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© Michael H. Schmatz


Gewiss sind sie jetzt enttäuscht und halten mich für einen knauserigen, alten und senilen Mann. Vielleicht stimmt das auch zum Teil. Glauben sie aber bitte nicht, dass ich alles Neue, jede neue Erfindung, jede neue wissenschaftliche Erkenntnis in Frage stelle oder gar ablehne. Das sicher nicht. Oder gar vor Neuerungen Angst hätte. - Nein, nein! Dazu habe ich in den einundsiebzig Jahren meines Lebens zu viele dieser vermeintlichen Fortschritte erlebt, ertragen und sicherlich auch den Einen oder Anderen davon genießen dürfen. Dennoch halte ich es nicht für erstrebenswert, jede neue Errungenschaft der so genannten High-Tech-Branche zu unterstützen oder gar mit zutragen. Aber kommen sie doch bitte herein.
Schon lange ist mir eben diese Antenne dort nicht mehr nur Mittel zum Zweck, Zeichen unantastbarer Informations- und Unterhaltungsfreiheit, ein Gegenstand der das Leben zu verschönern vermag und in der heutigen Zeit einfach nicht mehr wegzudenken ist. Nein! Schon früh morgens, wenn die ersten Sonnenstrahlen über die alten Ziegel des Nachbarhauses dort durch mein Schlafzimmerfenster fallen, vielleicht aber auch dunkles Gewölk am Himmel es mir schier unmöglich macht die Uhrzeit zu schätzen, oder schwere Regentropfen auf dem Fenstersims weckend zum Morgenappell trommeln - schon dann erwartet sie mich, mal bedächtig stillstehend, mit ihrem spitzen Zeigefinger gen Himmel deutend, als wolle sie erinnernd auf den Sinn, auf das Unfassbare des Lebens deuten; mal leicht tänzelnd, gleich einer graziösen Ballerina sich im Wind hin und her wiegend - zart, tröstend und beruhigend, oder aber, wie im wilden Tanz unzivilisierter Eingeborener, vermeintlich ohne jegliches Gefühl von Rhythmus und Takt wild um sich schlagend und mit nicht vorhersehbaren Sätzen in irgend eine Richtung springend.
Gelegentlich abends - im Sommer, wenn sie vor leuchtendem Abendrot ihre zierlichen Drahtarme deutlich und schützend über dem Haus ausbreitet, wie oft in alten Kirchen die Jungfrau Maria dargestellt, und einen jeden, der mit offenen Augen und offenem Herz durch die Welt geht, ein liebliches "Gute Nacht" zuzunicken scheint; oder im Winter, wenn sie, bei tobenden Schneefall jeder Kälte ausgesetzt, mit ihren verwahrlost, wachsenden Eiszapfen an die Wärme und Behaglichkeit der eigenen vier Wände wohlwollend erinnern mag.
So sehr hab ich mich an sie gewöhnt. Wie an einen festen Bestandteil meines Mobiliars, der mindestens den ersten und letzten Blick eines jeden Tages von mir zu erringen sucht; insbesondere in den letzten drei Jahren, auch wenn sie, mir lange nicht wirklich bewusst, gut und gerne schon dreißig Jahre allgegenwärtig auf dem Dach des Nachbarhauses thront. - Und nun, in den nächsten Tagen soll dies alles zu Ende sein, die Gepflogenheit dem Zahn der Zeit weichen?
Wissen sie, es ist ja nicht nur das - der vertraute Anblick - das Gewohnte. Nein! Vielmehr ist sie doch auch eine Art Verbundenheit geworden. Verbundenheit zwischen mir und den Menschen des gegenüberliegenden Hauses, meinen Nachbarn. Selbst wenn ich, beispielsweise mit dem älteren Herren aus dem vierten Stock dort drüben, noch nie ein Wort gesprochen habe, so weiß ich doch, dass seine Wahl Sonnabends eher auf eine Volksmusiksendung im Ersten oder Dritten, als auf eine Komödie im Zweiten, einer politischen Reportage oder einer diesen neuen, modernen Spielfilmen aus den drei Privaten, die wir empfangen, fällt. Die Bilder, das Aufblitzen, das Zucken von Hell und Dunkel, das mal schnelle mal langsame Aufhuschen der Schatten wenn sich die Kameraeinstellung ändert und sich dies alles deutlich an seinem Wohnzimmerfenster abzeichnet, lässt bei sieben Programmen ohne weiteres den Kanal, der da hinter dem gegenüberliegenden Fenster gewählt wurde, genau bestimmen. Man benötigt keine große Kombinationsgabe um zu wissen, dass er sich auch im Hörfunk für den Volksmusikkanal entscheidet. Oder der junge Kerl aus dem ersten Stock seines Hauses. Auch bei ihm ist es keine große Kunst zu erahnen, dass es sich bei den hektischen Lichtblitzen um die brutalen Filme der Privaten handelt, die es ihm wohl am meisten angetan haben, und welch Filme unsittlicher Fleischeslust sich an den Wochenenden weit nach Mitternacht, ebenfalls von den Privaten gesendet, auf seiner Flimmerkiste Aufmerksamkeit verschaffen. Bezüglich Hörfunk allerdings ist er nur schwer einzuschätzen, da die von Zeit zu Zeit vorkommende Beschallung unserer Straße wohl häufiger von seinem Plattenspieler als von seinem Transistorradio erfolgt. Oder die Mittdreißigerin - einen Stock über ihm. Sonntag für Sonntag um viertel nach acht immer wieder Krimis im Ersten. Und tagsüber, etwa beim Putzen der Fenster deutlich zu hören, die Sparte, welche die heutige Generation wohl als "Rock und Pop" bezeichnet. Und doch haben all die genannten Personen eine s gemeinsam. Ein jeder von ihnen ist verlässlich am Sonntag um Achtzehnuhrfünfzig zu Hause. - Familienserie im Ersten!
Nur die ausländische Familie, vermutlich aus Indien oder Pakistan, im Parterre nicht. Dort brennt abends nur Licht oder eben auch keines. Nie zeichnet sich das zuckende Hell und Dunkel eines laufenden Fernsehapparats an ihrem Fenster ab. Vermutlich sind sie der deutschen Sprache nicht wirklich mächtig, oder haben eben einfach nicht das nötige Geld für einen Fernsehapparat.
Ob mich dies beängstigt? Nein, - beängstigen tut mich das nicht. Ich meine aber, die Überschaubarkeit der Programme und dadurch die Einschätzbarkeit der Nachbarschaft hat doch durchaus etwas Verbindendes und Beruhigendes. Die Leute, mit Ausnahme der zuletzt Erwähnten, sind einem einfach nicht mehr so fremd. Es wäre ein Leichtes, mit einem jedem von ihnen schnell ins Gespräch zu kommen. - Ob ich das schon einmal getan habe? Ich bitte sie. Man hat doch Anstand. Dennoch finde ich es durchaus besänftigend, dass man es könnte, wenn man es nur wollte.
Doch nun soll mir dies Zeichen konstanter Behaglichkeit eingetauscht werden gegen einen dieser hässlichen, silbernen Teller. Gegen Radioprogramme en masse und zig Fernsehprogramme. Soll sie auf einmal nicht mehr den wenigen Amseln hier in der Innenstadt Platz zur Rast - zum Trällern eines fröhlichen Liedes sein? Den Tauben, in der Zeit des "Nicht-auf-der-Suche-nach-Fressen-sein" keinen sicheren Schutz vor tobenden Kindern und bellenden Hunden mehr gewähren? Wie meinen sie? - Nein! Eigentlich mag ich Tauben nicht, aber dennoch vergönne ich auch ihnen in dieser doch so sehr hektisch und nervös gewordenen Stadt, wie übrigens jedem, einen Platz - einen sicheren Platz.
Vor etwa vier Jahren, als meine Frau noch lebte, rief Berta, so hieß sie, mich eines Tages ganz aufgeregt aus dem Bad zu sich ans Wohnzimmerfenster. "Sieh Herbert! Sie doch!" und zeigte, voll freudiger Erregung und dem glänzendem Blick eines kleinen Mädchens bei der Weihnachtsbescherung, auf eben diese Antenne, auf welcher sich ein Falke, wenn ich mich nicht täusche ein Wanderfalke, niedergelassen hatte. Ein seltener Anblick hier, mitten in der Stadt, müssen sie wissen.
Ja - meine Berta. Auch mit dreiundsechzig Jahren war sie häufig noch wie ein junges Mädchen. Oft sind wir zusammen aufs Land gefahren, haben gemeinsam die Landschaften durchstreift, im Sommer uns zur Rast in der Kühle eines Waldes ein stilles Plätzchen gesucht; im Frühling oder Herbst uns die ersten beziehungsweise letzten Sonnenstrahlen des Jahres, in einer Wiese ruhend, auf die Haut scheinen lassen. Oder im Winter - selbst noch im betagten Alter haben wir uns noch von den tanzenden Schneeflocken zu einer Schneeballschlacht hinreißen lassen. Gerade aber bei einem Wetter wie heute, - herbstlich, regnerisch, hatte sie diesen erstaunten und rundum zufriedenen Gesichtsausdruck.
Berta-Wetter - so nannte sie es immer. Berta-Wetter! Und wie raschelte sie, auch noch in den letzten Tagen ihres viel zu kurzen Daseins, durch das knöcheltiefe Herbstlaub mit einem Blick, der sich über vierzig Jahre kein bisschen verändert hat. Kein Fernsehprogramm, kein Radiosender, noch irgendetwas anderes auf dieser Welt vermochte aus ihrem Gesicht diesen Ausdruck hervorzuzaubern. Aber ein wenig stürmisches Wetter, ein wenig fallendes Laub, ein wenig bunt gefärbte Bäume - das genügte schon. Ja - das war meine Berta. - Sie entschuldigen mich einen Moment.
Ob ich heute noch viel in der Natur unterwegs bin? Ach wissen sie - man wird älter. Und irgendwie würde mir ohne meine Berta da ja doch etwas fehlen - im Wald - auf dem Feld - auf der Wiese.
Nein wirklich! Diese Antenne ist mir schon lange nicht mehr nur Mittel zum Zweck.
Wie?
Nur zur Sicherheit, dass ich sie jetzt nicht falsch verstanden habe. Sie wird gar nicht abgebaut? Und sichtbar ist die Schüssel auf dem Nachbarhaus für mich auch nicht, weil sie Richtung Süden zeigen muss um was? - Astra? zu empfangen. Und einen, wie heißt das doch gleich, Re..? - Receiver muss ich nicht zwingend erwerben, weil ich die bisherigen Programme nach wie vor über meine Antenne empfangen kann?
Jetzt bin ich erleichtert. - Nein, nein! Notieren sie ruhig auch so ein Re.. - Gerät für mich. Und sie würden wirklich alles anschließen und einstellen? - Oh ja, in meinem Alter stößt man bei diesen modernen Sachen doch wirklich schnell an seine Grenzen. - Wirklich sehr nett von ihnen. Wir können dann ja unser doch sehr nettes Gespräch bei einer Tasse Kaffe fortsetzen ...


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Eingereicht am 05. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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