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Nachtflug am hellen Tag

© Oliver Fahn


Torben kuschelte sich in sein warmes Kopfkissen in seinem überdimensionalen Himmelbett. Ruth war heute bereits auf dem Weg in die Arbeit, aber sie hatte noch den Geruch ihres nach frischen Zitronen duftenden Parfüms und eine wohlige Restwärme zurückgelassen, die sich mit der Hitze des Heizkörpers vermischte. Torben wandte sich von seinem grell scheinenden Radiowecker ab, denn dieser hatte an seinem freien Tag nichts zu melden.
Er wälzte sich in einen sanften Halbschlaf, dort fühlte er sich geborgen und nun hatte er die Zeit und Muße, sein eigenes Luftschloss zu errichten. Es war ein riesiges, prächtiges Gebäude, schließlich mussten dort all die Träume und Sehnsüchte hinein und die brauchten Platz. Torben sah darin, wie er munter und quicklebendig als Bankdirektor durch die Gänge huschte, er traf eine wunderschöne Servicedame, mit weiblicher Figur und er flirtete unentwegt. Aus Torbens Dösen wurde ein tiefer, friedlicher Schlaf, von gleichmäßigen Schnarchgeräuschen begleitet. Je mehr Torben in diese angenehmen Träume versank, desto klarer sah er die ihm unbekannte Dame und umso herzerwärmender wurden seine zunächst zögerlichen Annäherungsversuche. Ihr seidenes, hellblondes Haar hob sich von den dunklen Arbeitsräumen ab und bildete einen Kontrast, der Torben ein zartes Lächeln auf seinen geschlossenen Mund zauberte Die Unbekannte sprach leise und langsam, sie sah aus wie ein schwedisches Mädchen, aber redete ein einwandfreies Deutsch mit schwäbischem Akzent. Sie war von hohem Wuchs und deshalb beugte sie sich zu Torben hinab, sie schien sich für ihn zu interessieren, denn sie begutachtete ihn intensiv und musterte jede Stelle seines Gesichts. Sie setzten sich auf zwei Stühle im Eck eines Büros, ein Butler brachte zwei Tassen Tee mit Kandis und Milch.
"Weshalb habe ich diese Ehre, dich in meinem Büro empfangen zu dürfen? Mein Name ist im Übrigen Kathrin und das ist mein Arbeitsreich."
"Das ist wirklich ein nobler Ort, Kathrin. Ich heiße Torben und kann mir selbst nicht genau erklären, wie ich hierher geraten bin, aber dennoch bin ich froh, da sein zu dürfen."
Torben und Kathrin stießen an, tranken ein paar Schlücke aus den schmucken Tassen, ehe Kathrin sich dazu hinreißen ließ, das Geheimnis dieser Begebenheit zu lüften.
"Torben, hier ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, man findet Zugang über eine Leiter und diese ist nur im Schlaf zu besteigen. Ich freue mich, dich auf diese Weise kennen zu lernen. Die Bewohner in diesem Traumland sind sehr aufgeschlossen und zuvorkommend."
"Und du bist also die gute Fee?"
Torben nippte nochmals vorsichtig an seinem Tee, um sich von der Echtheit dieses Traumes zu überzeugen und lauschte neugierig Kathrins Worte.
"Ich bin nur eine simple Bewohnerin, aber ich bemühe mich um die Gäste, einige sind wieder gekommen."
Torben stütze sich an den Stuhlgriffen ab, da er sich so schwerelos vorkam und Angst hatte, herunterzufallen.
"In deren Lage kann ich mich gut hineinversetzen, Kathrin, wenn es nach mir ginge, würde ich gleich hier bleiben."
"Das ist leider unmöglich, da dir noch die Mission aufgetragen ist, für deine Familie zu sorgen. Aber für die Stunden, die du hier oben verweilst, gelten andere Gesetze, nämlich die Gesetze der Nächstenliebe und die beinhalten alles, was nötig ist, um überlebensfähig zu sein."
Torben durchstreifte den Raum, sah eine riesige Bibliothek mit antiken Schriften, uraltes, scheinbar wertvolles Porzellan und den Glanz der goldenen Zeichen an den Wänden, aber über allem strahlten die Konturen von Kathrins märchenhaftem Gesicht. Sie sah so jungfräulich und entspannt aus, ohne Begierden und Leidenschaften, sie hatte wohl alle Hoffnung und Angst bezwungen, vielleicht war dies der Schlüssel zu diesem himmelsgleichen Ort.
"Wenn ich diese Aufgaben erledigt habe, will ich zu dir zurückkehren, ich werde alle deine Auflagen erfüllen, wenn du mir einen Platz an deiner Seite reservierst."
Kathrins silbernes Kleid wirkte wie ihre zweite Haut, ihre wohlgeformten Proportionen kamen darin deutlich zum Vorschein, ohne schlicht und ordinär zu wirken.
"Komm her Torben, lege deinen Kopf in meinen Schoß, dort wirst du erfahren, wie lohnend es ist, zurückzukehren."
"Aber du musst mir versprechen, dass diese Zärtlichkeiten unser süßes Geheimnis bleiben. Meine Frau ist von den egoistischen, irdischen Motiven des Besitzes angetrieben und denkt, sie hätte einen alleinigen Anspruch auf mich."
Kathrin lächelte Torben gutmütig an und küsste ihn auf seine schmale Stirn.
"Das ist der allgemeine irdische Anspruch und ich finde ihn auch gar nicht vermessen. Du hast ein Verlangen nach Treue und Zusammenhalt und das ist für dich zu dieser Zeit die ideale Voraussetzung. Du kannst die Treue auf Erden nicht mit unserer Treue vergleichen, hier herrschen andere Maßstäbe. Bei uns gibt es weder Hass, noch sexuelle gesteuerte Antriebskräfte. Wir leben in Brüderlichkeit und der Einheit einer liebenden Gemeinschaft."
Torben fühlte sich nach diesem Kuss ihrer Seele so nah, er spürte wie schön Liebe ohne Verletzung und Bedingungen sein kann. Er trug Kathrin hinaus zu dem Brunnen, der Quelle der Tugend und Verlässlichkeit. Sie badeten gemeinsam in dem warmen Wasser.
"Spürst du dieses angenehme Zusammensein?"
Torben wunderte sich, dass er so entspannt und freundschaftlich neben einer so perfekten Dame liegen konnte, die ihm so gefiel und die obendrein entblößt war. Kathrin hatte seine Triebe für diesen Moment bezwungen und ihm dafür mit dem Glück der wahren Liebe belohnt.
"Ich werde versuchen, etwas von diesem schönen Land in meine Heimat hinüber zu retten und hoffe in meiner Sandra die gleiche Faszination wie in dir zu entdecken."
"Das wird dir mit Sicherheit gelingen, wenn du an dieses Erlebnis denkst und dir fest vornimmst die geistige Liebe über die körperliche Unbeherrschtheit zu stellen. Es wird Zeit für dich, die Leiter zu deinem alten Leben hinab zu steigen. Lebe wohl, Torben, diese Nacht bleibt in deinen Träumen verborgen."
Torben wollte gerade seine Hand nach Kathrin ausstrecken, aber es war die kalte Hand seiner Sandra. Er hatte den ganzen Tag im Land der Fantasie zugebracht. Sandra lächelte ihn an.
"Hast du so intensiv geträumt? Es ist bereits halb fünf, ich bin gerade von der Arbeit nach Hause gekommen. Du hast den ganzen Tag verschlafen."
"O ja, wenn ich den Tag auf diese Weise verbringen kann, bin ich gerne dazu bereit."
Sandra wusste Torbens Aussage nicht zu deuten, aber sie beließ es dabei. Torben schwieg und wusste, dass ihm diesen Nachtflug niemand nehmen konnte, auch nicht Sandra.



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Eingereicht am 03. Dezember 2006.
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