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Taumel der Gefühle auf Tschechisch

© Oliver Fahn


Es war an dem schönsten Märztag, den dieses Jahr zu bieten hatte. Der Schnee blitzte noch in den Zweigen am Rande des heimischen Waldes, doch langsam schmolz dieser an manchen Stellen und man konnte bereits das schöne Tannengrün erahnen und mit etwas romantischer Fantasie den Duft der spitzigen Nadeln vernehmen. So wie der Frühling allmählich seinen Anspruch erhob, so zogen auch die damit verbundenen Gefühle ins Volk zurück. Es waren große, herrliche Gefühle des Aufbruchs, der Frische, der Liebe und nicht zuletzt der erotischen Sehnsüchte. Diese erwachten wie plötzlich aus der Dunkelheit des Winters, der sich lange hinzog, dafür tiefer und aufregender als in den Jahren zuvor, da sie in der kalten Jahreszeit lange viel zu kurz gekommen waren.
Auch Eduard, der sich langsam von einem kindlichen Schelm in seinem Aussehen und in seiner Art zu Denken und zu reden, zu einem heranwachsenden Jugendlichen verwandelte, beschloss mit den Kräften seiner Jugend die gehaltvollen Früchte der Liebe zu ernten. Die Neuorientierung in der Welt eines selbst bestimmten Lebens hatte bei ihm eingesetzt, er musste lernen, dass er für Entscheidungen selbst verantwortlich war, wofür früher die Eltern geradestanden. Er musste die Einsamkeit bezwingen, die so eine Entscheidungsfreiheit manchmal mit sich bringt, wenn man das Instrument des freien Willens als Widerstandskraft gegen fremde Kritik und anderer Leute Vorstellungen nutzt. Am Anfang stand er als jugendlicher Rebell wie ein Einsiedler da, da er erst lernen musste, sein Werkzeug der Unabhängigkeit im konstruktiven Rahmen zu nutzen, denn in seinem jugendlichen Leichtsinn wurden diese Mächte im radikalen Missbrauch manchmal zu Giftwaffen. Er war ein gewöhnlicher, pubertierender Junge, der mit seinen Klassenkameraden über Dinge diskutierte, zu denen er in der Realität noch keinen Zugang hatte, aber schließlich musste er üben, über Sachen zu reden, von denen er keine Ahnung hatte, denn auch im Erwachsenenalter kann man nur die Aufmerksamkeit auf sie ziehen, wenn man etwas weiß oder man bereit ist, seine Unwissenheit so geschickt zu verpacken, dass andere denken, die Unkenntnis läge auf ihrer Seite. Aber in der Liebe und der erotischen Sehnsüchte waren die Karten anders gemischt, denn seine Triebe konnte Eduard nicht belügen, sie waren da und gaben so lange keine Ruhe, bis sie in den echten, sinnlichen Genuss kommen würden.
Eduard war der festen Überzeugung, wenn er bis zu seinem 15.Geburtstag kein Mädchen geküsst hätte, würde es nie mehr geschehen, wenn es möglich war, Berge zu versetzen, dann war er heute dazu fähig, dies war sein besagter Geburtstag. Er wurde frenetisch in seinem Klassenzimmer empfangen, die Kameraden hielt es nicht mehr auf ihren Plätzen. Sie hatten ebenso hohe Erwartungen an den 15.Geburtstag wie Eduard, aber er war der Älteste der Klasse 9b und somit auch der Erste, der diesem hohen Erwartungsdruck standhalten musste. Er wollte seine Keuschheit hinter sich lassen und die Jungs aus seiner Klasse davon überzeugen, dass er das erledigen würde, wovon sie bislang nur träumten und redeten. Marco und Daniel kamen auf ihn zu gerannt. "Eduard, herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag!", ertönte es aus beiden Kehlen lauthals, als hätten sie die Worte gemeinsam einstudiert. "Wir haben eine Kleinigkeit für dich, über die du dich mit Sicherheit freuen wirst!" Marco lächelte herausfordernd, während Daniel einen Gutschein hervorzog. Eduard öffnete vorsichtig das Kuvert, als ob sich darin ein Offenbarungseid befunden hätte. Eduard bekam ein flaues Gefühl in seinem Herzen, als er die darin enthaltene Botschaft Wort für Wort zusammensetzte, dann versuchte er wie zum Trotz gelöst zu lächeln. "Damit ist wohl der Club in der Schillerstrasse gemeint, der mit den roten Schriftzügen und den netten Damen, die da vorne so leicht bekleidet herumstehen." Eduard versuchte sich dümmer zu stellen, als er in dieser Hinsicht war und bemühte sich so die Kenntnisse der beiden Kollegen hervorzulocken. "Die sind meist leichter als leicht bekleidet", entgegnete Marco. Er fügte hinzu, dass sie den Gutschein nur erhalten hatten, weil sie so erwachsen aussahen, aber in Wirklichkeit waren dort Kontrollen Fehlanzeige.
Eduard wusste also, wie der Nachmittag verlaufen würde, er entschied sich für seine edle, schwarze Jeans, den dunkelblauen Pullover und eine ansprechende Unterwäsche. Den Eltern erklärte er, er würde mit Marco ins Kino gehen und so zog er los, pfiff als er durch die engen Gassen marschierte, sprach sich selbst großen Mut zu und überzeugte sich nochmals von der Anwesenheit seines Gutscheines und stellte sich die fragenden Gesichter seiner Klassenkameraden vor, wenn er als vollwertiger Mann wieder in der Schule erscheinen würde. Als er der anrüchigen Einrichtung immer näher kam, wurden seine Schritte immer winziger und mit dem Gang schrumpfte auch seine Entschlussfreudigkeit. Endlich konnte er den Glanz der Lichtreklamen sehen, die dicken Autos, die sich im Hinterhof versteckten, die mit Herzen verzierten Fenster und die Geschäftsleute, die ihm entgegenkamen und die so erleichtert aussahen, als hätten sie sämtliche Eheprobleme bei der Professionellen über Bord werfen können.
Eduard trat mit weichen Knien in den Eingangsbereich, hier war alles noch greller und noch kitschiger. Er setzte sich an die Bar, einige Mädchen, sie sahen sehr osteuropäisch aus, rauchten und sahen genau so aus, wie er es sich vorgestellt hatte, nur etwas älter. Natascha, ein 22-jähriges tschechisches Mädchen setzte sich zu ihm, sie sprach im akzentfreien Deutsch und warf ihre blonde Mähne immer zur Seite, wenn sie gerade nicht redete. Unter ihren großen, blauen Augen hatten sich bereits kleine Fältchen eingegraben, die langen Nächte und die unzähligen Gläser Champagner hatten sich Stück für Stück im immer noch schönen, freundlichen Gesicht verewigt. Sie hörte aufmerksam zu und redete leise und sanft, aber Eduard war von den Eindrücken überwältigt und versuchte bewusst die Blicke in das tief ausgeschnittene Kleid zu unterlassen. "Sag mal Natascha, du musst doch schon unheimlich viele Menschen kennen gelernt haben, seid du hier arbeitest." "Allerdings und ich musste feststellen, dass die Männer, die sich unserer Dienste bedienen weder bessere, noch schlechtere sind, als der Durchschnittsmann von nebenan." "Liegt es etwa daran, dass der Durchschnittsmann diesen Service in Anspruch nimmt?" Eduards Augen glänzten und er horchte neugierig zu, er hatte sich immer eine ältere Schwester gewünscht und sie hätte ihm in sein Traumbild seiner Musterschwester gepasst, abgesehen von ihrer außergewöhnlichen Tätigkeit. "Ich habe früher in der Gastronomie gejobbt und dort waren die Kerle genauso unverfroren wie hier. Der deutsche Mann denkt, die Frau sei sein Besitz und er regle ihre sexuellen Bedürfnisse, entscheide über die Moral der Frauenwelt, aber ich sage dir, das wird nichts, solange er seine eigene Welt nicht im Griff hat." Eduard war verstört über Nataschas Einstellung zur Männerwelt. "Du kannst doch nicht über alle Männer so denken!" "Siehst du, das meine ich mit Doppelmoral, jeder Mann denkt, er sei der Retter der Frauen. Die Männer, die mich begehren, betrügen ihre Frauen und erzählen mir, wie sehr sie sich von dem Durchschnittsbetrüger abheben und verteidigen sich, indem sie behaupten, dieser Schritt sei nötig zur Festigung ihrer Beziehung."
Eduard nahm auf den Rat von Natascha eine Flasche Champagner mit nach oben auf ihr Zimmer. Er fühlte sich plötzlich als Eindringling in die Intimität dieser jungen Frau, sie hatte ihn mit ihrer Rede etwas stutzig gemacht, aber Eduard war motiviert, an dieses Thema erneut anzuknüpfen. "Du denkst also ich bin ebenfalls verdorben oder Natascha?" "Ich habe mit keinem Wort gesagt, dass es schlecht ist, verdorben zu sein, um in der Volkssprache zu reden. Es muss nur die Frage erlaubt sein, ob jemand für sich in Anspruch nehmen kann, rein zu sein und seine Vorstellung von Reinheit zum Gesetz seiner Frau machen kann. Die Sklavenhaltung wurde in diesem demokratischen Staat längst abgeschafft, aber die moderne Sklaverei ist eine hinterlistige, sie legt uns Ketten an und macht uns krank, wenn wir uns nicht dagegen wehren." Eduard blickte mittlerweile fast mitleidig auf die Tätowierung auf Nataschas rechtem Schulterblatt, das er nebenbei begonnen hatte, zaghaft zu massieren. "Du bist so klug Natascha, ich denke du hast die Erde besiegt, denn du hast die Gedanken der Freiheit und Unabhängigkeit erfasst, damit können wir die Gifte der Scheinheiligkeit vernichten." "Eduard, du siehst meine Ausführungen zu euphorisch, ich bin zu klein, um etwas Großes zu bewegen. Wenn das Meer das Land überschwemmt, kann ich mich dagegen sträuben, aber letztlich wird es mich verschlingen, ob ich mich ihm füge oder widerständig zeige." Eduard war fasziniert und die Nervosität vor der hübschen Fremden war einer liebevollen Zuneigung gewichen. Eduard hatte sich geschworen, wenn es heute nicht passiert, dann niemals, aber was sollte denn überhaupt passieren, alle redeten davon, aber niemand wusste genau, was so ein Abenteuer enthalten musste, um die männliche Reifeprüfung zu bestehen. Eduard ließ sich von seinen Emotionen leiten, die Kerzen flackerten in den stillen Abend hinein, er musste schon viel länger geblieben sein, als er sich vorgenommen hatte. Eduards und Nataschas Augen trafen sich das erste Mal direkt und er entdecke neben ihrem entblößten Bauchnabel einen kleinen Leberfleck, beide lächelten sich verschmitzt an. "Ist das eigentlich das Abenteuer, von dem alle sprechen?" "Wir befinden uns noch in der Vorbereitung, aber vielleicht, wenn es bei dir im Magen schon etwas kribbelt, dann ist das für dich bereits ein kleines Abenteuer." Nataschas fleischige, hellrote Lippen formten sich zu einem lauten Lachen, Eduard staunte über den prachtvollen Moment und presste sich dann an Nataschas schmalen Körper. Sie nahm Eduards rechte Hand und drückte diese an ihr Herz, es schlug wild, er bildete sich ein, den Schlag zu hören. Dann umarmte Natascha ihn und drückte seinen Mund an ihren, es war ein feuchter Kuss mit geschlossenen Augen. "Dein Lippenstift schmeckt nach Melone, jetzt kenn ich endlich jenen Geschmack der hübschen Frauen." "…und natürlich auch den Geschmack eines vollwertigen Abenteuers." Natascha zwinkerte Eduard zu, Tränen liefen ihm über seine warmen, roten Wangen. Natascha war glücklich, ihn so reich beschenkt zu haben. Beide lagen minutenlang schweigsam da. Eduard erblickte die Abenddämmerung als Mann.
Eduard betrat am nächsten Morgen sein Klassenzimmer, alles war ganz leise. Marco stand auf und zeigte auf den Satz an der Tafel, es war eindeutig Daniels Schrift: "Bist du nun ein richtiger Mann?" Eduard setzte sich ohne Worte auf seinen gewöhnlichen Platz, öffnete wie immer sein Heft und kratzte sich am Kopf. Es war ein irres Gefühl, das erlebt zu haben, für das alle Klassenkollegen so geschwärmt hatten. Er hatte sein Abenteuer hinter sich gebracht, jetzt konnte der Geburtstag der Anderen kommen. Für Eduard war es ein ganz normaler Tag, aber immer wenn er aus dem Fenster schaute musste er an Natascha und ihre Worte denken: "…und natürlich auch den Geschmack eines vollwertigen Abenteuers." Sie musste es schließlich wissen, was ein vollwertiges Abenteuer in der Sprache der Liebe bedeutet.


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Eingereicht am 29. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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