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Kurzgeschichte Alltag Kurzprosa Geschichte Erzählung short story

Ruhiger Verkehr

© Thomas Fischer


Lindemann tritt zornig das Gaspedal durch. Die Beschleunigung drückt ihn in das Polster des Autositzes. Er empfindet eine unbestimmte Befriedigung dabei. Die letzten Minuten war er aufgrund der Diskussion mit ihr immer langsamer geworden. Jetzt, in dieser Gesprächspause, kann er dem Wagen wieder die Sporen geben und mit mittlerweile 140 km/h losbrausen. Er drückt immer noch das Gaspedal durch und der Wagen befindet sich immer noch in der Beschleunigung. Er wird zwar nur noch langsam schneller, aber es ist immer noch spürbar. Lindemann umkrampft das Lenkrad und hält die Luft an. Er weiß, bei 160 ist Schluss. Mehr gibt die alte Kiste nicht her. Schließlich kommt die Reaktion vom Beifahrersitz, warum er denn so rasen müsse. Lindemann atmet prustend aus. Er lockert den Druck auf das Gaspedal.
Jetzt geht es weiter denkt er. Dabei hat sie ihm von der Autobahnauffahrt in Michendorf bis Dessau zugesetzt. Die Abfahrt Dessau haben sie vor etwa 10 Minuten passiert. Nicht einmal auf die Elbeüberfahrt bei Vockerode konnte er sich konzentrieren, geschweige denn freuen. Die Elbe, dieses breite blaugrüne Band, das er so liebt. Die ganze Zeit hat sie gezankt. Naja, nicht richtig gezankt, aber ihm eben zugesetzt. Sie wolle reden, damit hat sie angefangen, über uns, hinzugefügt. Nachdem er wohl etwas unwirsch reagierte, hatte sie ihm auch gleich vorgeworfen immer auszuweichen. Er hat geantwortet, dass er eben nicht wisse über was sie diskutieren wolle. Sie wieder, ob er denn mit ihrer Beziehung zufrieden sei. Eigentlich, im Großen und Ganzen, also generell gesprochen hatte er das schließlich bejaht. Darauf schwieg sie einen Moment. Lindemann hatte schon fast geglaubt, dass der Kelch diesmal an ihm vorübergehen würde, sah sich jedoch getäuscht als sie wieder anfing zu fragen. Ob denn alles so weiter gehen solle wie bisher und ob er nicht irgendwelche Pläne habe, für die Zukunft. Er schüttelte den Kopf, nein, er habe keine speziellen Pläne, wüsste jedoch, dass sich beruflich etwas ändern müsse und werde. Insofern wäre im Moment alles in der Schwebe. Er erinnerte sie daran, dass sie das Thema bereits erörtert hätten. Nie bekäme sie eine wirklich klare Antwort, rief sie darauf. In Lindemann grollte es. Er wisse es eben nicht, außerdem hätte sie ja auch keine richtigen Pläne. Er ahnte jedoch, worauf das Gespräch hinauslaufen könnte Also versuchte er ihr zuvorzukommen und sagte ihr, dass er sich vorstellen könne mit ihr zusammenzuziehen, aber er wisse eben nicht ob er beruflich nicht umziehen müsse und sie ja schließlich auch nicht. Außerdem, dachte Lindemann, ist ja gerade sie es, die immer vom Weggehen schwafelt. Sie kann je selbst nichts über ihre Zukunft sagen, wenn ihr Arbeitsvertrag Ende des Jahres ausläuft. Sie antwortete, dass sie denke, dass dies nicht das Entscheidende ist. Ach ja, dachte Lindemann, auf einmal. Er war gespannt was jetzt kommen würde. Sie fing von Kindern an. Lindemann wusste nicht zum wievielten Male sie dieses Thema bereits angeschnitten hat. Ja, sie seien schließlich alt genug, um auch über diese Frage nachzudenken. Sie wolle ja jetzt auch keine, aber später schon und sie will sich darüber im Klaren sein, ob Lindemann das auch so sieht. Ja, ja und nochmals ja, brüllte er da und schlug mit der flachen Hand auf das Lenkrad, aber nicht jetzt.
Diese ewigen Diskussionen ist Lindemann leid. Er kann sich nicht erklären woher dies kommt. Sie hält ihm ständig ein Stöckchen hin, über das er springen soll. Er soll sich ihr erklären, ihr mitteilen was er denkt. Dabei hat er selber nur eine vage Vorstellung von seiner Zukunft. Er möchte sie dann anschreien, dass sein Kopf leer sei, ja, leer, dass er nur sie hätte und das dies alles wäre. Und dann dieser Schmus von wegen Liebe. Sie will hören, dass er sie liebt. Ganz davon abgesehen, dass ihm solche dermaßen abgedroschenen Worte allein schon aus reinem Ekel nicht über die Lippen kommen. Alles in ihm sträubt sich dagegen. Natürlich liebt er sie, sonst wäre er ja nicht mit ihr zusammen! Warum will sie das hören? Als ob sie sich dessen nicht sicher wäre. Warum solle er ihr denn etwas vorspielen, was hätte er davon Liebe zu heucheln? Und wenn es so wäre, und er sie täuschen würde, was natürlich absoluter Blödsinn wäre, eher würde er sich von ihr trennen, dann wäre es doch ein Leichtes sie anzulügen. Das müsste sie in Betracht ziehen, wenn sie ihm denn schon misstraut. Gut, sie will immer wissen, dass er sie schön findet, das kann er nachvollziehen, das wollen alle Frauen von Zeit zu Zeit hören. Er sagt es ihr ja auch. Aber dann wirft sie ihm vor, es ihr nur zu sagen, wenn sie ihn fragt. Diesen ganzen Blödsinn bringt sie dann, die volle Litanei. Lindemann glaubt sich dann immer mitten in einer amerikanischen Beziehungskomödie zu sein. Aber sie meint es todernst.
Bindungsängste, nein Bindungsängste hat er nicht, dessen ist er sich ganz sicher. Aber was macht das schon für einen Sinn zusammenzuziehen und große Pläne zu schmieden, wenn er oder sie Ende des Jahres wegziehen würde und sie dann doch wieder eine Wochenendbeziehung führen würden. Sie müssten sich dann ja auch erst wieder neu orientieren. Außerdem ist es gar nicht so einfach eine große und bezahlbare Wohnung zu finden, vor allem bei seinem schmalen Gehalt. Sie verdient zwar viel mehr, aber das auch nicht mehr sehr lange. Er versteht ihre Unruhe nicht. Wenn er über seine Beziehung zu ihr nachdenkt, gefällt es ihm eigentlich ganz gut so wie es ist. Sie sehen sich ein oder zweimal die Woche und haben sich am Wochenende. So hat er etwas auf das er sich die ganze Woche freut. Und er freut sich wirklich, dass hat er ihr auch gesagt, aber das zählt anscheinend nicht bei ihr.
Immer muss sie ihn quälen. Jetzt fängt sie wieder an. Er habe ihr wieder nur ausweichende Antworten gegeben. Aber wahrscheinlich müsse sie sich damit abfinden, seufzt sie. Aber sie will nicht immer so leben. Sie möchte ihn vorwarnen, sie wisse nicht was werden wird. Das Blut steigt Lindemann in den Kopf. Sein Hals fühlt sich plötzlich rau an. Da wären sie sich ja einig, dass sie beide nicht wüssten was werden würde, stößt er trotzig hervor. Er starrt gerade aus, konzentriert sich auf den Verkehr. Hier in der Nähe von Zörbig wird der Verkehr etwas dichter. Halle und Leipzig sind nahe. Dennoch fließt alles ruhig und ohne stocken weiter. Nach einer Weile des Schweigens fragt er sie, wie sie das gemeint hätte, mit vorwarnen. Als sie nicht antwortet, schaut er sie an. Sie sitzt da, den Blick starr gerade aus gerichtet. Er kann die kleinen Tränen an ihren Augenwinkeln sehen. Mein Gott sie heult, durchfährt es Lindemann. So zärtlich es geht, fragt er was sie denn hätte. Sie schüttelt nur unwirsch den Kopf. Dann sagt sie ihm, dass er ein Idiot sei. Ja, denkt Lindemann, vielleicht bin ich das, aber ich kann es nicht ändern. Ich will sie nicht verlieren, verdammt ich will sie nicht verlieren, durchfährt es ihn. Warum nur muss denn immer alles so schwierig sein? Warum kann es nicht wie bei anderen glücklichen Paaren sein? Überall sieht man glückliche Paare, nur wir, wir scheinen nicht glücklich zu werden. Er würde sie gern in den Arm nehmen, aber er kann ja nicht die Hände vom Lenkrad nehmen. Er schlägt ihr vor umzukehren, zurückzufahren. Nein, sie schüttelt den Kopf, nein, weiterfahren.
In etwa einer Stunde werden sie da sein. Hoffentlich hat sie sich bis dahin wieder beruhigt. Irgendwie ist ihm nicht mehr wie Party zumute. Wenn es ihr nicht gefällt, dann hat er auch keinen Spaß daran, seine alten Freunde wiederzusehen. Weiterfahren, sagt sie noch einmal, er soll seine Freunde sehen. Schließlich habe er sich ja die ganze Woche darauf gefreut. Aha, denkt Lindemann, jetzt opfert sie sich auf. Er soll seine Freunde sehen! Das ist auch so eine Sache: seine Freunde. Sie unterscheidet immer noch zwischen seinen und ihren Freunden. Aber er sagt nichts. Er wirft ihr so etwas nie vor. Sie würde das hundertprozentig tun, wenn es sie stören würde. Sie betont zwar immer, dass sie ihn nicht absichtlich quälen würde. Aber manchmal kommen Lindemann dabei Zweifel. Auch will sie ihn nicht ändern oder dressieren, aber sie will eben Klarheit. Das hat sie ihm schon des öfteren gesagt. Klarheit, Klarheit hämmert es in Lindemanns Kopf, nichts ist klar. Klarheit gibt es nicht, das kann er ihr nicht bieten. Scheiße, denkt Lindemann, er muss auch beruflich weiterkommen. Er will schließlich nicht für ewig der kleine Herr Lindemann bleiben.
Endlich hört sie auf zu weinen. Sie wicht sich mit dem Ärmel ihres Pullover die Tränen aus den Augenwinkeln. Dann starrt sie geradeaus. Sie schweigen wieder. Irgendwann kommt das Schkeuditzer Kreuz, denkt Lindemann, hoffentlich ist da kein Stau. Dort sind immer Baustellen. Seit Jahren wird dort gebaut. Nie werden die fertig. Wenn sie an einer Ecke aufhören, fangen sie an der anderen wieder an. Das scheint System zu haben. Investitionen sind wichtig, das schafft Arbeitslätze. Aber verdammt, was es kostet, dass täglich tausende Autos und LKW unproduktiv auf der Autobahn herumstehen und Abgase in die Umwelt blasen, was das kostet, das berechnet wahrscheinlich wieder keiner. Naja, es ist ja aber noch nicht sicher, dass es Stau geben wird. Vielleicht haben sie ja Glück. Lindemann beruhigt sich wieder. Er lauscht auf das gleichmäßige Brummen des Motors. Ist da nicht ein leichtes Klingeln zu hören? Es ist eine alte Karre und er hofft, dass sie noch eine Weile durchhält. Ein neues Auto oder ein Jahreswagen, das wäre was. Endlich zu wissen, dass man auch wirklich ankommt, wenn man losfährt. Aber bei seinem Gehalt muss er bei jeder Reparatur zittern, dass er sie bezahlen kann. Irgendwann wird es klappen, mit der besser bezahlten Stelle. Lindemann schreibt seit Wochen Bewerbungen. Innerlich hat er schon gekündigt in der Firma. Aber eben nur innerlich, er hat noch nichts gefunden. Vor allem weiß er, dass er nichts finden wird in der Umgebung seines jetzigen Wohnungsortes. Er schaut sie verstohlen an. Sie starrt gerade aus. Er hofft, dass sie sich wieder beruhigt hat und nicht noch einmal mit ihrer blöden nervenden Fragerei anfängt. Sie kann das, vor allem in der letzten Zeit macht sie das öfter.
Lindemann konzentriert sich wieder auf die Straße. Er fragt sich, ob er das Radio einschalten soll, den Verkehrsfunk abhören, ob nicht doch irgendwo Stau ist und er gleich über die Landstraßen ausweichen soll. Plötzlich fängt sie wieder an zu sprechen. Mit einer leicht brüchigen Stimme erzählt sie davon, dass sie ja bald arbeitslos ein wird. Ihr Vertrag laufe ja aus und so schnell fände sie ja jetzt doch nichts neues. Was er denn darüber denken würde, fragt sie. Lindemann murmelt etwas, von wegen, dass sie schon wieder was finden wird. Er fügt noch hinzu, sich manchmal selbst zu wünschen ein paar Monate nichts zu tun und dafür Geld zu kriegen. Sie senkt leicht den Kopf und schüttelt ihn. In Lindemann braust es auf. Verdammt, was ist den nun schon wieder? Ist das auch schon wieder die falsche Antwort? Sie weiß doch ganz genau, dass er keinen romantischen Scheiß daherlabern wird. Das hat er ihr auch schon einmal in dieser Deutlichkeit gesagt. Für romantischen Scheiß fehle ihm das entsprechende Gen. Sie hatte sich maßlos über diese Aussage geärgert. Dann hatte sie gesagt, dass sie manchmal nicht sicher sei, warum sie nun gerade mit ihm zusammen sei. Lindemann hatte sie dann ganz schnell in den Arm genommen und sie zärtlich gedrückt. Mit Erleichterung hatte er festgestellt, dass sie dann anscheinend doch wieder daran glaubte mit dem Richtigen zusammen zu sein. In der jetzigen Situation kann er sie nicht an sich ziehen, er muss schließlich fahren. Deshalb sagt er lieber nichts. Jetzt schweigt sie wieder, anscheinend schmollend. Dann bricht es wieder aus ihr heraus: ob er denn nicht irgend etwas anderes sagen könne, irgend etwas. Was Tröstliches zum Beispiel, würde ihm den nichts Tröstliches einfallen? Lindemann fällt nichts ein. Er überlegt und überlegt, aber bei allem, was ihm einfällt weiß er, dass es sie nicht trösten wird. Lindemann meint, dass er doch schon was Tröstliches gesagt habe. Aber gut, ihn würde so etwas trösten, sie anscheinend nicht. Er weiß, er sollte jetzt nichts Falsches sagen. Er grübelt und grübelt. Sie schaut derweil aus dem Seitenfenster. Dann dreht sie den Kopf wieder nach vorn. In Lindemanns Kopf herrscht Leere. Verzweifelt sucht er nach Worten. Die Zeit läuft ihm davon, er spürt es. Noch wartet sie, aber gleich wird sie irgendetwas sagen oder tun. Sie senkt den Kopf. Lindemann sieht wie die erste Träne über ihre linke Wange rollt. Ein Monster, er ist kein Monster, schreit es in Lindemann. Er nimmt eine Hand vom Lenkrad und versucht ihre Schulter zu streicheln. Sie stößt seine Hand weg. Wieder steigt der Groll in ihm hoch. Seine Hände umkrampfen das Lenkrad. Er will etwas sagen, aber seine Kehle zieht sich zusammen. Wütend reißt er eine Hand vom Lenkrad und dreht sich zu ihr hin. Dabei muß er wohl das Lenkrad mit herumgerissen haben. Er hört noch das quietschen der Reifen und dann einen dumpfen Knall.
Als er im Krankenhaus wieder aufwacht, vermeldet der Verkehrsfunk gerade einen ungewöhnlich ruhigen Tag auf den Straßen der Republik. Es gibt nirgends Stau oder stockenden Verkehr der über zwei Kilometer hinaus geht. Auch auf der A9 rollt der Verkehr wieder ungehindert, nachdem es dort kurz vor dem Schkeuditzer Kreutz vor einigen Stunden zu einer Vollsperrung aufgrund eines Unfalles kam. Ein roter VW Golf war frontal in die Leitplanke gefahren. Der Fahrer überlebte schwerverletzt während die Beifahrerin ihren schweren Verletzungen noch am Unfallort erlegen war.


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Eingereicht am 10. Dezember 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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