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Kurzgeschichte Alltag Kurzprosa Geschichte Erzählung short story

Vélodrome d' hiver

© Christian Heynk


DIE ZAHLEN
1940 gab es ungefähr 320000 Juden in Frankreich, von denen die Hälfte ausländische Juden waren; unter diesen 320000 Juden waren circa 70 000 Kinder. Fast 76000 wurden aus Frankreich deportiert (nur 2500 davon überlebten ihre Deportation). Ungefähr 3000 andere Juden sind in den französischen Internierungslagern gestorben, weitere 1000 wurden exekutiert oder zu Tode geprügelt, aus dem einfachen Grund, dass sie Juden waren. 55000 ausländische und 25000 französische Juden wurden in Frankreich Opfer der "Endlösung". 240000 Juden haben überlebt.
Immerzu sehe ich die Kinder. Ich sehe die Kinder in ihren kurzen Hosen aus Leinen, ihren Sandalen, mit den weißen Socken, die vom Schmutz der Haussmannschen Alleen befleckt waren, ich sehe die Tränen der Kinder, die ihre Gesichter mit einem glasigen Dunst überzogen, ich sehe die weit aufgerissenen Münder, die roten Wangen, ich sehe die beschwichtigenden Mütter, die verzweifelten Mütter, die wahnsinnig werdenden Mütter, die abwesenden Mütter und die sich selbst mordenden Mütter. Ich sehe die Blicke, die mir begegneten. Ich sehe fragende Kinderaugen, weinende Kinderaugen, stumme Kinderaugen und, wenn auch selten, wütende Kinderaugen. Ich höre das Geschrei der Kinder, ich höre ihr Wehklagen, ihr infernalisches Gejammer, dessen Widerhall im ganzen Velodrom zu vernehmen war. Ich höre die Schreie der Mütter, die ihre Kinder anfahren, damit sie das Wehklagen übertönen. Ich höre das Flehen der Mütter, ihr Flehen nach Wasser und Brot, ich höre ihre Stoßgebete gen Himmel, ich sehe, wie sie sich ihre Kleider vom Leib reißen, weil sie wissen, dass sie sterben werden. Wenn nicht jetzt sofort, dann später. Ich sehe die Schürfwunden an den Gelenken, die rotbraune, verkrustete Masse, die wie die ersten Anzeichen einer großen Welle der Gewalt die Kinder befiel. Ich sehe mein eigen Fleisch und Blut, ich sehe Angst und Schrecken, Tod und Verderben.
In diesen Tagen, im Juli, wehte ein Frühlingswind durch Paris, der einem Sturm glich. In diesen Tagen in Paris wurden 12000 Juden zusammen getrieben wie Vieh. In diesen Tagen in Paris verlor ich mein Kind. Ich verlor mein Kind an Moloch, an Behemoth und an Golem. Ich verlor es an die Männer, die wie eine ungeformte, unvollendete Masse über Paris hergefallen waren, ich verlor es an die einzelnen Klumpen dieser Masse Mensch, die sich selbst Übermensch nannte. Ich verlor es an Gesichter aus Lehm mit Augen aus Stein und Herzen aus Dreck. Ich verlor mein Kind an die Nazis, die sich elegante Ledermäntel und schwarze Umhänge überwarfen, damit wir die Hässlichkeit ihres Fleisches nicht erkannten. Wie soll ich die Geschehnisse, die mein Leben geistig auslöschten und körperlich erhielten, wie soll ich diese Geschehnisse mit dem nüchternen Blick der Realität erklären? Wie soll ich mich auf Fakten stützen und sachlich erzählen, wenn die Sache, über die ich berichten will, jeglichen gesunden Menschenverstand lächerlich macht? Die Nazis waren keine einfachen Menschen, die Nazis waren die weltliche Manifestierung der Schergen des Teufels. Sie waren die diabolische Inkarnation des Bösen, die wie ein Sturm der Verdammnis über Europa hinwegfegte und alles, aber auch alles mit sich in den Abgrund riss. Von dieser Zeit werden wir uns nie erholen, keiner. Von dieser Zeit wird alles bleiben, und nichts in der Gegenwart wird unabhängig davon geschehen können.
Und außerdem: Hinter diesen Monstern, hinter diesen apokalyptischen Reiterhorden aus Deutschland erkannte ich noch etwas viel Schlimmeres. Hinter dieser Inkarnation des Bösen sah ich die schweigenden Menschen, die still und stumm dastanden und verharrten. Ich sah die Augen der Zuschauer, die zugleich entsetzt und doch begeistert auf unser Elend schauten. Und dann sah ich einzelne Menschen aus dieser Masse heraustreten, ich sah, wie sie den Nazis den Knüppel aus der Hand nahmen. Ich sah wie immer mehr Franzosen den Nazis die Gewehre, Bajonette, Messer, Knüppel und Schlagstöcke entrissen und dann mit großen Augen auf uns zukamen. Ich sah in jedem Franzosen einen, den ich kannte, ich sah in jedem Franzosen alle, die ich vorher meine Freunde genannt hatte.
Immer mehr traten die Nazis hinter den Franzosen zurück. Sie schauten wohlwollend auf ihre gelehrigen Schüler, auf die sie ihren Hass übertragen hatten. Ich sah den Teufel und seinen Lehrling. Ich sah und ich sehe noch. Ich habe an jenem Tag verlernt, die Augen zu schließen.
*
Ich bin eine russische Jüdin. Ich bin eine russische Jüdin. Unzählige Male habe ich in meinem Leben diesen Satz gesagt, unzählige Male hat dieser Satz bei meinem Gegenüber eine Beklemmung ausgelöst. Wenn ich den Satz unbekümmert daher sagte, lachte mein Gegenüber verschämt, wenn ich den Satz gravitätisch hervorpresste, setzte mein Gegenüber eine Miene auf, die eine einzige Entschuldigung war, und wenn ich den Satz flüsterte, vertraute mir mein Gegenüber an, was es im Zweiten Weltkrieg getan hatte und wo es gewesen war. Ich bin eine russische Jüdin, und mit dieser Identifikation auch heute noch, fast fünfzig Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs, Mitglied einer Randgruppe. Vor allem hier, in Deutschland.
Ich bin eine russische Jüdin. Ich bin eine Frau, die in den Siebzigern jedes Mal zusammengezuckt ist, wenn die deutschen Kinder, die sie in den Straßen spielen sah, plötzlich laut riefen: "Die Russen kommen!". Ich vereine alle vergangenen Feindbilder dieses Landes in mir, und ich bin stolz darauf, nie aufgegeben zu haben. Ich habe aus dem fernen Irkutsk in Sibirien 1929 mit meinen Eltern eine Reise nach Europa unternommen, die meine Eltern das Leben und mich meine Hoffnung kosten sollte. Ich habe aus dem fernen Irkutsk in Sibirien eine Reise nach Europa unternommen, weil meine Eltern das Leben in ihren Adern pulsieren spüren wollten. Meine Eltern hatten es in Irkutsk zu einem Reichtum gebracht, der sie denken ließ: Wir gehören nach Paris. Sie hatten mehr und mehr über die Tölpel meiner Heimatstadt gespottet, und sich schließlich ganz von Mütterchen Russland abgewendet. Und ich mit meinen fünfzehn Jahren hatte nur die Aufregung dieser Reise verstanden, nicht aber deren Bedeutung. Ich hatte mich auf die Fahrt in der Transsibirischen Eisenbahn gefreut, auf den Blick auf die Städte Kurgan, Petropawlowsk und Omsk. Ich hatte meinen Freundinnen stolz und arrogant von der Stadt in Frankreich erzählt, und ihnen gegenüber das erste Mal das Wort Bohème in den Mund genommen. Ich hatte geglaubt, es wäre ein Adelstitel, vornehm wie das Zarentum. Wie konnte ich ahnen, dass die Bohemiens eigentlich nur Zigeuner waren.
Ich bin eine russische Jüdin. Ich gehöre einer Gruppe Menschen an, die rastlos über diese Welt ziehen, in der Gewissheit, niemals eine Heimat finden zu können. "Wollen Sie nicht zurück nach Irkutsk?", fragen mich die Leute.
"Nach Irkutsk?", frage ich dann. "Zurück in die Kälte? Zurück an die Angara, an den alten Kosakenhof? Was soll ich da? Wer von denen, die dort lebten, zu jener Zeit, wird mich denn noch wieder erkennen? Wer, wenn ich schreien würde, hörte mich denn von meinen ehemaligen Freunden? Nein, meine Eltern und ich haben Russland 1929 verlassen, und ginge ich zurück, dann wäre der Name meiner Familie entehrt. Da kommt sie, würden sie sagen, da kommt sie, sie hat es nicht geschafft. Schaut, wie Europa sie zugerichtet hat, diese alte Frau. Schaut euch die Nummer auf ihrem Unterarm an, ihren Höllenpass. Schaut, wie sie durch die Strassen wackelt, auf ihren Krücken, schaut sie euch an, diese russische Jüdin. Ce serait bien un spectacle."
Ich bin eine russische Jüdin. Ich habe mein Schicksal angenommen, jetzt, in den Tagen, da ich auf meinen Tod warte. Ich habe mich in dieser Wohnung am Prenzlauer Berg mit meinem Schicksal abgefunden, und ich werde hier sterben, und mit mir mein Schicksal. Ein Leben, das vor langer Zeit in Irkutsk begonnen und viele Stürme überstanden hat, wird bald ausgelöscht sein. An der Universität, in unserem Seminar, haben sie ein Bild von mir aufgehängt. Das Schwarzweißfoto aus den Fünfzigern, und die Studenten der Slawistik gehen teilnahmslos am Foto dieser alten Schachtel vorbei. Mein Leben, eingerahmt in ein Schwarzweißfoto, ist der Staubfänger eines Universitätsflurs. Mein Leben, das Leben einer russischen Jüdin im 20. Jahrhundert.
*
Bunt und warm war der Tag der Ankunft. Paris leuchtete. Es schien, als bereite uns die Stadt einen Empfang. Wir stiegen am Gare d'Austerlitz aus, die Sonne brach durch die Stahlträger des Bahnhofdachs, rote, weiße und blaue Wimpel flatterten über dem Eingang des Hauptportals, und die französische Beredsamkeit um uns herum klang in meinen Ohren wie das friedliche Gurren stolzer Tauben. Kinder meines Alters sprangen umher, in strahlend farbigen Kostümen verpackt, schöne Mütter riefen sie zur Ordnung, und kernige Männer brummten den Bass. Paris, so glaubte ich, sei eine Stadt des Himmels, vom Flor göttlicher Musik umgeben, die die Franzosen ihre Sprache nennen. Die grauen Mäuse, die wir waren, staunten über jeden Mosaikstein, über jeden Wasserspeier und über jeden Springbrunnen. Wir stolperten in das Paradies und drängten uns an einer Menschentraube vorbei, die mir wie ein großer, blauer Pfau erschien. Und im Licht der Sonne verwandelte sich auch mein graues Kostüm in ein farbenfrohes Kleid, weil es nichts weiter tat, als die vielfältige Schönheit der Stadt zu reflektieren. An diesem Tage kamen wir nicht in Paris an, nein, wir zogen in Paris ein.
Wissbegierig sog ich die französische Sprache in mich auf. Wie ein Schwamm verschlang ich das Wasser aus Wörtern, Vokabeln, Wendungen und Weisheiten. Ich weigerte mich, zuhause Russisch zu sprechen, und selbst wenn ich wütend war, schimpfte ich mit meinen Eltern auf Französisch. In der Schule beherrschte ich das passé simple und den subjonctif bald besser als jeder andere meiner Mitschüler, und nach Beendigung der seconde konnte ich ganze Passagen aus Baudelaires Fleurs du Mal rezitieren. Ich war wie besessen von der französischen Sprache, von der französischen art de vivre, und von meiner Französisierung. Ich verkehrte mit den Intellektuellen der Stadt, lernte sogar Sartre kennen, als er 1936 einmal aus Le Havre zurück nach Paris kam, und umgab mich mit dem Nimbus eines exotischen Vogels, der den anderen erhaben war. Nach dem baccalaueréat verließ ich meine Elternwohnung, und in dem Irrglauben, meine Unabhängigkeit zu finden, heiratete ich mit 23 einen französischen libertin, einen Freigeist, der mir schnell ein Kind machte: Anastasia.
Dann kam der Krieg. Für eine Weile fühlten wir uns sicher. Wir trafen uns immer wieder an verschiedenen Orten, tranken Champagner, Grand Cru, hörten Musik, sangen selbst, trugen Gewänder aus Samt und Seide, rauchten Zigaretten in langen Haltern, und empfanden den Krieg als ein Abenteuer, das noch in weiter Ferne lag. Wir glaubten, der Zweite Weltkrieg würde spurlos an uns vorübergehen, und nie hätte ich zu jener Zeit gedacht, einmal einen gelben Stern tragen zu müssen. Mit meinem Intellekt fühlte ich mich unverwundbar, und nichts lag mir ferner, als mit den Juden, die ich in Veit Harlans Jud Süß zu sehen bekam, Mitleid zu empfinden. Deutschland war in meinen Augen ein graues, kriegerisches und im höchsten Maße unkultiviertes Land, das der Farbenpracht Paris nichts Böses anhabenkonnte. Ich war dem Irrglauben erlegen, dass der Völkerbund bald zusammentreten würde, und dann in einer gemeinsamen Aktion dem kriegslüsternen Adolf den Garaus machen würde.
Aber langsam musste ich lernen, dass der Überfall auf Polen nur der Anfang gewesen war, und nicht das Ende. Bald musste ich erfahren, dass die Diplomatie ein edles Tier ist, das sich nur dann zum Angriff genötigt sieht, wenn man es bis in die äußerste Ecke drängt. Bald musste ich erleben, dass der Champagner versiegte, und dass ein jeder Mensch dann von seinem hohen Ross zu den einfachen Leuten heruntersteigen musste, wenn er überleben wollte. Ich musste merken, dass man der Natur des Menschen im Krieg nicht entkommen kann, und dass Freunde Verräter, Helden Feiglinge und Menschen Tiere werden, wenn es zum Krieg kommt. Ich verdanke dem Zweiten Weltkrieg die Lektion, dass wir Tiere sind. Zuweilen gut gekleidete, sich zivilisiert gebende Tiere, aber immer noch und immer wieder: TIERE.
*
Anastasia war mein Kind. Anastasia war das Mädchen, das aus der anfänglichen und unzerstörbaren Liebe zu meinem französischen Mann entstanden war. Als die Liebe zu diesem Mann in meinem Herzen mehr und mehr verblasste, projizierte ich diesen Überschuss an Liebe auf ein anderes Ziel: auf meine Tochter. Als Anastasias Vater dann gänzlich aus meinem Leben verschwunden war, lebte ich mein Leben nur noch für Anastasia. Gut, ich ging noch immer zu den gesellschaftlichen Abenden und diskutierte mit der Pariser Intelligentsia die Liebeskasuistik, aber all dieses Gerede um Literatur, Philosophie und Sprache war nur ein Zeitvertreib, mit dem man, wenn man es geschickt anstellte, sogar Geld verdienen konnte. Aber sobald ich mich gedanklich auf das besann, was wirklich zählte, dachte ich nur an mein Kind, an Anastasia. Wenn ich auch nur für eine einzige Sekunde am Tag den lachenden Mund und die wässrig glitzernden Augen meiner Tochter sehen konnte, so war dieser Tag ein guter Tag. Ich ließ ihr all die Liebe angedeihen, zu der ich fähig war, und ich sah, wie sie wuchs und wuchs, körperlich und geistig. Noch immer klingt mir ihr erstes Wort im Ohr, an jenem Tag, als sie mich maman nannte, und nicht mamutschka. An diesem Tag wusste ich, dass Anastasia Französin war.
Was ist das, ein eigenes Kind? Was ist dieses Wesen, das aus dem eigenen Bauch kommt, und dann mehr und mehr zu einem Mensch wird? Wie soll man einem Mann das Verhältnis einer Mutter zu ihrem eigenen Kind begreiflich machen, wie soll man mit den limitierten Mitteln der Sprache dieses kolossale Geflecht aus Gedanken begreiflich machen, in das jede Frau hineingerät, sobald oder spätestens wenn sie im Kreißsaal liegt und das Leben, das pure Leben aus ihrem Ursprung kommt. Wie soll ein Mann die Bedeutung des Ausdrucks ‚mein eigen Fleisch und Blut' verstehen, wenn er doch nur den Samen entrichtet, der das Leben spendet. Nie hat ein Mann diesen angeschwollenen Bauch gefühlt, die tretenden Füßchen und hämmernden Ärmchen gespürt, nie hat er um das Leben in seinem Bauch so gezittert wie wir Frauen es tun. Nie war ihm so angst und bange wie uns, wenn wir zum Arzt gingen, er uns die Hand auflegte und die Stirn runzelte. Nie hat er auf die kleinste Gestik des Arztes geachtet, als wäre es das Menetekel einer sich ankündigenden schweren Geburt. Bis in alle Ewigkeit werden dem Mann die neun Monate der Schwangerschaft wie ein Buch erscheinen, das mit sieben Siegeln belegt ist. Neun Monate, in denen sich das Leben einer Frau komplett verändert, und nach denen nichts mehr ist, wie es vorher war. Mit dem Platzen der Fruchtblase zerplatzt jegliche Erinnerung an das Leben davor. Es gibt nur eine Zeit vor dem Muttersein, die aber leer und arm ist, sobald man einmal Mutter geworden ist.
Ich hatte ein Kind. Ich hatte ein Mädchen, Anastasia, das mich überleben sollte. Ich liebte ein Mädchen, das meine Tochter war, und wünschte ihr ein langes Leben. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht denke: Ich würde mein Leben geben für das meiner Tochter. Ich würde mich allen erdenklichen Folterungen und Qualen aussetzen, solange nur dies gewährleistet ist: Meine Tochter lebt! Meine Tochter lebt, liebt und lacht!
Was für ein Gott kann das sein, der einer Mutter ihr Kind nimmt? Was für ein Gott muss das sein, der eine Mutter neun Monate um ihr Kind bangen und es schließlich gebären lässt, nur um es ihr ein paar Jahre später, nachdem sie es zum Mittelpunkt ihres Lebens gemacht hat, wieder wegzunehmen? Was für ein Gott muss das sein?
Lange habe ich überlegt, und immer wieder kann ich nur zu dieser Schlussfolgerung kommen: Kein guter Gott, kein gleichgültiger Gott, kein überforderter Gott, nein: EIN GRAUSAMER GOTT!
*
Am 14. Juni 1940 kamen die Deutschen in Paris an. Les Boches arrivent, schrie man auf den Straßen. Angst kam auf. Manche, vor allem junge Männer, bewaffneten sich und bereiteten sich auf den Kampf vor. Viele flohen. Und Jean-Paul Sartre zückte seinen Stift.
Erstmal passierte nicht viel. Wir Juden sollten uns zu erkennen geben und gelbe Sterne tragen. Aber nachts trafen wir uns immer noch in abgelegenen Winkeln der Stadt und feierten weiter, immer lauter, bis die Angst weg war. Vom Fenster meiner Wohnung sah ich dann einmal, wie eine Gruppe der Forces Françaises de l'Intérieur einen deutschen Wagen kaperte. Sie hatten eine Barrikade gebaut, und als der Lastwagen mit deutschen Soldaten in unsere Straße eingebogen war, hatten die Helfer der Résistance den Deutschen von hinten den Weg abgeschnitten. Die Leute der Forces Françaises de l'Intérieur warfen eine Handgranate, die den Fahrer des Wagens, ein blutjunges Bürschlein von höchstens zwanzig Jahren, zum rettenden Sprung aus der Fahrerkabine zwang. Sein Beifahrer machte es ihm nach. Dann zerbarst die Handgranate, und ihr Widerhall knallte durch die Strasse. Die Soldaten, die hinten auf dem Wagen gesessen hatten, sprangen herunter und feuerten ansatzlos auf die Widerständler. Ein heftiger Feuerkampf entbrannte, in dessen Verlauf eine Gewehrkugel ganz dicht neben meinem Fenster einschlug. Aber ich konnte nicht wegsehen. Ich sah fiebrig zu, wie ein deutscher Soldat von einem Schuss zusammenbrach. Seine Kameraden wollten ihn bergen, doch lag er so ungünstig, dass jeder Versuch lebensgefährlich gewesen wäre. Einer versuchte es dann doch. Langsam tastete er sich an seinen verletzten Kameraden heran, immer eng am Boden bleibend. Für eine Weile blieb es still, eine Anspannung war zu spüren, die sich dann in einem Schuss entlud. Einer aus der Gruppe der Franzosen hatte den zu Hilfe eilenden Deutschen kaltblütig erschossen. Schwein, dachte ich, und musste mich gleich dafür schämen. Noch während ich mich schämte, setzte das Feuergefecht wieder ein. Die Deutschen kämpften mit einer Verbissenheit, die mir fast Respekt abnötigte. In diesem Moment sah ich die Deutschen nicht als Feinde, ich sah nur drei, vier jämmerliche Buben, die ihrer Uniform nicht gewachsen waren. Je länger der Feuerkampf dauerte, desto mehr hoffte ich, dass die ganze Geschichte ein glückliches Ende nehmen würde. Aber schließlich war nur noch einer der Deutschen am Leben, und als er aufstand, um zu schießen oder um sich zu ergeben, verpasste man auch ihm eine Kugel. Jubel brannte auf, ein Jubel, der in meinen Ohren sehr bitter klang. Was war der Sieg über eine kleine Truppe gegen den Kampf einer gewaltigen Kriegsmaschinerie. Vielleicht, ja, vielleicht hätte es in Frankreich weniger Tote gegeben, wenn wir Pariser uns mit unserem Schicksal abgefunden hätten.
Wenn es nicht gerade Straßenkämpfe gab, ging das Pariser Leben fast seinen gewohnten Lauf. Die Luft war dicker geworden, und sie wurde von Tag zu Tag bleierner, aber die Gefahr war nicht greifbar. Tag um Tag sagten die anderen Juden mir, dass sich die Schlinge um unseren Hals immer weiter zuziehe, aber ich sah wohlgenährte Juden mit feistem Grinsen und dick gefüllten Backen. So schlimm kann es schon nicht sein, dachte ich mir. So schlimm wird es wohl nicht werden. Die Amerikaner und die Briten werden kommen, uns zu befreien, und dann wird ein großes Fest gefeiert.
Ich achtete darauf, dass Anastasia immer in meiner Nähe blieb, aber nicht einmal um sie hatte ich größere Angst. Sie war noch zu klein mit ihren drei Jahren, dachte ich, niemand wird mir ein so junges Ding wegnehmen wollen.
*
Am Vorabend der Razzia, am Abend des 15. Juli 1942, war ich in meiner Wohnung. Ich hatte den Tag wie gewöhnlich verbracht, einmal abgesehen davon, dass ich seit der Besatzung zu all meinen Terminen zu Fuß ging, aus Sicherheitsgründen. Die Nazis hatten bis dato noch keine größere Razzia gegen Juden veranstaltet, aber sie hatten hier und dort (meist an Bahnhöfen und Metrostationen) schon mal einen Juden mitgenommen und ihn dann weggebracht. Das war unangenehm, aber es war nicht so, dass die Angst nun mein ständiger Begleiter gewesen wäre. Darüber hinaus glaubte ich, ein paar einflussreiche Freunde zu besitzen. Ich war einfach zu jung, um zu verstehen, dass die Deutschen meinen Freunden das Geld und die Position gelassen, ihnen dafür aber ihre Macht entrissen hatten. Ich war wahrlich blind. Die versteckten Anzeichen sah ich nicht, wahrscheinlich, weil ich sie nicht sehen wollte. Zwei Jahre hatten wir bis dahin unter der Besatzung gelebt, und auch wenn wir nur mit den Nazis redeten, wenn sie uns ansprachen, hatten wir doch gelernt, uns zu arrangieren. Manche Franzosen waren sogar so unverschämt, in einem Café über die Nazis zu schimpfen, während ein deutscher Soldat in direkter Nähe zu ihnen saß. Die meisten Deutschen konnten ja kein Französisch, und da uns nicht viele Mittel zur Auflehnung geblieben waren, nutzten wir diejenigen, die uns geblieben waren, umso mehr. Wir entwickelten eine verquere und verschleierte Sprache mit Geheimwörtern, in der wie die Nazis zum Teufel wünschen konnten. Wir warfen ihnen Wurfgeschosse aus Silben an den Kopf, in der Hoffnung, dass sie daran elendig zugrunde gehen würden.
Als ich also am 15. Juli 1942 gegen 19 Uhr nach Hause kam, und die Tür aufschloss, glaubte ich, den Tag wie alle vorherigen Tage unter der Besatzung beenden zu können. Ich würde meiner jüdischen Freundin Marie danken, dass sie den Tag über auf Anastasia aufgepasst hatte, dann würde ich meinen kleinen Engel in die Arme schließen, mit ihm spielen, und mit ihm sprechen, damit er Französisch lernte. In der Küche würde ich mir eine Suppe zubereiten, ein paar Schnitten Brot dazu essen und kurz vor dem Zubettgehen noch ein Buch lesen. Ich würde mit feingeistiger Lektüre einen gewöhnlichen Tag im Paris des Jahres 1942 ausklingen lassen, und die Beklemmung, diese kaum zu fassende Beklemmung, die die Besatzung mit sich brachte, vor dem Einschlafen mit einem heißen Grog von mir fortspülen.
Aber es kam anders. Als ich die Tür zu meiner Wohnung aufschloss, kam Marie, Anastasia auf ihren Armen, auf mich zu, und ihr Blick verhieß nichts Gutes. "Wir werden deportiert werden", sagte sie aufgeregt.
"Was?", erwiderte ich.
"Sie werden die Juden nach Jerusalem schicken". Marie zitterte. Ich nahm ihr Anastasia ab und versuchte, sie zu beruhigen.
"Aber Kind", sagte ich, "wer setzt dir denn solche Flausen in den Kopf."
"Es ist wahr", meinte Marie. "Ich habe von einem Freund gehört, der einen Bekannten hat, der für die Deutschen arbeitet. Vor zwei Tagen ist ein Rundbrief an alle Divisionskommissare gegangen. Sie sollen eine Razzia vorbereiten. Alle Juden, die nicht französisch sind, sollen erst zusammen getrieben und dann deportiert werden."
Ich guckte sie verwundert an. "Auch die Russen?", fragte ich.
"Auch die Russen", sagte Marie. "Die Russen, die Deutschen, die Österreicher, die Polen, die Tschechen. Die heimatlosen Juden auch, glaube ich."
Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. "Aber?…wie, wie wollen sie das machen. Die Pariser werden ihnen die Hölle heißmachen, wenn sie das tun. Was ist mit den Widerständlern? Die Forces Françaises de l'Intérieur, die Résistance. Die werden das doch nicht geschehen lassen. Nein, das werden sie nicht zulassen. Hör zu, Marie, mach dir keine Sorgen. Uns wird nichts passieren. Du gehst jetzt nach Hause, und morgen ruhst du dich aus. Ich hatte ohnehin vor, morgen zu Hause zu bleiben. Mach dir keine Sorgen, Marie. Das ist alles Panikmache. Wie wollen die Deutschen das denn anstellen. Es gibt über hunderttausend Juden in Paris. Wie wollen sie die alle finden? Wo wollen sie die alle unterbringen? Nein, mach dir keine Sorgen, Marie."
Eine Weile schaute Marie mich an. Dann nahm sie ihren Mantel vom Kleiderhaken, küsste mich auf die Wange.
"Viel Glück", sagte sie. Dann fiel die Tür ins Schloss.
*
Am nächsten Morgen um 8Uhr30 klingelte es. Verhältnismäßig unbekümmert öffnete ich die Tür. Als ich den einen Mann in Zivil und den anderen in Polizeiuniform sah, war ich erleichtert. Es sind nicht die Deutschen, dachte ich. Der Mann in Zivil sagte Bonjour (jetzt, im Nachhinein, ist dieses Bonjour eine monströse Impertinenz gewesen) und teilte mir dann unvermittelt mit, ich hätte fünf Minuten, um mich anzuziehen. Ich stutzte.
"Wohin wollen sie mich denn bringen?", fragte ich.
Jetzt sprach der Mann in Polizeiuniform. Ohne auf meine Frage einzugehen, sagte er: "Nehmen Sie nur das Nötigste mit. Ein Bettlaken für Sie und Ihre Tochter, Kleidung, vor allem Arbeitskleidung, zwei Bestecke ohne Messer, Zahnbürste, Handtücher und Seife, und vor allem, nehmen Sie ihre Essensmarken mit, außerdem genug Essen für zwei Tage. Beeilen Sie sich!"
Der Mann in Uniform verschwand, um ein Stockwerk höher zu gehen, der Mann in Zivil trat in meine Wohnung ein. Ich weiß, dass ich nicht einmal groß überlegt habe, ob ich diesem Befehl Folge leisten sollte, ich tat es einfach. Ich dachte nicht sehr weit. Ich tat einfach einen kleinen Schritt, ohne zu merken, dass es mein erster Schritt Richtung Hölle war.
Als ich ein paar Fotos aus einer Schublade nahm, sagte der Mann in Zivil, ich solle das lassen und mich beeilen.
"Wohin gehen wir?", fragte ich.
"Das werden sie schon sehen", erwiderte er.
Zehn Minuten später hatte ich den kleinen Koffer vollgepackt, und Anastasia auf dem Arm. Der Mann in Zivil nahm mir den Koffer ab, und dann gingen wir los. Im Hausflur trafen wir wieder mit dem Mann in Uniform zusammen, im Schlepptau hatte er die alte Mme Vernon. Sie hielt ebenfalls einen kleinen Koffer in der Hand und schaute mich ängstlich an. Sie sagte kein Wort. Wir gingen los. Für ungefähr eine halbe Stunde liefen wir durch Paris, fast unbeachtet, weil es noch recht früh am Morgen war. Aus den Läden schauten manche Menschen zu uns auf die Straße. Einer formte mit den Lippen das Wort Cours! , aber ich lief weiter brav hinter den beiden Männern her.
Wir waren nur Frauen, im Alter von sechzehn bis fünfundfünfzig, einige mit ihren Kindern auf dem Arm. Als wir schließlich am Place Voltaire ankamen, stand dort eine lange Schlange von Autobussen für uns bereit. Ein Großaufgebot an französischer Polizei hielt die Anwohner, die aus Neugier (manche auch, weil sie helfen wollten) aus ihren Häusern gekommen waren, von den zu transportierenden Juden fern. Es gab ein großes Gedränge, einige Polizisten schlugen mit Schlagstöcken auf die männlichen Juden ein, die nicht parieren wollten. Unter ihnen sah ich auch Sergej, den Bruder von Marie. Er blutete an der Hand, die er sich schützend vor den Kopf hielt. Ehe ich mich versah, saß ich mit ungefähr achtzig Leuten in einem dieser Busse. Manche der Insassen waren regelrecht an die Fenster gedrückt, ich hörte das Weinen der Kinder. Anastasia war ganz ruhig. Von draußen drang das Geschrei einer Gruppe Männer zu uns herein. Es waren die Väter der Kinder. Im Bus sagte niemand ein Wort.
Wir fuhren los. Während wir fuhren, sah ich aus dem Fenster. In den teilweise belebten Straßen erregten wir wenig Aufsehen. Unser Bus unterschied sich nicht groß von den Bussen, die ihren gewöhnlichen Dienst taten. Manche der Passanten merkten erst, wer wir waren, als wir schon um die nächste Ecke bogen. Es waren meine letzten Minuten in Freiheit, die letzten Minuten, in denen ich Paris und das in ihr pulsierende Leben sah. Für die paar Minuten, die wir brauchten, um ins fünfzehnte Arrondissement zu gelangen, konnte ich mich noch mit einer gewissen Einbildungskraft als Tourist verstehen, der eine Stadttour macht. Aber als wir im Vel d'Hiv, im Vélodrome d'Hiver, ankamen, musste auch ich erkennen, dass dies der letzte Tag meines freien Lebens war. Unzählige Autobusse standen am Eingang der Radrennbahn, in der Guy Lapébi und Charles Pelissier das Sechstagerennen gewonnen hatten. Tausende von Juden standen dicht um die Radrennbahn gedrängt, das Geschrei und Gejammer der Älteren wechselte sich ab mit dem Geheule der Kinder. Französische Polizisten schrieen um Aufmerksamkeit und versuchten Ordnung in die jüdische Masse zu bringen. Es war Juli, und der Schweiß der Menschen brannte in den roten Augen, die in Tränen erstickten. Es stank nach Pech und Schwefel. Und auf weiter Flur: kein einziger Deutscher!
*
Ja, es waren Franzosen, die mich und Anastasia in das Innere der überdachten Radrennbahn schubsten. Es waren Franzosen, die die Befehle der abwesenden Deutschen ausführten. Es waren Franzosen, die mit Knüppeln auf uns einschlugen, die uns die Grundnahrungsmittel Wasser und Brot verwehrten, die unsere hilflosen Kinder elendig verrecken ließen, die uns einpferchten wie Schweine, und die mein Kind, Anastasia verhungern und verdursten ließen. Es waren Franzosen, und nicht die Deutschen. Es waren die Pétainisten und nicht die Nazis. Es waren die Handlanger der Nazis. Und sie taten ihre Arbeit nicht mit Widerwillen, nicht mit einem entschuldigenden Blick in den Augen. Nein, sie taten ihre Arbeit mit dergleichen Emotionslosigkeit, wie sie die Juden in Auschwitz auch von Mengele gekannt haben. Sie quälten, prügelten, folterten und schlugen uns, weil es ihre Arbeit war.
Das Velodrom war ein stinkender Dampfkessel. Schon beim Eintritt in die Arena begann Anastasia kurzatmig zu werden. Ebenso wie ihr machte mir das Atmen Probleme. Vor jedem Luftzug, den ich einsog, graute es mir, weil es der Luftzug einer verseuchten Atmosphäre war. Es roch nach Schweiß, nach nassem Fleisch, und nach gerinnendem Blut (ja, gerinnendes Blut hat einen eigenen Geruch). Ich sah Menschen, dicht an dicht gedrängt, ich sah und fühlte sie. In dem Gedränge blieb mir oft nur die Hand meiner Tochter, den Rest ihres Körpers konnte ich nicht sehen, weil er zwischen zwei Körpern eingeklemmt war. Ich nahm Anastasia in den Arm, aber meine Kraft verließ mich, und so setzte ich sie nach einer Weile wieder auf dem Boden ab. Andere Mütter waren da, sie wimmerten und riefen um Hilfe, verlangten nach Essen. Da es nur zwei Toiletten im Velodrom gab, erleichterten sich manche unter uns entlang der Mauer. Die Fäkalien verströmten ihren Geruch in der Hitze und stiegen uns unaufhörlich in die Nase. Wasser gab es keins. Der Ekel vor den anderen wurde zum Ekel vor sich selbst, und während das Kofferpacken bei der Abholung uns noch an eine zivilisierte Deportation hatte glauben lassen, verlor sich dieser Glaube nun im Gestank der Scheiße, die uns umgab. Keine vier Stunden nach meiner Ankunft gab es die ersten Toten. Eine Frau, deren Kind im Gedränge umgekommen war, hatte sich das Leben genommen. Sie hatte sich mit einem Messer die Pulsadern aufgeschnitten, und sich langsam ausbluten lassen. Ich bekam diese Frau nicht zu Gesicht, sie wurde auch nicht abtransportiert, sondern lediglich im Velodrom herumgereicht, weil es nicht genug Platz gab, um sie hinzulegen. Als auch Anastasia zu wimmern begann, musste ich mich zusammenreißen, um nicht panisch zu werden. Mit aller Kraft versuchte ich, ein bisschen Platz für Anastasia zu schaffen, ein Bemühen, das ein Mann neben mir mit einer Backpfeife quittierte. Er schlug mir mit der flachen Hand ins Gesicht und sagte mit einem russischen Akzent: "Restez tranquille!" Aber ich wollte mich nicht beruhigen. Ich wollte mich nicht zusammenreißen. Ich wollte mit einem spitzen Schrei die ganze Welt zum Verstummen bringen. Ich wollte solange schreien, bis sie mir und Anastasia einen Weg aus dem Velodrom ebneten. Ich wollte schreien, bis der Gott, an den ich einmal geglaubt hatte, sich umdrehte und sah, was geschah. Ich wollte ein Mensch bleiben. Ich wollte nicht in dem Gestank der eigenen Exkremente und Fäkalien sterben, sondern in einem luftigen Kleid durch den bois de Boulogne tanzen. Mit jeder Minute wurde uns allen, die wir im Velodrom eingesperrt waren, die Ahnung mehr und mehr zur Gewissheit. Als dann in der Nacht bei einer jungen Frau die Geburtswehen einsetzten, und die umstehenden Männer der jungen Frau bei ihrer Fehlgeburt assistierten, war das tote Etwas, das die jungen Männer ihr aus dem Unterleib holten, mehr als nur ein totes Kind. Es war der Tod persönlich, der im Velodrom Einzug gehalten hatte.
*
Am zweiten Tag begannen einige der älteren Leute, Blut zu spucken. Die unaufhörlichen Schreie nach Wasser und Brot verebbten um die Mittagsstunde. Ich versuchte, Anastasia zu beruhigen, sie zu halten, aber ihr zuweilen fahles, zuweilen gelbliches Gesicht machte mir Sorgen. Einige der Frauen baten die anwesenden Gendarmen, sie mitsamt ihren Kindern zu töten. Eine andere Frau bat eine Helferin des Roten Kreuzes, die man in das Velodrom gelassen hatte, um eine Spritze, die ihrem Leben ein Ende bereiten sollte. Am Knie eines Kindes sah ich eine offene Wunde. Um das verkrustete Blut herum schwirrten die Fliegen. Gegen Nachmittag kam eine Schwester mit einem Bottich vorbei. Sie schöpfte einen Rest Wasser daraus und gab die volle Kelle dann einer Frau, die neben mir stand. Ich hatte nicht die Geistesgegenwart gehabt, die Schwester auf Anastasia hinzuweisen, die in meinen Armen lag, und die das Wasser nötiger brauchte als die Frau, die es tatsächlich bekommen hatte. So bekamen wir nachmittags auch nichts von den Nudeln, die man dem Hörensagen nach am anderen Ende des Velodroms verteilte. Überhaupt war ich den ganzen Tag wie gelähmt. Ich aß nichts, ich trank nichts, ich stand einfach nur da und setzte mich hin, wenn ich konnte. Nach Stunden der Stille folgten am Abend wieder die hysterischen Schreie der Menschen, die vor ihrem Tod nochmals alle Kräfte sammelten. Vor allem die Schreie der älteren Leute rissen mich immer wieder aus meiner Lethargie. Das Gewimmer der Kinder wurde unerträglich, und manche der Frauen gaben ihren Zöglingen einen Schlag ins Gesicht. Anastasia schaute mich an, und ihr Blick, der mich um Hilfe bat, bohrte sich in mein Gedächtnis.
Es ist dieser Blick der Enttäuschung, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. Anastasia sah in mir den Menschen, der sie bis dahin umsorgt und verpflegt, und der nun, aus irgendeinem Grund, damit aufgehört hatte. Anastasias Blick verriet die Enttäuschung und das Unverständnis, die die Situation ihr bereiteten. Und ich war diesem Blick meiner Tochter ausgeliefert, diesem Blick, der fragte: Warum?
Tuberkulosekranke, alte Krüppel, Kinder mit Masern und Windpocken, und über allem dieser Geruch der Fäulnis und Exkremente. Immer mehr Leute kamen an, die Zehntausend waren längst überschritten. Ein Mann neben mir erzählte, wie man ihn aus dem Krankenhaus geholt hatte, wo er sich gerade einer Blinddarmoperation unterziehen sollte. Als er seinen Pullover anhob, sahen wir Umstehenden den gelbroten Verband, der ihm im schmierigen Blut von der Bauchdecke flutschte. Man machte ein wenig Platz, damit er sich setzen konnte. Keine zwei Stunden später lag er tot da. Niemand sagte ein Wort, keiner sprach ein Gebet. Jemand versuchte, ihn unter den Schultern zu fassen und ihn einem der Gendarmen zu übergeben. Als er ihn hochhob, fiel der Verband des Mannes auf den Boden. Keiner wollte diesen vor gelbrotem Eiter triefenden Lappen aufheben, und so blieb er liegen. Ein anderer Mann begann, in lauten Gedanken von einer Epidemie zu reden. Ein anderer Mann sagte ihm, er solle die Schnauze halten. Langsam wurde es Abend, und mit dem Abend kam die gespenstische Stille. Anastasia sagte kein Wort. Ich fühlte ihren kaum vorhandenen Puls, und streichelte ihr Gesicht. Mein Kind, mein Kind, summte ich leise.
In der Nacht ließ ich mich fallen. Ich ließ mich auf den Boden fallen und schlief ein. Der Schlaf war meine einzige Rettung. Ich konnte nirgendwohin fliehen, nur in den Schlaf.
*
"Madame, ihr Kind."
Ich wachte auf.
"Ihr Kind, Madame."
Ich schaute Anastasia ins Gesicht. Blut lief ihr aus dem Mundwinkel, ihre Augen waren geschlossen.
"Es schläft", sagte ich.
Die Umstehenden schauten sich an, dann mich. Sie sagten nichts.
Achtzehn Stunden hielt ich die tote Anastasia in meinen Armen, und tat so, als ob sie noch lebte. Achtzehn weitere Stunden verbrachte ich im Velodrom, in denen sich ein paar Frauen von den höheren Stufen in die Arena stürzten, in denen kleine Kinder umherirrten, auf der Suche nach ihren Müttern, in denen Menschen in Ohnmacht fielen und in denen die Zeit selbst eine Qual wurde. Wie wenig es doch braucht, um Böses zu tun. Treiben Sie zwölftausend Menschen zusammen und pferchen Sie sie auf viel zu keinem Raum ein. Dann schließen Sie die Türen und lassen die Saat des Bösen keimen. Drei Tage später sind alle tot. Gut, einige mögen noch körperlich am Leben sein, aber keiner der Menschen, die drei Tage vorher das Veldrom betreten hatten, wird in derselben Verfassung wieder herauskommen. Diese achtzehn Stunden und die zwei Tage davor waren nicht einmal das Problem. Das Problem war und ist immer noch die Erinnerung an diese drei Tage. Meine alltägliche gedankliche Rückkehr an diesen Ort des Grauens ist das Unerträgliche, das mich zerstört. Das Bild der toten Anastasia in meinen Händen ist nicht das Schlimme. Nein, das Schlimme ist, dass dieses Bild mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Es geht nicht weg. Es ist in mir, und es wird dort bleiben. Wenn ich über diese drei Tage spreche, dann verschafft mir das keine Erleichterung; wenn ich weine, dann verblasst dadurch nicht die Erinnerung, und wenn ich im Supermarkt um die Ecke Eier kaufe, dann ist das keine Zerstreuung. Meine Folter, meine lebenslange Folter besteht darin, dass ich diese Radrennbahn nie verlassen habe. Ich wohne jetzt am Prenzlauer Berg, ja, aber wohne ich wirklich dort? Ich habe in Bonn und hier mein Leben gelebt, ja, aber habe ich wirklich gelebt?
Ich fühle mich wie ein Huhn, dem man den Kopf abgeschlagen hat. Ich irre verstört umher, obwohl ich schon tot bin. Mein Leben ist nur noch ein Reflex der Gliedmaßen, ein Zucken der Körperteile, die meine Füße, Beine und Arme in Bewegung setzen. Ich fühle mich, als lebte ich ein eindimensionales Leben in einer dreidimensionalen Welt. Ich bin ein Flachrelief, ich bin ein Schatten meiner Selbst, ein Überbleibsel, ein kärglicher Rest von der Asche, die nach der Verbrennung übrig bleibt. Wenn ich abends in meiner Wohnung sitze, wenn das Licht ausgeschaltet ist, und ich nur das Ticken der Wanduhr höre, dann ist es, als säße niemand im Raum, als wäre ich nicht da.
Sei froh, du hast überlebt, sagen sie. Sei froh, du bist dem Teufel noch mal von der Schippe gesprungen. Bin ich das? Habe ich überlebt? Was ist ein Leben? Was ist ein Leben? Wo ist das tote Kind hingegangen, das ich geboren habe? Wo sind die blonden Locken ihres Schopfes jetzt, was ist aus ihren kleinen Händchen geworden, die meinen kleinen Finger fest umklammert hielten, wo ist das Lächeln meiner Tochter, wo ist das Gebrabbel aus ihrer Säuglingszeit? Ist ein Mensch nicht genauso vergänglich wie das Wort, das er gerade spricht, der Augenblick, den er gerade erlebt oder die Luft, die er gerade atmet? Ist dieses Gewebe, das unsere Skelette umgibt, nicht eine einzige Lüge, die uns glauben machen soll, wir wären aus echtem Material? Was unterscheidet uns von der Blume, die verwelkt, noch bevor sie richtig geblüht hat? Was unterscheidet uns von Dampf, von Luft, oder von dem Gewürm in der Erde? Was?
Als sie uns abtransportierten, weinte ich vor Freude. Ich war froh, dem Velodrom entkommen zu sein. Man brachte uns zu einem Verladebahnhof und stopfte uns in Güterwaggons. Es war wieder sehr eng, aber der Gestank war weg und die Schreie und das Gewimmer hörten auf. Wir fuhren nach Auschwitz. Aber Auschwitz war nicht so schlimm wie die Zeit im Vel d'Hiv. Auschwitz war eine Fabrik des Todes, aber sie war sauber, gut gelüftet und bestens organisiert. Ein süßlicher Geruch lag über dem Lager. Es gab Toiletten, es gab Wasser und Brot, es gab Regeln, an die man sich halten konnte, und wenn man starb, dann ging es schnell und still. Auschwitz zu überleben war nicht schwer. Auschwitz zu vergessen auch nicht. Was in der Erinnerung bleibt, ist das Brechen. Sie haben uns gebrochen, die Franzosen im Vel d'Hiv. Die Franzosen! Und kein einziger Deutscher.
*
Nach dem Krieg, nach unserer Befreiung aus Auschwitz, kehrte ich nicht nach Paris zurück. Ich ging nach Bonn. Ich ging nach Deutschland, weil ich glaubte, dort eine Aufgabe zu haben. Ich ging durch die Straßen der Stadt und verstand mich mit meinem ausgemergelten Körper als eine wandelnde Anklageschrift. Ich wollte den fetten Deutschen zeigen, was sie mit ihrem Kreuz für die NSDAP angerichtet hatten. Ich verstand mein von Gelbsucht fahles Gesicht als eine Aufforderung an alle Deutschen: Tut Buße! Und sie taten Buße. Man gab mir zu essen, man päppelte mich wieder auf, man gab mir Geld und Bildung, man entschädigte mich mit entschuldigenden Gesten, und ich nahm alles an. Ich nahm alles mit Verachtung in den Augen an und bekam dadurch noch mehr. Ich bekam eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am slawischen Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms Universität, später eine Doktorandenstelle, schließlich den Doktortitel. Ich durfte in meiner Freizeit Symposien über die Gräueltaten der Nazis organisieren, ich traf Konrad Adenauer, der mich in sein Haus in Rhöndorf einlud, und ich klagte in öffentlichen Briefen die IG Farben an, die mit Zwangsarbeit ein Vermögen gemacht hatte. Ich spürte alte Nazigrößen auf, enttarnte sie in linksradikalen Pamphleten und spuckte einem von ihnen ins Gesicht. Ich schrieb der Klarsfeld ein Dankesschreiben, als sie dem damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger wegen seiner NSDAP Vergangenheit eine Backpfeife verpasste, und ich wurde Mitglied der SPD. Ich machte Gerhard Frey das Leben zur Hölle, indem ich zu öffentlichen Verbrennungen der Nationalzeitung aufrief, und ich schrieb bissige Kommentare zu den bayerischen CSU Mitgliedern, die 1983 Die Republikaner gründeten. Linkslastige politische Agitation wurde mein Steckenpferd, das mich von den qualvollen Schmerzen befreien sollte, die mich abends und nachts in meiner Wohnung überkamen.
Aber es ist immer ein Fehler, wenn man seinem Leben nur noch ein einziges Ziel gibt. Und es ist ein noch größerer Fehler, wenn Menschenhass die Motivation ist, die hinter diesem Ziel steht. Keinen Menschen mehr an mich ranzulassen, das war das Leitmotiv meines Lebens. Als Anachoret in der Wüstenei des Menschen zu bestehen, das war mein Vorsatz. Mich nur noch den geistigen Genüssen hingeben, nicht mehr den körperlichen. Das Leben eines Stoikers, wenn man will. Und ich lebte dieses Leben. An der Universität galt ich immer als die emotionslose, gefühlskalte, frigide, vom Schicksal gebeutelte Doktorin. Nie ließ ich einen meiner Studenten die unüberbrückbare Distanz, die ich in der ersten Stunde zwischen mir und der Klasse etablierte, überwinden. Ich ließ mich während des Unterrichts zu keinen persönlichen Kommentaren hinreißen, und immer, wenn es ein Student doch schaffte, mir sympathisch zu erscheinen, maßregelte ich mich selbst mit den Worten: Sei auf der Hut, es ist ein Deutscher! Ebenso verhielt ich mich meinen Kollegen gegenüber. Selbst Gabriela Nurejew, einer halbrussischen Kollegin, der ein ähnliches (wenn auch nicht ganz so verheerendes) Schicksal wie mir zuteil geworden war, begegnete ich stets mit professioneller Distanz. Wenn ich ehrlich bin, war ich zu ihr sogar noch abweisender als zu den anderen. Ich wollte vermeiden, dass wir uns bei gemeinsamen Kaffeestunden voreinander ausweinen, uns süchtig einander anvertrauen, uns gegenseitig stützen. Ich wollte mein Schicksal nicht mit dem eines anderen teilen, weil ich sonst die vermeintliche Einzigartigkeit meines Schicksals hätte relativieren müssen. Nichts ist erniedrigender, als zu wissen, dass Millionen so wie ich gelitten haben. Denn mit den Schmerzen, die ich erlitten habe, nur eine von vielen zu sein, ist ein Schlag ins Gesicht.
*
Ich bin heute einundachtzig Jahre alt. Das Schreiben fällt mir schwer, ganz zu schweigen vom Denken und Erinnern. In ein paar Jahren wird es niemanden mehr von uns geben. Keiner wird dann mehr von den Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs berichten können, und unser Grauen, unsere Shoah, wird nur noch durch Ton- und Filmmaterial zu den Leuten sprechen. Doch dieses archivierte Grauen droht noch eher im Orkus der Weltgeschichte zu verschwinden als es unsere leibhaftigen Erzählungen ohnehin schon tun. In spätestens hundert Jahren wird der Zweite Weltkrieg bei den Menschen nicht mehr das beklemmende Schweigen auslösen, das uns heute noch vereinzelt begegnet. In spätestens hundert Jahren werden die Menschen den Zweiten Weltkrieg als ein Datum der Weltgeschichte auffassen. Sie werden wissen, wann er angefangen und wann er aufgehört hat. Aber sie werden diese Zeit nicht mehr zu füllen wissen. Sie werden diese sechs Jahre nicht mit Geschichten, Anekdoten, Schauermärchen und Legenden anreichern können, weil sie das alles dann vergessen haben. Denn genauso wie für uns das Blut des Dreißigjährigen Krieges längst getrocknet ist, so wird auch das Blut der Toten aus dem Zweiten Weltkrieg bald gerinnen. Und dann wird die Wunde verheilen, und der Name Hannah Rozhenko wird in den Kellergewölben der größten Archive dieser Welt unbeachtet vor sich hin rotten. Wenn ich Pech habe, wird mein Grabmal mit Hakenkreuzen beschmiert werden.
Es bleibt, wie immer, die Frage nach dem Sinn. Aber meine Altersflecken, meine verschrumpelte Haut, mein karges Leben, das in dieser deutschen Metropole nur noch zwischen dem nahe gelegenen Supermarkt und meiner 35m² Wohnung hin und her zu pendeln scheint, geben mir nicht mehr die Kraft, mich dieser Fragerei auszusetzen. In meinem Spiegelbild wird die Müßigkeit der Frage nach dem Sinn offenbar, und die Leute, die in den Straßen an der alten, buckligen Oma vorbeigehen, als wäre sie nicht da, machen jede intellektuelle Anstrengung meinerseits zu einer Farce. Ich lebe das Leben einer Toten. Ich irre noch umher in dieser Welt, ja, aber ich habe sie schon lange verlassen. Ich schaue aus dem Fenster, und ich sehe spielende Kinder unten auf dem Hof. Sie lachen, sie spielen im Sandkasten und rutschen die Rutsche hinunter. Ich sehe junge Mütter, die stolz mit ihren Kinderwagen Paraden fahren, und ich bin dann stets versucht, mit meinem Finger auf diese Leute zu zeigen und zu sagen: "Da ist das Leben." Genau so gut könnte ich auf mein Spiegelbild zeigen, und sagen: "Da ist der Tod." Aber all dieses Versinken im Selbstmitleid bewirkt nicht viel. Und so habe ich mich dazu entschlossen, mich in mein Schicksal zu ergeben. Nicht zu trauern, nicht zu weinen, nicht zu klagen und nicht zu hassen. Sondern einfach nur noch zu warten. Das ist es. Ja, das ist es: Ich warte.


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Eingereicht am 06. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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