Rhea sofort desinteressiert wirkte, wenn er etwas Banales erzählte. Ständig wollte sie spannende Geschichten hören, Geschichten vom Kalten Krieg, vom Leben an der Mauer, vom Leben in der Kommune, vom Deutschen Herbst. Und immer sollte Mangold persönlich involviert sein. Es war schließlich soweit gegangen, dass Mangold Geschichten erfunden hatte. Plötzlich war er derjenige gewesen, der Jan-Carl Raspe mit der Wohnung und der Walther PPK für die Schleyer Entführung versorgt hatte, ohne natürlich von der Entführung gewusst zu haben. Plötzlich war er einer der Mittelsmänner der APO gewesen, hatte auch mit Joschka Fischer in der Frankfurter Spontiszene gekämpft, und dem Revolutionären Kampf angehört. All diese Geschichten waren schon so haarsträubend und teilweise widersprüchlich gewesen, dass Mangold selber nicht mehr wusste, was er davon nun wirklich erlebt und was er dazu erfunden hatte. Eines Abends hatte Rhea ihn schließlich gefragt, ob er Kontakte zur dritten Generation der RAF hätte, und ob er sie mit einigen von ihnen bekannt machen könnte. "Das Projekt ist beendet", hatte Mangold gesagt, "die Stadtguerilla in Form der RAF existiert nicht mehr. Die Mitglieder sind abgetaucht. Ich kenne keinen von ihnen". Rhea hatte sich damit zufrieden gegeben, ihn aber zum ersten Mal spöttisch angesehen.

Die Orientierungslosigkeit der jungen Rhea war für Mangold ein großes Problem geworden. Er spürte innerlich den Druck, ihr eine Richtung, vielleicht sogar ein Ziel, vorzugeben. Rhea schien ihn für jemanden zu halten, der ‚es geschafft hatte', was auch immer das in ihren Augen bedeuten mochte. Und Mangold traute sich nicht, ihr zu sagen, dass er selbst jetzt, mit siebenundfünfzig Jahren, immer noch ein Suchender war. Wenn er den Satz so vor sich hin sagte, kam er ihm lächerlich vor, er kam ihm vor wie das Pseudo-Geblubber eines alternden Hippies, der glaubte, dass man, um eine junge Frau zu erobern, nichts weiter tun müsse, als eine von Weltschmerz geprägte und vom Leben gezeichnete Miene aufzusetzen und zu sagen: "Ich bin ein Suchender". Mangold fühlte sich leicht überfordert von Rhea, die unterschwellig von ihm zu erwarten schien, auf alle großen Fragen des Lebens eine Antwort zu wissen, oder zumindest doch eine Methode, die zur Beantwortung dieser Frage führen würde. Einmal hatte sie ihn gefragt, ob das Leben die Kunst, oder die Kunst das Leben imitiere. "Ich weiß es nicht", hatte er geantwortet. Er wusste es wirklich nicht.

*

Spät in der Nacht kam Rhea von ihrer Schicht nach Hause. Die undefinierbare Angst, die sie für gewöhnlich angesichts der gespenstischen Leere ihrer Zweizimmerwohnung überkam, blieb jetzt, wahrscheinlich weil sie zu erschöpft war, aus. Sie entledigte sich ihrer Jacke, löste das Haar und zog die Schuhe aus. In der Küche machte sie sich im Schein der Glühbirne, die schmucklos an einem Kabel von der Decke herab hing, einen Kaffee. Was tun, dachte sie, was tun. Ich habe mich in einen alten Mann verliebt, den ich anfangs für meinen Erlöser hielt, bis mir gestern aufging, dass er auch nur ein Mensch ist. Kann ich ihm dieses Menschsein zum Vorwurf machen? Nein. Eher muss ich mir die Schuld geben, dass ich mich so habe blenden lassen von meiner eigenen Phantasie. Entgegen aller Vorbehalte, die sie gegenüber Alexander Mangolds Alter gehabt hatte, und trotz aller Vorurteile, die ein so großer Altersunterschied zwischen zwei Liebenden mit sich brachte, hatte sie sich auf ihn eingelassen. Sie hatte sich auf seine warme, sonore Stimme eingelassen, auf seinen wissenden, aber doch liebevollen Blick, auf seine zarten Hände und auf sein graumeliertes Haar. Was immer sie suchte, ob es nun Geborgenheit, Schutz, Unterricht, Abenteuer, Sinnlichkeit oder einfach Entspannung war, sie hatte geglaubt, es bei ihm, und nur bei ihm finden zu können. Sie hatte geglaubt, durch die Erzählungen aus seinem Leben ein Stück Weisheit zu erlangen, eine Abgeklärtheit und einen Weitblick, den sie selbst noch nicht hatte. Sie war stolz gewesen, dass Alexander sie nicht wie eine junge, unerfahrene Göre behandelte, die von nichts eine Ahnung hatte, sondern wie eine junge Frau, die Potential hatte, dieses aber ihres jungen Alters wegen noch nicht hatte entfalten können. Wenn sie von ihren Zukunftsträumen erzählte, sagte er nie, wie schwer der Weg, der vor ihr lag, werden würde. Nein, er hatte gesagt, er spüre eine Kraft ihn ihr, die sie zu allem befähigen könnte. Er hatte das in einem so ernsten und sachlichen Ton gesagt, dass Rhea angefangen hatte, daran zu glauben. Sie hatte angefangen, an diese Kraft zu glauben, und begonnen, den banalen, zähen und zermürbenden Alltag, den die Arbeit in einem Cafè mit sich brachte, zu vergessen.

Aber jetzt, wo die die Dinge konkret wurden, verließ sie ihre Phantasie. Mit den ersten Körperlichkeiten war alles banaler geworden. Mit den ersten Körperlichkeiten war Rhea jeder Möglichkeit beraubt worden, ihre Liebe zu Alexander als ein ätherisches Faszinosum zu verstehen, als etwas, das größer war als sie selbst. Jetzt kamen ihr die Berührungen, die sie gestern Nacht mit Alexander ausgetauscht hatte, nicht wesentlich erotischer vor als die Berührungen des Geschirrs, das sie gerade unter dem heißen, schaumigen Wasser in der Spüle wusch. Jetzt war Alexander Mangold nicht mehr der Mangold, den die Studenten der Universität wie einen kleinen Propheten oder Messias verehrten. Nein, jetzt war Mangold der Mangold mit Problemzonen, Brustbehaarung und geschmacklosen Boxershorts. Dabei fragte sich Rhea, was sie von ihm erwartet hatte. Wie konnte sie ihm die Schuld daran geben, dass sein Körper nicht dem reifen Alabasterkörper entsprach, den sie sich in ihren Träumen ausgemalt hatte? Wie konnte sie ihm die Schuld daran geben, dass ihre letzte Nacht nicht ein explosives Feuerwerk orgastischer Gefühle sondern einfacher, unbeholfener Sex gewesen war? Sie konnte es nicht. Jetzt, im Nachhinein, schämte sich Rhea fast ihrer Erwartungen. Sie hatte geglaubt, nach dem Beischlaf mit Alexander Mangold in einem goldenen, von sechs rassigen Araberhengsten gezogenen Streitwagen gen Himmel empor zu steigen, begleitet von einer Schar Erzengel, die ihnen den Weg ins verloren geglaubte Paradies wiesen. Stattdessen hatte Alexander Mangold seine graue, zerfranste Boxershorts wieder über die altersschwachen Lenden gezogen und gesagt: "Das üben wir noch".

*

Das üben wir noch. Mangold wusste, dass er das nicht hätte sagen dürfen. Er hatte Rhea mit dem Gefühl zurück gelassen, sie wäre nur ein Mädchen, an dem er seine schwächer gewordene, aber immer noch aktive Libido abreagieren konnte. Und so hatte Rhea dann auch geguckt. Auch schämte Mangold sich jetzt seiner Worte und Taten. Er kam sich vor wie der Zerstörer eines Kunstwerks. Wie jemand, der nachts in den Louvre einbrach, und mit einem großen Vorschlaghammer die Nike von Samothrake zerstörte. Ein Kunstwerk, das man unter keinen Umständen berühren sondern nur betrachten sollte. Ein Kunstwerk, geschaffen und ersonnen für die reine Kontemplation und nicht für die Penetration.

Aber jetzt war es zu spät. Was immer Mangold getan hatte, es ließ sich nicht rückgängig machen. Rhea war von nun an keine Jungfrau mehr. Alle Illusionen, Träume, Phantasien und vielleicht auch Hoffnungen, die sie bis dato gehabt haben mochte, waren nun angekratzt. Mangold wünschte sich nichts sehnlicher als Wiedergutmachung. Er war plötzlich von dem Willen beseelt, Rhea wieder zu dem unbefleckten, jungen und reinen Mädchen zu machen, das sie einst gewesen war. Aber wie?

Vorläufig hatte er keine Zeit, sich Gedanken über die Form der Kompensation zu machen. Er musste seine Vorlesung planen, und das für die nächste Seminarsitzung zu verwendende Material sichten. Er hatte geplant, Vorlesung und Seminar aufeinander abzustimmen, und in beiden das Hauptwerk der Kamakura-Muromachi Periode, namentlich das Heike monogatari, das Buch über die Geschichte des Hauses Taira, eingehender mit den Studenten zu besprechen. Er wollte dabei auch zum ersten Mal Vermutungen über die Urheberschaft des Textes anstellen, und mit den Studenten die Stringenz seiner Vermutungen kritisch hinterleuchten. Um seine These zu untermauern, würde er auch einige Primärquellen des Priesters Kamo no Ch?mei, der nur acht Jahre zuvor das H?j?ki ( Aufzeichnungen aus zehn Fuß im Geviert) geschrieben hatte, mit einbeziehen. Er hatte ein paar Textstellen vorbereitet, in denen der Priester explizit die Nichtigkeit der Welt geißelte und gleichzeitig die Tugenden buddhistischer Meditation pries. Die deutsche Übersetzung von einem Kollegen aus Berlin hielt er für wenig gelungen, und so nahm er einige Änderungen an ihr vor. Er glaubte, damit der Poesie dieser fast achthundert Jahre alten Prosa ihren Tribut zu zollen, und er fand, dass seine Änderungen dem elegischen Charakter des Werks Rechnung trugen. Es ging ihm nicht darum, die Arbeit seines Kollegen schlecht zu machen, es ging ihm vielmehr darum, die oft umständlichen, wenn auch akkuraten Übersetzungen in ein studentenfreundlicheres Deutsch zu transkribieren. Er arbeitete bis spät in die Nacht, auch deshalb, weil er sich so den Kopf ein wenig von Rhea freihalten konnte. Erst als er zu Bett ging, überfielen ihn wieder die Gedanken an das junge, nackte Mädchen, das er tags zuvor noch in seinen Armen gehalten hatte. Jetzt, um kurz nach Mitternacht, beschämte ihn wieder der Gedanke, etwas Kostbares aus reiner Selbstsucht zerstört zu haben.

*

Nach einer guten Nacht wachte Rhea morgens um zehn Uhr auf. Sie blieb eine lange Weile im Bett liegen und rauchte zum ersten Mal eine Zigarette in ihrer Wohnung. Noch immer hing sie in Gedanken dieser einen Nacht nach, die sie, wie man so sagt, zur Frau gemacht hatte. Sie konnte sich nicht helfen, aber sie fühlte sich mehr und mehr wie ein Opfer, das sich nach außen willig, nach innen aber nur mit dem größten Widerwillen auf dem Altar der Liebe dargeboten hatte. Sie merkte, wie sie sich immer stärker einzureden versuchte, es sei Alexander gewesen, der sie verführt hatte, und nicht umgekehrt. Sie erklärte sich ihre laszive Koketterie des besagten Abends so, dass sie aus lauter Minderwertigkeitsgefühl gegenüber dem großen Alexander Mangold auch einmal das Verlangen gehabt habe, das Heft in die Hand zu nehmen. Bisher war es immer Alexander gewesen, der Entscheidungen getroffen, der ihr vom Leben erzählt und der sie wortwörtlich wie im übertragenen Sinne bei der Hand genommen hatte. Und Rhea hatte an jenem Abend erkannt, dass der einzige Bereich, in dem sie Mangold überlegen war, der körperliche Bereich war. Sie wusste, dass ihre junge, straffe, glatte und makellose Haut, kurz, ihr junger und schöner Körper, der einzige Joker war, den sie im Spiel mit Alexander hervorzaubern konnte. In allem war er ihr überlegen: Er war souveräner, intelligenter, reicher, besonnener, humorvoller und erfahrener, aber nicht, und das schien Rheas einziger Trumpf, jünger als sie. Erst nach einigen Treffen mit Alexander hatte sie gemerkt, dass er sie um ihre jugendlichen Probleme fast beneidete. Er beneidete sie um das Leben, das sie noch vor sich hatte, um die Erfahrungen, die sie noch machen würde, und auch um die Möglichkeiten, die sie nun aufgrund der Moderne hatte. "Als ich in deinem Alter war", hatte Alexander gesagt, "musste man erst Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ins Ausland zu gelangen. Heute", fuhr er fort, "legt ihr fünfzig Euro auf den Tisch, springt in den Flieger, und fliegt hin, wo immer ihr wollt."

Schon am Nachmittag ließ Rhea zum ersten Mal den Gedanken Raum greifen, Alexander zu verlassen. In einem gewissen Sinne fürchtete sie sich sogar vor dem Moment, da sie ihm wieder in die Augen blicken müsste. Sie fürchtete sich vor der Intimität, der Größe dieses Blicks, weil er so viele Dinge, die zwischen Alexander und ihr standen, mit einschloss. Durch die Geschehnisse des vorgestrigen Abends hatte dieser Blick zwischen ihnen jegliche Unbekümmertheit verloren; er war nun beladen mit Fragen, Anspielungen, Missverständnissen und aufgesetzten Zärtlichkeiten. Rhea fürchtete ebenso, nicht die Kraft zu besitzen, mit Alexander Schluss zu machen. Sie hatte keine Ahnung, wie sie die schlagartige Veränderung ihrer Gefühle zu ihm plausibel machen sollte. Dabei lag die Wahrheit auf der Hand: Sie hatte ihn geliebt, abgöttisch geliebt für das, was er repräsentierte, und diese Liebe hatte sich in ihr Gegenteil verkehrt, als sie mit ihm geschlafen, ja, hinter die Fassade des Symbols ‚Mangold' gesehen und den Menschen dahinter entdeckt hatte. Du bist kein Gott, Alexander, dachte Rhea traurig. Du bist doch nicht der Gott, für den ich dich hielt, du bist nur Alexander Mangold, wohnhaft Südwall 26, Doktor der Japanologie. Du bist nicht größer als du selbst, genauso wenig wie ich. Aber um größer zu werden als ich selbst, brauche ich jemanden, der dieser Welt erhaben ist. Jemand anderen als dich, Alexander.

*

Die Vorlesung war, entgegen Mangolds Erwartungen, nicht gut verlaufen. Die Studenten hatten in der Annahme, er würde in der Besprechung der japanischen Literatur chronologisch vorgehen, sich intensiv auf die Yamato Periode vorbereitet, weshalb sie ihn nur verständnislos angeguckt hatten, als er ihnen einige grundlegende Fragen zur Kamakura-Muromachi Periode stellen wollte. Ein Student war darüber hinaus so dreist gewesen, ihn zu fragen, ob er seinen Lehrplan nicht ändern, und mit der Besprechung des um 712 verfassten Kojiki (Berichte über Begebenheiten im Altertum) beginnen könne. Mangold hatte darüber ein wenig die Fassung verloren und schärfer geantwortet als beabsichtigt. Das hatte zu einer gereizten Atmosphäre geführt, die dann über die gesamte Länge der Vorlesung zwischen ihm und den Studenten fortbestanden hatte. Als Zugeständnis an die Studenten hatte Mangold schließlich für zehn Minuten das Many?-Sh? (Zehntausend-Blätter Sammlung) vorgestellt, was manche der Studenten wie einen Sieg auf ganzer Linie empfanden. Mangold ließ ihnen dieses Triumphgefühl, und fuhr dann nach der Vorlesung beinahe schon überstürzt nach Hause.

Die Ehrverletzung, die Mangold an Rhea begangen zu haben glaubte, verdrängte die berufliche Unpässlichkeit. Immer noch und immer mehr nagte sein Schuldgefühl an ihm. Ich hätte nicht mit ihr schlafen sollen. Ich hätte nicht mit ihr schlafen sollen. Unablässig steigerte Mangold sich in die Idee hinein, Schande auf sich, vor allem aber auf Rhea geladen zu haben und für diese Schande irgendeine Buße tun zu müssen. Er nahm sich fest vor, Rhea anzurufen, sobald er zu Hause angekommen war. Mehr als dreißig Stunden waren seit ihrem letzten, verhängnisvollen Aufeinandertreffen vergangen, und seitdem hatte er kein Lebenszeichen ihrerseits vernommen. Er überlegte, ob es besser wäre, ihr noch ein wenig Zeit zu lassen, oder ob sie vielleicht in diesem Moment in ihrer Wohnung saß, und auf seinen Anruf wartete. Tatsache war, dass es einiges zu besprechen gab und dass es umso schwerer werden würde, diese Dinge in aller Ruhe anzugehen, je mehr Zeit verging. Denn Zeit schafft, manchmal schneller als man denkt, eine unüberbrückbare Distanz zwischen zwei Menschen, die einst voneinander geglaubt hatten, ohne den anderen nicht leben zu können. Für Mangold war Rhea noch immer das zarteste, zerbrechlichste und zögerlichste Geschöpf, dem er je begegnet war. Vor seinem inneren Auge projizierte sich das Bild ihres delikaten Gesichts, es brannte sich in ihm fest und wurde zu einer unauslöschlichen Erinnerung, die ihn ständig an seinen größten Fehler erinnerte. Ach, Rhea, dachte Mangold, sag mir, was ich tun soll, und ich tu's. Es tut mir so Leid, es tut mir so leid.

Er atmete tief durch und griff dann zum Telefonhörer. Die Nummer kannte er auswendig; sie war am Anfang ihrer Beziehung für ihn wie ein Code gewesen, mit dem er eine Tür aufschließen konnte, die ihn in eine Welt fernab jeglicher weltlicher Gegebenheiten entführte, in eine Welt, wo es nur noch ihn und Rhea gegeben hatte, niemanden sonst. Nun aber hatte er Angst, dass ihm diese Tür für immer versperrt bleiben, und dass jegliche Hoffnung auf Erlösung sich für immer verflüchtigen könnte.

Doch dann hörte er, wie am anderen Ende der Leitung der Hörer abgenommen wurde. Noch ehe Rhea ihren Namen sagen konnte, begann Mangold zu zittern.

*

Er rief sie an. Und das Erstaunlichste ist, dass Rhea, noch bevor sie ihre eigene Nervosität und Aufgeregtheit fühlt, die Fahrigkeit und Angespanntheit Alexanders spürt. Noch bevor er auch nur ein Wort sagen kann, wird sie sich der Tatsache bewusst, dass er nervlich angeknackst ist. Und diese Schwäche gibt ihr Kraft. Sie hat zum ersten Mal in einem Gespräch mit Alexander Mangold das Gefühl, oben auf zu sein, die Stärkere zu sein. Und sie findet Gefallen daran, ihn das spüren zu lassen. Sie antwortet auf alle seine Fragen knapp und klar, und lässt auch nicht den Anschein einer einzigen Verlegenheit erkennen. Bald darauf merkt sie, dass Alexanders Ansinnen darauf hinaus läuft, sich wieder mit ihr zu treffen. In der Formulierung seiner Bitte nimmt er dabei einen so devoten, ja fast mitleiderregenden Ton an, dass Rhea ihn nun für seine Schwäche zu hassen beginnt. Sie lehnt den ersten von ihm vorgeschlagenen Termin unter einem fadenscheinigen Grund ab, und nimmt den zweiten nur zögerlich und mit Widerwillen in der Stimme an. Als sie beide aufgelegt haben, steht Rhea noch für eine Weile sinnierend über dem Telefonapparat, starrt ihn etwas stumpfsinnig an, und geht dann zurück in ihr Zimmer.

Sie würde ihn verlassen, dazu war sie nun fest entschlossen. Sie würde ihn verlassen, und sich das nächste Mal in einen gleichaltrigen Jungen verlieben. Je länger sie darüber nachdachte, desto sicherer wurde sie, dass dies die richtige Entscheidung war. Überhaupt wurde ihr immer schleierhafter, wieso sie sich überhaupt auf Alexander Mangold eingelassen hatte. Nun, im Nachhinein, kam ihr ihre Vernarrtheit in Alexander wie eine fixe Idee vor. Sie erkannte, dass das Bild, das sie sich von ihrer Beziehung zu ihm gemacht hatte, nicht im Mindesten der Wirklichkeit entsprach. Sie begriff auch, dass sie seit jeher versessen darauf gewesen war, erwachsen zu werden, und irgendwie musste sie wohl geglaubt haben, durch ihre Beziehung zu Alexander diese Entwicklung hin zum Erwachsensein beschleunigen zu können. Außerdem hatte sie insgeheim auf den Neid ihrer gleichaltrigen Freundinnen abgezielt, die sie fraglos um ihre Romanze mit einem erfahrenen, alten und recht gut aussehenden Universitätsprofessor beneiden würden. Sie glaubte, der Tag ihrer feinen Rache sei bald gekommen, an dem ihre manchmal gehässigen Freundinnen endlich verstummen würden, weil sie im Gegensatz zu Rhea nur mit pickligen, zwanzigjährigen Kiffertypen aufwarten konnten, nicht aber mit einem gestandenen, wohlhabenden Mann in den besten Jahren.

Am Freitag würden sie sich treffen. Ihr blieben also noch drei Tage, um sich gute Gründe zurecht zu legen, aus denen sie mit Alexander Schluss machen konnte. Sie wollte, dass es keinesfalls so aussah, als wolle sie sich aufgrund ihrer ersten gemeinsamen Nacht von ihm trennen. Sie überlegte sich verschiedene, teilweise hanebüchene Alibi-Geschichten, die eine Trennung von Alexander nötig machten. Sie wollte vorgeben, dass ihre Eltern gedroht hätten, ihr die finanzielle Unterstützung zu streichen, gesetzt den Fall, sie setze ihre Beziehung zu 'diesem pädophilen Lüstling' fort. Sie wollte vortäuschen, sich wieder in ihren Ex-Freund verliebt zu haben, der sie jetzt mehr bräuchte denn je. Sie überlegte sich noch weitere Geschichten, verwarf diese, hielt jene für gut, und schlief mit Gedanken an weitere, phantastische Geschichten ein.

*

Mangold war froh. Er hatte nun drei ganze Tage, um sich ein geeignetes Büßerhemd zu suchen. Ihm war diese Anzahl von Tagen vergönnt, um darüber nachzudenken, wie er den begangenen Fehler wieder gut machen konnte. Und dass er einen Fehler begangen hatte, dessen war er sich nach dem Telefongespräch mit Rhea sicher. Er hatte ihre Kälte und Knappheit am Telefon zweifelsfrei als eine unterschwellige Anklage verstanden. Er hatte gemerkt, dass Rhea sich nicht mit seinem bewusst beschwichtigenden und devoten Ton zufrieden geben würde, sondern dass sie mehr als nur eine Entschuldigung verlangen würde. Und zu Recht, wie Mangold fand. Jetzt interpretierte er viele seiner Handlungen an jenem ereignisreichen Abend neu. War er es nicht gewesen, fragte er sich, der sie immer leidenschaftlicher geküsst hatte? Und war er es nicht gewesen, der sie behutsam in das Schlafzimmer gedrängt hatte, um sich dort mit ihr auf das Bett fallen zu lassen? Gut, sie hatte sich nicht gewehrt, aber erklärte sich das nicht mit ihrem Vertrauen zu ihm, in der Hoffnung, er wüsste schon, was zu tun sei? Nicht einmal während der gesamten Zeit, in der sie zueinander zärtlich gewesen waren, hatte er sie gefragt, ob sie mit ihm schlafen wolle. Er hatte ihre Stille als Einverständnis gedeutet, und ihre vorausgehende Koketterie als Einladung. Eine andere Interpretationsmöglichkeit hatte es für Mangold an jenem Abend nicht gegeben. Nun aber meinte er sich kleiner Zeichen zu erinnern, die Rhea ihm gegeben hatte, und die ihm nun zweideutiger erschienen als an jenem Abend. Hatte sie nicht leicht beängstigt geguckt, als er sich die Hose ausgezogen hatte? Und war ihr Gesichtsausdruck nicht versteinert gewesen, als er plötzlich ganz nackt gewesen war. Allein ihr Schweigen hätte er als ein Zögern deuten müssen, und zumindest einmal hätte er sie fragen sollen, ob sie überhaupt mit ihm schlafen wolle. Dass er es nicht getan hatte, erzeugte nun in ihm ein Schuldgefühl, das sich exponentiell steigerte. Was er bis gestern früh noch für eine bezaubernde, wenn auch leicht misslungene Liebesnacht gehalten hatte, erschien ihm nun in einem ganz anderen Licht. Die Liebesnacht war in seinen Augen nun ein Verbrechen gewesen, eins der schlimmsten, wie er fand. Ja, je länger er darüber nachdachte, desto stärker wurde die Gewissheit: Er hatte Rhea vergewaltigt.

Um sich zu zerstreuen, nahm Mangold ein Buch über den japanischen Film aus dem Regal. Er blätterte sich durch die Anfänge des japanischen Kinos, überschlug das Kapital zu Akira Kurosawa und blieb letztendlich bei einem Text über seinen Lieblingsfilm hängen. Er erinnerte sich daran, wie er 1978 zum ersten Mal in Japan gewesen, und in Tokio mit seinen frisch erworbenen und noch ausbaufähigen Japanischkenntnissen in dieses Kino gegangen war. Im Reich der Sinne, so hatte Mangold den Filmtitel damals korrekt ins Deutsche übersetzt. Mit den ersten Bildern des Films war Mangold dann abgetaucht in dieses Reich der Sinne. Der Film erzählte die Geschichte einer tödlich endenden sexuellen Obsession. Die freizügige Darstellung der Sexualität und die brisante Verbindung von Sexualität und Tod hatten den Film zu einem Politikum gemacht. In vielen Ländern war er nicht zu sehen gewesen. Und deshalb war Mangold umso glücklicher, diesen Film gesehen zu haben. Er hatte sich damals in die Hauptdarstellerin Tatsuya Fuji verliebt, in ihren weißen Teint, in ihr schwarzes Haar und in die betörenden Lippen. Am Film hatte ihm besonders die Fatalität der Liebe gefallen.

*

Das Warten machte ihr die Sache unerträglich. Sie wollte die Sache mit Alexander so schnell wie möglich hinter sich bringen. Ich wollte, es wäre morgen, dachte sie. Sie würden sich bei ihm treffen. In ihrem Kopf überlegte Rhea schon hin und her. Sie legte sich in Gedanken einen passenden Monolog zurecht, und sah sich in ihrer Vorstellung schon in seinem Wohnzimmer stehen. Sie sah die Farbholzschnitte an der Wand, die Trennwände, sie sah das Wakizashi Schwert an der Wand, und sie sah Alexander in dem weißen Kimono, den er ihr einmal gezeigt, aber nie getragen hatte. Rheas anfängliche Begeisterung für die japanische Kultur war nun in Verachtung umgeschlagen. Sie befand die Farbholzschnitte nun für kitschig, vor allem dieses Bild mit der großen Woge, das Alexander ihr erklärt hatte. Was sie einst für hochwertige Kunst gehalten hatte, kam ihr nun wie schlechte Kopien aus einem Manga Comic vor. Überhaupt schien es ihr mehr und mehr albern, sich so sehr in eine andere Kultur hinein zu steigern, dass man die eigene darüber fast vergaß. War ihm die deutsche Kultur so verhasst, dass er sich einer anderen bediente?

Auf dem Weg zur Arbeit kam Rhea an einer Imbissbude vorbei. Da sie noch nichts gegessen und plötzlich Heißhunger auf Currywurst hatte, bestellte sie sich eine. Sie stellte sich an einen der Stehtische und betrachtete das Treiben auf der Straße, die in ihrer Hässlichkeit typisch deutsch war. Mehrere Zweckstilbauten reihten sich nahtlos aneinander, nur ganz selten von einem Haus aus der Gründerzeit unterbrochen, und die Asphaltbürgersteige wirkten in ihrem tristen Grau stärker als die in immer gleichen Abständen gepflanzten Bäume, die wiederum von Asphalt umgeben waren. Zu jeder Seite der Strasse erstreckte sich eine Schlange aus dicht aneinander geparkten Autos, die den fahrenden Wagen in der Straßenmitte nur wenig Raum ließen, um bei Tempo Fünfzig voranzukommen. Die Geräusche der verschiedenen Motoren erhoben sich zu einer lärmenden Kakophonie, die fast das Geplärre des kleinen Mädchens, das gerade mit seiner Mutter an Rhea vorbei lief, übertönte. Rhea aß hastig auf und lief dann auf die Bushaltestelle zu, von der aus ein Bus der Linie 16 sie zur Arbeit bringen sollte. Der Bus kam eine Minute später. Sie stieg ein, und ging dann bis ganz hinten durch, um sich auf die Sitze vor dem Heckfenster zu setzen. Im ganzen Bus saßen, abgesehen von dem Busfahrer, nur drei Leute. Ein sehr alter Mann mit Hut und Krückstock, der vor sich hin mümmelnd auf einem der vorderen Plätze saß, ein junger Mann mit strubbeligen Haaren in einer weißen Latzhose, die mit Farbklecksen übersät war, und eine Frau mittleren Alters, die so schick gekleidet war, dass Rhea sich fragte, warum sie den Bus nahm. Das laute Brummen des Busmotors drang gedämpft zu ihr durch. So gedämpft, dass es fast eine Wohltat war.

*

Junshu, Kanshi und Sokotsu-shi. Mangold las. Wieder einmal las er, um sich die Zeit zu verkürzen. In weniger als einer halben Stunde würde Rhea bei ihm an der Haustür klingeln. Er würde ihr öffnen, sie herein bitten, und dann würde er hören, was sie zu sagen hatte. Mit jeder Minute wurde seine Furcht vor diesem Aufeinandertreffen größer. Von seiner anfänglichen Überlegenheit in seiner Beziehung zu Rhea konnte nun keine Rede mehr sein. Er war, das spürte er jetzt ganz deutlich, der Unterlegene. Er war ein alternder, einsamer Mann, der bisher nur für seinen Beruf und nichts anderes gelebt hatte. Und Rhea, die ihm in ihrer Schönheit nun immer begehrenswerter erschien, hatte er in einem Rausch von Egoismus und in einem libidinösen Anfall vergewaltigt. Vergewaltigt. Dieses Wort war in den letzten Stunden zu einem Vorschlaghammer geworden, den er immer wieder auf den Kopf bekam. Er hatte ein neunzehnjähriges Mädchen seiner Unschuld beraubt, er hatte ihr etwas genommen, was er ihr nicht zurückgeben konnte, etwas, das von nun an für immer verloren war. Während manche Männer angesichts einer solchen Entjungferung Stolz empfanden, spürte Mangold nur Scham. Sein ganzes Leben, das er bisher mit verhohlenem Stolz gelebt hatte, kam ihm nun so schändlich vor. Er hatte seine Intelligenz, seine Kultur missbraucht, um damit ein junges, unerfahrenes Mädchen derartig zu verblenden, dass sie ihm für eine gewisse Zeit hörig gewesen war. Und in dieser Manipulation hatte er es soweit getrieben, dass er seinen eigenen Prinzipien und hohen Wertmaßstäben nicht mehr treu geblieben war. Im Grunde war Mangold tatsächlich das, was er für viele nach außen hin schien: Ein pädophiler Lustmolch. Er hatte die Unerfahrenheit eines jungen Mädchens schamlos ausgenutzt, um seinen eigenen Trieben Befriedigung zu verschaffen. Aber in einem gewissen, noch perfideren Sinne hatte er auch sich selbst betrogen. Denn er hatte sich weismachen wollen, dass es ihm in seiner Beziehung zu Rhea nur um die geistige Liebe gehe, nicht die körperliche. Aber jetzt, gerade nach jenem Abend, wusste er, dass er von Anfang an nur ihren Körper begehrt hatte. Er hatte vom ersten Moment an, als er sie gesehen hatte, mit ihr schlafen wollen. Und nun, da er sein Ziel erreicht hatte, fühlte er sich schmutzig. Er fühlte einen nicht abwaschbaren Schmutz, der unsichtbar, aber doch in einer dicken Schicht auf seiner Haut lag. Er spürte diesen eigenen Schmutz an seiner Haut, in seinen Haaren, in seinem Innern. Und in ihm war nur ein Gedanke: Ich muss mich von diesem Schmutz reinwaschen.

Es klingelte. Mangold atmete tief durch, legte das Buch mit der aufgeschlagenen Seite vor sich auf den Tisch, stand auf, und ging langsamen und gemessenen Schrittes auf die Haustür zu. Räumlich gesehen trennte nur diese Haustür ihn von Rhea. In Wirklichkeit aber war Rhea so weit von ihm entfernt, dass jedes Aufeinanderzugehen sinnlos geworden war, weil sie, selbst wenn sie den langen und beschwerlichen Weg aufeinander zu nehmen sollten, letztlich doch nur wieder aneinander vorbei gehen würden. Mangold wusste, dass Rhea, obwohl sie nun bei ihm eintreten würde, innerlich schon längst vor ihm weggelaufen war.

* * *

* * *

Als die Haustür wieder ins Schloss fiel, fühlte sich Rhea erleichtert. Mehr noch, beschwingt. Sie war aus dem Kampf (denn Liebe war immer auch ein Kampf, das glaubte Rhea mit ihren neunzehn Jahren zu wissen) als Siegerin hervor gegangen. Und bei Gott, es war ein Kampf gewesen. Kein lauter Kampf. Kein Kampf in dem sich zwei Menschen ihre Wut aus dem Bauch schreien, kein Kampf, in dem Porzellan an die Wände knallt und jeder versucht, den anderen zu übertönen. Rhea war in diesem Kampf an der Schwäche ihres Gegners erstanden. Sie war angewidert gewesen von dem entschuldigenden und in sich gekehrten Blick Alexanders, und sie hatte ihm mit ihren Worten ein paar empfindliche Stiche versetzt. Kalt und tonlos hatte sie ihm vom Anruf ihrer Eltern erzählt, die durch irgendjemanden von ihrer Beziehung zu ihm erfahren hatten. Sie habe ihre Argumente gehört und gemerkt, dass sie mit einigen davon Recht hätten. Sie, Rhea, stimmte mit ihren Eltern darin überein, dass ihre Beziehung zu ihm keine Zukunft haben könne. Auch wenn diese Idee in ihrer Beziehung sicherlich noch verfrüht sei, so müsse sie doch an ihre familiäre Zukunft denken. "Kinder, Alexander", hatte sie gesagt, "kann man mit so einem wie dir nicht haben". Und als wäre dieses ‚so einem wie dir' nicht schon schlimm genug gewesen, hatte Rhea noch eins drauf gesetzt. "Mein Ex-Freund hat mich angerufen", hatte sie Alexander gesagt. "Ich habe es vor dir ein wenig verheimlicht, aber ich habe immer noch Gefühle für ihn. Er möchte sich mit mir treffen, und ich habe zugesagt. Das muss nicht bedeuten, dass wir uns nicht mehr sehen können. Ich brauche einfach ein bisschen Zeit. Gib mir zwei, drei Monate Zeit, Alexander, dann können wir uns vielleicht noch einmal treffen. Du sollst wissen, dass ich die Zeit mit dir genossen habe". Und schließlich: "Ich hoffe, wir können Freunde bleiben". Dann war sie gegangen.

Erst im Treppenhaus wurde ihr das sonderbare Verhalten Alexanders bewusst. Er hatte regungslos zwei Meter entfernt von ihr im Türrahmen zum Wohnzimmer gestanden und eher durch sie hindurch- als sie angeschaut. Während ihres ganzen Monologs war er kein einziges Mal dazwischen gefahren, hatte sich nicht einmal geräuspert und nur immerzu ehrerbietig genickt, wie ein Japaner. Über sein Verhalten hinaus war ihr auch noch eine andere Sache aufgefallen. Als sie Alexander über die Schultern geschaut hatte, um einen Blick ins Wohnzimmer zu erhaschen, hatte sie in der Mitte des Raumes ein Podest aus Holz gesehen. Es hatte ein bisschen wie ein Siegertreppchen ausgesehen, nur schien es keinen zweiten und dritten Platz zu geben. Oben auf dem Holzpodest hatte Alexander anscheinend ein Stück roten Teppichs ausgebreitet. In der Angst, sich noch länger in seinem Haus aufzuhalten als unbedingt notwendig, hatte sie ihrem Reflex nicht nachgegeben, und nicht nachgefragt. Aber komisch war es schon gewesen.

*

Auch Mangold war froh, dass es nun vorbei war. Endlich hatte er Gewissheit. Rhea hatte den Anstand und die Güte besessen, ihm die Vergewaltigung nicht direkt, sondern durch die Blume sozusagen, anzulasten. Aber er hatte verstanden. Ihre aufgesetzte, aber dennoch gnadenlose Kälte hatte er als eine Aufforderung verstanden. Mit jeder Geste, mit jedem Blick und mit jedem Wort hatte sie es ihm an den Kopf geworfen: Schäm dich! Und er schämte sich. Er schämte sich so sehr, dass er nur noch die eine Möglichkeit zur Wiedergutmachung sah: Selbstbestrafung. Denn in seinen Augen nützte es nichts, Rhea um Verzeihung zu bitten, oder ihr teure Geschenke zu machen. Diese Sache musste er mit sich selbst ausmachen, er brauchte Rhea dazu nicht. Nicht von ihr konnte er die Absolution erlangen, sondern nur vor sich selbst und seinem eigenen Gericht.

Er ging ins Schlafzimmer, entkleidete sich, und nahm den weißen Kimono aus dem Wandschrank. Nach der japanischen Tradition war dieser Kimono unentbehrlich für die innere Einkehr, die nun bevorstand. Der Kimono war ein wichtiges Utensil zur Erlangung des Zen, der japanischen Richtung des Buddhismus, die durch Meditation die Erfahrung der Einheit allen Seins und damit tätige Lebenskraft und größte Selbstbeherrschung zu erreichen sucht. In diesem Zustand des Zen würde Mangold keinen Schmerz mehr spüren, und sollte er auch noch so groß sein.

*

Wie ein siebenjähriges Schulmädchen hüpfte Rhea durch die Straßen der Stadt. Die anfänglichen Gewissensbisse angesichts ihrer schroffen Art, die sie Alexander gegenüber an den Tag gelegt hatte, waren verflogen und hatten der aufkeimenden Erleichterung Platz gemacht. Sie fühlte sich wie nach einer bestandenen Prüfung oder wie nach einem Arzttermin mit negativem Befund. Sie war eines ihrer Probleme losgeworden. Es hatte sie Mühe und Überwindung gekostet, und die Konfrontation mit Alex hatte ihr wahrlich großes Unbehagen bereitet, aber nun hatte sie es hinter sich. Von nun an, das versprach sie sich, würde sie das Leben bewusster genießen, und auch den kleinen Dingen im Leben mehr Wertschätzung zuteil werden lassen. Sie würde das morgendliche Zeitungslesen, den Kaffee und das Frühstück bewusst genießen, sie würde den Wind des goldenen Oktobers, die frischen Brisen des aufkeimenden Frühlings, den Schnee im dunklen Dezember und das Freibad im allzu heißen Sommer als das wahrnehmen, was es war: Eine alltägliche, bescheidene Form des Glücks. Sie würde die kurzen Gespräche mit den oberflächlichen Bekanntschaften lachend bestehen, sie würde jede Menge Leute kennen lernen, auf Partys gehen, tanzen, und sie würde vor allem nur noch mit Gleichaltrigen verkehren. Ich bin jung, frohlockte Rhea, ich bin so jung, die ganze Welt liegt mir zu Füßen. Ich muss nur zugreifen. Und das will ich tun. Ich will hinein greifen, ins Leben, ich will aus dem Vollen schöpfen, ich will ein schnelles, wildes und barbarisches Leben.

Und zwei Straßenecken weiter war Alexander vollständig vergessen. Innerhalb weniger Minuten hatte Rhea einen ganzen Lebensabschnitt hinter sich gebracht. Sie war den Fragen in ihrem Innern entkommen, bis auf weiteres. Vielleicht würden diese Fragen irgendwann einmal, Jahre später, wieder aus ihrem Verschlag hervor brechen, aber im Moment waren sie von der Unerbittlichkeit und Grausamkeit der Jugend so erschlagen, dass sie kapitulierten. Es war einfach keine Zeit für große Fragen.

*

Mangold ging bedächtig ins Wohnzimmer. In seinen weißen Kimono gehüllt, stieg er über die zwei Stufen auf das Podest. Er kniete nieder, nahm eine für die Meditation typische Haltung ein, schloss die Augen und kehrte in sich. Er sammelte seine Kräfte und konzentrierte sich auf seinen Geist. In der ersten meditativen Phase angelangt, war er befreit von der Last der allgegenwärtigen Gedanken. Er hatte den Fluss unterbrochen, die Fluten aufgehalten und ihnen einen Damm vorgeschoben. Sein Kopf war nun leer, und nichts von außen drang mehr in ihn ein. Mehrere Minuten verharrte Mangold in dieser Position.

Dann öffnete er die Augen, nahm das neben ihm liegende Wakizashi Schwert aus seiner Scheide, hob es mit beiden Händen über seinen Kopf, fixierte mit den Augen seinen Unterleib, und ließ das Schwert dann herunterfahren. Seine Augäpfel traten hervor, eine ungeahnte Menge Luft schoss geräuschvoll aus seinem Mund und sein Gesicht lief rot an. Ein grunzendes Ächzen kündete von seinem nahen Tod, mehr noch als die Eingeweide, die ihm aus der aufgeschnittenen Bauchdecke hervor traten.

*

Wenige Minuten später war Stille eingekehrt. Ein Windzug, der durch die offene Tür zur Veranda kam, blätterte die Seiten des Buches, in dem Mangold die letzten Tage gelesen hatte, vor und zurück. Irgendwann blieb das Buch willkürlich auf einer Seite stehen:

Beim rituellen Selbstmord der Japaner, Hara-Kiri oder Seppuku genannt, unterscheidet man drei Formen. Junshu bedeutet verschwenderisch. Durch diese Form des Hara-Kiris folgte man dem verstorbenen Herrn in den Tod. Kanshi ist Selbstmord aus Protest: Wenn alle Versuche der Beeinflussung oder Überzeugung gegenüber dem Dienstherrn gescheitert waren, blieb nur noch Hara-Kiri. Die bekannteste Ursache für Hara-Kiri ist jedoch Sokotsu-shi: Man praktizierte es als Wiedergutmachung oder Selbstbestrafung für einen begangenen Fehler.

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