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Pechtag oder ?

© Marianne Knip


Was für ein Tag, alles geht daneben, dachte Helen. Was ich auch anfange, heute geht auch wirklich alles schief. Zuerst verschlafe ich, dann stoße ich mein Knie am Türrahmen, das Wasser war zu heiß unter der Dusche und verbrühe mir den Mund am Kaffee. Von der Straßenbahn sah ich auch nur noch die Rücklichter und dann bleibe ich am Schreibtisch hängen und die Laufmaschen liefen vergnügt meine Beine herunter. Am besten ich gehe wieder heim und verstecke ich mich in meinem Bett und komme heute nicht mehr darunter hervor.
Bevor ich mich an den Gedanken erwärmen konnte, ging die Tür auf und mein Chef steckte seinen Kopf herein und sagte brummig, "Helen ich kann die Unterlagen nicht finden und ich wäre sehr angetan, wenn diese so schnell wie möglich auf meinen Schreibtisch befinden würden" und machte die Türe geräuschvoll hinter sich zu. Mein Gott, auch dies noch, dabei bin ich schon lange in ihn heimlich verliebt. Manfred, mein Chef, sah auch blendend aus, war schlank und groß, hat herrlich blonde Haare, die man am liebsten durcheinander bringen möchte und dazu wunderschöne tiefblaue Augen. Wenn er nur nicht immer so brummig zu mir wäre, Helen, sagte ich mir, schminke dir das schnell ab, denn er ist dein Chef und du nur eine kleine Sekretärin.
Also nahm ich meine Unterlagenmappe und da ich sowieso schon so nervös und durcheinander war, ging immer nervöser werdend in sein Zimmer um ihm die Unterlagen zur Unterschrift vorzulegen und dann lag da dieser blöde Bleistift am Fußboden. Das Pech verfolgte mich weiter, denn prompt rutschte ich auf diesen blöden Bleistift aus und dazu ruderte ich mit den Armen in der Luft in Richtung von meinen Chef und versuchte mich irgendwie an etwas festzuhalten und griff nach seinem Hosenbein und landete mit dem Kopf in seinem Schoß und die Mappe flog an seinen Kopf vorbei auf dem Boden. Mein Chef war zuerst verdutzt und dann lachte er schallend los und sagte, "Helen so untergeben müssen sie nicht unbedingt sein, obwohl so schlecht fühlt sich ihr Kopf auf meinem Schoß gar nicht einmal an." Mein Gott war mir dies peinlich, ich stand entsetzt auf, entschuldigte mich stammelnd und ich merkte wie mir die Tränen in die Augen stiegen und konnte sie nicht mehr zurückhalten. Drehte mich um und lief weinend aus dem Zimmer und hörte wie er hinter mir schallend lachte. Vor lauter Tränen konnte ich kaum mehr etwas erkennen, griff nur noch schnell nach meiner Handtasche um das Büro so schnell wie möglich zu verlassen. Ich wollte nur noch nach hause gehen und mich verkriechen.
Daheim warf ich mich mit einem Weinkrampf auf das Bett und konnte mich überhaupt nicht mehr beruhigen, ich kann da nicht mehr hingehen, und wenn er mich auch rausschmeißt, ich kann mich bei ihm nicht mehr blicken lassen, was für eine Blamage. Lieber Gott was habe ich denn verbrochen, das du mich heute so bestrafst.
Ein paar Stunden später klingelte es an meiner Wohnungstüre, ich raffte mich auf um sie auf zu machen. In der Diele ging ich am Spiegel vorbei und sah mein, vom weinen verquollenes Gesicht, mein verstrubbeltes Haar, die verdrückte Bluse, mein Rock zerknittert und dazu meine kaputten Strümpfe, ich sah einfach furchtbar aus. Ich machte die Türe auf und vor lauter Schreck wollte ich sie gleich wieder zumachen, denn davor stand mein Chef. Er hielt die Tür fest und fragte, "kann ich hereinkommen denn ich muss unbedingt mit ihnen sprechen." Ich konnte nur noch nicken, denn ich brachte keinen Ton heraus und ging voran in das Wohnzimmer. Manfred stand vor mir und hielt mich an den Armen fest und sagte, "Helen ich muss mich bei dir entschuldigen, ich habe dich nicht ausgelacht und es täte mir leid, wenn du das anders auf gefaßt hast. Du arbeitest doch nun schon drei Jahre bei mir und da müßtest du mich doch in der Zeit ein wenig besser kennen gelernt haben."
"Sei mir bitte nicht böse, aber es sah irgendwie so komisch aus wie du auf einmal mit den Armen so gerudert hast und dann mit deinem Kopf auf meinem Schoß gelandet bist. Am liebsten hätte ich dich dabei so gerne festgehalten und dich geküßt, denn du hast so herrlich nach Zitronen und Orangen geduftet. Ich bin dann erschrocken wie du weinend aus dem Zimmer gerannt bist und ich konnte gar nicht so schnell reagieren wie du weg warst und deswegen musste ich nach dir schauen." Durch meinen Kopf schwirrten tausend Gedanken und warum sagt er auf einmal "Du" zu mir, ich begriff überhaupt nichts mehr und schaute ihn nur mit großen Augen an. "Warum sagen sie auf einmal du zu mir, sie bringen mich ganz durcheinander."
Sag einmal Helen hast du überhaupt nie mitbekommen wie gut du mir die ganze Zeit gefallen hast. "Nein, erwiderte ich, den sie waren doch nimmer so brummig zu mir". "Das war ich doch nur weil ich so frustriert war, denn am liebsten hätte ich dich jedesmal in die Arme genommen und geküßt, und ich werde gleich wieder brummig, wenn du nicht ab sofort "Du" zu mir sagst, oder gefalle ich dir nicht." "Doch du gefällst mir sogar sehr und hatte es nie zu hoffen gewagt, dass ich dir auch gefallen könnte, denn ich war vom ersten Tag an in dich verliebt. Ich habe es nur nicht gezeigt, denn ich hatte Angst du könntest mich daraufhin entlassen und das wollte ich nicht." "Ach deswegen bist du immer mit so einem abweisenden Blick an mir vorbei gegangen."
Manfred nahm meinen Kopf ganz zart in seine Hände und schaute mich lieb an und küsste mich, zuerst ganz zärtlich und dann wurde sein Kuß immer drängender. Manfred drückte mich ganz fest an sich und sagte, "Helen ich liebe dich, kannst du dir vorstellen für immer mit so einen brummigen Mann zusammen zu sein." Ich zog strahlend seinen Kopf zu mir herunter, küßte ihn und sagte nur "Ja".
Wer konnte denn schon ahnen, dass aus einem so schlimmen Pechtag, noch ein so glücklicher Tag werden kann.


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Eingereicht am 15. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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