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"Ich bin Florian, mir passiert halt so was"

© Thomas Kirsch


"Na Flori, petzt du jetzt wieder?" fragte Max noch schnell, als der Lehrer wieder in den Klassenraum zurückkam. Max ist der beliebteste und zugleich auch gemeinste Schüler in meiner Klasse. Er hat es mal wieder als äußerst lustig empfunden, sich über die Tatsache lustig zu machen, dass meine Mutter alleinerziehend ist und danach mit einem mittelgroßen Radiergummi nach mir zu werfen. Max hasst mich, doch ich weiß nicht wieso. Er mobbt und verprügelt mich bereits seit der fünften Klasse ohne jeglichen Grund. Als ich ihn eines Tages mal fragte, warum er solche Dinge tut, sagt er nur "Du bist Florian, dir passiert halt so was". Das sollte eine Antwort sein.
Ich verstehe nicht, warum er mich so hasst, ich verstehe es nicht. Gut, ich war nie gerade der Beste in Sport und hatte auch noch keine Freundin, aber kann das denn der Grund für diesen ganzen Hass sein, den mir dieser Mensch entgegen bringt?
Aber ich denke, der einzige Grund, warum mir das alles passiert ist, weil es immer ein Opfer in der Klasse geben muss auf dem alle rumhacken können, um von ihren eigenen Schwächen abzulenken. Und in meiner Klasse bin ich das eben.
"Ich bin Florian, mir passiert halt so was".
Als ich an diesem Tag nach Hause kam, stand das Auto meiner Mutter ungewohnterweise vor der Tür. Im ersten Moment freute ich mich, denn sie muss normalerweise immer bis spät abends arbeiten, doch als ich die Treppen hoch ging, überkam mich bereits ein ungutes Gefühl. Ich schloss unsere Wohnungstür auf und ging hinein, doch hier war sie nicht. Mir schoss direkt ein grauenhafter Gedanke durch denn Kopf: "Es musste etwas mit Großvater passiert sein!". Ich rannte wie ein Verrückter durch das Treppenhaus in den zweiten Stock, wo mein Großvater wohnte. Ich rannte so heftig gegen die halb offen stehende Wohnungstür, dass sich die Klinke verbog. Nach ein paar Schritten stand ich im Wohnzimmer und erstarte plötzlich vor Schreck. Ich sah wie sich meine Mutter weinend über den auf dem Boden liegenden Körper meines Großvaters beugte. Er war tot! Er hatte schon seit längerem starke Schmerzen in der Brust und war kaum noch ansprechbar. Und nun war er tot, mein einziger Freund und Großvater war von uns gegangen.
In dieser Nacht weinte ich mich in den Schlaf, entschloss mich aber dennoch, am nächsten Tag in die Schule zu gehen. Ich dachte mir dass mich das ablenken würde.
Ich hatte ja keine Ahnung, dass mir, der schlimmste Schultag meiner gesamten Schullaufbahn bevorstand.
Der nächste Morgen fing an wie jeder andere. Meine Mutter weckte mich und machte mir Frühstück. Doch sie sprach während der kompletten Zeit kein einziges Wort. Ich nahm ihr das auch nicht übel, denn ich war selber nicht in der Lage, etwas zu sagen. Pünktlich um halb acht klingelte Patrick an der Tür. Patrick ist einer meiner Mitschüler, mit dem ich eine Vereinbarung habe. Ich mache seine Hausaufgaben in Mathe und dafür holt er mich jeden Morgen von zu Hause ab und begleitet mich bis zur nächsten Ecke. Ich mache das, damit meine Mutter nicht denkt, dass ich ein Außenseiter wäre. Als ich mit Patrick an meiner Haustür losging, hatte ich sogar kurz überlegt, ob ich ihm erzählten sollte was passiert war. Doch diesen Gedanken verlor ich ganz schnell wieder, als er sich nach der nächsten Ecke mit einem freundlichem "Du bist ein Schlappschwanz" verabschiedete.
Ich hatte niemanden, mit dem ich darüber reden konnte. Großvater war immer mein einziger Freund.
Ich hatte niemanden.
Unser Schultag begann (an diesem Tag) mit zwei Stunden Sport. Ich habe den Sportunterricht schon immer gehasst, da es kein anderes Fach gibt, in dem sich meine Außenseiterrolle und meine körperliche Unterlegenheit so stark widerspiegeln. Wir spielten Fußball und ich wurde natürlich mal wieder als letzter gewählt. Ich stand eigentlich nur dumm auf dem Feld rum, wie bei jedem anderen Spiel auch. Doch plötzlich bekam ich ganz unverhofft den Ball vorm gegnerischen Tor zu gespielt. Ich nahm den Ball an und rannte auf das Tor zu. Ich dachte das wäre meine Chance, zu beweisen, dass ich nicht nur ein Außenseiter bin. Ich rannte so schnell ich konnte und als sich schon so langsam ein Glücksgefühl kurz vor dem Schuss in mir aufbaute, fiel ich plötzlich zu Boden. Ich stieß mir den Kopf am Boden und war für kurze Zeit weggetreten. Als ich langsam wieder zu mir kam, spürte ich einen sehr starken Schmerz in meinem rechten Knöchel. Ich hörte Gelächter.
Es stellte sich raus, dass mir Max von hinten in die Beine gerutscht war und mich umgehauen hatte. Doch den Lehrer interessierte das nicht. Max war der Kapitän der Schülermannschaft und sehr beliebt bei unserem Sportlehrer, also ließ dieser das Spiel einfach weiterlaufen und tat so, als sei nichts geschehen.
Als ich in der Pause mein Brot aß, hörte ich, wie Max die Geschichte ganz stolz ein paar Jungs aus der Parallelklasse erzählte, die auch in der Schülermannschaft waren.
Da es unser letzter Schultag vor den Sommerferien war, hatten wir nur noch eine Stunde Englisch bis zu den Ferien.
Es war also mal wieder Zeit, meine Lieblingslehrerin zu treffen, Frau Schneider.
Sie hasste mich fast so sehr, wie mich Max hasste, weil sie glaubte, dass ich verrückt sei. Sie war außerdem eine ziemliche Spießerin und regte sich über jede Kleinigkeit auf, die ihr an mir nicht gefiel. Wir bekamen unsere Arbeiten zurück, die wir vor drei Wochen geschrieben hatten. Als Frau Schneider die Arbeiten austeilte, bekam ich mit wie sich Max über einen 2 freute. Somit war mir auch klar welche Note ich haben würde, denn Max zwang mich während der Arbeit dazu ihn abschreiben zu lassen. Doch als Frau Schneider mir meine Arbeit zurück gab stand eine 6 drauf, weil es mehr als offensichtlich sei, dass ich bei Max abgeschrieben hätte.
Als ich an diesem Tag nach Hause lief, verspürte ich das erste Mal in meinem Leben dieses Gefühl, was mir meine Existenz so schwer machte, Hass. Doch es war nicht nur ein leichtes Gefühl von Hass, es war der pure Hass. Ich konnte an nichts anderes mehr denken, als an Max und daran wie sehr ich mir wünschte, dass er leidet. Als ich zu Hause ankam, konnte ich nichts essen, ich konnte nicht schlafen, ich konnte nicht fernsehen, ich konnte mich auf nichts konzentrieren. Ich spürte nur diesen unglaublich starken Hass, der in meinem Kopf war und ich merkte, wie er langsam mein Handeln kontrollierte. Ich ging nach oben auf den Dachboden ohne es zu wollen. Es war als wäre ich gefangen in meinem Körper und könnte nur zuschauen, was er macht. Oben angekommen fing ich an, alle Kisten nach Großvaters alter Pistole zu durchsuchen. Ich fand sie und auch die passenden Patronen. Ich steckte sie geladen in meine Hosentasche und ging durch das Treppenhaus raus auf die Straße. Ich wusste genau, wo es mich hinführen würde. Zu Max.
Ich wollte es verhindern und versuchte wieder, mein Handeln kontrollieren zu können, doch der kleine schüchterne Florian ohne Selbstvertrauen und Tatendrang hatte schon lange nicht mehr das Sagen. Es war, als wäre ich plötzlich durch diesen unglaublichen Hass ein ganz anderer Mensch. Ich versuchte immer wieder, eine Erklärung für all das zu finden was mir widerfahren warum den Hass in mir los zu werden. Doch ich fand nur eine sehr dürftige Erklärung während ich in die Straße einbog wo Max wohnte.
"Ich bin Florian, mir passiert halt so was" "Ich bin Florian, mir passiert halt so was" "Ich bin Florian, heute passiert dir etwas"…


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Eingereicht am 29. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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