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Kurzgeschichte Alltag Kurzprosa Geschichte Erzählung short story

Wasserschäden

© Toni Maier


1
Weit nach Mitternacht war es, und ich saß an einem meiner bevorzugten Plätze im Stadtcafé. Eigentlich war das Stadtcafé die einzige Lokalität, die ich wochenends ernsthaft besuchte, was weniger an einer zu geringen Anzahl an Alternativen lag, sondern eher an meiner Ablehnung gegenüber allen anderen Kneipen. Von denen gab es nur zwei Sorten, nämlich Gasthäuser für alte Leute oder hippe Modelokale, wobei die Letztgenannten das absolut Schlimmste sind. Ich habe nie verstehen können, wie Leute es fertig bringen, dort hinein zu gehen und so zu tun, als hätten sie Spaß. Man wurde geschupst und gedrängt, an einen Sitzplatz war vor allem am Wochenende gar nicht zu denken und die Musik war meist so laut, dass man kein Wort verstehen konnte. Ich hasste sämtliche Aspekte dieser Kneipen und konnte nie etwas Positives an ihnen finden.
Ich wollte einfach meine Ruhe haben, ein kühles Bier am Tisch und genug Tabak, um die Nacht zu überstehen, und ich redete nur mit wenigen Leuten. Meist saß ich an einem großen Tisch in der Ecke, und zwar so, dass ich bei wenig Betrieb sofort sehen konnte, wer rein und raus ging.
Wenn wirklich viel los war, war das aber erst wieder unmöglich. Naja, mir war's relativ egal, denn es gab mir trotzdem ein gutes Gefühl, hier an diesem Platz und nicht irgendwo anders zu sitzen. Mir war das sogar so wichtig, dass ich an manchen Tagen noch viel früher als sonst hier auftauchte, um mir den Sitzplatz auf der relativ bequemen Bank zu reservieren.
An dem Tisch hatten locker sieben oder acht Personen Platz, aber obwohl die Kneipe relativ voll aussah, saßen außer mir nur mein Bruder Adam und Stefan hier. Sie hatten gerade ein Konzert gegeben, nicht weit weg von Wolfsberg, und fuhren danach wieder zurück ins Stadtcafè, um zu trinken und herumzusitzen. Stefan stand auf, um aufs Klo zu gehen.
"Bring mir noch ein Bier mit", sagte ich. Ich war mir zwar nicht sicher, ob er das realisiert hatte - wir waren alle schon ziemlich voll - aber ich kümmerte mich nicht weiter darum. Ein völlig gestört aussehender Typ mit zerzausten Haaren und einem Blick wie frisch aus der Irrenanstalt kam aus dem Getümmel vor der Theke an uns heran und forderte Adam zu einem Tischfussballspiel heraus. Dieser nahm wie immer an und verzog sich mit ihm in den Nebenraum mit den Fußballstischen und den Flipperautomaten. Bereits im Moment der Herausforderung wusste ich schon ziemlich genau, wer gewinnen würde, denn es kam äußerst selten vor, dass Adam einmal ein Spiel verlor. In schlechten Zeiten finanzierte er sich seine Drinks fast ausschließlich durch Spiele und war auch im völlig besoffenen Zustand noch immer besser als die meisten seiner Gegner.
Stefan kam zurück, mit zwei Flaschen Bier. Es musste mein siebentes oder achtes gewesen sein.
"Danke", sagte ich.
"Kann ich mir eine Zigarette drehen?" Er deutete dabei auf meinen Samson-Tabakbeutel und das mit einem Gummiring herumgespannte Zigarettenpapier.
"Klar… Sag mal, wie findest du eigentlich die neue Iron Maiden?" Iron Maiden war ein Thema, über das mit Stefan immer reden konnte, denn sein Fachwissen was diese Band betraf, war einfach gewaltig. Bei Langeweile war es immer am besten, mit Stefan eine Diskussion über Iron Maiden zu beginnen. Er würde sogar in der schlimmsten Verfassung stundenlang darüber reden, die Alben vergleichen, die B-Seiten analysieren, die Ansagen des Sängers auf der letzten Live-DVD wiederholen und interpretieren und schlussendlich noch seine eigene Meinung dazu abgeben. Und es machte den Anschein, als könnte er das ewig so fortsetzen. Manchmal dachte ich, er weiß mehr über Iron Maiden als die Typen selbst. Es war einfach faszinierend, seinen detailreichen Ausführungen zu lauschen.
"…und der Rest der Band war froh, als Adrian Smith sein Soloprojekt startete, weil sie seinen Hang zu allzu kommerziellen Stücken nicht mochten", schloss er eine weitere Geschichte ab.
Ich versuchte mir, so viel wie möglich von dem zu merken, was er sagte, was mir nicht immer gelang.
Irgendwann saß ich also wieder allein da - Adam spielte wahrscheinlich noch immer - als ich Konstantin am Ende der Theke lehnen saß. Ich hatte ihn gar nicht hereinkommen sehen, und auf mein Winken reagierte er nicht. Wahrscheinlich hatte er mir noch gar nicht bemerkt. Ich raffte mich also auf und ging rüber.
"Hallo Konstantin", begrüßte ich ihn, "komm, wir setzen uns an den Tisch".
Er hatte gerade ein anderes Gespräch am Laufen und vertröstete mich auf später. Ich hatte keinen Bock, auf ihn zu warten und so ging ich zurück an meinen Platz, trank mein Bier aus, bestellte ein neues.
Entgegen meinen Erwartungen kam er nach einiger Zeit tatsächlich wieder her und setzte sich zu mir. Mit seiner modischen Kurzhaarfrisur und der dickrahmigen Brille sah er eigentlich mehr oder weniger unscheinbar aus, seinen Alkoholpegel merkte man ihm auch beim Gehen nicht an.
"Hey, Polsi", eröffnete er, "du weißt doch von diesem Konzert morgen im Jugendzentrum." "Ja, ich werd aber nicht hingehen. Keine der Bands interessiert mich".
Er antwortete hastig: "Einer der Organisatoren hat mich heute angerufen.
Die erste Band ist abgesprungen, und sie suchen Ersatz. Wir können leider nicht spielen, du weißt ja, Pauls Fingerverletzung".
Unser Gitarrist Paul hatte sich letzte Woche beim Versuch, ein Bierglas verkehrt auf den Tisch zu stellen auf irgendeine mysteriöse Weise zwei Finger der linken Hand komplett aufgeschnitten. Der ganze Boden des Cafés war voll mit Blutspritzern. An ein Konzert mit Rising Catastrophe war also nicht zu denken, aber es gab ja noch meine eigentliche Band...
"Naja, dann spiel ich halt mit Downward Spyral", schlussfolgerte ich.
Konstantin gab mir die Nummer dieses Typen, den ich gleich anrief. Dass es bereits drei Uhr morgens war, hatte für mich dabei keinerlei Bedeutung.
Wie erwartet meldete sich eine verschlafene Stimme.
"Hallo?"
"Hi, hier spricht Polsi von Downward Spyral. Ich glaube, du brauchst noch eine Gruppe für morgen. Wir machen den Job für gute Verpflegung und ein paar Euros." kam ich gleich auf den Punkt.
Der Typ am anderen Ende der Leitung klang überrascht, sagte aber schließlich zu. "Gut, nehmt nur eure Instrumente mit, für das andere Equipment ist gesorgt. Könnt ihr so um drei Uhr nachmittags dort sein?" Ich bejahte und legte wieder auf.
Nach einigen weiteren Bieren fiel mir auf, dass ich schon ziemlich besoffen war, und um ein späteres Kotzen zu vermeiden, beschloss ich, es für heute gut sein zu lassen. Ans Fahren war absolut nicht mehr zu denken, also holte ich mir ein Taxi.
Zuhause angekommen überkam mich plötzlich wahnsinniger Hunger. Das erste was mir nach dem Öffnen des Kühlschrankes ins Auge sprach war ein Teller mit einem richtig dicken Schweinebraten darauf, von dem ich gut die Hälfte hinunter schlang. Da ich mich vor einem beinahe tödlichen Kater am nächsten Tag fürchtete, behalf ich mir mit einem alten Trick, der schon öfters funktioniert hatte. Kopfschmerzen, die direkt aus der Hölle zu kommen scheinen, kann man ganz gut vermeiden, wenn man Aspirin schon quasi im Vornherein nimmt, bevor die eigentlichen Schmerzen beginnen.
Und das war genau der richtige Zeitpunkt dafür. Ich genehmigte mir zwei Tabletten, legte mich hin und schlief ein. Betrunken hatte ich nur selten Schlafprobleme.
2
Die Tabletten hatten gewirkt. Ich wachte bereits um elf Uhr vormittags auf, was für meine Verhältnisse relativ früh war, zwar etwas geschlaucht, aber völlig ohne Kopfschmerzen. Es war Juli, und so ging ich in Boxershorts und T-Shirt auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Die Nachbarskinder schrieen herum und der Hund bellte. Von meinem Balkon aus hatte ich einen guten Überblick über die Gärten der Nachbarn, was ihnen wahrscheinlich auch nicht wirklich recht war. Mir war's egal.
Nach den ersten beiden Zügen fühlte ich mich, als müsste ich kotzen, es kam dann aber doch nichts rauf. Ich rief meine Bandkollegen an, die von dem Konzert ja noch gar nichts wussten, doch glücklicherweise war niemand verhindert.
Ich checkte meine E-Mails, die bis auf ein Mail meiner damaligen Freundin Sarah nur aus Müll bestanden. Sarah war gerade in England und würde erst morgen wiederkommen, was mir nur recht war. Ich hatte zwar nichts gegen sie, doch manchmal braucht man einfach ein bisschen Ruhe vor dem ganzen Trubel. Selbstverständlich verfasste ich ein Antwortschreiben, nur für den Fall, dass sie es vor ihrer Heimreise noch las.
Langsam wurde es Zeit, ins Jugendzentrum zu kommen. Ich packte meinen Rucksack und füllte ihn mit Reserveklamotten, einer Bürste, frischen Socken, einem Deo, und was man sonst noch so braucht, wenn man schweißnass von der Bühne kommt.
Sänger in einer Death Metal-Band zu sein ist das Leichteste, was ich mir vorstellen kann. Man muss keine Instrumente schleppen, keine Verstärker kaufen, sich nicht über gerissene Seiten oder kaputte Felle ärgern oder seine Gitarre stimmen. Man muss nicht einmal singen können. Alles, was man dafür braucht, ist genügend Wut im Bauch und vielleicht ein paar gut klingende Zeilen für die Lyrics. Mit dem Schreiben von Texten hatte ich nie wirkliche Probleme. Ich schrieb eigentlich ständig und kann mich auch heute noch an keine einzige Phase seit den Anfängen der Band erinnern, in der ich nicht geschrieben habe. Gut schrieb ich allerdings nur, wenn ich richtig angepisst war.
Ich habe mir allerdings nie eingebildet, dass sich jemand für meine Texte interessiert. Ich schrieb allein für mich, aber oft kamen in Interviews fragen über die Aussage und die Message meiner Stücke, und ich wusste nie, was ich antworten sollte. Es gab nichts, was ich mehr hasste als Weltverbesserer-Lieder, Predigersongs, Erhobener-Zeigerfinger-Kompositionen. Meine Zeilen hatten nie eine Aussage, wohl aber eine Bedeutung. Das Problem war, dass ich nie einsehen konnte, warum ich diese erklären sollte. Die Erklärung eines Songtextes oder eines jeden Gedichts nimmt ihm den Zauber und den Geist.
Es lebt davon, gelesen zu werden und vom Leser eine eigene Bedeutung zu bekommen. Eine genaue Analyse entschleiert zwar, was sich der Verfasser beim Schreiben gedacht hat, aber es nimmt dir deine eigene Vorstellung davon.
Jedenfalls, der Versuch, ins Auto zu steigen misslang, was an der Nichtanwesenheit meines Fahrzeugs lag. Natürlich, ich hatte es am Vortag ja in der Stadt stehen gelassen. Kurzerhand entschloss ich mich für einen Spaziergang - die frische Luft würde mir sicher gut tun - und trabte drauflos in Richtung Stadt.
Das Jugendzentrum war ein uraltes Haus, das älteste Haus von Wolfsberg sogar. Von außen wirkte es verdammt groß und sah ein wenig heruntergekommen aus, aber innen war alles perfekt eingerichtet. Der Konzertraum fasste maximal 150 Personen, aber mir gefiel diese familiäre Atmosphäre immer besser als die großen anonymen Hallen. Ich mochte zwar keine Menschenansammlungen, wenn ich mittendrin stand, aber allein mit drei anderen Typen auf einer erhobenen Position ließ es sich schon leichter ertragen. Ich ging rein, und drinnen waren schon ein paar Leute, die ich nicht kannte, fleißig am Aufbauen. Typen wie sie sah man auf jedem Konzert massenweise, sowohl im Publikum als auch in den Bands und der Crew. Sie trugen lange, im Nacken zusammengebunden Haare und trugen Bandshirts von EMP oder irgendwelchen Konzerten. Diejenigen, die sich für besonders elitär hielten, erkannte man an nagelneuen, glänzenden Lederhosen und hohen schwarzen Stiefeln mit Stahlkappen.
Ich schaute ihnen zu und rauchte eine Zigarette. Meine Jungs waren noch nicht da, aber das bereitete mir keine Sorgen, denn schließlich wartete ein gemütlicher und noch leerer Backstageraum auf mich, mit einem mit billigem Dosenbier gefüllten Kühlschrank und einer großen Wurst- und Käseplatte.
Im Backstagebereich, der mehr einem alten Kellerraum mit ein paar Gartenmöbeln glich, quatschte ich ein bisschen mit dem Gitarristen von einer der beiden anderen Bands. Schien ein ganz netter Kerl zu sein und redete nur wenig Stuss. Er trug kurze Haare und stimmte scheinbar aus Langeweile immer wieder seine Gitarre. Während ich trank und ein paar Zigaretten rauchte, erzählte er mir von seinen Lieblingsbands und seinen besten Konzerterlebnissen. Mir waren seine Anekdoten gerade recht, um mir die Zeit zu vertreiben.
"Weißt du, ehrlich gesagt spiele ich liebe auf größeren Festivals. Diese kleinen Buden sind nichts für mich. Im Sommer sein Zelt mit ein paar Kumpels aufbauen, Bier trinken und irgendwann besoffen auf die Bühne zu steigen, das ist es", erklärte er mir.
Ich nickte und trank einen Schluck.
Vom Konzertraum her hörte man, wie die mit dem Soundcheck begonnen wurde.
Die ständige Warterei in allen möglichen Backstageräumen - manchmal gab es die nicht mal - machte mich einfach krank. Man konnte nichts tun außer essen und trinken. Ich habe schon auf dermaßen schlecht organisierten Konzerte gespielt, bei denen der Veranstalter für vier, fünf Bands eine Lage billigstes Dosenbier hinstellte und jedem einen Bon für ein Paar Frankfurter in die Hand drückte. Ich habe schon lange damit aufgehört, darüber nachzudenken, was sich solche Leute dabei denken.
Diesmal war aber alles relativ okay. An billiges Dosenbier hatte ich mich in den vergangenen sieben Jahren absolut gewöhnt, und beim Essen herrschte eher Qualität statt Quantität. Wie die paar liebevoll belegten Brötchen für drei Bands reichen sollten, war mir nämlich unklar. Die Stunden vergingen, irgendwann wurde es Abend und meine Leute kamen im Jugendzentrum an.
Ich half unserem Drummer Mario beim Hereinschleppen seines Equipments, während sich Gitarrist Nicholas und Bassist Rainer bereits über das Catering hermachten, von dem ohnehin nicht mehr viel übrig war.
Als wir auf die Bühne gingen, war der Raum schon gut gefüllt. Wir legten los und es wurde zwar kein Herausragender Gig, aber die Leute schienen Spaß zu haben. Ich war zu dieser Zeit gerade in einer Phase, in der ich die Typen in der ersten Reihe direkt vor der Bühne mit Mineralwasser aus Plastikflaschen beschüttete. Bisher hatte es noch niemanden gestört, und so praktizierte ich dies auch heute wieder, vielleicht ein bisschen exzessiver als sonst. Nach dem Auftritt bauten wir rasch unser Zeug ab, und ich stapfte zurück in den Backstageraum. Ich hatte gerade eine Dose Bier geknackt, als zwei Mädchen auf mich zukamen. Ich schätzte sie so auf 18 oder 19, und ihre Sorte kannte ich genau. Höchstwahrscheinlich, nein mit völliger Sicherheit, war die dünnere der beiden die Freundin irgendeines Musikers. Lange schwarze Haare, ein hässlichen Piercing in der Nase, irgendwelche hochkünstlerischen Tätowierungen an Stellen, wo man sie gerade noch so sehen konnte und wichtig bis zum Gehtnichtmehr.
Ich hätte alles darauf gewettet, dass sie auch ihre Nippel gepierct hatte. Die andere war ein ziemlich korpulentes Mädel, und ich vermutete, dass sie die frustrierte beste Freundin der anderen war. In der Hand trug die eine einen Zettel, den sie mir wortlos überreichte. Jemand hatte mit einem krakeligen roten Kugelschreiber drauf herumgekritzelt.
Bei näherem Betrachten konnte ich die Wörter erkennen.
"Für Schäden, die die Band Downward Spiral am 19.07.2004 am technischen Equipment von XY verursacht hat, hat sie bis zu zwei Wochen nach diesem Datum zu haften".
Ganz unten am Zettel war eine Linie, auf der ich wahrscheinlich unterschreiben sollte. Ich begann zu lachen, weil ich es erst für einen Scherz hielt, aber schnell wurde mir klar, dass die das offensichtlich ernst meinten. Dann lachte ich wieder, weil ich so etwas Absurdes noch nie erlebt hatte.
"Was für Schäden meint ihr denn?", fragte ich gelassen.
Die schwarzhaarige Dünne und die rothaarige Dicke begannen wie auf Kommando fast schon hysterisch durcheinander zu gackern, so dass ich kein Wort verstehen konnte. Ich schaute sie verständnislos an, bis sie endlich schwiegen.
"Was?", fragte ich.
"Mit deiner beschissenen Wasserflasche hast du alle unsere Verstärker und das Keyboard angeschüttet. Wer soll denn das alles zahlen?" schrie die Dünne fassungslos.
"Ist etwas kaputt?", wollte ich wissen und wunderte mich darüber, warum sie /uns/ sagte, obwohl sie doch zu gar keiner Band gehörte.
Wahrscheinlich hatte ich mit meiner Freundin-von-Musiker-Theorie recht gehabt.
"Nein, aber ein Wasserschaden kann auch nach zwei Wochen noch eintreten." Ich verkniff es, sie danach zu fragen, wo sie dieses enorme fundierte technische Fachwissen her hatte und ging mit den beiden stattdessen zurück zur Bühne, wo gerade für die nächste Band aufgebaut wurde. Mit der flachen Hand griff ich die Verstärker und das Keyboard ab, konnte aber keine nasse Stelle finden. Am Boden sah man ein paar dunkle Flecken vom Wasser.
Ich versuchte es mit vernünftiger Argumentation und meinte: "Okay, wenn was hin ist, bezahl ich es, aber ihr könntet das Ding theoretisch morgen unter eine Dusche stellen, und dafür soll dann etwa auch ich bezahlen?" Die Lächerlichkeit der Situation wurde mir immer bewusster, und langsam hörte ich für eine Zeit lang auf, das Thema mit Ernsthaftigkeit zu behandeln. Ich konnte nicht kapieren, dass die beiden tatsächlich glaubten, ich würde ihren Schmierzettel unterschreiben. Plötzlich drängte sich irgendein Mädchen dazwischen, das ich in meinem Leben noch nie gesehen hatte, und begann mich zu verteidigen. Sie sah der Dünnen sehr ähnlich, war nur etwas kleiner und wahrscheinlich wollte sie auch einen Musiker als Freund. Da stand ich also mit drei jungen Frauen, die ohne Unterlass durch die Gegend plapperten, und konnte nur den Kopf schütteln. Die ganze Szene war mehr als seltsam. Besonders eigenartig fand ich es, dass sich wegen dieser Angelegenheit keiner der anderen Bands an mich wandte, nicht einmal der, dem das Zeug, das innerhalb von zwei Wochen kaputt werden sollte, tatsächlich gehörte.
Nach ein paar Minuten der Fassungslosigkeit ließ ich die drei alleine - sie haben mein Verschwinden wahrscheinlich nicht einmal bemerkt - und verzog mich wieder in den Backstageraum, wo ich mir noch ein paar Bier genehmigte und mich dann ins Stadtcafè verzog.
Vom restlichen Abend bekam ich nicht mehr so viel mit, jedenfalls konnte ich mich am nächsten Tag nur noch bruchstückhaft daran erinnern. Ich habe wohl mit ein paar anderen Augenzeugen dieses Vorfalls darüber geredet, bin dann richtig wütend geworden und bin in einem nicht enden wollenden Wortfluss über die beiden Mädchen alle, die mit der Geschichte in Verbindung standen, hergezogen.
3
Ich erwachte vom Klingeln meines Handys, das neben am kleinen Kästchen meines Betts lag. Es war eines dieser uralten Dinger, die beinahe einen halben Kilo wogen, aber einfach zu bedienen waren. Es war unser Drummer Mario.
"Hallo Mario" begrüßte ich ihn.
"Hallo Polsi. Sind gestern nach dem Konzert zufällig zwei Weiber mit so einem Zettel zu dir gekommen?" "Ja, da gab es einen Mords-Zirkus deswegen." "Ja, bei mir waren sie auch." "Und?" fragte ich.
"Na ja, ich hab sie zur dir geschickt."


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Eingereicht am 26. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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