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Eine stinknormale Bahnfahrt

© R.J. Sparetime


Zack war ein Riese, die Leute hatte Respekt vor ihm, das war auch gut so und hatte ihn schon öfter vor Ärger bewahrt.
Zudem wirkte seine durchweg schwarze Kleidung und die laute Metal-Musik, welche aus seinen Kopfhörern drang, auf die andern Leute in der Bahn extra einschüchternd.
Metalhörer sind eh alle Satanisten, oder wie war das?
Zack musste sich selbst auch mit diesem mehr als unlogischen Vorurteil auseinandersetzen, aber er wurde für seinen Look nicht von anderen zusammengeschlagen.
Gerade lief mal wieder eins seiner Lieblingslieder von System Of A Down - Tentative.
Fast automatisch, fing sein Kopf an, leicht im Takt mit zu nicken.
Klasse Song. Eine ältere Frau setzte sich ihm gegenüber und Zack hob seine Tasche von Boden auf, um ihr Platz zu machen. Ein dankbares Lächeln leuchtete in ihrem Gesicht auf und Zack lächelte freundlich zurück. Wieder einen Menschen davon überzeugt, dass er kein Monster war. Wieder fand er den Takt und sein Kopf nickte weiter zum Beat.
Viele Leute waren heute in der Bahn, alle Plätze waren besetzt, nur einer war frei, der Platz direkt neben Zack. So nahe traute sich dann doch keiner an die Bestie.
Doch Zack war das eigentlich egal, sein Leben könnte echt schlimmer sein. Er hatte einen Job und eine Freundin. Das Außenseiterdasein in der "normalen" Gesellschaft hatte auch was für sich, man stach aus dem lahmen Brei der Masse hervor. Man hob sich von all den BigBrother-Guckern und Talkshow-Gästen ab. Irgendwie entwickelte man eine ganz besondere Art der Einzigartigkeit, wenn auch nur hier, unter ihnen.
Bei seinen Freunden war Zack einfach nur einer von ihnen, obwohl einfach eigentlich das falsche Wort war. Denn er war trotzdem etwas Besonders, wie sie alle, wie jeder. Seine Freunde hörten halt auch Metal und liefen meist in Schwarz rum, weil es ihnen gefiel. Nur Mike lief wie ein Hiphopper rum, weil er die Klamotten mochte und das war für sie alle okay. Mike war echt ein cooler Typ und es gab immer ein witziges Bild wenn zehn schwarz gekleidete mit einem Hiphopper in der Mitte durch die Stadt liefen. Als würden sie nicht schon so genug Blicke auf sich ziehen.
Aber so ist das eben, man sucht sich Freunde in seinen Kreisen. Hiphop-Fans, haben in ihrem Freundeskreis sicher auch größtenteils Hiphopper und das war alles völlig okay, zumindest für Zack.
Bald Zuhause, nur noch drei Stationen. Wie Zack sich schon darauf freute, seine Freundin wieder in die Arme nehmen zu können.
Die Bahn hielt an. "Wiesenweg" ertönte die weiblich monotone Stimme, doch Zack hörte sie nicht. Nur noch zwei Haltestellen.
Er nickte immer noch zu der Musik von System Of A Down, doch diesmal war es ein anderes Lied.
Ein Junge kam hastig angerannt, als hätte er Angst die Bahn zu verpassen, doch dann sah Zack den wahren Grund für seine Eile. Hinter ihm waren drei Typen mit kahl geschorenen Köpfen, Zack konnte sich nur zu gut vorstellen, was das zu bedeuten hatte. Denn die Hautfarbe des Jungen war schwarz.
Der Junge rannte hastig an Zack vorbei, doch er hielt ihn fest, stand auf und zog sich die Ohrstöpsel aus den Ohren.
"Alles okay, Kleiner?" sagte er mit ruhiger Stimme und sogar ein kleines Lächeln war auf seinem Gesicht zu sehen.
Der Junge war gerade mal fünfzehn, schätze Zack. Wogegen die Typen, die nun vor Zack auftauchen, alle mindestens schon über achtzehn waren.
"Aus dem Weg", fuhr ihn der größte der drei an.
"Wieso? Ich stehe gut!" Zack wusste genau, wie er bei voller Größe wirkte und eben diesen Umstand nutzte er nun aus.
Zack überragte den Größten und augenscheinlich auch Ältesten der drei nun immer noch um mindestens einen Kopf.
"Hey, Alta, wenn du keinen Stress willst, verzieh dich jetzt besser oder …"
"Oder was?". Zacks Stimme war nun eindeutig herausfordernd.
Keiner der andern Insassen half Zack dabei den Jungen zu beschützen. Die meisten taten einfach so, als würden sie weder etwas sehen, noch etwas hören. So typisch für diese Gesellschaft und all diese Menschen bezeichneten Zack, als Satanisten. Es wäre fast zum Lachen gewesen, wäre es nicht die Realität, die sich tagtäglich wiederholt.
"Oder ich schlitz dich auf, Fettsack", der Typ hatte ein Messer aus seiner Hosentasche gezogen.
Zack weitete überrascht die Augen, doch dann stach sein Gegenüber schon zu.
Der Typ war gesprungen und hatte ihm das Messer direkt in den Hals gerammt.
Zack brach unter einem Gurgeln zusammen, das Messer steckte immer noch.
Die drei Kahlschädel johlten und stiegen schnell aus der gerade wieder haltenden Bahn aus.
Nur noch eine Haltestelle.
Zack strecke Hilfe suchend die Hand aus, doch keiner half ihm, nicht einmal die ältere Frau, der er Platz gemacht hatte. Nur der Junge hatte sich weinend über ihn gebeugt und zitterte am ganzen Leib. Keine helfende Hand, nichts, niemand kam. Keiner schrie wie in kitschigen Hollywoodfilmen "Aus dem Weg, ich bin Arzt", obwohl sich Zack nun sehr gewünscht hätte, diese Worte zu hören. Der Junge weinte immer noch bitterlich. Zack wollte ihm sagen, dass alles wieder in Ordnung kommen würde, obwohl er selber genau wusste, dass es das nicht würde, doch er wollte diesen Jungen nicht weinen sehen.
Langsam wich das Leben aus Zack, heute würde er seine Freundin wohl nicht mehr in die Arme schließen können. "Friedstraße" ertönte wieder die weiblich, monotone Stimme. Zack war da und starb.
Und wieder einmal "Eine stinknormale Bahnfahrt".



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Eingereicht am 02. Februar 2007.
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