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Kurzgeschichte Alltag Kurzprosa Geschichte Erzählung short story

Das Erbe

© Arno W. Teodoruk


Henry nahm die Tasse Kaffee mit in das Esszimmer und setzte sich an den großen Tisch. Er blickte in den Garten. Der Frühling hatte sich endlich durchgesetzt und zum ersten Mal in diesem Jahr bemerkte Henry Knospen an den Büschen im Garten. Trotz der geschlossenen Fenster hörte er die Vögel im Garten singen. In den letzten Wochen hatte er wie partiell betäubt das getan, was von ihm erwartet wurde. Er hatte sich um die Beerdigung gekümmert, mit den Rechtsanwälten und dem Notar, dem Nachlassgericht und der Bank gesprochen. Er hatte, nachdem er sich entschlossen hatte, das Haus zu verkaufen, einen Makler aufgesucht und inzwischen sogar mit einigen potentiellen Käufern das Haus besichtigt. Viel Arbeit hatte es gekostet, das Haus zu räumen. Seine Umwelt hatte Henry während dieser Wochen kaum wahrgenommen.
Jetzt, heute, fast zwei Monate, nachdem ihn nachts ein Anruf der Polizei erreicht hatte, kam wieder so etwas wie Klarheit in seine Gedanken. In dieser Nacht vor zwei Monaten hatte eine scheinbar darin geschulte Polizistin ihn darüber informiert, dass sein Vater und sein Bruder einen Autounfall erlitten hatten. Ihre Informationen gab die Polizistin während des Gespräches nur scheibchenweise preis. Sie ließ ihn das schreckliche Ausmaß des Unfalles erst selbst erahnen, bevor sie seine schlimmsten Befürchtungen bestätigte. Seine beiden letzten lebenden Verwandten waren nachts auf der Autobahn gegen einen Brückenpfeiler gerast. Überhöhte Geschwindigkeit, sagte die Polizistin, vielleicht Müdigkeit. Andere Verkehrsteilnehmer waren nicht in den Unfall verwickelt gewesen. Der Unfall hatte sich auf der Autobahnstrecke Hannover - Berlin, in der Nähe von Ziesar, ereignet. Sein Bruder hatte am Steuer des Wagens gesessen.
Henrys Blick blieb auf dem Baumhaus hängen, das er gemeinsam mit seinem Bruder gebaut hatte, als sie noch Kinder gewesen waren. Eine einfache Hütte aus Brettern, die auf einer Plattform stand, welche wiederum auf der einen Seite auf zwei Pfosten lagerte und sich mit der anderen Seite gegen zwei nebeneinander stehende Bäume schmiegte. Die selbst gebastelte Strickleiter, über die sie früher ihre Hütte erreicht hatten, fehlte. Die ganze Konstruktion machte einen schiefen und nicht sehr Vertrauen erweckenden Eindruck nach all den Jahren. Henry verstand jetzt den Zettel, den er an sehr auffälliger Stelle an der Kühlschranktür in der Küche gefunden hatte.
Baumhaus abreißen, hatte darauf gestanden. Entweder Vater oder Manfred hatten diesen Zettel geschrieben, wohl als Erinnerungshilfe.
Er hatte vor einer Woche angefangen, das Haus auszuräumen. In einen angelieferten Container hatte er alles geworfen, was nach seiner Meinung keiner mehr zu gebrauchen war. Die Bücher und einige der Möbel waren abgeholt worden. In blaue Plastiksäcke hatte er die Kleidung gestopft, die das Rote Kreuz abholen würde, in schwarze Säcke die Kleidungstücke, die weggeworfen werden würden. Leicht war es gewesen, das Auto seines Vaters zu verkaufen.
Viel war nicht mehr zu tun, er würde bald nach München zurückkehren.
Ich sollte das Baumhaus einreißen, dachte er, bevor es einem Kind auf den Kopf fällt.
Eine Stunde später stand er mit einem Hammer und einem Stemmeisen unter dem Baumhaus und blickte auf die Tür der Hütte. Ein Vorhängeschloss hing an der Tür. Henry ließ das Werkzeug fallen und ging noch einmal zu der Garage, um eine Leiter und ein Werkzeug zu holen, mit dem er das Schloss würde aufbrechen können. Es widerstrebte ihm, einfach die Pfosten wegzuschlagen und die Hütte in sich zusammenbrechen zu lassen. Nein, er würde versuchen, die Hütte so schonend wie möglich abzubrechen. Er stellte die Leiter gegen die Plattform und setzte den Bolzenschneider an den Bügel des Schlosses. Er wunderte sich, dass das Schloss, verglichen mit dem Zustand der Hütte, in einem relativ neuen und guten Zustand war. Der Bügel ließ sich mit einigem Kraftaufwand durchtrennen und Henry hielt das Schloss in der Hand. Es war weder verrostet noch verwittert. Er ließ Schloss und das Werkzeug auf den Rasen unter ihm fallen und öffnete die niedrige Tür. Im Lichtschein, der durch die Tür fiel, konnte er alte Spielgeräte, einen wackligen kleinen Kindertisch und zwei ebenso wacklige Stühle sehen. Und die Kiste sah er - ihre Kiste, seine und Manfreds. Die Piratenkiste, in der sie ihre geheimen Schätze aufbewahrt hatten. All das, was Jungen wichtig war.
Vorsichtig stieg er von der Leiter auf die Plattform. Die ganze Konstruktion wackelte, schien aber noch zu halten. Henry bückte sich und langte in die Hütte. Er zog nacheinander die Sachen durch die niedrige Türöffnung heraus. Den Tisch, die Stühle, die Spielsachen und die zuletzt die Kiste. Sie war unhandlich und schwer, und er hatte Mühe, sie über die Leiter nach unten zu bringen.
Dann kniete er auf dem Rasen und öffnete die Kiste. Kinderbücher und Comichefte, zerlesen und durch die lange Zeit in der Kiste feucht und teilweise verschimmelt. Stoffsäcke, moderig und zerfallen, die ihren Inhalt, Glasmurmeln und Plastikfiguren freigegeben hatten. Und sein Blechdose, Henrys geheimstes Versteck. Eine ehemalige Kaffeedose, in der Henry seine wichtigsten Schätze aufbewahrt hatte. Henry musste unwillkürlich lächeln. Erinnerungen stiegen in ihm auf. In dieser unscheinbaren Dose waren die Geheimnisse seiner Kindheit aufbewahrt. Er drehte die Dose in seiner Hand und betrachtete die fast gänzlich abgeblätterten Aufdrucke der Werbung. In der Hauptsache die Darstellung eines jungen Paares im Stil der 50`er Jahre, welche sich mit dampfenden Kaffeetassen in der Hand und sichtlich glücklich, einander zugewandt, anblickten.
Henry wunderte sich: die Fuge zwischen dem Deckel und der Blechdose war mit einem Isolierband verklebt. Das Klebeband sah nicht alt aus. Mit den Fingernägeln löste er das Klebeband und öffnete die Dose.
Von seinen kindlichen Reichtümern und Geheimnissen war nichts mehr vorhanden. Nur ein kleines Paket, etwa im Format A5 steckte schräg in der Dose.
Verwundert und verwirrt stand Henry auf und blickte auf das Päckchen in seiner Hand. Es war mit Kunststofffolie umwickelt und auf keinen Fall alt. Mit dem Päckchen in der Hand kehrte er ins Haus zurück.
Bevor sich Henry an den Refektoriumstisch im Esszimmer setzte, holte er aus der Küche die Flasche Calvados und ein Glas. Einen Aschenbecher fand er im Kaminzimmer auf einem Beistelltisch.
Vor ihm auf dem Tisch lag das Päckchen, dass er in der Dose gefunden hatte. Er stand noch einmal auf und öffnete die Fenster des Raumes. Der Rasen vor dem Haus begann zu sprießen, die ersten Knospen erschienen in den Büschen und die Vögel in den Bäumen zwitscherten und sangen, ein herrlicher Maitag.
Henry entfernte vorsichtig die Kunststofffolie und die Klebebänder von dem Päckchen. Ein Umschlag kam zum Vorschein. Henry nahm sein Taschenmesser zu Hilfe und schlitzte den Umschlag auf. Ein zweiter, kleinerer Umschlag rutschte heraus und eine CD-Hülle. Alles war unbeschriftet. Henry öffnete den zweiten Umschlag. Mehrere Seiten, handschriftlich beschrieben, lagen vor ihm. Ein Brief von fast einem Dutzend Seiten.
Ein Brief seines Bruders. Henry begann zu lesen.

Berlin, den 2. März 1999
Henry, mein Bruder!
Diese Anrede habe ich oft gedacht und auch geschrieben - früher sehr oft, später nicht mehr. In Gedanken habe ich Dir sehr oft einen Brief geschrieben.
Dies ist der erste, den ich auch vollende - und den Du erhalten erst wirst, wenn ich tot bin. Dann hast Du auch den Hinweis verstanden, den ich Dir hinterlassen habe. Etwas Gemeinsames ist uns dann doch noch geblieben.
Eines ist sicher: wenn Du dieses Brief liest, dann bin ich tot.
Liest sich sehr melodramatisch, aber ausnahmsweise stimmt es.
Und außerdem passt Melodramatik zu einem Schwächling wie mir.
Vater hat mich immer für einen Schwächling gehalten - und er hatte Recht, ich war immer schwach. Zu schwach, um mich gegen ihn zu behaupten. Zu bequem, um einen anderen, meinen eigenen, vielleicht schwereren Weg zu gehen.
Zu ängstlich, um einfach wegzugehen - so wie Du es getan hast.
Ich werde konsequent sein und bis zum Schluss ein Schwächling bleiben.
Versteh diesen Brief bitte nicht als Versuch, mich zu entschuldigen. Früher hatte ich Schuldgefühle wegen der Dinge, die ich tat und auch wegen meiner Unterlassungen.
Aber irgendwann habe ich eingesehen, dass ein schwacher Mensch wie ich keine Entschuldigung braucht. Ich bin, wie ich bin, oder zumindest so, wie Vater und das Leben mich gemacht haben - ich bin nur ein Werkzeug.
Jetzt bin ich einfach nur müde und traurig. Zu schwach, um wütend zu sein.
Es gibt mir keinen Trost, dass Vater auch Dich für einen Schwächling gehalten hat.
Bist Du überrascht? Vater hat Dich beobachtet. Er hat immer gewusst, wo Du bist, was Du tust und wie Du bist. Er hielt uns beide für Versager.
Aber es braucht Dich nicht zu beunruhigen.
Weder, dass er Dich beobachtete, noch was er von Dir hielt. Denn Vater hat alle beobachtet - dass war seine Existenzgrundlage. Und er hatte mir verboten, Kontakt zu Dir aufzunehmen. Wie Du zweifellos weißt, habe ich ihm gehorcht.
Unser Vater war zwar ein Faschist und ein Fanatiker, aber er war stark. Er lebte seine Überzeugungen. Er hat alle beherrscht und kontrolliert - nun ja, fast alle.
Das Leben ist manchmal schon saukomisch: Eigentlich alles eine logische Entwicklung: die ganz Starken und die ganz Schwachen müssen irgendwann sterben, bevor ihre biologische Uhr abläuft.
Die Evolution in Reinkultur.
Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich keine Angst vor dem, was passieren wird. Der Tod ängstigt mich nicht, das Sterben vielleicht ein bisschen.
Eigentlich bin ich nur traurig. Aber sei gewiss, irgendwie genieße ich diese Traurigkeit. Es ist so, als kehre ich endlich heim. Danach kann mir niemand mehr etwas antun. Ich bin nicht religiös, also habe ich auch keine Befürchtung wegen eines eventuellen Lebens danach. Ich denke, danach wird einfach gar nichts sein - außer endlich Ruhe.
Ich habe etwas, was sich andere Menschen manchmal wünschen und wieder andere fürchten: Ich weiß, wie ich sterben werde. Aber auch das ist nicht wichtig. Ich bin zufrieden mit dem, was geschehen wird.
Der eigentliche Grund, warum ich Dir diesen Brief schreibe ist, dass Du einige Dinge erfahren sollst, die in der Vergangenheit geschehen sind. Vielleicht erklärt sich Dir dann das, was mit uns beiden geschehen ist.
Was mit uns geschehen ist, als wir Kinder waren. Wenn ich an uns denke, sehe ich uns als Kinder - und dann muss ich weinen. Aber mein Weinen bewirkt nichts. Keine Erlösung und keine Rachegefühle - nicht das Gefühl, etwas ändern zu wollen - ich weine nur, weil ich traurig bin. Ich trauere um uns Kinder - denn wie ich schon sagte, ich sehe uns immer nur als Kinder.
Ich will Dir eine Geschichte erzählen.
Eine Geschichte vom Leben in Deutschland.
Die Grundlagen für diese Geschichte habe ich in mühsamer Arbeit ausgegraben. Es hat sehr lange gedauert. Ich musste sehr vorsichtig sein, denn Vater hat mich in einem viel umfassenderem Ausmaß beobachtet als Dich. Aber es ist mir gelungen, mein Wissen vor ihm zu verbergen.
Ich muss Dir zwar nichts beweisen, denn ich erzähle ja nur eine Geschichte - aber die Dokumente, welche ich finden konnte und welche meine Geschichte untermauern, findest Du gescannt auf der CD, die Du mit meinen Brief erhalten wirst. Mach damit, was Du willst.
Nun also die Geschichte:
Es war einmal eine jüdische Familie in Deutschland. Man schrieb das Jahr 1942. Die Familie hieß Breitwasser. Der Vater dieser Familie, ein fleißiger und umsichtiger Kaufmann, betrieb in der Nähe Berlins eine Fabrik, in der Kautschuk verarbeitet wurde. Schon im Jahre 1940 war der Betrieb als eine Herstellungsstätte wichtiger Wehrkraft-, also Kriegsgüter deklariert worden. Aus diesem Grunde wurde die Geschäftsleitung, wie damals absolut üblich, unter Druck auf die Inhaber, einem zuverlässigen Parteigenossen der NSDAP anvertraut.
Damals insoweit ein normaler Vorgang. Nicht normal war, dass der Parteigenosse sich mit der Familie anfreundete. Natürlich nicht öffentlich, sondern nur im Geheimen. Eine besondere Freundschaft entstand, trotz eines nicht zu übersehenden Alterunterschiedes, zwischen der jüngeren der beiden Töchter der Familie und dem Parteigenossen.
1942 nun wurde die Lage der Juden, auch derer, die bisher besonderen Schutz erhalten hatten, prekär. Der Parteigenosse riet, ob seiner besonderen Kenntnis der Lage, zur Ausreise. Um Besitz und Fabrik zu bewahren, einigte man sich darauf, dass der Parteigenosse für eine gewisse Summe die Anteile der Familie an der Fabrik übernehmen sollte. Auch das Haus mit Grundstück, den Familienwohnsitz, sollte der Parteigenosse zu einem sehr günstigen Kaufpreis übernehmen.
Auch das war in der damaligen Zeit eine ganz normale Angelegenheit - Arisierung von Volkseigentum nannte man das.
Beide Seiten der Vereinbarenden waren sich sicher, sich gegenseitig vertrauen zu können. Besonders deshalb, weil zwischen der jüngeren Tochter und dem Parteigenossen nun schon mehr als nur Freundschaft entstanden war.
Dann, 1942, überstürzten sich die Ereignisse. Die Familie sollte wegen der plötzlich unmittelbar drohenden Gefahr der Deportierung sofort aus Deutschland ausreisen. Der Parteigenosse hatte diese Gefahr ausgemacht, der Familie mitgeteilt und riet zu sofortiger Abreise. Ein Problem gab es: die vorübergehende Abwesenheit der jüngeren Tochter, welche zu einem Verwandtenbesuch in Lübbenau weilte.
Der Parteigenosse versprach, dieses Problem zu lösen - er würde die Tochter, mittlerweile seine heimlich Verlobte, selbst der Familie nachbringen.
Also reiste die Familie, bestehend aus Vater, Mutter, Großmutter und der älteren Tochter bei Nacht und Nebel ab.
Als die jüngere Tochter das Haus von der Familie verlassen vorfand, fiel sie in Verzweiflung. Doch der Parteigenosse erklärte ihr die Lage und versprach, sie zu beschützen. Zwar konnte man der Familie jetzt nicht mehr nachreisen, das war nach seiner kompetenten Meinung zu gefährlich, aber er, ihr Verlobter, würde sie verstecken.
Er würde sie in dem Haus ihrer Eltern verstecken. Solange verstecken, wie es notwendig sein würde. Entweder bis sich die Lage für die Juden beruhigt hatte, oder bis der Krieg gewonnen oder verloren war. Oder, ja oder bis ihnen beiden etwas anderes eingefallen war - zum Beispiel falsche Papier für die Verlobte, mit denen sie dann heiraten konnten.
So geschah es dann auch. Der Parteigenosse war, dem Führer sei gedankt, als Geschäftsführer einer kriegswichtigen Fabrik, davor geschützt, in die Armee eingezogen und an die Front geschickt zu werden.
Der Parteigenosse und die Tochter der Breitwassers, nun hieß sie dank falscher Papiere, Elise Treugard, heirateten in den letzten Februartagen des Jahres 1945. Sie hieß jetzt Elise Falcke, geb. Treugard, aus nahe liegenden Gründen umbenannte Breitwasser.
Dann kam das Kriegsende. Ihre Familie sah Elise nie wieder. Erst 1946 erhielt sie Gewissheit, dass ihre Familie in Dachau umgebracht worden ist. Diese tragische Nachricht verursachte beinahe eine Frühgeburt, denn Elise ging mit ihrem ersten Kind schwanger.
Und erst im Jahre 1952, kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes, erfuhr sie, dass derjenige, der dafür gesorgt hatte, dass ihre Familie den Tod fand, ihr eigener Mann, der Parteigenosse Hans-Georg Falcke, gewesen ist.
Hinweise darauf erhielt sie von einer nicht näher bezeichneten jüdischen Organisation, von denen es in diesen Tagen viele gab. Organisationen, die sich ohne Rücksicht auf irgendwelche Zusammenhänge für die Aufklärung jüdischer Schicksale einsetzte. Arbeit hatten sie genug - mehr als sechs Millionen Schicksale, wenn man nur die Toten rechnet.
Aber zu diesem Zeitpunkt hatte Elise schon zwei Kinder von diesem Mann empfangen und geboren. Und sie hatte keinerlei stichhaltige Beweise für seine Taten. Es gab nichts Schriftliches, was ihn hätte überführen können.
Nach Kriegsende, als die einzelnen Parteigenossen in Hinsicht auf ihr Verhalten und Wirken während der Nazizeit überprüft worden waren, hatte Elise eidesstattlich erklärt, dass ihr Leben während der Naziherrschaft von Hans-Georg Falcke gerettet worden war. Sie war damals stolz gewesen, erklären zu dürfen, dass Hans-Georg Falcke trotz seiner Parteizugehörigkeit ein ehrenwerter Mann war, welcher Leib, Leben und Besitz von verfolgten Juden während der Naziherrschaft gerettet hatte.
Das Leben muss Elise wie ein großer perverser Witz zu ihren Lasten vorgekommen sein.
Elise hatte keine Beweise für ihre Gewissheit. Sie hatte ein Monster geheiratet und dieses Monster hatte ihre Familie umgebracht, den Familienbesitz an sich gerissen und zwei Söhne mit ihr gezeugt.
Elise begann zu kämpfen. Um ihre Söhne und um den ehemaligen Besitz ihrer Familie.
Aber Elise hatte keine Chance. Nicht gegen diesen Mann. Zwar gelang es ihr, für eine gewisse Zeit Aufsehen zu erregen und Anwälte und Gerichte zu beschäftigen. Aber erreicht hat sie letztlich nichts - gar nichts - nicht damals.
Letztlich wurde Elise verrückt. Oder sie wurde für verrückt erklärt. Vielleicht erschien es ihr auch als der einzig gangbare Weg, um zu überleben: verrückt zu werden. Sie verschwand für eine lange Zeit in verschiedene Anstalten und Sanatorien.
Jahre später, 1964, tauchte Elise wieder auf. Diesmal mit Verstärkung. Sie hatte immer noch dieselben Forderungen: Ihre Kinder und den Besitz ihrer Familie Breitwasser, Gerechtigkeit und Vergeltung.
Wenn ich raten sollte, wer Elise damals half, würde ich sagen, es waren bestimmte jüdische Kreise. Ich habe keine Beweise, aber zu dieser Zeit taucht mit Elise ein Verwandter auf - ein Onkel mütterlicherseits, welcher Elise bei den Verhandlungen mit unserem Vater unterstützte.
Geholfen hat das nicht sehr viel. Heraus kam nur das, was Du, Henry, ebenso wie ich, am eigenen Leib erfahren hast: Unsere Mutter brachte sich um. Sie ging auf den Dachboden des Hauses, das einmal ihrer Familie gehört hatte und hängte sich auf.
Aber das weißt Du ja. Nur den Grund für ihr Tun hast nicht gewusst.
Vater behielt nun endgültig das Haus mit Grundstück in der Buchjagdstraße. Die Fabrik gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Wo das bewegliche Vermögen der Breitwassers, Bargeld, Schmuck etc. geblieben war? - Nun, es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, wo es geblieben ist. Unser Vater hatte alle Möglichkeiten.
Das ist erstmal das Ende der Geschichte - unserer Geschichte, Henry, mein Bruder. Unserer Geschichte, als wir noch Kinder und unschuldig waren.

Henry war wie betäubt. Seine Hand, die den Brief hielt, sank kraftlos herab. Um ihn herum war die Stille ohrenbetäubend. Oder war das Dröhnen in seinen Ohren sein eigenes Blut, das von seinem Herzen durch den Körper gejagt wurde. Sein Herz fühlte sich an, als wolle es zerspringen. Eine Faust formte sich in seiner Brust und griff hinauf nach seinem Herzen.
Instinktiv griff er nach der Schnapsflasche, ignorierte das Glas auf dem Tisch, und trank in langen Schlucken direkt aus der Flasche, bis er sich verschluckte und husten musste. Er hustete und hustete, sein Körper verkrampfte sich, und er keuchte, bis ihm die Tränen in den Augen standen. Rotz lief aus seiner Nase - er hörte sich selbst leise wimmern.
Und er merkte, dass er weinte, Tränen liefen über sein Gesicht. Mit dem Ärmel wischte er sich über das Gesicht und wandte sich auf dem Stuhl um.
Er blickte in den Garten hinaus. Die Vögel sangen immer noch - nichts hatte sich verändert. Die Welt war nicht stehen geblieben. Sein kleines erbärmliches Schicksal und auch das seines Bruders galt nichts.
Dieses Haus zum Beispiel. Das Haus hatte das alles, was er gelesen hatte, mit angesehen. Ungerührt. Ebenso ungerührt wie dieser alte, perverse Mann Gott, wenn es ihn überhaupt gab.
Aber wenn es ihn gab, dann musste er senil, pervers, taub und blind gleichermaßen sein. Henry trank wieder. Die Zeit spielte jetzt keine Rolle mehr für ihn. Er war gefangen in die Gedanken an sich, seinen Bruder, seine Mutter und seinen Vater. Alles wirbelte in seinem Kopf durcheinander.
Was für eine Familie, in der der Vater die Eltern seiner Frau umbringen lässt. Seine, Henrys Familie, sein Fleisch und Blut. Henry trank weiter. Henry stöhnte auf - er würde trinken, bis er bewusstlos würde.
Mitten in der Nacht wachte Henry auf. Was er geträumt hatte, welcher Alptraum ihn hatte erwachen lassen, wusste er nicht mehr. Aber er erwachte mit einem überwältigenden Gefühl der Panik.
Er realisierte, dass er in dem Gästezimmer, noch völlig bekleidet, auf dem Bett lag. Ihm war übel, sein Magen erhob sich. So schnell er es in seinem Zustand vermochte, stolperte er ins Bad und übergab sich in die WC-Schüssel.
Nachdem sich seine Magen beruhigt und er sich gesäubert hatte, ging er hinunter in das Erdgeschoß. Seine Armbanduhr zeigte, dass es halb drei war. Draußen herrschte noch die dunkle, mondlose Nacht. Es regnete leicht. Die Fenster des Esszimmers waren noch immer geöffnet, das Deckenlicht brannte. Eine Menge Motten und sonstiges fliegendes Ungeziefer hatten sich vom Licht und den geöffneten Fenstern anlocken lassen. Henry schloss die Fenster und die Klappläden. Schließlich nahm er den Brief seines Bruders wieder zur Hand und las weiter.
… Das ist erstmal das Ende der Geschichte - unserer Geschichte, Henry, mein Bruder. Unserer Geschichte, als wir noch Kinder und unschuldig waren.
Der Rest ist schnell erzählt. Ich studierte Jura wie unser Vater. Parallel dazu BWL. Zeit meines Berufslebens half ich unserem Vater bei seinen Geschäften.
Du bist nach München gegangen und hast fortan Dein eigenes Leben gelebt. Und das war auch gut so.
Eines solltest Du aber realisieren. Etwas, was mir nie Ruhe gelassen hat: Wir beide sind Juden, Henry.
Egal, in welcher Konfession wir erzogen worden sind.
Das Judentum wird über die Mutterlinie übertragen.
Nachdem ich das alles, was ich aufgeschrieben habe, in Erfahrung gebracht hatte, wollte ich mich als Jude fühlen, aber es gelang mir nicht - ich glaube an nichts. Ich habe mich lang genug damit beschäftigt, um zu erkennen, dass ich nie ein gläubiger Mensch, geschweige denn ein gläubiger Jude werden könnte.
Ein Gedanke ließ mich trotzdem nie los. Unser Vater gehörte zu denen, die das Volk, aus dem wir stammen, gemordet haben. Von allen Texten der Bibel hat mir eigentlich nur eine Stelle Trost gebracht: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Um Vergeltung geht es, um Gerechtigkeit.
Wenn Vater geschäftlich nach Westdeutschland muss, und dass passiert oft, dann fahre ich ihn. Ich fahre und Vater schläft oder liest in seinen Akten. Es gibt da eine Brücke über die Autobahn in der Nähe von Ziesar. Die habe ich ausgesucht. Dort sind die Brückenpfeiler noch nicht durch Leitplanken gesichert.
Ich habe schon mehrmals auf unseren Fahrten ausprobiert, wie lange es dauert, bis ich Vater erzählt habe, was ich weiß. Und ihm erklärt habe, dass er jetzt sterben wird. Mich interessiert überhaupt nicht, was er antworten wird.
Ich will nur, dass er weiß, warum er vor seiner Zeit sterben wird. Ich will, dass er weiß, dass er letztlich nicht davon gekommen ist.
Ich bin jetzt müde.
Ich schließe jetzt. Mach aus Deinem Leben mehr, als ich aus meinem gemacht habe, ich wünsche Dir Glück,
Dein Bruder Manfred

Henry ließ seine Hand mit dem Brief darin sinken. Er horchte in sich hinein. Er versuchte, zu ergründen, was er fühlte. Was er, außer der Leere und den unangenehmen Nachwirkungen des Alkohols, fühlte. Lange saß er so da. Ab und zu trank er von dem Schnaps, der immer noch auf dem Tisch stand.
Irgendwann registrierte er, dass die Sonne aufgegangen war. Die Vögel hatten schon seit einiger Zeit wieder angefangen zu lärmen und zu singen.
Er fühlte sich betäubt und schwach. Sollte er jetzt etwas tun? Was? Was gab es überhaupt noch zu tun, außer dass er das aushalten musste, was er erfahren hatte und damit weiterleben musste.
Sein Kopf sank auf die Tischplatte und er stöhnte hoffnungslos.
Später an diesem Vormittag fuhr in seinem Wagen zu dem Friedhof. Vom Grab seines Vaters waren die Kränze, die bei der Beerdigungsfeier niedergelegt worden waren, entfernt worden. Ein einfaches Holzkreuz stand am Kopfende des Grabes. Der bestellte Grabstein war noch nicht geliefert und eingesetzt worden. Der Boden über dem Grab war noch zu weich, hatte ihm der Bestattungsunternehmer gesagt.
Später fuhr er nach Dahlem. Das Sanatorium lag in einer stillen Seitengasse. Die Stationsschwester wies in den Garten. Bei dem schönen Wetter würden sie alle Patienten, wenn möglich, an die Luft bringen. Henry ging in den Garten. Unter einer Linde stand neben einer Gartenbank ein Rollstuhl.
Darin saß Manfred, in eine warme Decke gewickelt und angeschnallt. Sein Kopf mit den wirren, nur oberflächlich gekämmten Haaren war leicht zur Seite geneigt, etwas Speichel lief aus seinem Mundwinkel. Um die Stirn trug er noch einen schmalen Verband.
Henry zog ein Taschentuch heraus und wischte den Speichel behutsam weg. Er drehte den Stuhl so, dass er Manfred ansehen konnte und setzte sich auf die Bank. Nach einer Weile und während er das unbeweglich lächelnde Gesicht seines Bruders betrachtete, sagte er: "Hallo, Manfred, wie geht es dir heute?"
Manfred blickte mit seitlich geneigtem Kopf stumm vor sich hin. Kein Zeichen, dass er hören konnte und verstand. Die Augenlieder halb geschlossen, die Muskeln seines Gesichtes schwach und ohne eine Mimik zu erzeugen, bis auf das schwache Lächeln um die Mundwinkel, welches Manfred etwas senil aussehen ließ. Aus dem Mundwinkel rann wieder etwas Speichel. Wieder säuberte Henry behutsam und sorgfältig das Gesicht seines Bruders.
Henry räusperte sich und sagte leise: "Ich habe deinen Brief gefunden, Manfred." Er wartete, aber Manfred reagierte nicht. Die Ärzte, mit denen Henry nach dem Unfall und der Nachricht, dass sein Vater noch an der Unglücksstelle verstorben war und sein Bruder schwerstverunglückt im Koma lag, gesprochen hatte, hatten ihm keine Hoffnung gemacht. Zu schwer waren die Verletzungen am Kopf und dem Gehirn, die Manfred sich bei dem Unfall zugezogen hatte. Sehr wahrscheinlich würde Manfred in diesem Zustand bleiben, bis er irgendwann starb. Er konnte nicht selbstständig gehen, nicht sprechen und auch sonst keine Handlungen selbstständig ausführen.
"Ich habe gelesen, was du geschrieben hast, Manfred."
Wieder wartete er. Tränen stiegen ihm in die Augen. Er beugte sich vor und legte vorsichtig und behutsam seinen Kopf in Manfreds Schoß. Er weinte still und hemmungslos und schluchzte leise. Nach einer Weile wurde er ruhiger.
"Weißt du, Manfred", murmelte er in die Decke in Manfreds Schoß, "Ich war vorhin auf dem Friedhof. Bei ihm, Manfred." Er schwieg einen Weile.
"Ich hab´ auf sein Grab gepisst, Manfred."
Und wieder nach einer Spanne Zeit glaubte er zu spüren, wie sich eine Hand zart und leicht auf seinen noch leise zuckenden Rücken legte. Aber vielleicht träumte er auch nur.



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Eingereicht am 09. Februar 2007.
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