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Kurzgeschichte Alltag Kurzprosa Geschichte Erzählung short story

Hieronymus Bosch

© Christian Heynk


Meister schneide den Stein raus, mein Name ist Lubbert Das.
Die Steinoperation, Hieronymus Bosch

Immer diese Frage: Wann weiß ich genug? Wann habe ich genug Sekundärliteratur gewälzt, wann habe ich genügend Aufsätze in den jeweiligen Fachzeitschriften gelesen, wann habe ich genug Zitate beisammen, um mit dem Schreiben der Arbeit beginnen zu können? Wann muss ich aufhören, jeder Fußnote und jedem Querverweis, die mir ein tieferes Verständnis der untersuchten Materie versprechen, nachzugehen? Gibt es so etwas wie ein erschöpfendes Wissen? Gibt es überhaupt so etwas wie Expertentum? Ist nicht alles, von dem wir behaupten, eine Ahnung zu haben, nicht wirklich nur eine Ahnung, eine vage Vorstellung, eine Illusion der Sicherheit? Ich kann mit Menschen sprechen, ich kann meine eigene Haut fühlen, ich kann mich von anderen Menschen berühren lassen, oder selbst etwas oder jemanden anfassen. Ich kann mit meiner Hand über den rauen, roten Backstein meines Geburtshauses streichen, ich kann mir an die fiebrige Stirn fassen und die Hitze in meiner Handfläche spüren. Ich kann ein Stück Fleisch oder eine Frucht essen, ich kann einer Frau mit meinen Fingern durch die Haare fahren, ich kann mir durch einen Sturz die Haut aufschürfen und dann das verkrustende Blut abkratzen. Kann ich aufgrund all dieser Tätigkeiten wirklich behaupten, dass ich lebe und dass alles, was ich erfahre, wirklich real ist? Oder besteht eine andere Möglichkeit fort, die all diese sinnlichen Erfahrungen für null und nichtig erklären kann? Denn wenn ich ehrlich bin, kommt mir trotz meiner fünf Sinne, die Tag für Tag angewandt werden, eine Frage nicht banal oder gar lächerlich vor. Trotz allem, was ich weiß, trotz allem, was ich und meine Mitmenschen im Konsens die real erfassbare Welt nennen, bleibt eine Frage zurück. Manchmal, zumeist im Halbschlaf, stellt sich mir diese Frage, und hallt in meinem Innern nach: Träume ich?

Eine gewisse Zeit liegt nun hinter mir. Ich erkenne dies daran, dass ich, wenn ich über meine Vergangenheit nachdenke, mich selbst als einen anderen sehe. Das frühere Ich, so zumindest versuche ich es mir weis zu machen, ist vollständig losgelöst von dem jetzigen Ich. Der picklige, zu klein geratene Junge, der vor Jahren in der Jugenddisco auf der Tanzfläche stand und auf gewollt witzige Weise mit Absicht besonders schlecht tanzte, um zu verschleiern, dass er gar nicht tanzen konnte, hat mit mir nichts mehr zu tun. Dieser picklige, zu klein geratene Junge war nichts weiter als ein von Unsicherheit und Selbstzweifeln überladenes Monstrum, das zu eigenen Gedanken noch nicht fähig war und deshalb einfach das tat, was alle anderen auch taten. Es betrank sich hemmungslos, es redete abfällig über Mädchen, es deklinierte die Metaphorik für Geschlechtsteile auf jedem Kindergeburtstag durch, und es benahm sich, angestachelt durch die Arroganz der Jugend, den Altvorderen gegenüber so respektlos wie nur irgend möglich. Wenn es eine Gemeinsamkeit zwischen dem Ich von damals und dem heutigen Ich gibt, dann ist es die Suche nach Anerkennung. Allerdings gestaltet sich diese Suche auf eine Art, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Damals glaubte mein Ich, Anerkennung durch möglichst rüpelhaftes Benehmen zu erlangen, durch wiederholtes Rülpsen, Furzen, Spucken, Saufen und Fluchen. Heute befinde ich mich in 's-Hertogenbosch und suche nach Anerkennung, indem ich eine Doktorarbeit in Kunstgeschichte über den niederländischen Maler Hieronymus Bosch verfasse. Die Frage, die sich stellt, ist folgende: Was ist geschehen? Was hat den Dorfdeubel von einst dazu gebracht, der Königsdisziplin der sinnlosen Studiengänge anheim zu fallen?

Ich bekomme hier eine Ahnung davon, was mit einem Menschen passiert, dessen Handlungen nicht mehr reflektiert werden. Die Tätigkeiten, die ich hier in Noord-Brabant verrichte, sind so konzipiert, dass sie nicht zwangsweise ein Echo hervorrufen. Ich stehe morgens in der gemieteten Wohnung in der Capucijnenstraat 90a auf, und niemand ist da, um mich beim Duschen, beim Anziehen, beim Frühstücken oder beim Verlassen des Hauses zu beobachten. Die Menschen in den Straßen gehen grußlos an mir vorbei, ich habe keine Termine mit Menschen, sondern nur mit einem Gebäude. Gespräche führe ich mit niemandem, weder mit mir selbst, noch mit der Verkäuferin im Supermarkt oder dem Mann im Kiosk. Ich gehe in die Bücherei und verharre dort stundenlang im Selbststudium über den Büchern. Ich wälze die mitgebrachte Sekundärliteratur und schreibe mir wesentlich erscheinende Gedanken und Zitate in einen Briefblock. Die Menschen auf den Straßen, in den Gassen, in den Bibliotheken und in der St. Jans-Kathedrale sind wie Statisten in einem Film. Weil sie gehen, weiß ich, dass noch niemand Cut! gerufen hat. Weil sie sich nicht großartig von den Menschen meiner Heimatstadt unterscheiden, bin ich mir sicher, noch immer in der von mir bislang erlebten und akzeptierten Welt zu sein. Aber weil ich keinen dieser Menschen zum Reagieren zwinge, frage ich mich, ob ich existiere. Denn nur wenn ich Materie bin, wenn ich ein Gegenstand oder ein Hindernis bin, kann ich an einen Menschen stoßen. Nur, wenn ich mich aufdränge, kann ein Mensch auf mich reagieren und mich meiner realen Existenz versichern. Ich aber stoße an keinen Menschen. Ich weiche aber auch keinem Menschen aus. Ich werde nur einfach nicht wahrgenommen. Ich bin wie ein Staubpartikel, das über den dreieckigen Marktplatz weht, ich bin wie ein Raum, den niemand betritt. Ich bin nur für mich da, und nur ich kann sagen, ob es mich gibt oder nicht. Aber ich bin kein Beweis. Ich bin einer, der sich selbst betrügt.

In einer durchsichtigen Blase, die auf einer rosafarbenen Kugel aufmontiert scheint, und die auf einem See dahin schwimmt, sitzen ein nackter Mann und eine nackte Frau. Ihre Hände berühren die Genitalien des jeweils anderen Geschlechts, und dennoch wird dem Betrachter dieser Blase klar, dass die Geschehnisse im Innern nur ein Hinweis auf die wahre Fleischeslust, der hier gefrönt wird, sind. Nicht unweit dieser Blase, nicht mehr auf dem See, aber immer noch auf der Mitteltafel des Triptychons, erkennt der Betrachter eine Muschel, die fast zugeklappt ist. Die Ausmaße dieser Muschel werden dem Betrachter dadurch vermittelt, dass aus ihrem Spalt die nackten Beine zweier Menschen hervorlugen. Durch die Position der Beine erahnt auch hier der Betrachter den Koitus, der dargestellt werden soll. Weiter oben auf der Mitteltafel bildet ein Kreis männlicher Reiter, wiederum alle nackt, einen hübschen Kranz um einen See voller nackter Mädchen. Die hellen Farben des gesamten Triptychons erschweren eine düstere Interpretation des Bildes, der hemmungslose Sex, der nahezu überall auf der Leinwand ausgeübt wird, vermittelt eine Leichtigkeit, die nichts mit einem Sündenpfuhl zu tun hat. Auf einem Detailfoto erkenne ich einen jungen Mann, der einem anderen Blumen in den After steckt. Weniger deutlich sind die vielen Erdbeeren auf dem Bild, die zu jener Zeit die Fleischeslust symbolisierten. Das ganze Gemälde ist ein Garten der Lüste, und die Heiterkeit und Unschuld, die das Gemälde vermittelt, könnten den Betrachter fast vergessen lassen, dass überall auf diesem Bild gesündigt wird. Hinzu kommt noch, dass die begangene Sünde nicht irgendeine Sünde ist, sondern eine der sieben Todsünden: Wollust. Die jungen Männer und Frauen, die so unschuldig die Früchte von den Bäumen pflücken, verlieren viel von ihrer Unschuld, wenn man weiß, dass zu der Zeit, als Hieronymus Bosch in 's-Hertogenbosch lebte, Früchte pflücken eine Redewendung war, die für den Geschlechtsverkehr stand. Die im Vordergrund auftauchenden Fische bedeuten in alten holländischen Sprichwörtern das männliche Glied. Das Gemälde hängt im Museo del Prado in Madrid.

Dies ist ein Monolog. Mag er auch noch so virtuos sein, bleibt er dennoch immer einseitig. Eine Handlung, einen Plot kann es aufgrund meines Einsiedlerlebens nicht geben. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die hübsche Holländerin, die gegenüber wohnt, eines Abends an meiner Haustür klingeln wird, um nach Zucker und Sex zu fragen. Auch werden meine Forschungen über Bosch nicht irgendwelche erschütternden Tatsachen ans Tageslicht befördern, da dieser Mann ein Mysterium ist und bleiben wird. In dieser Wohnung gibt es nur mich und die leeren Blätter, die mich angähnen wie mein eigenes Leben. Für einen Ausbruch aus den akademischen Konventionen, in denen ich festgefahren bin, fehlt mir die Kraft und, wenn man es recht bedenkt, auch die Lust. Denn Papier ist geduldig. Lektüre ist da. Sie bleibt, bis sie gelesen wird, und selbst, wenn ich ihr keine Beachtung schenke, bleibt sie da. Und selbst, wenn ich sie lesen und in meine Doktorarbeit einflechten sollte, erwacht diese Lektüre nicht zum Leben. Sie ist dazu verdammt, eine Lektüre zu bleiben, ein Dokument über Geschehnisse aus längst vergangenen Zeiten. Diese Lektüre ist doch nur ein winzig kleiner Teil aus dem Archiv der Menschheitsgeschichte. Warum schreiben wir, und warum konservieren wir unser Schrifttum? Weil wir Angst haben, dass nichts bleibt, wenn wir gehen, und so erschaffen wir so sinnlose Dinge wie Bücher, Gemälde und Skulpturen. In diesen Kunstwerken manifestieren sich doch nur die Eitelkeit und die Angst des Menschen.

Ich solle so schreiben, dass ein flüssiges Lesen ermöglicht wird. Ich solle doch Gedanken klar und zusammenhängend formulieren, einer logischen Argumentation folgen und bitte Nebensächlichkeiten nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. In dieser Hinsicht war der Professor sehr deutlich. Aber dennoch stießen mir seine Forderungen sauer auf. Im Grunde verlangte er nämlich von mir, eine ihm genehme Arbeit zu schreiben. Den Großteil der Verständnisarbeit sollte ich für ihn durch eine logische Schreibweise erledigen. Er verlangte von mir eine Arbeit, die man so herunterlesen kann, ohne dass man an einzelnen Sätzen oder Passagen hängen bleibt. Genauso gut hätte er von mir verlangen können, eine einfache, eingängige Melodie zu komponieren, die man leicht und ohne Begleitinstrumente nachpfeifen kann. Jegliche übermäßige Anstrengung sollte ich ihm ersparen, er wollte das Wissen über Hieronymus Bosch mundgerecht serviert bekommen, scheibchenweise, in nicht zu großen Portionen. Die Quintessenz, so sagte der Professor, muss in einem Satz zusammenfassbar sein. Dabei lächelte er mir zu. Ich lächelte zurück. Aber am liebsten hätte ich ihm gesagt, dass ich mich nicht dazu verpflichtet fühle, meiner Doktorarbeit einen Unterhaltungswert angedeihen zu lassen. Ich schreibe ja keinen Roman, keine Erzählung, sondern eine wissenschaftliche Arbeit. Mein Schriftwerk ist nicht dazu da zu gefallen, sondern zu informieren. Wenn Sie die Lektüre meiner Arbeit als anstrengend empfinden, dann sagt das nichts über ihren Inhalt aus. Die Wahrheit, mein lieber Professor, ist immer anstrengend. Sie verlangt genaueste Forschung, sie verlangt das Wälzen etlicher Lexika, sie verlangt Hingabe und Aufopferung des Lesers. Was ist das für eine Krankheit, alles möglichst schnell erfahrbar machen zu wollen und in einfache Sätze zu transkribieren? Was ist das für eine Krankheit, bei der die komplexesten Sachverhalte auf zwei, drei Sätze zusammengestaucht werden? Nur, weil die Leute jegliche Anstrengung verschmähen, weil sie sich nicht mehr engagieren, nicht mehr malochen wollen, um einen komplexen Sachverhalt zu verstehen, sollen wir sie mit zwei, drei Sätzen, die bestenfalls aus Halbwahrheiten bestehen, abspeisen? Genauso gut könnten wir einen Krieg gegen ein Land anzetteln, indem wir sagen, dass wir die Guten, und die anderen die Bösen sind. Durch diese Vereinfachung findet man vielleicht Unterstützung beim Volk, aber sie trägt der Wahrheit keine Rechnung. Vereinfachung, Simplifizierung ist zu einem gewissen Grad immer eine Lüge.

Eine leicht verständliche, massenkompatible Arbeit kann und darf also nicht mein Ziel sein. Wissend, dass die von mir anvisierte Arbeit als Zielgruppe ohnehin nur die Kunsthistoriker dieser Welt beansprucht, kann es doch nicht als Impertinenz gewertet werden, wenn ich mit meiner Sprache nur die Elite der elitären Kunsthistoriker zu erreichen suche. Und gesetzt den Fall, dass der Professor, der meine Arbeit prüft, diese für zusammenhanglos und jeglicher logischer Stringenz entbehrend hält, kann diese Tatsache doch ebenso als Beweis dafür gewertet werden, dass der prüfende Professor eben nicht zu jener Elite gehört. Als Kronzeugen meiner Beweisführung kann ich einen so erlesenen Forscher wie Einstein in den Zeugenstand rufen, dessen Arbeit lange als spekulativ definiert wurde, bis die im Lauf der Jahre gemachten Versuche dieser Arbeit zur allgemeinen Anerkennung verhalfen. Was also, wenn meine Arbeit einer ebensolchen Skepsis anheim fällt? Bedeutet dies zwangsweise, dass ich ein Dummkopf bin? Oder bedeutet es nicht viel mehr, dass der Professor eine ganz andere Art des Denkens, eine andere Art der Logik anwendet, um meine Arbeit zu analysieren und zu bewerten? Folglich kann meine Arbeit nur dann gut sein, bzw. als gut bewertet werden, wenn sie der Logik und Denkweise des Rezipienten (in diesem Falle des mich betreuenden Professors) nach dem Mund redet.
Ein Genie aber ist ein hervorragend begabter, schöpferischer Mensch, der sich dadurch auszeichnet, dass er einer ebenso hervorragenden und außergewöhnlichen Logik und Denkweise folgt, die wiederum von gewöhnlichen Sterblichen nicht verstanden werden kann. Sollte der Professor also meiner Arbeit eine schlechte Note geben, kann dies zwei Gründe haben. Entweder ist sie so schlecht, dass er sie nicht verstanden hat, oder sie ist so genial, dass er sie nicht verstanden hat. Und um das zu beurteilen, braucht es wieder Leute, die meine Arbeit beurteilen. Aber auch diese Leute können meine Arbeit aufgrund ihrer disparaten Logik als zu schlecht oder als genial bewerten. Mit anderen Worten bedeutet dies: Es gibt keine wirkliche Instanz, die Genie und Dummheit zweifelsfrei und mit unerbittlicher Logik voneinander trennen kann. Dummheit kann sich als Genie verkaufen, und ein Genie kann für einen Idioten gehalten werden. Erfahrungswerte zeigen mir, dass dies passiert. Sehr oft. Zu oft.

Da Hieronymus Bosch 's-Hertogenbosch wahrscheinlich nie verlassen hat, ist es nicht abwegig, die Wurzeln seiner Welt aus Träumen und Alpträumen, die er auf die Leinwand gezaubert hat, hier in seiner Heimatstadt zu suchen. Und da das auffälligste und schönste Gebäude die St. Jans-Kathedrale ist, nimmt es nicht wunder, wenn ich sie detailliert in Augenschein nehme, um hier nach Anhaltspunkten für die düstere Welt des Hieronymus Bosch zu suchen. Ein Detail dieser Kathedrale, die übrigens die größte in den Niederlanden ist, hat mich dabei besonders gefangen genommen. Wenn man außen vor der Kathedrale steht und an ihr hinauf sieht, fallen einem die in luftiger Höhe erkennbaren drei Figuren auf, die auf einem Schwibbogen zu sitzen scheinen. Mit Hilfe eines Fernglases erkennt man genau, was da auf dem steinernen Stützbalken sitzt. Die mittlere Figur ist ein Gargoyle, eine jener grotesken Steinfiguren, die, halb Tier, halb Mensch, auch von der Notre Dame de Paris bekannt sein dürften. Sie sitzt mit gefesselten Händen auf diesem Schwibbogen und grinst. Vor und hinter diesem Gargoyle sitzen zwei sehr menschlich anmutende Figuren in mittelalterlicher Tracht. Die vordere hält in der einen Hand einen steinernen Meißel und in der anderen Hand einen steinernen Gummihammer. Die hintere ist nur schwer zu erkennen, aber auch sie scheint in der Hand die zum Bau einer Kathedrale nötigen Utensilien zu halten. Zusammen wirken sie wie durch Zauberhand versteinerte Relikte aus dem 14. Jahrhundert, dem Jahrhundert, als mit dem Bau der Kathedrale begonnen wurde. Sie erinnern daran, dass es Menschen waren, die diese Kathedrale aus Stein gehauen haben, und sie erinnern an das Leben in dieser Stadt, wie es vor langer Zeit einmal gewesen sein muss. Sie helfen mir dabei, eine lebhafte Vorstellung von der Zeit zu gewinnen, als Hunderte von Steinhauern sich an den Fassaden, Portalbögen und Flankentürmen zu schaffen machten, um ein Meisterwerk brabantischer Gotik zu errichten. Wie sie unermüdlich das von ihnen erschaffene Kirchengebäude mit üppiger Ornamentik ausstatteten, bis es nach anderthalb Jahrhunderten fertig war. Man fragt sich, wie viel menschliche Kraft, wie viel menschlichen Willen und wie viel menschliche Hoffnung der Bau dieser Kathedrale aufgerieben haben muss? Hundertundfünfzig Jahre zogen ins Land, in die Stadt, Abertausende von Schicksalen zerbröselten im Schatten dieses Kirchengebäudes. Die Kathedrale selbst aber überlebte. So muss man es sehen: Der Stein, der hier steht, lebt. Er wird durch die vielen Tode, die er gefordert hat, am Leben erhalten. In ihm steckt der Geist toter Menschen. In ihm steckt der Geist des alten Malers Hieronymus Bosch.

Wenn ich zu lesen beginne, dann ist mir, als öffnete ich eine Schleuse, durch die ich einen Informationsfluss fließen lasse. Die Informationen strömen in mein Kurz- und Langzeitgedächtnis und treffen dort auf ein plätscherndes Etwas aus Informationen, das schon seit längerem da lagert. Je länger ich lese, desto kritischer wird der Zustand in meinem Gedächtnis. Neues Wasser, um im Bild zu bleiben, trifft auf altes Wasser, und eine Überschwemmung droht. Es wird zunehmend komplizierter, die Wassermassen zu kontrollieren, und die Überflutung wird zu einer stetig realer werdenden Gefahr. Der einzige Ausweg besteht darin, eine neue Öffnung zu schaffen, die das hereinströmende Wasser wieder ablaufen lässt.
Um noch eine andere Begebenheit, die beim Lesen entsteht, zu erörtern, kehre ich wieder in den wortwörtlichen Kontext zurück. Je länger ich lese, desto mehr werden die ganzen Informationen zu einem Gesamtbild verarbeitet. Das bedeutet, dass ich beginne, in jeder Information Ähnlichkeiten mit anderen Informationen zu erkennen. Ein konkretes Beispiel: Ich lese, dass Hieronymus Bosch sich von anderen Künstlern seiner Zeit inspirieren ließ, unter anderem von Israel van Meckenem, einem Künstler aus der deutschen, nahe der niederländischen Grenze gelegenen Stadt Bocholt. Die Stadt Bocholt wiederum erinnert mich an eine Fahrt ins Münsterland, die ich einmal unternommen habe, als ich meine Jugendfreundin Elisabeth besucht habe. Elisabeth wiederum erinnert mich an Georg Büchner, dessen Lustspiel Leonce und Lena wir uns in Köln angesehen haben. Und ehe ich mich versehe, entstehen durch die geistige Nennung der Stadt Köln einige weitere Assoziationen, die mich zu einer kleinen Weltreise im Geiste animieren. Jede Einzelheit, jedes Detail, sei es ein Name, ein Geruch, ein Gefühl, verbinde ich plötzlich mit etwas anderem. In allem sehe ich plötzlich nur das Teil eines monströsen Puzzles, welches zusammengefügt mein Weltbild ergibt. Der Ausgangspunkt, die Lektüre über die Werke von Hieronymus Bosch, verkommt plötzlich zu einer Bedeutungslosigkeit, die in meinem Weltbild nur einen winzig kleinen Teil ausfüllt. Alles, was dann plötzlich in meinem Kopf herumgeistert, ist nur ein Beweis für meine letzte Überzeugung, für meine Kapitulation vor der endgültigen Wahrheit, dass alles eins ist. Alles ist eins!

Flüssiges Lesen erleichtert das Vergessen des Inhalts. Manchmal erfreue ich mich an einem Buch, das ich für meine Doktorarbeit lesen muss, und ich erfreue mich daran, weil es sich leicht liest. Ich jage mit meinen Augen über die Seiten, schmunzele gelegentlich aufgrund der amüsanten Anekdoten, von denen der Verfasser des Werkes zu berichten weiß, und schaffe auf diese Art, ein Buch beträchtlichen Umfangs in nur einem Tag zu lesen. Nach dieser Rutschpartie stellt sich dann allerdings ein beklemmendes Gefühl ein: Ich habe nichts behalten. Von den interessanten und verwendungswürdigen Seiten, die es doch irgendwo in diesem Buch gegeben haben muss, fehlt plötzlich jede Spur, und krampfhaft versuche ich mich an das zu erinnern, was ich da eigentlich gelesen habe. Ich erinnere mich an die Freude, die mir die Lektüre des besagten Buches bereitet hat, kann aber diese Freude nicht mit einem Inhalt verbinden. Plötzlich beginne ich zu glauben, dass ich an einer furchtbaren Demenz erkrankt bin, und dass diese binnen weniger Stunden das ganze Wissen vernichten wird, das ich mir so mühselig in den vielen Jahren meines Studiums angelesen habe. Ich fürchte, meine Sprache zu verlieren, und um diesem Verlust entgegenzuwirken, sage ich so komplizierte Fachtermini wie Ikonoklasmus, Manierismus und Altarretabel leise vor mich her. Ich definiere diese Begriffe, erkläre mir selbst, dass Ikonoklasmus die Abschaffung und Zerstörung von Heiligenbildern bedeutet, und dass dieses Wort vor allem während des Bilderstreits in der byzantinischen Kirche des achten und neunten Jahrhunderts zur Geltung kam. Ich führe weiter aus, dass Manierismus die Bezeichnung für den Kunststil zwischen Renaissance und Barock ist und komme schließlich zum Altarretabel, dessen Bedeutung ich mir anhand des Sterzinger Altars von Hans Multscher von 1459 erkläre. Ich picke einzelne Details aus meinem Hintergrundwissen und sage sie laut auf, solange, bis ich wieder einigermaßen ruhig werde. Ich weiß es noch, denke ich dann erleichtert, es ist noch da, dieses Wissen. Aber die Furcht, dass es einmal verloren gehen könnte, bleibt. Und diese Furcht fungiert dann wieder als Antrieb. Ich setze mich an den Schreibtisch und schreibe an meiner Arbeit weiter. Jetzt oder nie, denke ich, jetzt ist die Zeit gekommen, der Welt der Kunstgeschichte deinen Stempel aufzudrücken.

Man sieht in einer sommerlichen Landschaft einen Chirurgen stehen. Er hat einen silbernen Trichter in verkehrter Weise auf seinem Kopf, und ich weiß nicht, ob dies eine übliche Kopfbedeckung für die Ärzte zu Zeiten des Hieronymus Bosch war. Es macht auf jeden Fall einen amateurhaften Eindruck, der von der auf dem Bild dargestellten Operation noch unterstützt wird. Man sieht nämlich diesen Chirurgen, wie er aus dem Kopf eines an einen Stuhl gefesselten Mannes einen Gegenstand zu entfernen versucht. Liest man den Titel des Gemäldes, erahnt man, um was für einen Gegenstand es sich handeln muss. Das Bild trägt den Titel Die Steinoperation, und dieser Titel legt nahe, dass der Chirurg dem gefesselten Mann einen Stein aus dem Gehirn herausoperiert. Der Patient scheint dem Betrachter des Gemäldes direkt in die Augen zu schauen, und dieser Blick vermittelt einen Eindruck von den Qualen, die er erleiden muss. Man sieht einen kleinen Streifen Blut, der ihm von der offenen Fleischwunde am Gehirn über die Stirn läuft.
Als neuzeitlicher Beobachter drängt sich die Frage auf, ob diese Vivisektion tatsächlich überlebt werden kann. Zumindest die beiden Gaffer im Bild, ein Mönch und eine Nonne, die der Operation seelenruhig zuschauen, lassen auf eine vermeintliche Harmlosigkeit dieser Steinoperation schließen. In der Erklärung dieses Bildes steht, dass eine Quacksalberei des 16. Jahrhunderts dargestellt wird. Damals gab es die Hypothese, dass man den als dumm erachteten Menschen helfen könne, indem man ihnen den Stein der Dummheit aus dem Kopf entfernt. Somit wurde der Dummheit, die ja ein eher abstrakter Begriff ist, ein physisches Objekt zugeordnet, um sie konkret bekämpfen zu können. Indem die Dummheit eine physische Manifestierung erfuhr, war es leichter, mit ihr umzugehen. Dummheit war damit nur noch ein Objekt, dessen man sich entledigen musste; es war ein greifbares Ding geworden, das man herausschneiden konnte wie ein Krebsgeschwür. Eine Verdinglichung, wie es sie heute nicht mehr geben kann. Wenn jemand heute zum einen Arzt ginge, und dieser ihm sagte, "Sie sind dumm, aber machen sie sich nichts draus, das operieren wir weg", dann würde dieser Arzt seine Lizenz verlieren, bevor er Lobotomie sagen könnte. Dieses Gemälde von Hieronymus Bosch ist somit ein schönes Beispiel für die andersartige Denkweise der Menschen zu jener Zeit. Man würde diesen Menschen heute vorwerfen, sie seien psychisch krank, während damals Menschen, die an den Sinn dieser Steinoperation geglaubt haben, vielleicht sogar in der Mehrheit waren. Wir sehen also, dass wir von ganz anderen Voraussetzungen ausgehen müssten, wenn wir es uns zum Ziel setzten, die Menschen des 16. Jahrhunderts verstehen zu wollen. Im Klartext: Wenn ich Hieronymus Bosch verstehen will, muss ich bereit sein, an diese Steinoperation zu glauben. Ich muss glauben, dass jede psychische Krankheit materialisiert werden kann. Schizophrenie wäre demnach ein pfirsichkerngroßes Ekzem im Blinddarm, Paranoia eine schwarzfarbene Warze auf der Lunge und Depression ein Geschwulst im Zwölffingerdarm. Keine Krankheit also, die nicht organisch wäre, keine Krankheit, der man mit dem Skalpell nicht beikommen kann.

Hieronymus Bosch ist tot. Ich aber lebe. Ich lebe, leide, lache, liebe und lerne. Hieronymus Bosch hat ein Werk geschaffen, das seinen Tod überdauert hat. Mein Wissen und mein Werk aber werden in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Meine Doktorarbeit wird archiviert werden und in zehn, in zwanzig, in dreißig Jahren den Studenten von Nutzen sein, die sich einem ebenso spezifischen Hobby verschrieben haben wie ich. Was wir Doktoranden tun, ist nicht massenkompatibel. Was wir schreiben, ist nur einer kleinen Masse an Lesern wirklich zugänglich. Was wir schreiben, hat keine Konsequenzen für die Geschichte der Menschheit. Im Grunde tun wir nichts weiter, als einen Diskurs am Leben zu erhalten. Meine Doktorarbeit liefert keine neuen Erkenntnisse, sondern hält das bereits gesammelte und ebenso archivierte Wissen über Hieronymus Bosch am Leben, indem es das alte und archivierte Wissen neu aufkocht, ohne jedoch neue Ingredienzen hinzuzufügen. Dieser Gedanke, dass ich nur ein Wasserträger der Kunsthistorik bin, macht mich fertig. Zu wissen, dass mir nie ein opus magnum gelingen wird, weder im Bereich der Kunsthistorik noch im Bereich der Belletristik, lässt mich an meiner Daseinsberechtigung verzweifeln. Es ist ein zerstörerischer Prozess, in dem mir meine Mittelmäßigkeit bewusst wird, und aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass ich in einer zeitgeschichtlich eher bedeutungslosen Periode zu leben scheine. Die Kriege, die Tragödien, die geschichtsträchtigen Revolutionen passieren anderswo. In diesem Teil Europas ist das Glück in Langeweile umgeschlagen. Nur wer blutet, kann von dem Saft wissen, der ihn am Leben erhält.

Es schneit. Weiße Flocken aus luftiger Watte fallen in das flauschige Luftkissen von 's-Hertogenbosch. Ihre Bewegungen zeigen uns die vielfältigen Richtungen des Windes an, ihre klare Kälte vermittelt den Eindruck von unbefleckter Reinheit, doch ihre Konsistenz hält der Körpertemperatur der Passanten dieser Stadt nicht stand. Auch deshalb, so scheint es, verschanzen sich einzelne unter ihnen in den Mulden der Pflastersteingassen, in den luftigen Höhen der Erker und Giebel der steinernen Kathedrale und auf dem Schiefer der verwinkelten Stadtdächer. Die Schneewehen hingegen fegen über den Marktplatz und beißen in die vom Wetter erkalteten Gesichter. Weichen wir dem festen Niederschlag aus, dann bleibt uns nur noch das Künstliche unserer Behausungen, das Künstliche der Heizungswärme.
Dem Künstlichen in diesem Sinne abgeneigt, stapfe ich also durch die Schneedecke, die keine ist, weil sie eher wie eine zweite Haut auf dem Boden liegt. Das Weiß auf der Erde reicht gerade, um Abdrücke zu hinterlassen, erste Tropfen künden aber schon von dem Matsch, der bald durch den Schneeregen entstehen wird.
Schnee hat diesen Zauber, weil er der einzige feste Niederschlag ist. Regen und Hagel hingegen fallen und laufen ab. Schnee bleibt. Er taucht für einen Moment unsere armselige Lebensweise in ein strahlend schönes Weiß, in eine Jungfräulichkeit, derer wir uns ohne den Schnee nicht mehr entsinnen könnten. Auch scheint den meisten Bewohnern dieser Stadt die Heimeligkeit ihrer vom warmen Licht durchfluteten Wohnzimmer angesichts der klirrenden Kälte vor den Türen umso klarer zu werden. Der Schnee lehrt uns, die Wärme und Geborgenheit der Familie zu schätzen. Was aber ist mit denen, die keine Familie haben?

So verharre ich in der Bibliothek an meinem Tisch vor dem großen Fenster und schaue mir den Schnee an. Die Sicherheit, die mir das warme Licht der Lampe und die vom Teppichboden aufsteigende, heiße Luft verschaffen, hüllt mich ein in einen Mantel, in dem man wunderbar vor sich hindämmern kann. Schon beim Lesen der ersten Zeilen eines Buches über die Bildsemantik bei Bosch merke ich, dass dies kein produktiver Tag wird. Die wenigen Informationen, die ich aufnehmen werde, verstreue ich über den ganzen Tag. Würde ich mich hinsetzen und mich konsequent zum Lernen zwingen, könnte ich mir diesen Stoff in einer guten Stunde aneignen. So aber lese ich eine Zeile, schaue aus dem Fenster, schiebe den im Buch veräußerten Gedanken eine Weile vor mich her, verwerfe ihn dann, greife in Gedanken ein komplett anderes, persönliches Thema auf, verharre auch in diesem eine Weile und stolpere dann in einen Mechanismus der Gedankenlosigkeit hinein, aus dem es so schnell keinen Ausweg geben wird. Meine Gedanken streunen durch die Gegend wie eine Hure auf der Suche nach Freiern. Jedem bieten sie sich an, manchmal machen sie es auch umsonst. Ohne Ziel und Struktur wandern meine Gedanken im Gehirn umher, schauen überall mal vorbei, halten ein oberflächliches Schwätzchen und ziehen dann weiter. Für nichts können sie sich wirklich begeistern, an allem haftet heute der Gestank der Langeweile, nichts erscheint meinen Gedanken auch nur ansatzweise Aufsehen erregend. Ich versteige mich dazu, mich über Hieronymus Bosch lustig zu machen, wohl wissend, dass das eigentliche Ziel dieser Sticheleien ich selbst bin, und dass es momentan auf der Welt kein nichtigeres und sinnloseres Wesen als mich geben kann. Ein beliebiges Geschöpf aus einer milliardenstarken Masse von Geschöpfen schreibt eine Abhandlung über ein gestorbenes Geschöpf, dessen Wichtigkeit für die Gesamtheit aller Geschöpfe eine zu vernachlässigende Größe ist. Mir ist, als könnte ich ebenso eine Doktorarbeit über den Furz schreiben, den mein Tischnachbar gerade abgelassen hat, ohne dass diese Doktorarbeit weniger Sinn als die eigentliche machte. Ich könnte eine Arbeit schreiben, die sich zuerst über die Geschichte der Fürze auslassen würde, schließlich die verschiedenen Fürze genauer unter die Lupe nähme, um ein Vergleichsschema zu erarbeiten, dass die verschiedenen Fürze zueinander in Beziehung setzen könnte. So könnte ich letztlich einige Kriterien aufstellen, nach denen Fürze fortan zu bewerten wären. Konsistenz, Geruch, Dauer und Entflammbarkeit dieser Fürze wären dann etablierte Kriterien für alle Arten der analen Geruchsverströmung. Wettbewerbe, Olympiaden und Furzsymposien wären denkbar. Sie lachen? Warum?

Welches Projekt auch immer ein Mensch in Angriff nimmt, es muss wohl vorbereitet sein. Zuerst entsteht dieses Projekt immer im Kopf eines Menschen. Es startet mit einem Gedanken, weitet sich dann mehr und mehr zu einer fixen Idee aus, die einem wiederum so lange im Kopf herumspukt, bis man diese fixe Idee tatsächlich für realisierbar hält. Man weiht einige andere Menschen in das Projekt ein, und dies ist ein entscheidender Schritt, denn nun wissen andere, dass man selbst ein Ziel hat. Es ist ein hartes Stück Arbeit, andere Menschen für dieses Ziel zu begeistern, denn wenn sie keinen eigennützigen Zweck darin erkennen, haben sie mehr Freude daran, einen scheitern zu sehen. Diese Missgunst zu bekämpfen, und ihr zum Trotz dennoch ein Projekt zu beginnen, kostet eine ungeheure Energie. Jedes Projekt ist in seinem Anfangsstadium aus Luft gebaut, es könnte funktionieren und Erfolg haben, aber es könnte ebenso gut in einem großen Desaster enden. Entscheidend, so sagt man landauf, landab, ist einzig und allein der Wille. Der Wille, so sagt man fürderhin, ist die Grundvoraussetzung eines jeden Projekts.
Ich bin jetzt an einem Punkt angelangt, an dem dieser Wille auf eine harte Probe gestellt wird. Ich arbeite mich durch den Wust an Literatur, die ich schon gelesen habe, gehe noch einmal über das Manuskript, das ich bis jetzt angefertigt habe, und beginne angesichts dieses mir zusammenhanglos erscheinenden Geschreibsels zu verzweifeln. Zum ersten Mal habe ich die böse Vorahnung, dass ich scheitern könnte. Und diese Idee des Scheiterns erzeugt ein Ohnmachtsgefühl, dem ich mich nicht in den Weg zu stellen weiß. Plötzlich erscheint mir die Zukunft wie ein leeres, graues Nichts, welches mich, dünner aber genauso verheerend wie ein die Sicht nehmender Nebel, in einen Mantel der Perspektivlosigkeit hüllt. Was soll ich tun? Was soll ich nur tun? Ich werde scheitern.
Schon sehe ich die hämischen Gesichter meiner Doktorandenkollegen, die sich nach ihrer bestandenen Arbeit noch besser fühlen, weil ich ihnen mit meiner gescheiterten Existenz als Beweis diene, dass alles auch anders hätte ausgehen können. Ihr Egoismus wird an meinem Leid erstehen, und ich bin und bleibe dann für immer eine Null. Die Kunsthistorik wird sich von mir abwenden, bevor ich selber entscheiden kann, ob ich mich von ihr abwenden will. Was bleibt mir dann noch, außer der Flucht in die Ästhetik des Gescheiterten?

Ich habe Durst. In meiner Erinnerung wird der Geschmack von kaltem und klarem Wasser ein immer begehrenswerteres Mittel der Erfrischung. Mein ausgezehrter Körper gibt mir das Gefühl, als sei ich selbst eine ausgetrocknete Dörrpflaume, der man konsequent und über Jahre hinweg jegliche Flüssigkeit verweigert hat. Zusätzlich zur inneren Trockenheit wirkt auch noch die äußere, trockene Hitze zerstörerisch auf mich ein. Mein Mund und mein Rachen fühlen sich an, als hätten sie in den letzten Monaten nur Sand zu essen bekommen. All diese Ausgezehrtheit treibt mich in ein Gemisch aus Selbstmitleid und Kraft der Verzweiflung. Es hat doch alles keinen Sinn, flüstere ich mir selbst zu. So schnell aber, rede ich mir immer wieder ein, kann und will ich mich nicht geschlagen geben. Ich wandele mit wackligen Beinen über die Sanddünen meines Lebens, und hinter jeder Düne hoffe ich, etwas zu entdecken, für das es sich zu leben lohnt. Als ich nach einem sechsundzwanzig Jahre dauernden Marsch durch die endlose Wüste plötzlich hinter einer Düne in weiter Ferne eine winzig kleine aber doch unverkennbare Oase entdecke, sammele ich meine letzten Reserven, um den Weg bis zu diesem lebensrettenden natürlichen Wasserspender auf mich zu nehmen. Die ganzen Qualen, die ich die sechsundzwanzig Jahre meines zähen Marsches erdulden musste, finden nun ihre Rechtfertigung in dieser winzig kleinen Oase. Das Wasser, es müssen mehrere hundert Liter sein, entschädigt mich für all die Illusionen, denen ich bisher aufgesessen bin. Die Kraft, die mir dieses Wasser geben wird, kann mich weitermachen lassen, kann mich am Leben erhalten und mich an diesem Leben erfreuen lassen. Das Wasser, denke ich. Das Wasser.
Aber, als ich ankomme an diesem vermeintlichen Ziel, ist das Ziel kein Ziel mehr. Es war nur eine Lichtspiegelung, die mich an Wasser glauben ließ. Tatsächlich aber stehe ich immer noch inmitten einer Wüste aus Sand, die sich rundherum bis zum Horizont und noch weit darüber hinaus erbarmungslos fortsetzt. Alle Ziele, alle in Kauf genommenen Umwege und alle Abwechslungen des Marsches waren ein von mir künstlich erzeugtes Auf und Ab in einem eigentlich flachen Gelände ohne Hoffnung.

Einige Passionsszenen hat Bosch auch angefertigt. In der National Gallery in London befindet sich zum Beispiel die Dornenkrönung. Fünf große, fest modellierte Gestalten setzen sich von einem glatten, graublauen Hintergrund ab. Vier Folterknechte und ein Soldat stehen um Jesus herum. Der Soldat hält über dem Kopf des Messias eine Dornenkrone, die wie ein aus Stacheldraht gefertigter Kranz in das Fleisch des Erlösers sticht. Ein Folterknecht zieht erbarmungslos an den Kleidern des Gesalbten, ein anderer hält Jesus' Hand und vollführt eine spöttische Geste. Doch trotz all dieser Anstrengungen, Jesus zu brechen, bleibt dieser merkwürdig gelassen. Mild und barmherzig ist sein direkt an den Betrachter gerichteter Blick, der vor innerer Ruhe und Kraft nur so strotzt.
Es wäre schön, wenn ich mir diese Ruhe einfach so einverleiben könnte. Es wäre schön, wenn der innere Aufruhr, den ich morgens beim Aufstehen und abends beim Zubettgehen noch immer spüre, einfach so fort geschwemmt werden könnte. Doch dann sage ich mir, dass die Menschheit vom ewigen Traum des inneren Friedens Abschied nehmen sollte, denn dieser innere Frieden ist nur eine Chimäre, ein Hirngespinst. Ich für meinen Teil weiß jedenfalls, dass ich den inneren Frieden nicht erreichen werde, und seit ich diese Hoffnung aufgegeben habe, lebt es sich für mich besser. Meine Hoffnungen richten sich jetzt auf die kleinen Momente des Glücks, in denen die allgegenwärtige Anspannung zwar noch da ist, aber auf ein solches Minimum reduziert werden kann, dass ich sie kaum spüre.
In diesen Momenten, deren Segen mir nur sporadisch vergönnt ist, ähnelt mein Lächeln dem von Jesus. Das klingt, ich gebe es gerne zu, wie eine Anmaßung, aber ich möchte mich damit gar nicht in die Nähe eines Erlösers bringen, sondern lediglich betonen, dass ich Hieronymus Boschs gemaltes Lächeln in der Wirklichkeit wieder finde. Denn trotz des tosenden Sturms, in dem sich die Welt nun einmal befindet, so etwas wie Ruhe, und sei es auch nur annähernd, zu empfinden, ist der wahre Weg zum Glück.

Als wäre die gegenwärtige Orientierungslosigkeit nicht schon ausreichend, um mich nachhaltig zu desillusionieren, muss ich zu allem Überfluss auch noch mitten in der Nacht aufwachen. In meiner Heimatstadt ist das nicht sehr schlimm, aber hier, in 's-Hertogenbosch, hat man bei einem solchen nächtlichen Wachliegen das Gefühl, der einzige Lebende in einer Stadt voller Toter zu sein. Als wäre man auf einem Friedhof von den Toten auferstanden. Verstärkt wird dieses Gefühl noch durch meinen Schlafanzug, der einem Leichentuch nicht unähnlich sieht. Das Weiß des Leinens strahlt auf mein Gesicht und lässt dieses, wenn ich in den Spiegel gucke, noch blasser aussehen. Das mittelalterlich anmutende Interieur der Mietwohnung, der Blick durch das Fenster auf die ebenfalls mittelalterlich anmutenden Fachwerkhäuser, der Schein der archaischen Straßenlaternen, das schwarz-dunkelblau-grauweiße Licht des Mondes, und die veränderte Atmosphäre vervollkommnen das Bild einer anderen Welt. Aus dieser Stadt gibt es keinen Ausweg, denke ich. Hier bin ich gefangen, bis an das Ende meiner Tage, oder zumindest solange, bis ich Hieronymus Bosch auf Papier gebannt habe. In einem Anfall der Mutlosigkeit gehe ich vor dem Fenster auf die Knie. Ich schiebe die Vorhänge zur Seite und schaue zum Mond auf. Dann beginne ich zu beten. Ich bete zu Gott, dass er mir dabei helfen möge, das Narrenschiff, das diese Welt nun einmal ist, zu verlassen, und meinen Flug gen Himmel zu beginnen. Ich bete zu ihm, dass er mich nicht wie den heiligen Antonius in Versuchung führen, und mich stattdessen gleich in den Garten der Lüste bringen möge.
"Ich will dorthin", sage ich zu Gott, "dorthin, wo die Einhörner ihren Durst am See stillen, wo alle so sind, wie du sie erschaffen hast, dorthin, wo Elefanten, Flamingos und Pinguine frei herumlaufen, dorthin will ich. Bitte, lieber Gott", sage ich, "behandele mich nicht wie einen Landstreicher, lass mich den Pilgerweg des Lebens jetzt beenden, jetzt und hier. Nimm mich auf in deinen Armen, Gott, streichle mich, gib mir Wärme und Geborgenheit, liebe mich, bitte, liebe mich. Lass mich nicht länger in diesem irdischen Joch versauern, erbarme dich meiner, errette mich, sei barmherzig."
Nichts passiert und ich gehe zu Bett. Ob ich ihn mit meiner Bitte vergrätzt habe?

Morgens, noch im Halbschlaf, packe ich meine Koffer. In die geöffnete Hartschale stopfe ich all das Material, aus dem ich vor zwei Wochen noch meine Zukunft konstruieren wollte. Die Kopien der Werke, die mitgebrachten Bücher, die Adressenliste, auf der auch die Telefonnummer des betreuenden Professors steht (ich werde ihm mit einem Brief von meinem Abbruch erzählen), die wenige Kleidung, die ich mitgebracht habe und meinen Kulturbeutel. Ich verstaue meine Schreibmaschine im Koffer, die paar Seiten des Manuskripts verbrenne ich ebenso wie meine Notizen. Hastig packe ich alles zusammen, denn jetzt will ich nur noch weg.

Ich habe es nicht geschafft.
Ich werde es nie schaffen.
Zumindest das weiß ich jetzt.


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Eingereicht am 27. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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