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Tschechien

© Toni Maier


Wir fuhren irgendwo in Tschechien herum - zu viert im alten Kombi unseres Bassisten Rainer. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wo wir uns gerade befanden und den Namen unserer Zielstadt konnte ich nicht einmal aussprechen. Also verließ ich mich auf Rainer hinter dem Lenkrad und auf Schlagzeuger Mario am Beifahrersitz. Sie würden schon wissen, wohin die Reise geht und waren nicht zuletzt auch wesentlich nüchterner als ich.
Neben mir auf der Rückbank saß noch Gitarrist Nicholas, eingezwängt zwischen Rücksäcken, Jacken und alten löchrigen Schlafsäcken. Viel Platz hatten wir nicht gerade. Jedes Mal, wenn ich eine rauchen wollte, musste ich seltsame Kunststücke mit den Armen vollziehen, um Zigaretten und Feuerzeug aus der Hosentasche zu bekommen und in weitere Folge immer wieder den Aschenbecher in der Mitte des Wagens zwischen den beiden Vordersitzen erreichen.
Direkt vor uns fuhren Violence & Destruction in ihrem roten Bus, der kaum mehr als 80 Kilometer pro Stunde schaffte. Sie hatten doch tatsächlich den Vater des Schlagzeugers als Fahrer engagieren können, und schienen auch ein wenig mehr Plan zu haben als wir.
Trips nach Tschechien oder die Slowakei waren immer die Highlights des Jahres. Als "reiche" Österreicher fühlten wir uns dort jedes Mal wie Könige und pflegten unseren von Haus aus exzessiven Lebensstil noch ein wenig gewissenhafter.
Irgendwann fuhren wir von der Autobahn ab und erreichten die Stadt, wo das Konzert stattfinden sollte. Rainer blieb vor einem Supermarkt stehen.
"Proviant ausfassen!" schrie er.
Ich weckte Nicholas, der neben mir schon seit Stunden schlief. Wir stiegen aus und zu viert betraten wir den Supermarkt. Schlagzeuger Mario kaufte sich ein paar Semmeln und bereits fertig aufgeschnittene Wurst, die äußerst blass und unappetitlich aussah. Ich beschränkte mich auf ein paar Energy Drinks. Bier würde es am Festivalgelände noch genug geben.
Es war gerade Anfang September und wir sollten als vorletzte Band auf einem Openair-Festival auftreten. Solche Veranstaltungen stellen immer ein gewisses Risiko dar. Spielt das Wetter nicht mit, wird's höchstwahrscheinlich ein Reinfall und zahlt sich weder für den Veranstalter noch für die Bands aus. Diesmal hatten wir Glück. Es war nicht gerade warm, aber immerhin schien die Sonne, und es regnete nicht.
Das Festivalareal gefiel mir äußerst gut. In früheren Zeiten wurde dort wahrscheinlich Gestein abgebaut, so dass direkt links von der Bühne eine steile Felswand emporragte. Der Boden bestand aus einer Mischung aus Sand und Schotter, und auch eine eventuell sehr hohe Besucherzahl dürfte nicht in Platzangst geraten. Weiter hinten hatte man überdachte Bierbänke und Tische aufgestellt, während der Getränkeausschank in einem verlassenen Stadel vonstatten ging. Auf der anderen Seite des Platzes hatten ein paar Händler ihre Stände aufgestellt und brachten CDs, Platten und T-Shirts an den Mann.
Mittlerweile war es Nachmittag und die Sonne stach vom Himmel. Zusammen mit den Jungs von Violence & Destruction saßen wir auf Bierbänken herum und schauten uns in Ruhe die ersten paar Bands an. Sie waren gelinde ausgedrückt mehr als schlecht und beherrschten ihre Instrumente teilweise nicht einmal richtig. Miserabel gespielter Black Metal, gemacht von Typen mit teilweise fragwürdiger politischer Einstellung. Es waren noch sehr wenige Besucher anwesend, vielleicht so an die 70.
Wenigstens mussten nicht noch mehr Leute diesen Schrott ertragen. Uns war es in diesem Augenblick eher gleichgültig, denn das Bier war kühl und noch dazu gratis und floss aufgrund des relativ geringen Kohlensäuregehaltes ausgesprochen gut.
Irgendwann im Laufe des Tages wurden auch die Bands besser, mehr Leute tauchten auf und zum Bier gesellten sich der eine oder andere Slivovica und diverse Rumsorten, die absolut grauenhaft schmeckten. Ich glaube, sogar die trinkfesten Tschechen hassen den Geschmack einige ihrer Getränke, so dass sie sich zu jedem Stamperl gleich ein Glas Kofola dazu bestellten (die schlimmer schmeckende Variante von Cola), das sie gleich hinterher kippten. Gemischtes Trinken war noch nie so meine Sache und darum wurde ich schlagartig ziemlich betrunken, es kam mir vor wie von einer Sekunde auf die andere.
Es war noch ziemlich hell, als unsere Kumpels von Violence & Destruction auf die Bühne gingen. Sie spielten zwar nicht perfekt, aber sie wirkten richtig gut. Die vier brachten wirklich was rüber und zeigten so etwas wie Stil, was sie selbst für uneingeschulte Ohren und Augen aus den vorherigen Gruppen herausstechen ließ. Ihr Schlagzeuger Andre war ein wenig übergewichtig und rackerte sich hinter seinem Kit richtig ab. 30 Grad Lufttemperatur plus Lichtstrahlen aus 40 Scheinwerfern, gepaart mit körperlicher Anstrengung hätten aber jeden zum Schwitzen gebracht.
Einmal gewann Andre einen Trinkwettbewerb, in dem es darum ging, ein großes Bier so schnell wie möglich auszutrinken. Ich glaube, er gewann mit drei Sekunden, und vernichtete im Verlauf der Nacht weitere 40 Bier, die vom Lokalbesitzer als erster Preis ausgegeben wurden. Bei Undergroundkonzerten, wo von den Veranstaltern das Geld für Verpflegung nur mit Müh und Not aufgetrieben wird, brachte er der Fairness halber immer seine eigene Lage Dosenbier mit, und stellte vor dem Auftritt seiner Band ungefähr zehn davon neben sein Schlagzeug. So auch an diesem Tag, nur waren es heute keine Dosen, sondern Plastikbecher mit kostenlosem tschechischem Bier. Irgendwann im Laufe des Konzertes kotzte er direkt vor sich auf seine Snaredrum, spielte aber völlig unbeeindruckt weiter. Das tschechische Publikum honorierte die Leistung der Band entsprechend. "Na ja, wenigstens die haben noch einen Sinn für gute Musik", dachte ich.
Langsam dämmerte es und die Nacht brach herein. Ich sah, wie unser Drummer Mario am Bierstand mit einem Typen von einer anderen Band redete. Ich ging hin, und die beiden diskutierten heftig über Atomkraftwerke.
"We hate Austrians, because you always talk shit about Temelin", meinte der dicke Typ der anderen Band. Mario erwiderte irgendetwas Unverständliches. Ich hörte noch ein paar Minuten zu, doch es wurde mir zu blöd. Ich interessierte mich weder für die positiven und negativen Aspekte von Atomkraftwerken noch für die Meinung des Typen über Österreicher. Also ging ich allein umher und sah mich um. Auf einer Bierbank saßen drei junge Burschen, viel jünger als ich es war, und sprachen anscheinend über verschiedene Bands. Das war schon eher mein Metier und so setzte ich mich einfach dazu. Die drei waren der englischen Sprache mächtig und so konnte ich mich gut mit ihnen unterhalten, obwohl mir die meisten Bands, von denen sie redeten, überhaupt nichts sagten. Zu neu, zu modern, das Übliche halt. Trotzdem erinnerten sie mich in ihrer Euphorie immer wieder an meine Anfangstage, als wir alle dachten, die Weisheit für uns gepachtet zu haben. Ein paar Slivovica trank ich noch mit ihnen, bevor ich mit meiner Gruppe selbst auf die Bühne musste.
Tja, manchmal hat es auch seine schlechten Seiten, als vorletzte Band aufzutreten, besonders wenn es schon halb zwei Uhr morgens war. Die meisten Leute hatten sich bereits verkrochen, ein paar wenige waren noch da. Wenigstens hatte es ein wenig abgekühlt, ansonsten hätte ich den Gig niemals mehr durchhalten können. Durch den katastrophalen Monitorsound auf der Bühne fiel mir das Singen immer schwerer, und meine Ansagen bestanden aus sinnlosen englischen Sätzen, die mir gerade in den Sinn kamen. Egal, das Publikum schien sie sowieso nicht zu verstehen.
Schließlich war es vorbei, und um mich auszuruhen, setzte ich mich auf den Bühnenrand, während die anderen drei bereits ihr Zeug abbauten.
Ein attraktives Mädchen kam auf mich zu. Ich schätzte sie auf Mitte Zwanzig, sie war eher klein, aber sehr schlank und trug langes, dunkelbraunes Haar.
"Hey, I really liked your gig", sagte sie.
Mehr als ein flüchtiges "Thank You" brachte ich angesichts meines körperlichen Zustandes nicht mehr heraus.
"You are a good singer, sometimes you sound like the one from Cradle of Filth." Ich kotzte ihr vor die Schuhe, aber es schien sie nicht zu stören. Ich mochte Cradle of Filth nicht besonders.
"Where are you from?", fragte sie.
"From Austria", antwortete ich.
"Ich komme aus der Schweiz"
Es stellte sich heraus, dass sie mit der Band unterwegs war, die nach uns als letzte spielen sollte. Ich stand dann auf, torkelte hinter der Bühne herum und kotzte noch mal, und zwar genau zwischen einem hellen und einem dunklen Steinhaufen. Das Bild der beiden Steinhaufen prägte sich in mein Gedächtnis ein und schwebt mir sogar heute noch irgendwo im Kopf herum.
Meine Bandkollegen fand ich vor dem Getränke-Stadel, auf einer Bierbank sitzend. Einige tschechische Leute hatten sich zu ihnen gesellt. Ich setzte mich neben ein schwarzhaariges Mädchen, das ziemlich verwahrlost aussah. Ihr glattes Haar hing in Strähnen herunter und im rundlichen Gesicht hatte sie einige rote, ungesund wirkende Flecken. Sie trug schwarze Jeans und einen ebenfalls schwarzen Mantel. Sie sah aus, als hätte sie schon viel durchgemacht. Ständig versuchte sie, mit mir ins Gespräch zu kommen, aber ihr Englisch war dermaßen schlecht, dass ich fast gar nichts von ihren Worten verstand. Wenig später setzte sich eine weitere Frau zu meiner anderen Seite. Sie war ungefähr Ende Zwanzig, trug eine neckische Brille und blonde, schulterlange Haare. Wir verpassten ihr später den Namen Kuhfrau, weil sie eine hautenge Hose mit einem Kuhfleckenmuster trug. Außerdem sprach sie ziemlich gut Deutsch.
Ihren Namen konnte ich mir nicht merken, aber sie diente eine Zeit lang als Dolmetscherin zwischen der Schwarzhaarigen und mir. Bei manchen ihrer Übersetzungen fügte sie noch abwertend hinzu, dass die Schwarze anscheinend nicht ganz dicht im Kopf sei. Nun verstand ich aber endlich, was sie mir die ganze Zeit über erzählen wollte.
"Sie sagt, sie hat zwei Kinder, und ihr Mann hat sie verlassen".
"Okay", sagte ich.
"Sie sagt, ihr Ex-Mann spielt auch in einer Band.", übersetzte sie mir.
"Frag sie, wie die Band heißt.", sagte ich aus reiner Höflichkeit.
Nicht, dass ich mich wirklich dafür interessiert hätte. Die beiden quatschten nun länger herum, wobei der Tonfall der Kuhlady immer gereizter wurde. Schließlich gab sie es auf. Kurze Zeit später kam die schwarze mit einem Zettel an. Darauf stand der Name der Band ihres Ex-Mannes. Eunuchian oder so. Black Metal. Ich wunderte mich nun einerseits darüber, warum sie eigentlich Werbung für die Gruppe des Typen machte, der sie mit zwei Kindern hatte sitzen lassen, andererseits fragte ich mich, ob es tatsächlich Typen gibt, die ihrer Band den Namen Eunuchian verpassen.
Irgendwann traf der Zeitpunkt ein, an dem ich es satt hatte, mir die Satzgebilde der Schwarzhaarigen übersetzen zu lassen, und so unterhielt ich mich etwas intensiver mit der Kuhfrau. Sie erzählte mir allerhand interessante Dinge und lud mich dann noch auf einen Spaziergang ein. Ich dachte an meine manisch eifersüchtige Freundin, die daheim auf mich wartete, und ließ es lieber bleiben.
Eine Flasche Apfellikör oder etwas Ähnliches machte die Runde um den Tisch. Als sie bei unserem Bassisten Rainer ankam, sprang er plötzlich und erwartet auf, und hielt die Flasche hoch in die Luft gestreckt, wie ein Schwert. Alle am Tisch schauten ihn verwundert an. Mit der freien Hand gestikulierte er erst wild umher, dann rieb er sich demonstrativ den Bauch und sagte laut und deutlich "I think, there is enough space".
Darauf hin setzte er die Flasche an, die noch zu einem guten Dreiviertel voll war, und trank sie mit ein paar Schlucken aus. Er stellte sie auf den Tisch und setzte sich wieder hin. "Fuck", dachte ich mir, "das würde mich sofort umhauen". In diesem Moment begann Rainers ganzer Körper nach hinten zu kippen, bekam Übergewicht und er landete auf dem Rücken im Staub. Der Sturz riss die ganze Bank um, und Rainers Füße stießen von unten an den Tisch, so dass ein paar Flaschen umfielen. Er selbst lag einfach da und starrte in den Nachthimmel.
Ich hielt es für eine gute Idee, mich in unser Zelt schlafen zu legen.
Nicholas war schon drin und pennte schon fast, als auch ich mich in meinen Schlafsack zwängte. Es vergingen keine zehn Minuten, als wir unerwarteten Besuch bekamen. Edwin von Violence & Destruction zog ruckartig den Reisverschluss des Dreimannzeltes auf.
Er war eigentlich ein wirklich liebenswerter Mensch, nur wenn er zu viel getrunken hatte, kamen auch bei ihm ein paar Eigenartigen ans Tageslicht, die bei uns allen ab einem gewissen Promillepegel durchbrechen.
"Hey, kann ich bei euch schlafen?", fragte er.
Neben mir hörte ich Nicholas brummen: "Klar, leg dich herein".
Edwin stieg umständlich in das Zelt, zog den Reißverschluss wieder zu und legte sich zwischen Nicholas und mich auf die bloße Zeltplane. Es wurde wieder ruhig und ich war schon beinahe eingeschlafen, als Edwin plötzlich frage: "Hey, gebt ihr mir auch so eine Decke?" Wieder antwortete Nicholas schneller als ich. "Edwin, wir haben keine Decken". Damit hatte er Recht. Wir beide lagen in billigen Schlafsäcken.
Edwin schien das nicht so richtig realisiert zu haben, denn plötzlich schien er sehr wütend zu werden.
"Ihr seid ja alles die gleichen Wichser!", schrie er und verließ eilig das Zelt.
Es war ungefähr zehn Uhr vormittags und im Zelt war es so heiß, dass ich davon aufwachte. Am leeren Schlafsack neben mir erkannte ich, dass Nicholas schon aufgestanden war. Die Luft im Zelt war stickig und die Sonne hatte sie auf ein unerträgliches Level aufgeheizt. Ich beeilte mich, raus zu kommen. Als erstes bemerkte ich, dass der Bus von Violence & Destruction nicht mehr da war.
"Die sind noch in der Nacht abgehauen, weil Edwin plötzlich angefangen hat, mit Geldscheinen herumzuwerfen", erklärte mir Nicholas. "Dann wollte er zu Fuß heimgehen, aber das Tor des Geländes war Gott sei Dank schon abgesperrt." Verzweifelt suchte ich etwas Alkoholfreies zu trinken, aber es war nur mehr eine halbe Flasche abgestandenes Mineralwasser übrig. Besser als gar nichts. Ich trank die Flasche gerade aus, als Mario von irgendwo her auf das Zelt zugestolpert kam. Er sah katastrophal aus. Seine Kleidung war völlig verdreckt und hatte überall schwarze Flecken. Am Kopf sah man ein paar Blutspuren. Viel sagte er nicht mehr. Er legte sich auf den Bauch ins Zelt, so dass seine Schuhe noch beim Eingang herausragten. Er war auf der Stelle eingeschlafen. Später erfuhren wir, dass er einige Stunden auf Kohlesäcken liegend verbracht hatte.
Am Festivalgelände war die Crew mit dem Aufräumen schon fast fertig. Es stand nur noch unser Zelt da, daneben der Kombi, auf dessen Fahrersitz Rainer schlief. Die Bühne war abgeräumt und stand nackt mitten am Gelände. Einer der Typen von der Aufräummannschaft kam zu uns rüber.
"Can you please leave the area?", fragte er höflich. Anscheinend waren wir tatsächlich die allerletzten, die noch hier waren. Vier völlig verpeilte Österreicher, von denen zwei noch nicht ansprechbar waren, mit ihren Instrumenten und ihrem Zelt und dem schwarzen Kombi. Mein Kater hielt sich in Grenzen. Auf der Rückfahrt nach Hause würde ich sowieso noch genug Zeit zum Schlafen finden.


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Eingereicht am 27. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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