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Der alte Mann und der Zeitungsständer

© Mario Pflanzl


Der alte Mann trug Winters einen grünen Lodenmantel, dazu passenden Filzhut und ging an einem Stock. Das war notwendig, sonst wäre er noch vorne gekippt, so krummrückig ging er. Man fragte sich, ob er unter seiner Hutkrempe viel freie Sicht nach vorne hatte. Er hatte ein gutes Gesicht, das Kinn sprang etwas vor.
Alterheimbewohner kannte er sich im Stadtteil Zell gut aus. Sonntagvormittag holte er beharrlich seine Zeitung aus dem Ständer um die Ecke. Selbst wenn es Neuschnee hatte. Wenn er sich, zittrig auf den Beinen und bedächtig den Stock setzend sich dem Laternenmasten näherte, an dem das Blatt hing, fürchtete man, er könne jeden Moment ausrutschen, oder umfallen. Das geschah nie. Er verlangsamte einfach sein Tempo.
Er ging um den Masten herum, und das Entnehmen der Zeitung, das Einwerfen der Münzen war ein Ritual.
Zuerst brachte er sich vor dem Plastikspender in Position. Dann öffnete er langsam die Knöpfe seines Mantels. Indem er sich mit der Linken am kalten Masten festhielt, lehnte er den Stock dagegen, um eine freien Hand zu haben.
Damit fingerte er unendlich langsam, aber letztlich immer erfolgreich seine Zeitung heraus. Er umfasste sie so, dass sie zu einer Rolle wurde und ging nun daran sie in die Innentasche seines Mantels zu stecken. Dazu brauchte es mehrere Versuche. Das geschafft suchte er, sich immerfort am Mast abstützend, in der Mantelaußentasche nach losen Münzen. Die warf er ein, ohne dass ihm je eine auf den Gehsteig gefallen wäre.
Endlich hatte alles seine Richtigkeit, er nahm den Stock auf und ging, zittrig, und bedächtig den Stock setzend.
Anrainer, aus derselben Straße, kannten den Alten und warteten geduldig, ehe sie ihre Zeitung zogen.
Eine junge Dame wollte eines Tages helfen, wie sie den zittrigen, gebeugten Mann am Zeitungsständer werkeln sah.
Sie trat näher, sprach etwas, erntete Kopfschütteln, langte hin, wurde durch eine unwirsche Bewegung des Ellbogens abgewehrt, und trat beinahe empört zurück.
Der alte Mann zitterte durch die als Störung empfundene Hilfsbereitschaft noch mehr, und einen Moment sah es so aus, als würde es heute nichts mit der Zeitung.
Die junge Frau trat noch einmal näher, der Ellbogen fuhr unwirsch nach außen und nun ging sie. Nicht ganz. Sie blieb in einiger Entfernung stehen, sah sich das Schauspiel jedoch nicht zu Ende an, sondern wandte sich ruckartig ab, und ging ihres Weges.


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Eingereicht am 13. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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