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2 Mäuse

© Roland Fuchs


Glaubst du an Omen oder Zeichen oder so'n Zeug. Ich bis heute jedenfalls nicht. Aber eigentlich ging das Ganze schon gestern los. Ich war etwas verärgert, denn ich musste eine Stunde länger im Büro bleiben, weil ich wieder mal verschlafen hatte. Die dämmende Wirkung meiner Ohropax war mal wieder stärker war als die belebende Nachrichtenstimme aus meinem Radiowecker. Auf dem Weg zur U-Bahn lief ich wie jeden morgen die Friesenstraße runter und sah dabei unterwegs eine tote Maus auf dem Bürgersteig liegen. Ich machte mir keine großen Gedanken und war auch nicht angewidert oder erschrocken oder so. Einfach nur eine tote Maus. Nicht etwa eine schwarze Katze die von links nach rechts oder rechts nach links über die Straße rennt. Ins Grübeln kam ich dann erst heute morgen, als mich wieder einmal gähnend und mit nicht gerade überschwänglichen Enthusiasmus auf machte. Kein Wunder, schließlich lagen wieder 7,6 Stunden tariflich festgesetzte Zeitverschwendung vor mir. Jedenfalls stapfte ich wieder durch die Friesenstraße und sah schon wieder eine tote Maus auf dem Bürgersteig liegen. Diesmal allerdings etwas weiter unten in Richtung Ring. Ok, tote Mäuse sehen wohl irgendwie gleich aus aber ich bin mir dennoch ziemlich sicher, dass es nicht die gleiche Maus war, wie ein Tag zuvor. War das nur Zufall? Sterben wirklich zufällig zwei Mäuse innerhalb von vierundzwanzig Stunden keine dreißig Meter voneinander entfernt in der gleichen Straße? Irgendetwas beunruhigte mich jedenfalls beim Anblick der Mäuseleiche und meine Sinne waren fortan geschärft! Ich bin eigentlich nicht unbedingt abergläubisch aber ab dem Moment war ich, na ja, irgendwie vorsichtig. Allerdings passierte erst einmal nichts Außergewöhnliches. Ein normaler, viel zu langsam dahinplätschernder Arbeitstag, jammernde Kollegen, die sich das Maul über den Chef zerreisen und sich dann fast darum prügeln, wenn es darum geht ihm die Tür aufzuhalten. Die Mittagspause als kleiner Lichtblick. Immerhin ist Sommer und die Temperaturen liegen um die dreißig Grad. An solchen Ta Gang in die Kantine und hierbei in erster Linie der zumindest sporadisch erquickende Anblick von viel nackter Haut, die aus sehr wenig engem Stoff aus Baumwolle, Seide und Polyester herauslugt. Allerdings sehe ich auch genügend Frauen, bei denen ich mir wünsche, dass sie mir den Anblick ihrer fleischig nackten Rundungen ersparen würden. Schließlich habe ich einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik! Aber wie gesagt, keine außergewöhnlichen Vorkommnisse während der Arbeitszeit. Auch auf dem Nachhauseweg von Bonn nach Köln mit dem Regionalexpress der Linie fünf passierte nichts besonderes, außer dass die Klimaanlage mal wieder nicht funktionierte und ich in dem überfüllten Abteil gleich literweise Schweiß vergoss. Immerhin ergatterte ich noch einen Sitzplatz, wenn auch neben einem unangenehm riechenden korpulenten Kerl, der sein Gegenüber mit seinem Gelaber über irgendwelche Programmierfehler in irgendwelchen Verwaltungssystemen langweilte. Ich hatte nichts Besonderes vor und statt gleich nach Hause zu gehen entschloss ich mich noch etwas durch die Fußgängerzone zu bummeln. Ich stieg deshalb schon Köln-Süd aus und machte mich von dort mit der Linie neun auf in Richtung Neumarkt, um einen Spaziergang durch die Schildergasse und die Hohe Straße in Richtung Dom zu machen.
Es passierte dann in der Schildergasse auf Höhe des Weltstadthauses. Ich war schon etwas angenervt auf Grund dieses Ameisenhaufens an Leuten, die sich kreuz und quer, unorganisiert und scheinbar ziellos durch die Schildergasse drängten. Ich kam mir vor wie ein Slalomläufer. Außerdem haute mich noch ein ziemlich heruntergekommener, abgemagerter und alkoholisierter Obdachloser um ein Almosen an. Na ja, irgendwie tun mir die Jungs schon leid und wenn ich etwas Kleingeld parat habe, gebe ich auch. Ich gab ihm jedenfalls einen Euro. Das schadet mir nicht sonderlich und außerdem gibt es mir zumindest kurzzeitig das Gefühl ein ganz guter Mensch zu sein, wenn ich auch weiß, dass dem Penner die Münze nicht großartig weiterhelfen wird. Auf Höhe des Einganges zum Weltstadthaus wurde ich dann halb links vor mir auf eine Familie aufmerksam, die in Richtung Neumarkt unterwegs war und mir entgegen kam. Vater, Mutter und ein circa dreijähriges Kind. Ich schätze es war ein Mädchen. Jedenfalls dachte die kleine Göre nicht im Traum daran, auf die Rufe der besorgten Mutter zu hören und nicht so schnell vorauszulaufen. Das scheinbar unvermeidliche passierte. Die Kleine kam über ihre viel zu schnellen Schritte mit ihren unbeholfenen Beinchen ins Stolpern und legte sich ohne jeglichen Versuch den Sturz noch irgendwie abzufangen der Länge nach ab. Es ertönte ein lautes, helles und saftiges PLATSCH, wie es scheinbar nur beim Sturz eines kleinen speckigen Kinderkörpers auf hartes und unnachgiebiges Kopfsteinpflaster entstehen konnte. Eine paradoxe Situation. Für einen kurzen Moment schienen die hektischen Leute, die den Sturz der Kleinen wahrnahmen ihren Schritt etwas zu verlangsamen und für einen kurzen Augenblick hatte ich das Gefühl, die Leute hielten sogar den Atem an, scheinbar vor Angst und Sorge, dass der kleinen etwas schlimmeres passiert sein könnte. Noch ein kurzer Moment verging, fast so als ob man einen Film ganz kurz anhalten oder eine Zeitlupensequenz abspulen würde. Dann endlich das langgezogene, grelle und befreiende Kreis ohl nur der Länge nach hinfallende Kinder hinbekommen können, die tröstenden Worte und Hände der Eltern und die bemitleidenden Lächeln der Passanten die wieder in ihren hektischen Trott verfielen und auch wieder damit anfingen Sauerstoff zu inhalieren. Der Kleinen war also nichts Ernstes passiert, außer einem kleinen Schreck und einer weiteren lehrreichen Erfahrung auf dem langen Weg des Heranwachsens und vielleicht auch irgendwann mal Erwachsenwerden. Das ganze dauerte nur ein paar Sekunden und alles nahm wieder seinen gewohnten Gang. Auch ich hatte für diesen kurzen Zeitraum rein intuitiv meinen Schritt verlangsamt und wohl auch kurz den Atem angehalten und war auch gerade wieder in mein normales Schritt- und Atemtempo zurück verfallen, als ich rechts von mir schon wieder ein Platsch wahrnahm. Nur diesmal etwas leiser, dumpfer und nicht so saftig. Es war der Obdachlose, dem ich kurz zuvor noch eine Münze schenkte und welcher in seinem Suff das Gleichgewicht verlor, in sich zusammensackte und regungslos liegen blieb. Sekunden vergingen und es gab diesmal kein befreiendes Kreischen oder auch sonst irgendeinen Laut. Komischerweise lief auch der Film diesmal auch völlig normal weiter. Also keine sich verlangsamenden Schritte, keine Zeitlupe. Die Leute bewegten sich in normaler Geschwindigkeit weiter und ich hatte auch nicht das Gefühl, dass in diesem Moment irgendjemand auch nur für den Bruchteil einer Sekunde das Atmen vergessen hatte. Es wirkte fast, als gingen die Leute sogar noch etwas schneller, noch zielstrebiger und mit noch starrer nach vorne gerichtetem Blick als vorher. Aber wahrscheinlich nahm auch wirklich nur ich diese Situation wahr und dass bestimmt auch nur, weil der Anblick von zwei toten Mäusen in der Friesenstraße meine Sinne an diesem Tag entscheidend geschärft haben.
Und dann plötzlich wurde mir alles klar. Das menschliche Gehör ist für helle und grelle Töne, wie es zum Beispiel schreiende Kinder produzieren, einfach viel empfänglicher, als für Töne tieferer Art, wie sie zum Beispiel beim dumpfen Aufprall eines Obdachlosenkörpers auf ein Kopfsteinpflaster entstehen. Und in diesem Moment fiel mir auch wieder mein allmorgendliches Problem mit meinem Radiowecker ein, dessen Geräusche oft gar nicht durch die Ohropax über die Trommelfelle bis hin zum Schlafzentrum vordringen. Diese wertvolle Erkenntnis hatte ich jedenfalls nur dem Erlebnis mit den beiden toten Mäusen zu verdanken. Ich machte auf dem Absatz kehrt, ging die Schildergasse wieder herunter in Richtung Karstadt und kaufte mir dort einen Funkwecker mit ultrahellem Piepston. In Zukunft werde ich nicht mehr verschlafen und von nun an bin ich ein großes Problem los.
Eins kann ich dir sagen. Wenn du auf zwei aufeinander folgenden Tagen zwei tote Mäuse auf dem Weg zur Arbeit findest oder dir vielleicht auch sonst irgendetwas ungewöhnliches auffällt, erkenne das Zeichen, schärfe deine Sinne und erlebe diesen Tag bewusst. Auch dir kann ein solch konzentriert erlebter Tag eine wertvolle und wichtige Erfahrung bringen. Ich jedenfalls bin zufrieden. Ich habe einen neuen Wecker, werde künftig pünktlich aufstehen und vor allem nachmittags pünktlich Feierabend machen!



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Eingereicht am 02. Februar 2007.
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