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Kurzgeschichte Alltag Kurzprosa Geschichte Erzählung short story

Chicago Blues

© Christian Heynk


Man fängt mit ganz kleinen Mengen Marihuana an, die man vorsichtig dem Tabak beimischt. Dann lässt man sich von seinen Kumpels einreden, dass Bong-Rauchen viel gefährlicher ist. Das ist wissenschaftlich erwiesen, sagen sie. Das klingt dann so, als sei das Rauchen von Marihuana im Vergleich zum Bong-Rauchen fast schon gesund. Also nimmt man größere Mengen Marihuana.
Außerdem sieht es so cool aus, wenn man mit der nötigen Übung endlich alleine Joints drehen kann. Das wird in der Kifferszene wie eine Kunst für sich betrachtet. Wenn man ein Longpaper geschickt um den Tabak und das Marihuana wickelt, wenn man den aus dem Cover eines Collegeblocks selbst gemachten Filter professionell hinzufügt, dann ist man nicht selten auch auf die bewundernden Blicke der Kifferkollegen stolz. Schön gedrehte Joints sind eine Schule für sich. Und ich bin ein Meister im Drehen von Joints. Tulip, windmill oder diamond. Die Phantasie der Kiffer ist grenzenlos. Meine also auch.

Den Effekt von Marihuana kann man nur schwer beschreiben. Alle meine Sinne sind scharf. Ich fühle mich im Marihuanarausch wie ein besonders graziles Tier, wie ein Reh oder eine Gazelle oder so was. Ich glaube, bessere Instinkte zu haben als sonst und meistens glaube ich auch, interessantere und intelligentere Dinge zu sagen als sonst. Ich glaube dann, Atmosphäre besser fassen zu können. Es ist, als ob der Himmel, ich meine die Luft, als ob die Luft viel bewusster durch mich hindurch atmet.
Einmal haben wir uns beim Kiffen auf Video aufgenommen. Ich hatte mir eine besonders starke Tüte gebastelt und sie dann mit Greg und Jared zusammen aufgeraucht. Das war für mich der bisher geilste Trip gewesen. Als ich mir aber mit Greg und Jared Tage später das Video von unserem Rausch angesehen habe, waren wir alle drei peinlich berührt. Wir sahen uns, drei dämliche Affen, die auf einer Couch saßen und über weltbewegende Dinge in einer Art und Weise redeten, die zusammenhangloser nicht sein könnte. Was wir während des Rausches als absolut logisch und folgerichtig empfunden hatten, machte in der objektiven Videoaufzeichnung einen konfusen und inhaltslosen Eindruck. Greg, den ich am Abend selbst als hellsichtigsten Menschen aller Zeiten empfunden hatte, war in Wirklichkeit nur dumpf grunzend auf dem Sofa gesessen. Und die Art, wie wir lachten! Ein Fingerzeig, die harmloseste Bewegung von einem von uns, und wir brachen in schallendes Gelächter aus.

Ich muss auf jeden Fall lernen, wieder im Kontext zu erzählen. Ich muss mich an den Kontext erinnern.

Diese Worte DU und FÜR IMMER habe ich ihr nie gesagt. Dafür waren wir beide auf jeden Fall zu jung. Und dieses FÜR IMMER verstehe ich sowieso nicht. Warum ist wahre Liebe nur dann wahre Liebe, wenn sie ewig oder so lange wie möglich währt. Ich meine, wenn ich jemanden so intensiv liebe wie ich Jenna geliebt habe, sich diese Liebe aber im Laufe der Zeit verflüchtigt, ist diese Liebe dann eine Lüge? Wenn ich nur einem Moment lang bereit war, mein Leben für Jenna hinzugeben, ist es dann schon keine wahre Liebe mehr, weil diese Opferbereitschaft nicht Monate oder Jahre gewährt hat?
Ich verstehe Liebe nicht! Manchmal, eigentlich immer, habe ich das Gefühl, dass die Menschen einem Ideal, einem blöden Konzept von Liebe hinterherlaufen, das irgendwelche mittelalterlichen Troubadoure aus einer Laune heraus entwickelt haben, und das den Frauen so gut gefiel, dass sie es am Leben erhielten. Und deshalb gibt es in jeder zweiten Hollywoodschnulze noch die klassische Szene, in der die Frau aus dem Fenster im zweiten Stock zu ihrem im Garten stehenden Lover herunterguckt, der sich zum totalen Affen macht, nur um die Lady zu pimpern. Schwachsinn! Purer Schwachsinn! Wenn es nach mir ginge, dann sollte jeder sich sein eigenes Konzept von Liebe entwickeln und dann danach leben. Wenn zum Beispiel ein Mann gerne in Lederklamotten auf allen Vieren kriecht und gerne mit einer Peitsche geschlagen wird, weil ihn das antörnt, und wenn eine Frau gerne die Peitsche in der Hand hält und diesen Typen schlägt, weil sie das antörnt, wieso reden dann alle von einer kranken Art der Liebe? Vielleicht empfinden diese Frau und dieser Mann sehr viel füreinander und stehen im Leben füreinander ein. Mir läuft viel eher ein Schauer über den Rücken, wenn ich diese Soaps im Fernsehen sehe, in denen uns vorgelebt wird, wie eine gute, amerikanische Familie auszusehen hat. Mich persönlich kotzen die politisch korrekten Familien an, in denen die Frau Hausfrau ist und der Mann mechanisch seinen Job erledigt und niemals einen schmutzigen unpuritanischen Gedanken äußert, weil er zu feige ist, auf seine Gefühle zu reagieren. Das ist doch krank! Nur in einem Land wie Amerika, das Prüderie zum obersten Gebot auserkoren hat, kann eine Monica Lewinsky so viel Aufsehen erregen. Ein einziges Mal lässt sich der amerikanische Präsident bei einer Sache erwischen, von der achtzig Prozent der Männer ohnehin heimlich träumen, und schon steht die ganze Welt kopf. Clinton hat sich einen blasen lassen, na und?
Das stinkt mir so in Amerika: Diese Heuchelei!

Ich war mit Greg und Jared im Humboldt-Park. Wir hatten auf der Wiese ein bisschen Football gespielt, aber uns schon sehr bald zurück auf die Wiese gelegt, weil Jared ziemlich stoned war. Ich war gerade dabei, einen mir selbst auferlegten Entzug zu machen, aber der Geruch, den Jareds Joint verströmte, war ein echter Test für mich. Jared, der ohnehin nicht daran glaubte, dass ich vom Gras lassen könnte, hielt mir den Joint direkt unter die Nase.
"Hmmm", machte er, "riecht das gut".
Ich schubste ihn weg. Er fiel nach hinten über und ihm fiel der Joint aus der Hand Der heiße Stummel brannte ein Loch in sein ohnehin schon löchriges T-Shirt.
"Ey", schrie er mich an, "du blöder Motherfucker".
Ich ging wortlos zur Kühlbox, nahm mir ein Budweiser, und verzog mich.
"Ich hol mir ein Eis", sagte ich.
Ich streunte ein bisschen verloren über die Wiesen des Humboldt-Parks. Ein paar Schwarze, die auf der Wiese ein Picknick veranstalteten, sahen mich skeptisch an. Aufgrund meines kahl geschorenen Kopfes hielten sie mich wohl für einen rechten Skin. Die waren einfach zu blöd, um den Unterschied zwischen Punk und Skin zu kennen.
Noch ein paar Meter weiter saßen ein paar Mädchen aus einer Studentenverbindung der Chicagoer Universität. Sie trugen alle weiße T-Shirts mit der Aufschrift Alpha, Beta und noch einem griechischen Buchstaben, aber ich weiß nicht mehr, welcher das war. Wenn die Mädchen lachten, erinnerten sie mich an Cheerleader. Sie wirkten alle albern und dämlich. Bis auf eine.
Um sie ein bisschen zu provozieren, setzte ich mich auf eine Bank ganz in der Nähe und starrte sie dann ganz blöde an. Ich wollte einfach sehen wie sie reagieren. Ich wollte diesen blöden Tussis ihren amerikanischen Traum von einem Sonntagspicknick verleiden und ihnen mit meiner Anwesenheit zeigen, dass Amerika nicht so schön und sauber war, wie sie es gerne hätten. Ich trank in langen Zügen mein Bier auf und rülpste dann so laut ich konnte. Um es ein wenig auf die Spitze zu treiben, schmiss ich die leere Dose dann in hohem Bogen auf die Wiese. Sie landete nur wenige Zentimeter neben der Picknickdecke, die die Mädchen auf der Wiese ausgebreitet hatten, um ihr Territorium zu markieren. Ein paar der Mädchen quietschten.
Ein anderes Mädchen stand von der Decke auf, löste sich aus der Gruppe und kam auf mich zu. Ich war ein bisschen nervös, ließ es mir aber nicht anmerken.
"Hast du auch ein Bier für mich?", fragte das Mädchen, als es vor mir stand.
Es war Jenna.

In so einem Wissenschaftsmagazin, ich glaube im National Geographic, habe ich kürzlich über einen Versuch gelesen. Über Spitzmäuse. Man hat irgendwie testen wollen, wie sich Spitzmäuse verhalten, wenn sie in eine Notsituation geraten. Dazu hat man dreißig Spitzmäuse durch eine einzelne Tür in ein Terrarium aus Plexiglas gelassen. Zur Mitte hin war das Terrarium ein wenig abschüssig und mit einer Öffnung versehen. Durch diese Öffnung konnte man Wasser einlassen. Als dann die Verantwortlichen des Experiments den Wasserhahn aufdrehten, und das Wasser in das Terrarium lief, brach bei den Spitzmäusen ziemlich schnell die Panik aus. Mit aller Kraft drängten alle dreißig Spitzmäuse zu der Tür, durch die sie in das Terrarium gelangt waren. Da aber alle zur gleichen Zeit durch die Tür zu kommen versuchten, gab es ein riesiges Gedränge und der Eingang war blockiert. Ein Großteil der Mäuse, so das Resultat dieses Experiments, wäre abgesoffen. Erst dachte ich noch: Was für ein Scheißversuch! Ich meine, die haben doch nicht ernsthaft erwartet, dass die Spitzmäuse sich wie zivilisierte Leute anstellen und einer nach dem anderen das Terrarium verlassen. Aber weiter unten im Artikel stand dann:

"Während des gesamten Versuchs war an jeder Seite des Terrariums eine weitere Tür geöffnet. Doch alle dreißig Spitzmäuse drängten nur zu der Tür, durch die sie in das Terrarium gelangt waren. Als wir in einer Wiederholung des Versuchs die Spitzmäuse durch alle vier Türen einließen und erneut das Wasser aufdrehten, verteilten sich die dreißig Spitzmäuse bei ihrer Flucht auf alle vier Türen. Auf diese Weise gelangten die dreißig Spitzmäuse auf erheblich schnellere Weise, das heißt rechtzeitig, aus dem Terrarium."

Die Forscher meinten schließlich, dass die Ergebnisse dieses Versuchs auch für die menschliche Welt von Nutzen sein könnten. Wenn Discobetreiber sich dazu entschlössen, ihre Gäste künftig nicht mehr nur durch eine Tür in die Diskothek zu schleusen, sondern durch drei oder vier Türen, dann würden die Gäste bei einer Massenpanik innerhalb der Disko auch über vier verschiedene Türen versuchen, ins Freie zu gelangen. Dadurch ließe sich der Stau, der bei nur einem Einlass unweigerlich entstünde, gezielt vermeiden. Viele Discobetreiber, so die Forscher, hätten aber ablehnend auf diesen Vorschlag reagiert. Sie hätten behauptet, dass mehrere Eingänge mehr Geld für Türsteherpersonal bedeuteten und dass mehrere Eingänge einen Windzug verursachten, der im Winter die Heizkosten unnötig hochtreiben würde. Die Forscher meinten jedoch, dass die ohnehin in jeder Disco vorhandenen Notausgänge auch als Eingänge benutzt werden könnten. Es reiche ja schon, so behaupteten sie, wenn nur ein Teil der Gäste die Notausgänge als Eingänge benutzten. Diese würden dann bei einem Feuer auch über die Notausgänge fliehen und nicht wie hirnlose Idioten zum Haupteingang stürmen. Es gelte, so die Forscher, so viele Menschenleben wie möglich zu retten.

Jenna war hübsch anzusehen. Sie hatte einen etwas verschlagenen Gesichtsaudruck, der mich glauben ließ, sie könnte auch hinterhältig und gemein sein. Auf jeden Fall wirkte sie abgeklärter als die anderen Mädchen, die in ihrer Studentenverbindung waren.
"Du kannst von meinem Bier trinken", sagte ich frech.
"O.K.", sagte sie und setzte sich neben mich auf die Bank.
Während der Unterhaltung mit ihr merkte ich, dass wir beide eigentlich eine Rolle spielten, die nicht hundertprozentig zu uns passte. Genauso wenig wie sie dem Klischee der Verbindungsstudentin entsprach, genauso wenig war ich ein echter Punk. Aber erst im Gespräch mit ihr wurde mir bewusst, was ich innerlich schon immer gewusst hatte: Ich war ein Einzelgänger. Jared und Greg, die ich meine besten Freunde nannte, waren eigentlich totale Idioten. Ihre Andersartigkeit war das einzige, was wir gemeinsam hatten, aber es reichte nicht, um ein wirkliches Gefühl der Seelenverwandtschaft in mir zu erzeugen. Ich merkte, dass ich alleine und auf andere Art und Weise anders sein musste. Ich merkte, dass Jenna und ich im Grunde niemanden hatten, der zu uns und unseren Gedanken vorzustoßen vermochte. Jenna und ich, so großkotzig das klingen mag, waren Orchideen in einem Garten, der zu neunzig Prozent aus Moos und zu weiteren neun Prozent aus Unkraut bestand. Wir waren losgelöst von allen Dingen, wir hatten Eltern, die uns nicht mochten, Lehrer, denen wir gleichgültig waren und Freunde, die uns akzeptierten, solange wir ihr Spiel mitspielten. Am liebsten wäre ich nach meiner Unterhaltung mit Jenna zurück zu Greg und Jared gegangen um ihnen zu sagen, dass sie nicht wirklich der gesellschaftliche Gegenentwurf waren, für den sie sich hielten. Aber als ich etwas später mit Jenna zurück zu dem Platz ging, wo ich Jared und Greg verlassen hatte, war von beiden weit und breit keine Spur.
"Wo wohnst du", fragte ich Jenna.
"In der Nähe vom Southside Hospital."
"Ich wohne zwei Blocks entfernt davon! Wie wär's wenn du mich nach Hause bringst?"
"O.K. Warum nicht."
Wir liefen dann durch Chicago nach Hause und es war schön. Ich hatte meine Hände in den Hosentaschen und genoss das Laufen. Jenna erzählte mir von ihren Eltern, die ähnlich wie meine waren, sie erzählte mir von ihrem Bruder, der mit meinem nichts gemeinsam hatte. Sie erzählte mir von ihren Plänen, Lehrerin für Französisch zu werden oder vielleicht sogar ihren Doktor an einer Universität zu machen. Erst, als wir schon fast bei ihr waren, fragte sie mich, was ich einmal werden wolle.
"Schriftsteller", sagte ich, grinsend.

Irgendwann wären wir wohl zusammen gezogen. Wir hätten uns gestritten, sicherlich, wir hätten uns zuweilen gehasst, abgrundtief, wir hätten uns ab und zu bitterböse Dinge an den Kopf geworfen. Im Alltag hätten wir unsere innige Liebe zuweilen aus den Augen verloren, und unsere Jobs, mit denen wir das nötige Geld herbeischafften, hätten uns bestimmt ausgelaugt. Auch durch die anderen persönlichen Geschichten mit Arbeitskollegen, Unbekannten und Vorgesetzten wären wir bestimmt oft voneinander abgelenkt worden. Ich hätte wohl genauso mit mir und mit meinen Zielen, Wünschen und Träumen gekämpft wie sie, und wir beide hätten stetig versucht, uns selbst zu verwirklichen, ich als Schriftsteller und sie als Lehrerin oder Doktorin. Das ein oder andere Mal hätte unsere Beziehung vor dem Aus gestanden. Sie wäre probeweise ausgezogen, in eine eigene Wohnung, in ein Hotel oder vielleicht sogar zu einem anderen Mann. Vielleicht wären wir uns auf der Straße dann wie Fremde begegnet, hätten einander nur höflich zugenickt, und wären dann unseres Weges gegangen. Vielleicht wäre sie dann irgendwann wieder eingezogen, vielleicht auch nicht. Vielleicht hätten wir ein Kind bekommen, einen Sohn oder eine Tochter. Vielleicht hätte Jenna auch eine Fehlgeburt erlitten, und das hätte unsere Beziehung wiederum bedroht, weil sie geglaubt hätte, ich würde ihr diese Fehlgeburt zum Vorwurf machen oder sie für eine schlechte Mutter halten. Vielleicht wäre die Geburt auch glimpflich verlaufen und das Kind erst Jahre später gestorben oder drogenabhängig geworden. Vielleicht hätte unser Sohn oder unsere Tochter uns auch einfach nur stolz gemacht. Fest steht jedenfalls, dass es glückliche und traurige Tage in unserer Beziehung gegeben hätte.
Aber am Ende, da bin ich ganz sicher, am Ende hätten wir unsere Entscheidung füreinander nie bereut. Denn genau das wollte ich: Ich wollte Jenna bei mir haben, ich wollte Jennas Leben mit meinem verbunden wissen, und ich wollte, dass zwischen all diesem alltäglichen Mist immer der Funke sprüht, der mir und Jenna zu der Gewissheit verhalf, dass unsere beiden Leben zueinander gehörten und dass unsere Liebe, wenn schon nicht den Tod, so zumindest doch das Leben besiegte. Ich wollte abends nach Hause kommen, und Jenna in meiner Wohnung vorfinden, ich wollte Jenna durchs Haar fahren und ihre funkelnden Augen betrachten. Ich wollte mit Jenna über Bekannte lachen und Tote beweinen, ich wollte in meinem Bett aufwachen, und jeden Morgen die schlafende Jenna neben mir sehen. Ich wollte Jenna lieben und von Jenna geliebt werden.

Ich wollte nicht, dass die Disco brennt.

In den Tagen danach war es in allen Zeitungen. Die Tribune überbot sich selbst mit Hintergrundberichten und Kommentaren. Der Besitzer der Diskothek wurde als verantwortungsloser Tölpel dargestellt, ein nicht besonders schmeichelhaftes Photo von ihm wurde über die rechte untere Ecke des großen Fotos, welches die abgebrannte Diskothek zeigte, gelegt. Auch im Fernsehen wurde die Katastrophe dokumentiert. Immer wieder sah ich vom Krankenbett aus die Aufzeichnung aus dem Hubschrauber von WHLM 5, der noch während des Brandes über die Diskothek geflogen war und live vom Unfallort berichtet hatte. Der Bürgermeister von Chicago kündigte an, die Brandschutzverordnung noch schärfer zu überwachen und etwaige Verstöße mit der sofortigen Schließung des Gebäudes zu ahnden.
Ich lag im dritten Stock des Cook County Hospitals. Ich hatte unentwegt Kopfschmerzen, mir war schwindlig und ich hatte mich seit meiner Einlieferung schon mindestens dreimal übergeben. Die anfänglich blaue Haut sah mittlerweile wieder so rosafarben wie eh und je aus, aber meine Schleimhäute waren immer noch stark gereizt.
Als ich noch in der Notaufnahme gewesen war, hatte man mich sicherheitshalber intubiert, weil ich zweimal hintereinander kurzzeitig das Bewusstsein verloren hatte. Eine Schwester hatte mich dauernd nach meinem Namen und meiner Adresse gefragt, sie wollte meine Eltern verständigen. Ich klagte über Atembeschwerden und der Arzt der mich behandelte, meinte, ich wäre bradykard oder so ähnlich. Im Grunde genommen fühlte ich mich wie nach einem Drogenrausch. Alles war so unwirklich und dauernd sah ich nur die Gesichter der Krankenschwestern, Assistenzärzte und Doktoren, die über meinem Kopf hin- und her schaukelten und sich über mich unterhielten ohne mich dabei anzusehen. Man setzte mir meine Atemmaske auf und redete beruhigend af mich ein. Ich glaubte, langsam einzuschlafen, doch dann fiel es mir wieder ein.
Ich zog mir die Atemmaske ab und griff nach dem Arm einer Schwester.
"Schwester, Schwester!", schrie ich, von Panik erfüllt.
Sie nahm meine Hand und beruhigte mich.
"Ist ja gut, ist ja gut", sagte sie. "Ruhig Blut, es ist alles in Ordnung, es ist nur eine starke Rauchvergiftung."
Aber ich war nicht um mich besorgt.
"Schwester", sagte ich wieder, als die Angst mich wieder überkam, "Schwester?"
"Was ist denn?". Sie legte ihre flache Hand auf meine Stirn.
"Jenna, sie müssen Jenna finden!".
Ich weinte das mehr, als dass ich es sagte.

Jenna hatte schöne, glatte Haut gehabt. Rosige Wangen, wenige Pigmentflecken, und die an den richtigen Stellen. Ebenso glatt und schön war auch ihr Haar gewesen. Es hatte einen leichten Stich ins Rote gehabt. Jared hatte immer darüber gewitzelt. Rostiges Dach, feuchter Keller, hatte er gesagt. Jennas Augenfarbe war grünbraun. Da war immer ein bestimmtes Funkeln in ihren Augen gewesen. Und wenn sie gelacht hatte, dann strahlte ihr ganzes Gesicht. Ich sah mir sie gerne an. Das wirkte manchmal ein bisschen dämlich, und sie mochte es auch nicht, wenn ich sie so anstarrte. Aber ich konnte nicht anders. Ich konnte mich an ihrem Gesicht nicht satt sehen, an ihrer Nackenlinie, an ihrem Ohrläppchen, an der niedlichen Nase. Die Lippen waren eher schmal, aber dafür saftig. Sie benutzte kein Make-up, sie brauchte auch keins. Sie hatte diese Natürlichkeit, die man bestimmten Models nachsagte. Ich glaube, sie war sich ihrer Schönheit nicht wirklich bewusst.
Als ich sie das erste Mal nackt sah, wäre ich fast ohnmächtig geworden. Ich hatte, wenn ich ehrlich bin, keinen so schönen Busen erwartet. Weil sie bis dahin immer weite Hosen getragen hatte, war ich überzeugt gewesen, dass sie breite und ausladende Hüften hätte. Aber auch da wurde ich angenehm enttäuscht. Die Proportionen stimmten. Ihre Beine waren schlanker als ich erwartet hatte und ließen sie nackt größer wirken als angezogen. Ihre Füße waren grazil, die Venen traten ein wenig hervor und schlängelten sich wie Baumwurzeln um die festen Knochen. Der flache Bauch verriet sportliche Betätigung.

Man kann sich nicht vorstellen, dass so ein Körper vergänglich ist. Man kann nicht wirklich glauben, dass solche Schönheit mal altern oder sogar gänzlich verschwinden kann. Man tut sich schwer mit dem Gedanken, dass ein Mensch, der doch etwas so Reales ist, gleichzeitig auch etwas so Zerbrechliches und Verwundbares ist. In den intensivsten Momenten mit Jenna war ich so voller Leben, dass ich nicht glauben konnte und nicht glauben wollte, dass wir einmal sterben müssten. Jenna und ich, wir waren das pure Leben. Wir hatten Schmetterlinge im Bauch, wir waren verliebt ineinander. Wir waren erfüllt von Gedanken aneinander, so sehr, dass andere Gedanken keinen Platz mehr hatten. Wir waren die Liebe, die Lust und das Leben. Wir waren unzerstörbar.

Gestern Nacht bin ich schweißgebadet aufgewacht. Ich habe von Jenna geträumt.

Sie brannte.

Greg und Jared hatten an jenem Tag beide bei mir angerufen. Meine Eltern waren, wie immer, sonstwo und ich hatte die Wohnung für mich alleine. Jenna hatte sich für sieben Uhr angekündigt, und ich hatte eigentlich keine Lust auf Greg und Jared.
"Komm schon, Alter, wir müssen das Zeug irgendwo klein hacken und unsere Eltern sind zuhause!"
Greg und Jared waren mittlerweile kleine Drogenhändler geworden. Sie hatten einen Zwei-Kilo Brocken Stoff gekauft, den sie jetzt irgendwo ruhig in kleine, verkaufsfertige Stückchen schneiden wollten.
"O.K.", sagte ich, "aber um Sechs seid ihr weg, ist das klar?"
Jared grunzte. "Geht klar!"

Sie kamen um halb Vier. In einem Rucksack hatten sie das Zeug. Ganz entkrampft spazierten sie durch unsere Wohnung, machten sich schließlich auf der Couch vor dem Fernseher breit und packten ihre Ware aus. Kaum hatten sie drei, vier Stücke gebrauchsfertig, holte Jared schon seine Blättchen heraus und begann, sich einen Joint zu machen.
"Ey, Alter", sagte ich, "musst du hier in der Wohnung kiffen? Ich dachte, ihr seid nur zum Schneiden hier!"
"Jetzt hab' dich mal nich' wie ‚ne Pussy, Mann!", erwiderte Jared lapidar. "Wir müssen das Zeug doch erst mal testen." Dann schnitt er ein weiteres Stück ab und hielt es mir hin. "Hier, nimm doch auch was!"
"Danke, ich verzichte!"
Im Nu waren Greg und Jared so stoned, dass sie das Zeug nicht mehr klein schneiden konnten. Während die beiden sich ihrem Rausch hingaben, setzte ich mich an den Tisch und schnitt das Zeug klein. Ich beeilte mich, denn ich wollte die beiden vor Jennas Ankunft aus meiner Wohnung haben. Und ich wusste, dass sie sich nicht verziehen würden, bevor ihre Arbeit getan war. Außerdem hatte ich keine große Lust, von Jenna dabei überrascht zu werden, wie ich mit zwei zugekifften Pennern vor einem zwei Kilo schweren Batzen Koks sitze und kleine Stücke in Siegeltaschen verpacke. Bei aller Liebe, die ich bei Jenna für meine Wenigkeit spürte, war ich mir doch recht sicher, dass sie eine solche Aktion nicht gutheißen würde. Und so schnitt ich wie ein Irrer das Koks zurecht, machte gleichgroße Stückchen, verpackte sie säuberlich und achtete darauf, dass nichts daneben ging. Unterdessen ergingen sich Jared und Greg in einer anregenden Diskussion über Pamela Andersons Silikontüten und Erika Eleniaks Schambehaarung.

Ich schaffte es, das Koks rechtzeitig klein zu schneiden und alle Beweise meiner illegalen Tätigkeit zu vernichten. Ich verstaute die Siegeltaschen in einer Kiste in meinem Zimmer, ich wusch das Messer und staubsaugte den Teppichboden. Nur gegen den Geruch, den Gregs und Jareds Joint verströmten, konnte ich nichts machen. Wir hatten zwar ein Raumspray, aber der Duft war so dünn, dass er gegen den Jointgeruch nichts auszurichten vermochte. Kaum hatte ich Greg und Jared aus meiner Wohnung befördert, klingelte es schon wieder an der Tür. Es war Jenna. Sie schaute mich skeptisch an.
"Ich dachte, du wolltest nichts mehr mit den beiden zu tun haben!"
"Welchen beiden?", fragte ich und stellte mich dumm.
"Na, Greg und Jared. Die sind mir gerade entgegen gekommen. Wo sollten sie sonst gewesen sein, wenn nicht bei dir?"
"Ach so, Greg und Jared. Ja, die waren bei mir. Die hatten noch ein paar ihrer Sachen bei mir und sind nur vorbeigekommen um sie abzuholen".
Der skeptische Ausdruck war noch immer nicht von Jennas Gesicht verschwunden. Und sie schien zu bemerken, dass sie immer noch im Türrahmen stand.
"Was ist? Lässt du mich rein!", fragte sie.
"Klar", erwiderte ich, "komm rein!".
Sie trat ein und lief vor mir her ins Wohnzimmer. Ich hatte nicht das Gefühl, dass da meine Freundin in meiner Wohnung herumspazierte, sondern eher eine Agentin von der Drogenfahndung. Bevor Jenna sich setzte, machte sie eine Runde um den Wohnzimmertisch und schnüffelte ein wenig die Zimmerluft. Ich war mir nicht sicher ob Jennas Nase gewöhnlichen Zigarettenrauch vom Rauch eines Joints unterscheiden konnte. Auch ihre Frage war zweideutig.
"Habt ihr hier geraucht?" erkundigte sie sich unvermittelt.
Ich versuchte es mit der Wahrheit.
"Greg und Jared haben geraucht. Ich nicht!"
"Ach so!".
Jenna setzte sich hin. Ich wollte mich augenblicklich zu ihr setzen und mit ihr herumknutschen, aber Jenna schien nicht in der Stimmung. Überhaupt schien sie mir etwas kalt und abwesend. Ich überlegte, ob das vielleicht mit dem Besuch von Greg und Jared zusammenhing oder ob es gar nichts damit zu tun hatte. Was es auch war, ich wagte nicht danach zu fragen. Ich entschied, dass es das Beste sei, so zu tun, als ob nichts wäre. Ich ging auf sie zu und setzte mich neben sie. Kaum glaubte ich, gefahrlos den Arm um sie legen zu können, klingelte es erneut an der Tür.
Greg und Jared waren zurückgekommen.
"Ey, Alter, heute ist Eröffnungsparty in diesem neuen Club. Hells Bells oder so. Wir haben gerade sechs Freikarten bekommen!", sagte Greg.
Ich wollte gerade Nein sagen und Greg die Tür ins Gesicht schlagen, da stand Jenna in der Tür.
"Cool! Ich bin dabei", sagte sie laut. Ich stutzte. Was sollte das? Was wollte Jenna in so einem Discoschuppen? Und dazu noch mit Greg und Jared, die sie nicht ausstehen konnte und von denen ich ihr zuliebe Abstand genommen hatte?
Greg und Jared grinsten. Sie schienen Jennas Zusage auch als Zusage meinerseits zu verstehen und betraten die Wohnung.
"Wir haben noch n'bißchen Zeit", meinte Greg. "S'ist ja erst halb Acht. Vor elf Uhr ist da eh nichts los!"
"Habt ihr was zu rauchen dabei?". Das war Jenna. Sie fragte Greg und Jared allen Ernstes, ob sie was zu rauchen dabei hatten. Das war so verwunderlich, dass selbst Greg und Jared etwas verdutzt schauten.
"Ob wir etwas zu rauchen dabei haben, oder ob wir ‚etwas zu rauchen' dabei haben?", fragte Greg noch mal nach.
"Ob ihr mir einen Joint drehen könnt, will ich wissen!".
Was war mit Jenna los? Erst versuchte sie mich von meinen Freunden und ihren bewusstseinsverändernden Drogen abzubringen, und jetzt will sie selber was rauchen. Ich verstand nicht, was in ihr vorging. Wollte sie es mir heimzahlen? War sie wütend auf mich? Warum wollte sie plötzlich mit dem Kiffen anfangen?
Greg und Jared gingen mit Jenna ins Wohnzimmer. Ich lief unschlüssig hinterher. Ich überlegte ob ich Jenna mal auf die Seite nehmen und sie fragen sollte, was das Ganze zu bedeuten hätte. Aber andrerseits war ich selber scharf auf einen Joint und dachte bei mir, dass Jenna vielleicht nur ein Spiel spielen wollte, und dass ich einen Teufel tun würde um dieses Spiel zu beenden. Wenn sie mir nicht gerade heraus sagen konnte, dass sie wütend auf mich oder enttäuscht von mir war, dann musste sie die Konsequenzen tragen. Wenn sie einen Joint rauchen wollte, gut, dann sollte sie eben einen Joint rauchen. Aber ich würde auch einen rauchen.
Wir pflanzten uns vor den Fernseher und Greg begann tatsächlich, jedem von uns einen Joint zu drehen. Zehn Minuten später lagen vier einwandfrei gedrehte Tüten auf unserem Wohnzimmertisch und jeder von uns nahm sich einen. Ich schaute Jenna in die Augen, doch sie wandte den Blick ab und nahm Gregs Feuerzeug. Bevor ich irgendetwas sagen konnte, hatte sie ihren Joint angezündet. Greg erklärte ihr wie sie ziehen musste und behauptete es wäre eine besonders leichte Mischung. Ich aber hatte mitbekommen, dass er in alle vier Tüten ordentlich Zeug reingemischt hatte. Was auch immer Jenna da rauchte, es war keine Anfängermischung.

Im Grunde verabschiedeten wir alle vier uns dann von der eigentlichen Welt und reisten gemeinsam in jene Parallelwelt, in der das herkömmliche Sehen so stark von den eigenen Gedanken verfälscht wird, dass einem die eigenen Augen plötzlich wie die Augen eines anderen vorkommen. Alle vier wurden wir zu einer anderen Person, eine Person, die Greg, Jared und ich zumindest von unserem letzten Trip noch kannten. Jenna aber wurde plötzlich mit einer in ihr schlummernden Person konfrontiert, die sie nie vorher gesehen hatte und die sie zugleich faszinierte und erschreckte. Jenna war sichtlich überfordert mit ihrem Joint. Mit dem kläglichen Rest an normalem Bewusstsein sah ich, dass Jenna in ihrem Drogenrausch gefangen war. Ihr glasiger Blick, die Größe ihrer Pupillen und die auf ihrer Stirn platt gebügelten Haare waren die äußerlichen Anzeichen für den chaotischen Zustand in ihrem Innern. Sehr bald begann sie, wirres Zeug zu faseln und ständig in sich hinein zu kichern. Da ich selber stoned war, erkannte ich nicht einmal die Gefährlichkeit der Situation, sondern sah das alles als einen großen Spaß. Auch Greg und Jared sahen Jenna gerne bei ihrem ersten Rausch zu und ich glaube, sie wären ihr hemmungslos an die Wäsche gegangen, wenn sie nicht über meiner Beziehung zu ihr im Bilde gewesen wären. Denn wenn Greg und Jared stoned waren, dann waren sie auch rollig. Dann dachten sie an nichts anderes als ans Ficken. Und Jenna war eine Frau. Das fiel nicht nur Greg und Jared auf, sondern auch mir.

Irgendwann gab Jared dann das Signal zum Abmarsch. Wir standen auf und machten uns auf den Weg aus der Wohnung, mussten aber noch mal zurückkehren um Jenna beim Aufstehen zu helfen. Die Wirkung des Joints ließ langsam nach, was nicht hieß, dass sie wieder nüchtern war. Aber zumindest kicherte sie nicht mehr wie blöde in der Gegend herum und auch der starre Blick war aus ihren Augen verschwunden. Sie stolperte im Flur über den Teppich aber ich fing sie gerade noch rechtzeitig auf. Sie grinste.
"Wer Sie auch sind", lallte Jenna, " ich habe mich schon immer auf die Freundlichkeit und Güte von Fremden verlassen".
Sie hakte ihren Unterarm in meinen und wir gingen los. Da Greg und Jared die einzigen waren, die wussten, wo die Diskothek war, liefen sie vorne weg. An der Ecke zum Southside stiegen wir in einen Bus. Nach drei oder vier Stops stiegen wir wieder aus. Wir liefen für ungefähr zehn Minuten, dann tat sich eine relativ großes, eckiges Gebäude vor uns auf. Draußen am Eingang befanden sich zwei riesige Flutlichter, die den Himmel anstrahlten. Roter Teppich war vor den Eingang gelegt worden, und Männer, die aussahen, als arbeiteten sie für den Secret Sevice, bewachten den Eingang. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie uns in unserem Zustand nicht in die Disco lassen würden, aber als wir die Karten vorzeigten, die Greg oder Jared besorgt hatte, öffnete der Türsteher den Eingang für uns und wünschte uns einen schönen Abend. Wahrscheinlich hielt er uns für zugekokste Kinder einer stinkreichen Familie, mit der man sich besser nicht anlegte. Wir spazierten hinein und Jared machte sich noch über einen der Türsteher lustig.

Im Innern war alles von jenem Schick, den man Neureichen zuschreibt. Türkise und lilafarbene Satintücher hingen von der mindestens fünf Meter hohen Decke, rote Samtdecken bedeckten sowohl die Theke als auch die Tische, und große Wattebausche hingen an Bindfäden von den Lampen herab. Die Wattebausche sollten Wolken darstellen und das Motto der Party beinhaltete das Wort ‚Himmel'. Für einen ‚Himmel' war es allerdings relativ dunkel in der Diskothek, nur die bunten, von der Diskokugel reflektierten Strahler durchkreuzten den spärlich beleuchteten Raum. Goldenes Lametta füllte den Boden aus, und man musste aufpassen, nicht in den Schlaufen des Lamettas hängen zu bleiben und hinzufallen. Schöner Tand, dachte ich. Dann sagte ich es laut, weil mir das Wort so gefiel: "Schöner Tand".
Jared ging an die Theke um ein paar Kurze zu holen. Statt mit vier Kurzen kam er mit einer Flasche Wodka und vier normalen Gläsern zurück. Er lief ein zweites Mal an die Theke und brachte eine Flasche Orangensaft mit. Wir setzten uns an einen der kitschigen Tische und Jared füllte unsere Gläser. Aus der üblichen 20:80 Mischung machte Jared im Handumdrehen eine 60:40 Mischung und als ich den ersten Schluck nahm schmeckte ich den Orangensaft kaum durch den Wodka durch. Schluck für Schluck trank Jenna ihr Glas leer, knallte es zurück auf den Tisch, stand auf, und rief: "Ich geh tanzen". Dann verschwand sie im immer dichter werdenden Gewimmel der Gäste. Ich überlegte noch, ihr hinterher zu laufen, stand auf, tat ein paar Schritte, doch gab die Idee sofort wieder auf, als ich die undurchdringbare Masse von Yuppies sah, die sich Gäste schimpften.

Zurück am Tisch, leerte ich ein mit Wodka gefülltes Glas in einem Zug. Greg und Jared klopften mir anerkennend auf die Schulter. Auch sie gossen sich noch einen ein und eh wir uns versahen bewiesen wir uns gegenseitig unsere Männlichkeit mit kindischen Trinkspielchen. Ich ahnte, dass diese Spielchen nicht eher aufhören würden, bevor nicht einer von uns unter dem Tisch lag. Und je mehr ich mich besoff, desto gleichgültiger wurde mir Jenna. Ich erinnerte mich an all die chauvinistischen Sprüche von den unerträglichen Machos, mit denen ich mal zu tun gehabt hatte. Ich erinnerte mich an ihr großes Gerede über die Kunst, sich eine Frau unterwürfig zu machen und was Liebe doch für ein Kampf sei, in dem der Mann sich nicht die geringste Blöße geben darf. Soll Jenna doch zum Teufel fahren, dachte ich, aber in Wirklichkeit realisierte ich wohl, dass ich sie liebte und sie nicht verlieren wollte, und dass mein Benehmen nur die Trotzreaktion einer beleidigten Leberwurst war. Ich schüttete mir unermüdlich Wodka ins Glas und verlor bald die Kontrolle über mich. Jenna kam nicht zurück und ich glaubte, dass sie nie wiederkommen würde. Ich dachte, es sei vorbei zwischen uns, ein für alle mal. Und deshalb nahm ich an, als Jared mir noch einen Joint anbot.

Ich holte mein Feuerzeug und zündete meine Tüte an. Dann gab ich Jared mein Feuerzeug. Es war ein Sturmfeuerzeug, das mit Benzin gefüllt war. Jared ließ den Metallverschluss aufschnappen, und hielt die Dochtflamme an seine Tüte. Bevor er jedoch den Verschluss wieder zuschnappen ließ, grinste er mich und Greg verschämt an und hielt das Sturmfeuerzeug an einen der Wattebausche.
Ich glaube wir alle drei hatten erwartet, dass es zu brennen anfangen würde, aber keiner hatte erwartet, dass Watte so entflammbar war. Ich hatte erwartet, dass Watte so entzündlich ist wie Papier oder ähnliches Material. Ich hatte erwartet, dass man das entstehende kleine Feuer problemlos ausmachen konnte bevor es gefährlich wurde und bevor es auf die anderen Stoffe übergriff. Aber kaum hatte Greg die Flamme an die Watte gehalten, brannte diese lichterloh und fraß sich in Windeseile an der Decke hinauf. Von der brennende Watte griff das Feuer wie nichts auf den Samt und die Seide über und bevor wir drei volltrunkenen und zugekifften Idioten es realisierten, stand der halbe Trakt der Disco, in dem wir uns aufhielten, unter Feuer. Rings um uns herum ergriffen Typen in Nadelstreifen und Frauen in schicken Kleidchen panikartig die Flucht. Mit einem Mal ging das Geschrei los und Greg, Jared und ich stolperten übereinander her. Ich erinnere mich noch, wie ich diesen einen Gedanken fassen konnte: Lauf zurück zum Eingang! Du musst ins Freie! Unglücklicherweise jedoch fassten die anderen zweitausend Gäste der Discothek zur ungefähr selben Zeit denselben Gedanken. Ein panischer Exodus, eine hastige Völkerwanderung Richtung Ausgang setzte ein, und, wenn wundert es, viele machten den Anschein, als würden sie ihre Großmutter zurücklassen, solange sie nur selber rechtzeitig zum Ausgang gelangten.
Der Rauch in der Discothek wurde sehr schnell sehr dick. Das spärliche Licht und die Dunkelheit im Kopf nahmen mir die Sicht. Ich hatte Greg und Jared schon längst im Gewimmel verloren. Ich glaubte, durch das Adrenalin wieder nüchtern geworden zu sein, aber wenn ich mich jetzt an meine Wahrnehmung zu jenem Zeitpunkt erinnere, dann weiß ich, dass ich stark an geistiger Umnachtung litt. Ich konnte nicht wirklich schalten und vollführte in der Art eines willenlosen Zombies einfach die gleichen Bewegungen wie die Masse um mich herum. Ich kraulte wie in einem Meer aus Quallen durch das Volk, ich glitt an Schultern, Gesichtspartien, Knöcheln, Brüsten und Schultern ab, und versuchte gleichzeitig mich immer wieder an um mich herum liegenden Körperteilen hochzuziehen. Ich meine mich zu erinnern, wie ich einer am Boden liegenden Frau in den Mund und an den Kiefer fasste und mich an ihr in Richtung Ausgang zog. Ich sah ihre entsetzten Augen, aber ich glaube nicht, dass sie geschrieen hat. Ich sah einen Mann, dessen Anzug Feuer gefangen hatte, und der, einer lebenden Fackel gleich, ins Innere der Disco torkelte anstatt auf den Ausgang zuzulaufen. Niemand schien auf die Idee zu kommen, eine Decke über den Mann zu werfen. Niemand schien überhaupt auf irgendetwas zu achten. Alle Bewegung kannte nur eine Richtung, und alle Gedanken kannten nur ein Ziel: den Ausgang. An einen geordneten Rückzug dachte niemand. Alle folgten ihren niederen Instinkten und alle wollten nur eins: überleben. Der Mann neben mir, die Frau neben mir, wurde plötzlich zum erbittertesten Feind, weil ihr Wunsch zu leben irgendwie dem Wunsch gleichkam, mich tot zu sehen. Ich weiß noch, dass ich über einen Jugendlichen, der neben mir wie wild um sich schlug, dachte: Der will dich umbringen! Hau ihm eine rein! Laß ihn nicht vorbei!

Man hört es immer wieder: Alles ging so schnell! Und wirklich, es ging alles sehr schnell. Eben noch hatte ich mit Greg und Jared Wodka getrunken, jetzt schlug ich mich mit aller Gewalt durch eine Menge Menschen, die dem Feuer und dem Rauch zu entkommen versuchten. Jetzt, wo ich selber Zeuge einer Brandkatastrophe geworden bin, kann ich sogar mit einem besonderen Wissen prahlen. Denn viele Menschen finden die Vorstellung, bei lebendigem Leibe zu verbrennen, als unerträglich. Diese Menschen kann ich jetzt beruhigen. Denn bei den meisten Bränden in geschlossenen Räumen verbrennen die Menschen nicht. Sie verbrennen schon, aber nicht bei lebendigem Leibe. Als ich schon draußen war und von einem Sanitäter mit einer Sauerstoffmaske behandelt wurde, lagen ungefähr zweihundertfünfzig Menschen friedlich und bewegungslos innerhalb der Disco. Manche lagen über den Tischen, an denen sie gegessen hatten, manche hatten wenigstens noch ein paar Schritte in Richtung Ausgang machen können, manche wiederum waren von den fliehenden Gästen zu Tode getrampelt worden. Aber keiner dieser Menschen brannte schon. Nein, als die Flammen, als das Feuer von diesen Menschen Besitz ergriff, waren sie schon längst tot: Sie waren erstickt. Das Feuer mussten sie nicht mehr spüren. Sie hatten keine Luft mehr bekommen. Wie ich schon sagte: Eigentlich war alles sehr schnell gegangen. So gut wie niemand hatte einen langen und qualvollen Feuertod erlitten. Die meisten hatten einfach keine Luft mehr bekommen.

Greg, Jared und Jenna waren erstickt und dann verbrannt. Man hatte sie anhand der DNA Proben zweifelsfrei identifizieren können. Schon am Tag nach der Katastrophe waren Spezialisten bei Jenna, Greg und Jared zu Hause vorbeigefahren und hatten benutzte Zahnbürsten und Kämme eingesammelt und sonstiges brauchbares Material aus den Mülleimern gefischt. Sie hatten bei den Zahnärzten die Röntgenbilder angefordert und hatten das Material dann mit den verkohlten Menschenresten aus der Diskothek verglichen. Innerhalb von achtundvierzig Stunden waren fast achtzig Prozent der Opfer identifiziert worden. Innerhalb von achtundvierzig Stunden nach dem Brand wusste ich, dass ich Greg, Jared und Jenna nie wieder sehen würde. Aber ich weinte nicht. Ich lag nur im Bett meiner Krankenstation und sah fern. Die Simpsons, Emergency Room und Ally Mc Beal. Nachts versuchte ich zu weinen, aber der krankhafte Versuch, mir Tränen aus den Augen zu pressen, brachte mich jedes Mal fast zum Lachen. Wenn meine Eltern kamen, schwieg ich sie an, und meistens schwiegen sie zurück. Ich wollte für immer da liegen bleiben. Für immer wollte ich in diesem Krankenbett liegen bleiben, ohne mich zu waschen und zu reinigen, solange, bis ich vom Wundliegen sterben würde.

Nach sechs Tagen konnte ich nach Hause. Meine Eltern holten mich im Ford Station Wagon ab und behandelten mich wie ein Neugeborenes. Schon auf der Heimfahrt begann ich wieder, sie zu hassen und nahm mir vor, nie wieder ein Wort mit ihnen zu reden. Als ich nach Hause kam, ging ich auf mein Zimmer und starrte die Wand an. Dann schlug ich meinen Kalender auf, nahm einen Stift in die Hand und überlegte. Ich kaute eine Weile am Ende des Stiftes herum, dann setzte ich zum Schreiben an. Nochmal überlegte ich, was ich schreiben sollte, dann kamen die Worte von ganz allein.

Ich schrieb: "Ich war es!". Dann klappte ich das Buch wieder zu und legte mich aufs Bett.



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Eingereicht am 19. Januar 2006.
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