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Es war einmal ... oder da war doch noch was? (Der neutrale Plot)

© Siggy Thomas Siggy


Sie sind kein Königspaar aus einem fernen Märchen.
Beide über ... Jahre alt. Mehr als ... Jahre verheiratet. Auch wenn der Anfang so scheint, da ist kein fernes Land in der Vergangenheit. Sie wohnen hier und heute in der Wirklichkeit. Eigentlich ganz normale Leute, wie du und ich. Sie führen gemeinsam und jeder für sich ein ausgefülltes Leben. Mehr Fröhlichkeit als Tristes füllt ihre Tage. Da sind vor allem die Enkel, die gerade das Sprechen und Laufen lernen. Das schicke Auto oder die Renovierung der Wohnung nebst neuer Schrankwand mit Plasma-TV gebiert Stolz auf das zusammen Erreichte. Nicht wegzudenken ist die Freude über den Urlaub in der Sonne oder das Wochenende mit Freunden im Gebirge.
Sicher gibt es auch Stress und teilweise sogar existenzielle Angstgefühle. Notwendige berufliche Neuorientierungen, Meinungsverschiedenheiten und charakterliche Reiberein, Probleme mit den Kindern auf dem Weg ins eigene Leben und der wesentlich Älteren im Familienverband aus dem Leben hinaus bestimmen auch ihren Alltag. Überwiegend ist aber die befriedigende Genugtuung, die aus der Bewältigung von Verantwortung aufkommt.
Die Harmonie des Tages wächst immer seltener in den Sonnenuntergang und überdauert die Nacht.
Natürlich haben beide noch Sex. Wahrlich nicht mehr auf der Basis schwebender Verliebtheit der Zeit des Anfangs. Heute steht eine Drei im Zehner, wenn Hochzeitstage gefeiert werden. Es ist mehr die Überzeugung, dass so etwas irgendwie zu einer funktionieren Beziehung
dazugehört.
Für Sie scheint es genügend und gut. Ob tatsächlich oder abgefunden bleibt offen.
Für Ihn unstrittig zu wenig und unbefriedigend.
Aus diesem Punkt wird ein Fragezeichen. Wie es so ist in solchen Fällen, wenn nur einer beginnt darüber nachzudenken, schwillt daraus ein Konflikt.
Es beginnt eine Suche.
Die erste Wahrnehmung ist die vermeintliche Unvollkommenheit des Anderen. Dann folgt meist das Eingeständnis eigener Unzulänglichkeit. In Tiefe und Tatsächlichkeit ist es abhängig vom Vermögen sich objektiv neben sich zu stellen. Später wird es eine Mischung aus beidem. Erkenntnis und Lösung des Knotens in Veränderung erfordern Willen und Kommunikation auf schwierigem Terrain.
An dieser Stelle sehen beide einen Film. Es ist nicht das Sonntagsprogramm unter Mitwirkung des englischen Landadels oder des betuchten schwedischen Mittelstandes.
Auch kein plüschiger Fernsehabend mit Knabberzeug, den sie sonst genießen. Für den Einen ist es ein Klavier mit nackter Begleitung. Die Andere erkennt einen Zusammenhang zwischen
Pornographie und Chopin.
Anlass und Zeitpunkt sind für beide recht unterschiedlich. Vielleicht scheinen die daraus erwachsenen Wendungen zufällig. Aber das was passiert geht für beide den richtigen Gang.
Wenn das so ist - warum sollte man nicht im richtigen Leben dem Schicksal durch bewusste Organisation vorauseilen können?
Ein Klavier mit nackter Begleitung
von Thomas Siggy
Auf einem weißen Laken liegen weitgespreizte, schlanke Beine. Die oberen Enden werden durch ein kantiges Gesicht nur halb verdeckt. Die Stellen auf die es ankommt sind aber gut zu sehen. Ein leises Klavier klimpert mit Orchesterbegleitung im Hintergrund. Manchmal unterbricht ein leichtes Seufzen die Musik.
Es ist was Klassisches. "Ein Mix aus den Chopinsonaten", wusste Thomas mit Sicherheit. Nickend, bestätigte er sich selbst: "Sauber gespielt und in Harmonik und Diktion absolut bildpassend."
Die Lippen auf dem Bildschirm sind immer noch langsam, von oben nach unten und seitwärts gleitend aktiv.
Wieder der kleine Knubbel am Ende der Hautfalten zwischen den haarlos glatten welligen Erhebungen, der sanft durch eine Zunge umkreist wird. Ein bizarres Fingerspiel beginnt. Mittel und Zeigefinger der einen Hand scheren sachte die rosa Innenseiten weiter. Ein anderer Mittelfinger schiebt sich sanft dazwischen und zieht sich unter leichtem Zug wieder zurück. Die Wiederholungen dauern nicht lange bis nur noch Enge ihn umschließt.
Das Seufzen wird ein klein wenig lauter und Thomas glaubt zwischen der Musik Worte wie: "Warte ..., gleich ..., du bist lieb ...", zu verstehen.
Der Rhythmus der Körperschwingungen ist merklich schneller. Genau an der Stelle unterhalb der Scham beginnend zieht der bewegte Leib die Gefühle in sich ein. Auf dem Bauch und die Brust hinauf wird daraus eine Welle. Von der Zunge über die Lippen hinweg rollt sie dann sich gleichsam überschlagend als Flut geräuschvoll aus.
Ein Kopf gleitet nach oben. Der Mund berührt flüchtig den Bauchnabel. Etwas intensiver wird die linke Brustwarze bedacht. Ein langer, zärtlicher Kuss findet ein glückliches Gesicht.
Eine Hand streichelt dort, wo eben noch die Lippen waren.
Das war nicht so, wie vor Jahren mit dem alten Videorecorder, dessen Bilder eher Urologen oder Akrobaten zum Entzücken gebracht hätten. Diese Stöhndialoge, die in den Urwald gehörten, weil sie vermutlich mehr aus Brutalität entsprangen. Bei seinen scheuen Seitenblicken auf Siggy spürte Thomas damals wie sich ihre Neugier in Unbehagen umkrempelte. Es war fast Ekel, der da hochkam.
Auch hier sind die Worte knapp und die Sprache dünn, denn zumindest ein Paar Lippen von den Dreien haben etwas besseres zu tun als zu reden.
"Aber das hier ist richtig schön". Thomas hatte die Szenen neu zusammengeschnitten und gebrannt. Keine Endlosschleife mit Perspektivenwechsel, die teuere Pornos billig macht. "Leider nur virtuell", war Thomas Gedankenfortsetzung, die in Grübeln überging.
Was war passiert, dass Siggy unterhalb ihres Bauchnabels für seine Lippen Stacheldrahtverhaue zog? Sicher ist es ihm nicht entgangen wie sie seit geraumer Zeit mit ihrem Körper nicht nur wegen der Pfunde kämpfte. Sie fand sich oben zu faltig unten zu dick und was sonst noch für Makel. Nur, dass er das ganz anders sah. "Sie sind älter geworden, na und?! Ich will sie so wie sie jetzt ist ... mit ihren etwas breiteren Hüften, den Besenreißern an den Schenkeln oder ihren Falten auf der Stirn, die heute nicht nur bei Unwohlsein zu Tage treten", ist seine feste Überzeugung. Ein wackliger Nachsatz bleibt noch im Hinterkopf: "aber auch das, was im Bett mit ihr passiert, will ich wieder in den neuen Tag nehmen ...".
Er wird mit ihr reden müssen. Reden über das, was ihn so bei den Bildern am Computer nicht nur im Kopf bewegt.
Reden? Schreiben ist besser! Da gibt es kein Beruhigen oder Ausweichen. Mit eigener Hand einen Liebesbrief schreiben. "Das ist gut ... geschriebenes Wort lässt sich besser zwischen Deutlichkeit, Unsicherheit und Verletzlichkeit auswiegen", bildete die Fortsetzung der Überlegungen. Er wird von sich erzählen ... dass er sie riechen, schmecken und sehen muss, damit der Sex nicht nur organisch blieb und fortwirkte. Neben diesen Eindeutigkeiten waren da noch seine Gefühle. Ob er hier die richtigen Worte finden wird ist es sich nicht sicher. "Die schönen Momente und damit Sie mit in den Tag nehmen ... so wie vor 10 Jahren vielleicht. Als durch Elton aus dem Autoradio sie wieder so gegenwärtig wurde, dass an der Ampel erst das Hupkonzert hinter mir den ersten Gang einlegen ließ", das musste er ihr unbedingt sagen.
"Einen Wunschzettel, den er in die Geschäftspost schmuggelt", ist fast sein Schlussstrich unter die Gedanken.
Nächste Woche, nach der Dienstreise, hat er Zeit.
"Liebling, Bad ist frei", Siggys Worte ganz nah hinter sich ließen Thomas so erschrecken, dass er den Computer einfach ausdrückte.
Passen Pornographie und F.C. wirklich zusammen?
von Siggy Thomas
Ein kurzes Flimmern, dann nur die wackelnde Schrift "UNKNOWN ERROR" ...
Ihren Lippen entfuhr ein kräftiges Sch ... und Unruhe stieg in ihr auf.
Sie wollte eigentlich nur schnell noch eine Überweisung ...und nun das. Ausgerechnet heute ist Thomas nicht da und ein Anruf kommt vor 20:00 Uhr nicht in Frage. Sie kann ihn in den wichtigen Besprechungen nicht stören. Jedenfalls nicht schon wieder und nicht jetzt.
Sein Lächeln, den mitleidigen Blick und die Gesten, die sie sonst ein wenig gereizt vom Stuhl am Computer aufstehen ließen, spürte sie förmlich hinter sich. Aber tatsächlich saß er doch Hunderte Kilometer entfernt in dieser blöden Besprechung.
Schnell den Knopf oben rechts ... aus, obwohl er ihr doch eingeschärft hatte, sein Heiligtum immer schön herunterzufahren und auch sonst vorsichtig zu behandeln.
Es flimmerte immer noch. Die CD -Lade öffnete sich.
Ihr eigenes Lächeln, was Thomas als Desktophintergrund geladen hatte, zeigte die Welt war durch wundersame Fügung wieder in Ordnung.
"Von wegen anrufen ... wegen so einer Bagatelle. Und überhaupt, er ist doch schuld, lässt seinen Vortrag im PC", erklärte sich Siggy den Fehlstart. Hatte Thomas einen wichtigen Teil für die Besprechung vergessen?
Lade zu ...
Und es läuft ein Film ... und was für einer ...
Auf einem weißen Laken liegen weitgespreizte, schlanke Beine. Die oberen Enden werden durch ein männliches Gesicht nur halb verdeckt. Ein leises Klavier klimpert mit Orchesterbegleitung im Hintergrund. Manchmal unterbricht ein leichtes Seufzen die Musik.
Es ist irgendetwas Klassisches.
Ihr Blick wandte sich abrupt vom Bildschirm ab und glitt nach unten. Sie hatte das Gefühl, dass ihre Hand gleich nachfolgen würde. Sie musste doch nicht nachspüren, ob sich dort die gleiche Stelle befand, die mit zärtlichen Bewegungen von Zunge und Mund vor ihren Augen gekost wurde. Siggy wusste genau, dass Thomas Sonnabendhand nach seiner Erfüllung genau dort in ihr ähnliche Erregungen hervorbrechen ließ. Oder war es die Mittwochhand von vor vierzehn Tagen? Aber länger war es auf keinen Fall her! Ihr Unterbewusstsein schenkte sich die Analyse der Aussage "ähnlich". Ihr Kopf war mit ganz anderem Frust beschäftigt!
Ihr Blick war ein Reflex. Ihre Finger waren ja nicht unten angekommen.
Nichts passiert - oder doch?
Dieser Mistkerl schaut abends stundenlang Pornos, nennt das: "Schatz, ich muss noch an dem Vortrag für morgen ... und ich ziehe mir zum x-ten Mal allein die langweilige Traumschiffserie rein ... das macht ihn also an ...", sind nur einige von Siggys Gedanken, die man hier bedenkenlos aufschreiben kann.
Die Lippen auf dem Bildschirm sind immer noch langsam, von oben nach unten und seitwärts gleitend aktiv. Das Sichtfeld ist starr auf den einen Punkt ausgerichtet und gerät durch langsam wachsende Größe in Bewegung. Wieder der kleine Knubbel am Ende der Hautfalten zwischen den haarlos glatten welligen Erhebungen, der sanft umkreist wird. Zwei schlanke Finger drängen dazu und spreizen der Zunge mehr inneren Raum.
Das Seufzen ist ein klein wenig lauter und Siggy glaubt zwischen der Musik Worte wie: "Warte ..., gleich ..., du bist lieb ...", zu verstehen.
Der Rhythmus der Körperschwingungen ist merklich schneller.
Die Unterlippe bleibt am oberen Ende saugend fixiert. Die Finger tauchen mit einem leisen Zug nach unten ein.
Genau an der Stelle unterhalb der Scham beginnend zieht der bewegte Leib die Gefühle in sich ein. Auf dem Bauch und die Brust hinauf wird daraus eine Woge. Sie bricht sich am anderen Mund und rollt dann als sprudelnde Flut aus.
Ein Kopf gleitet nach oben. Der Mund berührt flüchtig den Bauchnabel. Etwas intensiver wird die linke Brustwarze bedacht. Ein langer, zärtlicher Kuss findet ein leicht gerötetes Gesicht.
Eine Hand streichelt dort, wo eben noch die Lippen waren.
"Das macht ihn also an ...!"
Aber Siggys weitere Überlegungen waren weitaus versöhnlicher als noch vor einer Viertelstunde. Das war nicht so, wie vor Jahren mit dem alten Videorecorder, dessen Bilder eher Urologen oder Akrobaten zum Entzücken gebracht hätten. Diese Stöhndialoge, die in den Urwald gehörten, weil sie vermutlich mehr aus Brutalität entsprangen.
Auch hier sind die Worte knapp und die Sprache dünn, denn zumindest ein Paar Lippen von den Dreien haben etwas besseres zu tun als zu reden.
"Das lässt nicht die Neugier in Unbehagen umschlagen ... das hier ist richtig schön", waren Siggys Gedanken. Jetzt glaubte sie auch das Stück erkannt zu haben. Es war sicher irgendetwas von Chopin.
"Warum redet Thomas nicht mit mir, was ihn zu so etwas bewegt?", waren plötzlich ihre lauten Worte im Raum. Aber niemand konnte ihr auf der Stelle antworten.
"Ich werde ihm morgen Abend nach seiner Rückkehr die CD einfach aufs Kopfkissen legen und sehen was passiert", entschloss sie sich vom Grübeln zum Handeln. "Typisch Thomasmann, wenn's heikel wird muss Siggy ...!", bildete den vorläufigen Abschluss ihrer Erkenntnis. Meistens war es ja so.
Nachdem sie den Computer sorgsam heruntergefahren hatte, kam ihr eine noch viel bessere Idee. Die würde den notwendigen mündlichen Dialog zum Thema nicht ersetzen, aber im sprichwörtlichen Sinn als Wink mit dem Pfahl tauglich anregen. Indem sie sich der Doppeldeutigkeit ihrer Gedanken bewusst wurde musste sie sogar schallend lachen und ging ins Bad.
Sein sündhaft teueres Rasiergehl war angenehm kühl auf der empfindlichen Haut. Ein Gemisch von Sandelholz mit Ambra erfüllte den Raum. Es duftete fast so, als stünde er neben ihr. Nur ihre fettige Nachtcreme mit beruhigender Aloe Vera passte so gar nicht in die Prozedur, die er viel weiter oben jeden Morgen vollzog. Mit einem zufriedenen Schmunzeln verwarf sie die Absicht, die Klingen zu wechseln.
Ihre Erregung über Thomas war ungewollt auf sie übergesprungen, hatte sich verwandelt und blieb nicht nur im Kopf. Sie begann sich die neue glatte Konstellation auszumalen. "Er ist so süß, wenn ihm die Gesichtszüge entgleisen", bezeichnete sie die erahnte Komik der kommenden Szenen. Das vermischte sich mit Vorfreude, die sie immer fröhlicher werden ließ.
Sie nahm sich fest vor am Nachmittag die Klavierkonzerte herauszusuchen.
Sollte sie vielleicht die CD einfach als Deckel auf das Glas mit seinem Lieblingsrotwein legen? Das würde ihr ersparen die kompakte Stereoanlage neben die Palme ins Schlafzimmer zu verpflanzen.


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Eingereicht am 12. Oktober 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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