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Der alte Fischer

© Oliver Fahn


Hier an der sonnigen Küste der Algarve war das Meer so klar wie der Himmel des Tages. Das Aufkommen an Meeresfrüchten war überaus reichlich, wenn man sich in der richtigen Bucht aufhielt. Roman war ein betagter, rauer Mann, das Leben in seiner Hütte am Rande eines Fischerdorfes hatte ihn bescheiden gemacht, sein Bart war bereits stark ergraut, er liebte die Stille in der Provinz, den Geruch der gemähten Felder und das Kreisen der Adler. Heute begleitete ihn sein Enkel Bruno zum Fischfang. Er war ein sensibler kleiner Schuljunge, der die Anwesenheit seines Großvaters liebte. Bruno starrte mit seinen riesigen, grünen Augen und seinem goldenen Haar auf die Wellen im Atlantik. Während Roman das Netz in das warme blaue Wasser warf, kullerten Bruno ein paar winzige Tränen ins Gesicht. Brunos schmale, dunkle Lippen zitterten und seine Hoffnung lag in der Weisheit seines Opas, der soviel Gelassenheit ausstrahlte, wie die herrliche Umgebung, diese prächtige Idylle. "Warum weinst du, Bruno, du bist ein Kind Gottes. Der Herr in den Wolken würde so einen netten Jungen wie dich niemals im Stich lassen, er segne dich, der barmherzige Vater. Vertraue auf ihn und alles was du dir wünschst wird dir gelingen." Bruno atmete tief durch und begann zu sprechen, während er seine Blicke auf den Strohhut seines Großvaters richtete. "Du kennst mein Problem nicht, es schnürt mir die Kehle zu, ich habe Gott um eine Antwort gebeten, aber er meldet sich einfach nicht." "Er wird sich bei dir melden, du musst nur fest an ihn glauben. Gott existiert so wahrhaftig wie dieser riesige Fels, der uns hier Schatten spendet." Bruno zögerte, räusperte sich und zog seine Wimpern fragend in Richtung Stirn. "Ich glaube an diese höhere Macht, wie immer du sie auch nennen magst. Vielleicht heißt sie Gott, vielleicht auch anders, er soll mir nur helfen, ich bitte aufrichtig darum. Ich habe Angst ... Angst vor dem Tod, vor dem Nichts, vor einem leeren Loch in der Unendlichkeit." "Schau dir die Leute in der Stadt an, die Tag für Tag in Hektik und ungesundem Eifer ihre Geschäfte erledigen, mein Junge, sie sind es, die sich jeden Tag aufs Neue zugrunde richten, sie sterben jeden Tag einen grausamen Tod, ohne es zu merken. Sie haben Angst vor dem Jenseits und geben ihr ganzes Einkommen für Verjüngungskuren aus, in der Hoffnung, dass das Ableben vor schönen Menschen halt mache. Sie sind bereits seelisch von sich gegangen, weil sie den Draht zu dem Übersinnlichen verloren haben. Sie bringen sich mit ihrem Aktionismus um und haben tatsächlich am meisten Furcht vor dem was sie tagtäglich tun, nämlich sterben, ein Tod auf Raten mit einem Todeskampf der ein halbes Leben lang dauert." Roman rieb seine Backe und legte seine linke Hand um die schmalen Schultern seines staunenden Enkels. Die Sonne stand mittlerweile kurz vor ihrem Untergang und ein kühler Wind ließ ihre leicht bekleideten Körper frieren. "Da sagst du was Wahres, Opa. Aber was unterscheidet uns Landmenschen von der Horde in der Stadt. Sterben müssen wir deshalb doch auch, nur vielleicht weniger grausam." "Wir Dorfbewohner achten Gott und leben im Einklang mit unserer Bestimmung. Wenn wir unser Herz und unsere Seele nicht selbst vergewaltigen, wird es niemand anderes tun und erst recht nicht, wenn uns der Schöpfer beschützt. Es geschieht uns eben doch nach unserem Glauben. Der Tod ist nur eine bodenlose Selbstabwertung und eine Fehleinschätzung der universellen Kräfte. Er verhält sich wie eine Spirale, wenn wir anfangen zu sterben und uns weiterhin damit identifizieren, dann haben wir keine guten Aussichten. Aber die Natur gibt uns das zurück, was wir bereit sind, ihr zu geben. Und darum erfülle sie mit Lebenslust." Brunos Wangen wanderten nach oben, sein längliches Gesicht formte sich zu einem gelösten und fröhlichen Ausdruck. "Uns geschieht wohl wirklich nach unserem Glauben. Vielleicht bin ich hier als Rohdiamant, um nach dem Übergang ins nächste Leben geschliffen zu werden. Ich werde mich von dir leiten lassen, Opa, du bist der Vermittler zwischen Gott und mir." "Wenn du meiner Worte glauben schenkst, werden dir sämtliche Tode erspart bleiben, auch die grässlichen der Großstadtbürger!" Beide gingen in der Dämmerung zurück in die Hütte, sie sangen Seemannslieder und dachten nach, ohne zu sprechen, denn nur Worte können die Schönheit eines stillen Moments zerstören. Und dieser Moment ist es schließlich, der den Tod besiegt.


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Eingereicht am 28. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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