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Das Schlauchboot

© Tommy Lachmann


Es begab sich noch zur D-Mark-Zeit kurz vor der Einführung des Teuro. Ich hatte ein Boot zuviel. Endlich ein neues Schlauchboot, aber auch noch von über-über-vorgestern einen weitläufigen Vorgänger, einen uralten Veteran. Dieser Vorgänger war jedoch ein gutes Boot und nur wenig kleiner, dafür vielleicht sogar etwas robuster als meine neueste Errungenschaft. So jedenfalls behaupteten es diejenigen, die mir mein neues Boot neideten!
Schön zusammengefaltet, so gut es bei einem stattlichen "Pusteboot" zu falten geht, ruhte dieses Relikt vergangener Zeiten jetzt im Keller meines Hauses. Freilich hing ich noch an diesem nun zum alten Pneu degradierten, aufblasbaren Gummibauch nebst Eisengestänge und Holzfußboden. Immerhin hatte es lange Zeit gute Dienste geleistet und beherbergte eine Menge schöner Erinnerungen. Eine Art Gnadenbrot und ein warmes Plätzchen bis zum Lebensende hatte es sich schon verdient. Nur - so drängte sich inzwischen immer häufiger die Frage auf - wessen Lebensende, denn die Lebensdauer eines unbenutzten gut verpackten Gummibootes ist schier unbegrenzt.
Zum Leidwesen der gesamten Familie ruhte dieses graue Knäuel, das noch immer die Bezeichnung "Wasserfahrzeug" verdiente, zwar still, aber viel zu gewaltig auf dem ihm leichtfertig zugebilligten warmen Plätzchen. Der Trödler, der im feuchten Kellerraum nach von uns als antik gepriesenen, längst aber durchfaulten Möbelstücken suchte, sagte bedauernd: "Ein Wasserfahrzeug im Keller neben einer hübschen alten Mahagonikommode ist höchst ungeeignet", was ich freilich bestritt, da die Kellerfeuchtigkeit einem Schlauchboot viel weniger schadet, als einer ehemals kostbaren antiken Holzkommode.
Da man aber im Keller über dieses Boot mehr stolperte und stürzte, als man noch daran hängen konnte und des vielen Stolperns und Stürzens längst überdrüssig war, fiel die endgültige Entscheidung: Das Boot muß weg. Ohnehin wäre es besser, es käme noch mal auf dem Wasser zu Ehren, als im dunklen Keller zu verrotten. So setzte ich es in die Zeitung unter der Rubrik "Wassersport", wo unser Gummikreuzer nun als Papierschiffchen wieder von sich reden machte. Jedermann konnte es für blanke 800 Taler erstehen. Immerhin hatte es vor Jahren einmal mehrere tausend "Emmchen" gekostet, und dieser Preis war mir von der Herstellerfirma als Verhandlungsbasis empfohlen worden.
"Wir könnten Ihnen höchstens 5oo.- DM beim Kauf eines neuen Bootes berechnen". Das aber war nicht machbar, denn ich hatte meinen Neukauf bereits bei einer Konkurrenzfirma getätigt! "Versuchen Sie Ihr Glück und nehmen Sie 800.- DM als Verhandlungsbasis", hieß es vertraulich, "das ist es sicher noch wert."
XXX
Zum Wochenende erschien die Annonce und das Telefon schrillte bereits während der frühen Morgenstunde. Unter dem Motto: "Morgenstund` hat Gold im Mund" war ich dann auch guten Mutes. Das rege Interesse an der Bootshaut übertraf meine kühnsten Erwartungen, denn das Telefon schrillte unaufhörlich. Ich war sicher, locker hunderte von Booten dieser Art verkaufen zu können.
Gespannt machte ich mit dem ersten Anrufer einen frühen Termin und vorsichtshalber, falls es nicht gleich zu einem Verkaufsabschluß kommen sollte, noch einen weiteren mit dem folgenden Interessenten. Die restlichen Kaufwütigen vertröstete ich auf den Nachmittag.
Kaum dem Duschbad entstiegen, läutete also am Sonnabend sehr früh ein Familienvater an der Tür und hatte auch gleich die Familienmutter nebst zwei Kleinkindern und einer Oma mitgebracht, die alle das sensationell preisgünstige, seetüchtige Rauwasserboot erstehen wollten.
"Mein Name ist Raschke", rief der rundliche Mann aufgeregt, "und meine Familie freut sich schon so auf das Boot! Bei diesem Sensationspreis auch noch eine Verhandlungsbasis finde ich toll von Ihnen! Wie weit gehen Sie denn noch mit dem Preis ´runter", fragte er gespannt. -
Ich freute mich, daß die 800.- DM für ihn keine große Hürde zu sein schienen und lobte listig die Sachkenntnis dieses Käufers. "Wieviel wollen Sie mir denn freiwillig bieten?", kam ich mir vor, wie auf dem Basar in Casablanca. - "Sechzig Märker!", sagte er fröhlich und erinnerte mich sofort an den drittklassigen Spaßmacher im Kinderzirkus. Anstandshalber, schließlich war er mein Kunde, lachte ich über seinen albernen Scherz. Doch der Mann wedelte lustig mit einem Fünfzigmarkschein und hatte, wie der Zauberer mit dem Kaninchen, plötzlich auch noch zwei "Heiermänner" irgendwoher aus der Luft gezaubert, die er mir nun unter die Nase hielt.
"Die beiden Fünfmarkstücke sind noch ganz frisch", brachte er den alten Witz und mit den Worten "ich habe sie nämlich gerade selbst gemacht", setzte er aufdringlich lachend seine Komödie fort.
Niemand könnte behaupten ich besäße keinen Humor, doch diese lustige Matinee-Vorstellung zu einer frühen unchristlichen Zeit, brachte mir noch keinen rechten Spaß. - "Na gut", sagte ich, um den Handel schnell abzuschließen, "fünfzig Mark lasse ich Ihnen nach", und konnte nicht begreifen, weshalb ich damit erneut Anlaß zu weiterer Begeisterung gab.
Herr Raschke griff mir an die Ärmel meines alten Trainingsanzuges und ich spürte seinen Mundgeruch. "Habt ihr das gehört", drehte er sich kurz zu seiner Familie herum, "dieser Mann hier hat ein Herz!" - Dann spürte ich wieder seinen strengen Atem: "Diese zehn Mark hier gebe ich Ihnen von Herzen gern." Er versuchte nun rasch aber erfolglos, mir die zwei Fünfmarkstücke in die Hand zu drücken. Zwar konnte ich nur schwer einem Fünfmarkstück widerstehen, da ich ausgerechnet diese sogenannten "Heiermänner" sammelte, doch dieses Theater hier wurde mir langsam zu dumm.
"Wollen wir den Handel nun perfekt machen?" bemühte ich mich freundlich zu bleiben, "es gibt nämlich noch eine Menge Interessenten nach Ihnen". - "Guter Mann, - der Handel ist perfekt!", schrie Herr Raschke begeistert und schlug mir dabei auf die Schulter, dass ich glaubte, mein Schlüsselbein wäre gebrochen. "Hier sind erstmal Ihre zehn Mark und die Oma zahlt die restlichen zwanzig!" Die Oma reichte stumm einen Zwanziger rüber und Herr Raschke fragte: "Und wo ist jetzt unser Boot?"
Ich muß einen sehr abweisenden Eindruck gemacht haben, denn mein Kunde knurrte enttäuscht: "Ach, Sie haben es sich plötzlich doch anders überlegt?" - "Aber nein, keineswegs", sagte ich beruhigend und betont freundlich, "für siebenhundertfünfzig Mark haben Sie das Boot." - "Haah", kreischte jetzt zum erstenmal die Oma aus dem Hintergrund so überraschend schrill, daß mir der Schreck durch alle Glieder fuhr. Das Treppenhaus schallte wie das Echo vom Königsee. "So einer sind Sie also! Erst einen Artikel in die Zeitung aufgeben und dann wollen Sie uns betrügen", kreischte sie außer sich. Zur Mutter der beiden Kinder sagte sie aufgebracht: "Kommt, wir gehen wieder zu Hause!" - "Ja, kommt Kinder" meldete sich nun auch Frau Raschke, "und wegen das blöde Boot haben wir jetzt den weiten Weg gemacht!" - "Genitiv", sagte ich laut und ärgerlich, aber Herr Raschke mußte wohl dieses "geh nie tief" falsch interpretiert haben und bezog es auf das Boot. "Das geht nicht tief ins Wasser? Kaputt ist es also auch noch!", sagte er wütend. - "Ich verstehe Sie nicht......", stotterte ich entgeistert. -"Sie sollten sich wirklich schämen", fiel mir Raschke ins Wort, "Sie sind ein Gauner!" Dann befand sich die Großfamilie erbost auf dem Rückzug und ein sachliches, klärendes Gespräches wäre nicht mehr möglich gewesen.
Ein Blick in die rasch herbeigeholte Zeitung vom Kiosk an der Ecke brachte des Rätsels Lösung: Ein simpler Druckfehler hatte sämtliche Interessenten mobilisiert! Es fehlte eine Null bei der 800! Unser Schlauchboot hatte sich also als Zeitungsente präsentiert.
"Trinkt fleißig Haarwasser und es fällt euch wie Schuppen von den Augen", blödelte ich enttäuscht und legte den Telefonhörer neben die Gabel, da der Apparat während des Auftritts der Großfamilie und auch jetzt unaufhörlich schrillte. Ein Stück Pappkarton mit der Aufschrift "Boot verkauft!" prangte wenig später zur Abwehr aller Kaufwütigen an der Haustür. Als der nächste Interessent stürmisch an der Tür klingelte, öffneten wir nicht und nach einer viertel Stunde saß ich mit Kind und Kegel im Campingbus. Ängstlich verbrachten wir das Wochenende auf einem Campingplatz an der Mecklenburgischen Seenplatte.
Eine Woche später war die Anzeige korrigiert. Schlagartig reduzierte sich die Nachfrage auf einen einzigen Anrufer, der dann nicht zum Kauf erschien.
Eine weitere Woche später hatte ich mein Angebot auf 500.- DM reduziert, aber es meldete sich niemand mehr. Über einen ganzen Monat ließ ich mein Angebot noch in der Zeitung, bis wir die Sinnlosigkeit begriffen hatten.
Die unsterbliche Hülle? Sie ruht noch immer auf ihrem Platz im Keller und zählt inzwischen zum liebgewordenen Inventar.


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Eingereicht am 01. Dezember 2006.
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