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Kurzgeschichte Alltag Kurzprosa Geschichte Erzählung short story

Ebbes

© Klaus Herrgen


"Sie stirbt, sie stirbt!" ...
Es hatte geklappt. Er hatte es geschafft. Alles war gut gelaufen. Felix hatte damit gerechnet, doch darf man sich nie zu sicher fühlen. Wie schnell unterläuft einem ein kleiner Fehler, wie rasch wird man bei einer Unachtsamkeit ertappt! Nun, das nötige Quäntchen Glück hatte nicht gefehlt. Wäre die Straßenbahn nicht aufgehalten worden, wer weiß, ob sie ihm nicht in die Quere gekommen wäre, dann hätte alles noch schief gehen können. Aber mit solchem hätte und können musste er sich nun nicht mehr belasten. Zu Hause warteten sie schon auf seine Erfolgsmeldung.
Kaum dass der begehrte Schein in seiner Brieftasche steckte, saß Felix in einem wahren Traumwagen, einem ruhig dahingleitenden Sechszylinder. Welch ein Unterschied zum bollernden Boxermotor, den Burkhard für gewöhnlich Anfängern empfahl und für angemessen hielt.
Die anderen saßen noch im Café Angst und warteten auf ihre Bahn oder darauf, dass man sie abholen würde. Einige hatten ihren Schein, den sie salopp "Pappe" nannten, noch völlig aufgeregt, mit zitternden Händen in die Plastikhülle gesteckt, die sie als werbende Beigabe erhalten hatten. Für sie war Burkhard zusätzliche Frühschichten gefahren, um ihnen Mut und Sicherheit zu geben. Bis eben war er ihr großer Zampano, der starke, erfahrene Mann. Man schmeichelte ihm, lachte über seine Witze, hörte andächtig zu, wenn er sprach, buhlte um sein Wohlwollen, hoffte, dass er Fehler und Schwächen mit Geduld und Nachsicht behandeln würde. Das war jetzt vorbei, seine Rolle war ausgespielt. Innerhalb weniger Minuten war er seiner Machtposition beraubt.
Burkhard konnte das egal sein. Er kannte dieses Spiel, bei dem es schon morgen neue unterwürfige Partner für ihn geben würde. Außerdem blieben noch die Gescheiterten, die sich nun besonders willig seinem Rat und seiner Führung anvertrauen würden. Führung war seine Profession. Seine Haltung und sein Auftreten hatten sich wenig verändert, seit er die Uniform an den Nagel gehängt hatte. Er war im Geschäft geblieben. Schließlich gehörte er noch nicht zum alten Eisen, und das Zubrot zur Pension erfüllte ihm jetzt manch lang gehegten Wunsch. Vom Sechszylinder hatte er früher nur träumen können. "Das ist ein Traumwagen, Junge!" Da gab es keinen Widerspruch. Felix bestärkte ihn in seinem Besitzerstolz. Junge wurde man von ihm öfter genannt. Das war noch der Ton des Oberfeldwebels gegenüber Rekruten. Verstand man damit umzugehen, zeigte er seine gönnerhafte, väterliche Seite. "Steig ein, ich nehm dich mit, du musst nicht auf die Bahn warten." Das Du konnte er sich jungen Männern gegenüber nicht abgewöhnen, die ihn, wenn sie unter sich waren, "den Du" nannten, es aber nie gewagt hätten, den Du zu duzen.
"Ich muss unterwegs nur noch meine Frau aufsammeln, setz dich besser gleich nach hinten. Sie wartet am Stadtkrankenhaus auf mich und steht jetzt bestimmt schon da." Er warf einen gequälten Blick auf seine gediegene Uhr. Den zusätzlichen Chauffeurdienst beklagte er nicht. Dafür hatte er seinen Traumwagen, und seine Frau durfte vom Zweitwagen träumen.
Die Fahrt im Fond dieses neuen, noblen Wagens hätte ruhig noch länger dauern dürfen, aber da stand seine Hilde weinend am Straßenrand und wollte nicht einsteigen. Die farbigen Längsstreifen ihres kurzärmligen Sommerkleides versuchten vergeblich, sie schlank aussehen zu lassen. Sie wirkte wie ein bunter Luftballon, auf dem das vom Weinen gerötete Gesicht eines ansonsten blassen Menschen saß. "Sie stirbt, sie stirbt!", jammerte sie mit tränenerstickter Stimme und blickte dabei ihren Mann hilfesuchend an. Die schöne Fahrt hatte ein jähes, trauriges Ende gefunden. Burkhard stieg aus und zeigte auch in dieser Situation Haltung und Übersicht. Er deutete erklärend auf Felix, was Hilde kaum mit einem Nicken zu quittieren vermochte. "Sie stirbt, sie stirbt, und ich soll ihr aus der Bibel vorlesen. Ich weiß doch auch nicht. Was soll ich denn machen. Ich weiß doch auch nicht." In ihrer Angst und Aufregung begann sie Dialekt und Schriftsprache zu mischen. "Ebbes muss es doch geben!" Burkhard strahlte Ruhe und Festigkeit aus. Offensichtlich war hier nicht von einer nahen Angehörigen die Rede, wohl eher von einer Kegel- oder Sangesschwester. Wanderklub schied aus, das passte weder zum Du noch zu seiner Hilde.
Hilde war die einzige Besucherin am Krankenbett gewesen und musste versprechen, wiederzukommen. Jetzt hoffte sie auf Unterstützung durch ihren Mann. Ganz zufällig war sie in diese kritische Situation geraten. Der zu lang aufgeschobene Krankenbesuch fand heute statt, weil sich die Rückfahrt so bequem arrangieren ließ. Die Schwere der Erkrankung war nicht verborgen geblieben. Das war auch der Grund, weshalb sie den Besuch, zu dem sie sich verpflichtet fühlte, so lange hinausgezögert hatte. Es fiel ihr schwer, in solchen Situationen die rechten Worte zu finden. Außerdem hatte sie nah am Wasser gebaut. Warum musste sie ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt hier erscheinen. Sie tat sich so leid. Hätte man sie vor Betreten des Zimmers nicht noch behutsam warnen können? Ganz still hätte sie sich zurückgezogen und wäre mit der Straßenbahn nach Hause gefahren. Dann hätte sie ihren Mann sogar noch im Café anrufen können, und der hätte gleich seinen Terminkalender der neuen Lage angepasst. Bei diesem warmen Wetter lassen sie einen nicht lange liegen. Vielleicht vier Tage, also Donnerstag oder Freitag. Zur Beerdigung mussten sie gehen, das war klar. Garderobenmäßig waren sie auf Sterbefälle vorbereitet. Seit sie in die Jahre kamen, hatten sie immer öfter Verwendung für ihre Trauerkleidung und sahen sich manchmal schon als regelmäßige Friedhofsgänger. Sie wussten, was erwartet wurde, und konnten diese letzten Verpflichtungen trauererfahren absolvieren.
"Was sag ich denn bloß? Ich weiß doch auch nicht!"
Hilde hatte es wohl versucht und aufgeregt mit fahrigen Händen in den dünnen Seiten des dicken, ihr so gar nicht vertrauten Buches geblättert. Felix konnte sich das trostlose Bemühen vorstellen:
"Mose: Dies sind aber die Namen der Männer, die euch beistehen sollen: von Ruben: Elizur, der Sohn Schedëurs;
von Simeon: Schelumiël, der Sohn Zurischaddais;
von Juda: Nachschon, der Sohn Amminadabs;
von ..", hier brach sie ab. Das war zuviel. Auch in ruhigerer Gemütsverfassung wäre sie an diesen Namen gescheitert.
Sie blätterte und begann erneut:
"Jesaja: Ist Kalne nicht wie Karkemisch? Ist Hamat nicht wie Arpad? Ist nicht Samaria wie Damaskus?
Wie meine Hand gefunden hat die Königreiche der Götzen, obwohl ihre Götzen mehr waren, als die zu Jerusalem und Samaria sind:
sollte ich nicht Jerusalem tun und seinen Götzen, wie ich Samaria und seinen Götzen getan habe?"
Das war doch trostlos. Vielleicht lieber hier:
Laßt euch von Hiskia nicht bereden, wenn er sagt: Der HERR wird uns erretten! Haben etwa die Götter der andern Völker ihr Land errettet aus der Hand des Königs von Assyrien?
Wo sind die Götter von Hamat und Arpad? Wo sind die Götter von Sefarwajim? Und wo sind die Götter des Landes Samarien? Haben sie Samaria errettet aus meiner Hand?"
Es war zum Verzweifeln.
"Du musst jetzt doch mit der Bahn fahren, Junge." Burkhard bugsierte sein großes Auto routiniert in die letzte, schmale Parklücke, vor der andere gekniffen hatten, und ging, seine Hilde stützend, in Richtung Krankenhaus. Von der Straßenbahnhaltestelle aus sah Felix ihnen nach und hörte noch ihr "Ebbes muss es doch geben".
Konnte der Du hier helfen? Bücher waren gewiss nicht sein Metier. Die Straßenverkehrsordnung hatte er im Kopf, und das Praktische galt ihm deutlich mehr als ein fehlerfrei ausgefüllter Fragebogen. Hotelzimmerbibeln ließ er bei seinen zahlreichen Reisen unberührt im Nachttisch. Lieber schaute er abends noch einmal in den Autoatlas, dann wusste er sicher, wo es am nächsten Tag lang gehen und was ihn erwarten würde.
Doch heute galt ein anderer Fahrplan. Da Fahnenflucht nicht in Frage kam, musste man Mut und Festigkeit zeigen; am besten, man nahm die Bedrohung nicht allzu ernst, dachte sich nicht zu tief hinein und trat so auf wie immer.
"Was muss ich denn da von dir hören, hm? Was machst du denn für Sachen? Nun beruhig dich doch erst mal. Na, na, wer wird denn gleich an so was denken. Die Ärzte sagen viel und wissen auch nicht alles. Ich kenne Leute, die hat man schon vor Jahren als hoffnungslose Fälle aufgegeben, die laufen heute noch rum. Das wird schon wieder. Sollst mal sehen, in vier Wochen spielen wir eine Partie zusammen, das kündige ich dir schon heute an. Immer Kopf hoch, auch wenn der Hals mal dreckig ist, ha, ha. Ja, den Humor darf man nie verlieren. Humor und Gesundheit sind doch das Wichtigste." Mein Gott sah die elend aus, war ja kaum wieder zu erkennen. So ein Anblick schlägt einem richtig auf den Magen. Hab' überhaupt keinen Appetit mehr. Hilde hätte doch gleich mit der Bahn fahren können. Es kam aber auch niemand. Wen hätte man verständigen können? Gut, dass er Kinder hatte. Kinder haben in solchen Stunden zu kommen, müssen ihre Telefonnummer für alle Fälle im Stationszimmer hinterlassen. Hoffentlich würde er nie jemandem zur Last fallen. Bloß nicht lang leiden müssen. Am besten, man ist gleich weg, kriegt gar nichts mit. Die andern müssen dann sehen, wie sie zurechtkommen. Wer schon vorher alles regelt, zitiert den Tod ja geradezu herbei. Ist doch grausig! Nein, da lass ich die Finger von, die sollen sich untereinander einig werden. Was geht mich das dann noch an? Weg ist weg!
"Natürlich kann ich dir etwas aus der Bibel vorlesen, wenn du das möchtest, bin doch schließlich auch mal auf der Volksschule gewesen, ha, ha. Na ja, heute zählt das ja nicht mehr, da muss ja jeder gleich Abitur haben und möglichst noch studieren, aber lassen wir das Thema, ich reg mich sonst nur wieder auf, und schließlich sind wir ja deinetwegen hier.
Was soll ich denn lesen? Na, dann muss ich halt mal mein Glück probieren. Genug Seiten hat das Buch ja, da reicht die Besuchszeit nicht aus. Wir können auch nicht mehr allzu lang bleiben. Hilde muss der Kleinen was auf den Tisch stellen, wenn sie vom Kindergarten kommt. Du weißt doch, dass Nicole wieder arbeitet? Wir kommen aber bestimmt wieder, sobald es dir besser geht. Das versprechen wir.
Ja, ja, natürlich lese ich dir noch was vor. Fangen wir doch mal hier an:
"Mose: Henoch aber zeugte Irad, Irad zeugte Mehujaël, Mehujaël zeugte Metuschaël, Metuschaël zeugte Lamech.
Lamech aber nahm zwei Frauen, eine hieß Ada, die andere Zilla.
Und Ada gebar Jaba ...
Warte mal, vielleicht besser hier:
Und der Priester soll von dem Blut des Schuldopfers nehmen und es dem, der sich reinigt, auf das Läppchen des rechten Ohrs tun und auf den Daumen seiner rechten Hand und auf die große Zehe seines rechten Fußes.
Danach soll er von dem Becher Öl nehmen und es in seine eigene linke Hand gießen
und mit seinem rechten Finger in das Öl tauchen, das in seiner linken Hand ist, und etwas vom Öl mit seinem Finger siebenmal sprengen vor dem HERRN.
Auf das Blut des Schuldopfers aber soll er von dem übrigen Öl in seiner Hand dem, der sich reinigt, auf das Läppchen des rechten Ohrs tun und auf den rechten Daumen und auf die große Zehe seines rechten Fußes.
Das übrige Öl aber in seiner Hand soll er auf den Kopf dessen tun, der sich reinigt, und ihn entsühnen vor dem HERRN.
Schau du doch noch mal, Hilde. Ebbes muss sich doch finden lassen!



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Eingereicht am 19. Februar 2007.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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