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Der Fisch

© Hermann Stikum


Neulich im Bus sah ich eine junge Frau, die mindestens 130 kg wog. Sie war gekleidet wie ein kleines Mädchen und hatte sogar Zöpfchen. Sie gehörte wohl zu den Menschen, bei denen die Fettleibigkeit genetisch vorgeprägt ist. Sie war kaum in der Lage, den Bus zu besteigen. Ihre schlanke Mutter drängte sie, doch es war ihr kaum möglich, ihre monströse Körperfülle zu bewegen, während der Bus schon anfuhr.
"Ich kann nicht, Mama", jammerte sie, in ihrem Gesichtsausdruck war die Verzweiflung, ja die nackte Angst zu sehen. Die Mutter drängte und schob sie weiter, wie man ein Gepäckstück schiebt. Endlich gelang es ihr, ihre Fettmassen über den Sitz zu drapieren. Da saß sie nun, ein Monstrum! Gesichtausdruck eines Kindes, aus ihrer Tasche lugte eine Baby-Puppe.
Ich stellte mir vor, wie fett sie sein musste (ohne Kleider), selbst ihre Möse musste fett sein. Als sie sprach, erkannte ich, dass sie auch noch geistig "zurückgeblieben" war. Ich sah sie nochmals an: Fett über Fett, Doppelfettkinn, ein Monstrum! Aber doch, unter all den Fettmassen konnte ich ein junges, gar hübsches Frauengesicht erkennen. Es war wie bei alten Frauen, in deren Zügen man bei genauem Hinsehen noch das junge Mädchen erkennen kann. Sie lächelte mich an, und es war nicht der Blick eines Kindes, es war eindeutig der Blick einer jungen Frau, die einen Mann ansieht. Schade, dachte ich, dass alle in dir nur das debile, fette Monstrum sehen können (wobei ich mich trotz meiner ach so feinsinnigen Gedanken, nicht auszuschließen vermochte ...).
An der übernächsten Haltstelle erneut ein Drama, ein Bus ist eben einfach zu schnell für einen derart behinderten Menschen. Und wieder drängelte die schlanke, hübsche Mutter. Fat-Girl fing an zu weinen. Ich stellte mir vor, welche Probleme sie zu bewältigen hatte, selbst beim Scheißen, wahrscheinlich wird sie auch hierbei von Mutti gedrängt. Und schon wieder schob die Mutti, es war ihr sichtlich peinlich, dass sie ein derartiges Monstrum geboren hatte. Gnadenlos schob sie den gigantischen Arsch der Tochter in Richtung Ausgang. Ich empfand zunächst Lust, der Drängel-Mutti in den schlanken Arsch zu treten, blieb dann aber auf meinem trägen 08/15 - Arsch sitzen.
Die Aussteigeprozedur ging zu Ende. Fat-Girl blieb beim Aussteigen in der Tür hängen, die Tür schloss einfach zu schnell. Wie ein dicker Fisch blieb sie in der Reuse, die die Bustür für sie bedeutete, hängen. Sie zappelte, hechelte, japste und erinnerte mich nun noch mehr an einen dicken Fisch.
Ich bemitleidete sie, meine Empfindung war aufrichtig, wie das Mitleid des Steakessers mit dem dahingeschiedenen Rindvieh. Nichts war ich in der Lage zu tun. Kann darüber schreiben, aber d u Fisch, was hast du davon? Kannst in dieser Umgebung nicht atmen, wo ist das Wasser, in das ich dich zurückwerfen könnte? Ich verfüge über Kiemen und Lungen, war daher nie gezwungen, diesen Ort zu suchen. Aus diesem Grunde drücke ich mich vor einer Entscheidung und ergehe mich ein philosophisches Geschwafel.
Leb wohl, armer Fisch !


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Eingereicht am 02. Dezember 2006.
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