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Schüchtern

© Josef Haider


Es gibt einen Teil in mir, der gleicht einem Scherbenviertel, heruntergekommen und kaum bewohnt. Die Häuser sind zertrümmert, überall liegen Schutt und Asche. Einzelne Besucher weichen verstört zurück, verziehen sich wieder in ihre feinen Häuser in den noblen Wohngebieten.
Das Überleben in meinem Scherbenviertel gleicht einem ständigen Kampf. An jeder Ecke lauert Gefahr. Es gibt niemanden, der für Sicherheit sorgt, auf den Straßen herrscht Anarchie. Mein Scherbenviertel hat einen Namen. Es heißt Schüchternheit!
Man könnte es auch soziale Phobie nennen, aber das finde ich übertrieben und weniger poetisch.
Mein Scherbenviertel war einst der ganze Stolz der Stadt. Jeden Besucher führte man zuerst hierher. Doch mit der Zeit setzte der Verfall ein. Zuerst war das Museum betroffen, kurz darauf stürzte die Kirche plötzlich ein. Die Investoren zogen sich immer weiter zurück. Sie begnügten sich mit notdürftigen Reparaturen und mit der Aufrechterhaltung der Fassaden. Doch irgendwann begannen auch diese zu bröckeln. Nur die Stadtmauer blieb erhalten. Am Torbogen steht in Stein gehauen: Betreten auf eigene Gefahr!
Ich habe mich in psychologische Behandlung begeben. Mein Therapeut soll mir helfen, mein Scherbenviertel wieder bewohnbar zu machen. Er soll für Recht und Ordnung sorgen, den Bewohnern wieder Sicherheit geben.
Die Aufgabe, die er mir erteilte, bestand darin, mehrere Stufen meiner Angst möglichst konkret zu benennen, um mich diesen Ängsten danach Schritt für Schritt zu stellen. Ich kam zu folgender Rangreihe:
1. Mit einem fremden Menschen mindestens eine Minute sprechen.
2. Neben einem unbekannten Mann an einem öffentlichen Pissoir urinieren.
3. Eine Frau zum Essen einladen.
Ich habe bereits eine Frau ausgewählt, mit der ich über einen längeren Zeitraum sprechen werde. Es handelt sich um eine Kassiererin des BILLA-Supermarkts in der Nähe meiner Wohnung in der Laimburggasse. Dieser Supermarkt ist sehr klein und wenig frequentiert. Die Gefahr, dass mich andere Leute beobachten könnten, ist relativ gering. Neben dem BILLA-Markt gibt es auch noch einen SPAR-Markt. Sollte mein Experiment scheitern, kann ich von da an ja dort einkaufen.
Die Kassiererin, an die ich denke, ist weder hübsch noch hässlich. Eine attraktive Frau würde mich zu nervös machen, eine hässliche Frau abschrecken. Sie ist also das ideale Übungsobjekt.
Ich sollte zwar keine Stufe meiner Angsthierarchie überspringen, bevor ich die vorangegangene nicht vollständig bewältigt habe, doch heute bot sich mir die dringende Gelegenheit meine Pinkelangst zu überwinden. Ich besuchte einen Freund in St. Leonhard, dem meiner Wohnung entgegengesetzten Ende der Stadt. Auf dem Nachhauseweg musste ich am Jakominiplatz von der Straßenbahnlinie 7 in die Linie 5 umsteigen, doch ich versäumte meinen Anschluss knapp.
Der Jakominiplatz ist ein Verkehrsknotenpunkt in Graz. In der Mitte gibt es eine kleine Verkehrsinsel, umrahmt von Straßenbahnschienen und einer Busspur. Auf der Insel befindet sich ein Gebäude der Grazer Verkehrsbetriebe, eine Trafik und ein öffentliches WC. Da die vier Bier in meinem Körper meine Blase zu sprengen drohten, beschloss ich auf die Toilette zu gehen. Ich hatte großes Glück, es stand nur ein Mann am Pissoir. Ich stellte mich ihm gegenüber hin und spürte bereits, wie der Druck sich zu lösen begann, als sich plötzlich ein fettleibiger, schnurrbärtiger Mann im viel zu engen Fußballtrikot neben mich stellte und selbstbewusst urinierte. Sein kräftiger Strahl ließ meinen schüchternen Fluss vollkommen versiegen. Er sah mich fragend an.
Seit fast einem halben Jahr leide ich an einem Blinzeltick. Immer wenn ich nervös werde, zuckt mein linkes Auge. Mein Therapeut hält das für eine nonverbale Ausdrucksform eines nicht adäquat verarbeiteten frühkindlichen Konfliktes. Der Fußballfan hielt es wohl für einen Flirtversuch meinerseits. Mit heruntergezogener Hose am Boden liegend kam ich wieder zu mir. Mein Scherbenviertel schien endgültig dem Untergang geweiht.
Mein Therapeut meint, ich müsse mit Rückschlägen umgehen lernen, deshalb gebe ich noch nicht auf. Ich werde heute die erste Stufe meiner Angst überwinden und die Kassiererin ansprechen. Ich werde Artikel um € 3,88 kaufen und den Betrag an der Kasse genau bezahlen. Bis ich meine Geldtasche gezogen habe und meine Münzen gezählt sind, ist eine Minute verstrichen, in der ich etwas Konversation führen kann. Ich werde einen Kommentar zu ihrem Namen machen. Ich besitze ein Namensbuch und habe alle gängigen Namen nachgelesen und auswendig gelernt: Monika, die Einsame, Sofie, die Weise, Anna, die Mutige. Ich denke, ich bin gerüstet.
Ich hätte mir nicht gedacht, dass es so schwierig sein würde, auf den Cent genau einzukaufen. Ich habe eine Dose Linsen und abgepacktes Sauerkraut im Warenkorb. Dinge, die ich niemals essen würde. Ich stehe bereits seit einigen Minuten bei den Konservendosen, da an der Kassa reger Betrieb herrscht. Ich möchte einen guten Zeitpunkt abwarten. Die Kassiererin ist doch attraktiver als ich sie in Erinnerung hatte. Sie scheint ihr langes braunes Haar gewaschen zu haben und trägt es jetzt offen. Von der Seite erkenne ich, dass sie einen schönen Busen hat. Ich merke, wie meine Nervosität steigt. Jetzt nur standhaft bleiben.
€ 3,50, ich muss mich verrechnet haben. Diesen Betrag kann man doch relativ schnell genau bezahlen. Ich weiche von der einstudierten Taktik nicht ab. Während ich ihren Namen vom Namensschild abzulesen versuche, gleitet meine rechte Hand langsam in meine Hosentasche. Sie heißt Müller. Ich hätte mich doch besser vorbereiten sollen, dann hätte ich gewusst, dass Angestellte beim BILLA mit Nachnahmen angesprochen werden. Was half es mir jetzt, dass ich wusste, das Cosima die Schöne und Andrea die Tapfere ist? Es sind erst 15 Sekunden vergangen und ich habe noch kein Wort gesagt. Ich spüre wie mein Gesicht heiß wird und mein Atem stockt. Unweigerlich blinzelt mein Auge. Und was macht sie? Sie hält es nicht für eine nonverbale Ausdrucksform eines frühkindlichen Konflikts und wird auch nicht aggressiv. Sie errötet. Sie errötet, weil ich ihr zugeblinzelt habe und ich glaube sogar, dass sie zurückgeblinzelt hat.
In meinem Scherbenviertel lichtet sich der Nebel. Ein schüchterner Sonnenstrahl wärmt die kalten Gemäuer. Einzelne Fenster werden geöffnet und die Menschen auf den Straßen grüßen sich wieder. Zurückhaltend, aber klar verständlich.
Ich verlasse das Geschäft und mache mich auf den Nachhauseweg. "Bis morgen", höre ich mich noch sagen!


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Eingereicht am 23. November 2006.
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