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So ein Tag eben ...

© Annelie Jagenholz


Und nun nimm zum Danke eine kleine Wahrheit! Bin ich doch alt genug für sie!
Wickle sie ein und halte ihr den Mund: sonst schreit sie überlaut, diese kleine Wahrheit.
Gib mir, Weib, deine kleine Wahrheit!'' sagte ich. Und also sprach das alte Weiblein:
"Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!"
Also sprach Zarathustra
» Lesetipp
Schlüsselerlebnisse Gregor schlug das Buch zu, klemmte es sich unter den Arm und blickte an der Häuserfront hinauf. "Netter Zufall." dachte er belustigt. Die Fassaden schienen facettenreich zersplittert. Eine Aneinanderreihung von bunten Quadraten, Architektur der Sechziger. Er lächelte. "So früh wird sie mich gar nicht erwarten!"
Das Gebäude tanzte im Rhythmus des Baulärms, der durch die gesamte Stadt zu dringen schien. Die Fluchten der vor ihm liegenden Straße stürzten in sich zusammen. All das wirkte so auf ihn, weil er nach der kurzen Bahnfahrt gerade erst aus seinen Gedanken getaucht war, wie man immer erst wieder die Welt um sich herum neu entdecken musste, um sich zurechtzufinden. Bauarbeiter zerschmetterten neben ihm mit Schlagbohrern das Pflaster.
Vorsichtig stieg er über den aufgebrochenen Beton, öffnete die Haustür und trat in das Gebäude. Um die Schulter trug er eine Bullenpeitsche, durch die er sich stark und unangreifbar fühlte. Wie sich jeder Künstler seine Persönlichkeit kreierte, wie sich Hemingway den ruppigen "alten Hund" zurechtschneiderte oder Warhol sich unter Perücke, Sonnenbrille und "Kaugummigkau" versteckte, fand auch er in dieser Selbstkreation den Mut vor Menschen zu treten. Lederjacke, zottiges Haar und der schwarze Riemen der Anerkennung. Einmal entkam er nur knapp einer Verhaftung, weil die Beamten ihn nicht so recht einzuschätzen wussten. Eine seltsame Art von Stolz war da durch seinen Körper gekrochen. Diese Momente waren selten.
Kleine Wahrheiten, in Stücken gereicht, ein eigener Blick in die Welt. Das dicke Buch von Nietzsche sollte ihm ein bisschen Wegweiser sein, war aber ebenso weiteres Accessoire für das Kostüm Individuum. Philosophischer Modetrend, Verkleidung, um vom eigenen Selbst abzulenken. Das unsichere Wesen ringt mit sich, stellt seine Erwartungen an das Leben. Belohnung für jeden Schritt. Ein Übereinanderklettern aus Berechnung.
Durch das Treppenhaus zog Kälte. Hier wohnte eine alte Bekannte, erfrischend exzentrisch, die ihm am Vorabend einen Vorschlag unterbreitet hatte. Eine Poesielesung im außergewöhnlichen Stil, anschließend das schreiende Gespräch im Rausch der Kreativität. Anregungen durch Gin und Aqua Minerale. Die Dame war Inhaberin eines Theaters und hatte ein Bühnenprogramm geplant, in dem Bilder über Wände huschten, jazzige Musik über die Köpfe hinweg schwebte und zweifelhafte Gestalten von erhöhten Barhockern herunter ihre Literatur vortragen sollten. Irgendwie fand Gregor das ansprechend. Abgedunkelte Räume, schwere Vorhänge. Duft von Pfeifengeruch in der Luft. Er hoffte zwar nicht auf wahrhaft interessierte Zuhörer, doch überhaupt die Gelegenheit zu erhalten, etwas aus seinem kleinen Notizbuch vorlesen zu dürfen, eine Art Verwandlung zu bedingen, dieser Adrenalinstoss, der einen in völlig andere Höhen katapultierte, schuf in seinem Inneren ein kribbelndes Gefühl der Vorfreude.
Die Stockwerke des Hauses lagen düster über seinem Kopf. Langsam ging er die erste Treppe hinauf und betrachtete dabei das Graffiti an den Mauerwerken, das Künstler wie Keith Harring und Jean-Michael Basquiat zur Kunst erhoben hatten. Als er das erste Stockwerk erreicht hatte, vernahm er auf einmal Schreie aus einer der geschlossenen Wohnungstüren. Er blieb stehen und biss sich auf die Lippen. In exponierter Stellung ließ er die Arme sinken, bog die Schultern tief hinunter und lauschte. Ein sensibler Ausdruck breitete sich in seinem Gesicht aus und erweckte kurzzeitig die Vorstellung eines traurigen Clowns. Tanz am unteren Ende der Leiter. Nun hörte er die Stimmen erneut. Dumpf und tief schwollen sie zu Streit heran, während schluchzende Laute dazwischenzuckten. Er traute seinen Ohren nicht. Soziales Verhalten machte den Menschen schwach. Dadurch, dass er sich auf die Hilfe eines anderen verließ, gab er eigene Verantwortung ab. Diese Schlüsse zog Gregor aus einem anderen Gedanken Nietzsches. Doch der Mensch blieb nun einmal Mensch, ein guter Kern schlummerte in ihm, nur eine Ahnung, ein Bauchgefühl, dass er durch den Verstand zu übertönen suchte. Gregor hoffte auf das tolstoi'sche Gute. Er trat einige Schritte auf die Tür zu und entdeckte, dass diese nur angelehnt war. Das erklärte auch die Geräusche. Gewöhnlich lag das Haus in empfindlicher Stille, dass manchmal die eigenen Schritte wie Donnerschläge von den Stufen widerhallten. Ganze Welten und nie erahnte dunkle Geheimnisse verbargen sich wohl hinter jeder Tür, doch die Wände waren gut isoliert. Kein Lärm drang durch das Treppenhaus, als wären sämtliche Eingangstüren in Watte gekleidet.
Gregor rieb sich das Kinn. Vorsichtig öffnete er einen Spalt und erblickte die Umrisse zweier Gestalten, die nur im Aufflackern der Fernsehbilder sichtbar wurden. Zögernd stand er vor der Wohnungstür dieser fremden Familie. An den Wänden verzerrten sich große Schatten in wilder Bewegung, beinahe parallel über seinen Schädel hinweg. Also trat er durch den Türrahmen und fand sofort seine Vermutung bestätigt. Dort stand ein Mann, der seine Frau schlug.
Er war groß und stämmig, mit riesigen Fäusten. Seine Kleidung verwies auf seinen handwerklichen Beruf und das rote Gesicht lediglich auf ihn, … den Menschen. Mit ein paar gezielten Hieben beförderte er die heulende Frau in eine Ecke zwischen Diele und Wohnzimmer, dass Gregor ein hitziger Stoss an Scham durch das Gesicht fuhr und er einen Schritt zurücktrat. Vom Esstisch donnerten die Reste des Abendessens auf den Fußboden. Kerzen ergossen sich in Wachs über das Geschirr, Gläser zerschellten und einige abgenagte Hühnerknochen flogen in elegantem Schwung zwischen die Schrankwände. Die Vergänglichkeit des Irdischen hätte nicht besser festgehalten werden können.
Warum war man nur immer peinlich berührt, wenn man fremdes Leben in dieser Form erblickte? Sichtbar gemachte intime Grausamkeit. Das private Raubtier nicht für andere Augen bestimmt. Was sollte er tun? Mit einem Satz sprang Gregor in die Szenerie, stellte sich direkt vor den Mann und brüllte:
"Schnitt… Schnitt. Wir schreiben die Szene um. Das ist ja kein Zustand. Viel zu viel Gewalt!" Der Kerl fuhr erstaunt herum, baute sich in voller Größe vor ihm auf, blickte auf ihn hinab, wunderte sich kurz über die Bullenpeitsche, die Gregor über die Schulter trug, und lachte.
Dann wurde er wieder ernst oder wohl eher grimmig, kniff die Augen zu Falten voller Hass, und packte ihn am Kragen. Während Gregor nach Luft rang, zerrte der Typ ihn zum Fenster, öffnete dieses und wollte ihn dort hinaus befördern. Hätte seine Frau Gregor nicht mit all ihrer Körperkraft an den Beinen gepackt; und hätte sie ihn nicht festgehalten, würde er wohl nie mehr im Leben den Mut für Bungeejumping aufbringen. So fand er die Gewalt über seine Muskeln wieder und klammerte sich an der Fensterbank fest. Steif, wie ein Brett, drückte er sich gegen den Druck in seinem Rücken. Schließlich zog der Andere ihn wieder hinein, schleifte ihn zur Tür, trat ihn hinaus in das Treppenhaus und stieg, ihn an den Beinen zerrend, die Stufen hinunter, während Gregors Kiefer dabei einige Male auf die Treppenkanten krachte. Nach zehn wie in Zeitlupe gezählten Stufen trat die nun riesig erscheinende Silhouette noch einmal auf ihn ein und ging dann wild fluchend wieder hinauf zu seiner Wohnungstür, die auch sofort ins Schloss fiel und Schweigen auslöste.
Keuchend lag Gregor am Boden und spuckte zwei seiner Vorderzähne in die Hand. Er glaubte ein Echo zu hören. Eine Empfindung, als wäre das Gehirn näher als die Augen, verbreitete sich in einer leichten Panik. Sein Mund klaffte ächzend in schwarzer Höhlung auf, wobei sich das Blut unter seiner Zunge sammelte und trotzig auf seinem T-Shirt und in gesprenkelten Tropfen an den Wänden verendete.
[i]Ich muss meinen Körper bewegen um meinen Geist zu bewegen um die Wörter zu bewegen um meinen Mund zu bewegen[/i]; ächzte Gregor in Gedanken.
Zittrig stemmte er sich in die Höhe, wischte sich über die Lippen und taumelte aus dem Gebäude. Die Bekannte vom Vorabend würde er ein anderes Mal besuchen, wenn er wieder die Andeutungen eines Lächelns aufbringen konnte. Sie käme noch auf Ideen, aus ihm ein Kunstwerk zu formen. Konzeptkunst in Menschenformat. "Der, der die Treppe hinunter geschleift wurde". Die frische Luft versetzte ihm einen zweiten Schlag in das Gesicht, und er entschied ohne Umweg einen Zahnarzt aufzusuchen. Als er über eine rote Ampel lief, bemerkte er mit Schrecken, dass er seine Peitsche bei dem Treppensturz verloren hatte. Nun stieg Wut in ihm hoch und er ballte die Fäuste. In seiner Nähe quietschten die Reifen eines bremsenden Autos. Er blieb mitten auf der Straße stehen, stampfte mit dem Fuß auf und kreischte:
"Für die Peitsche habe ich hundert Mäuse hingeblättert! Wo bleibt die Gerechtigkeit?" Die Köpfe in den Autos schüttelten sich. Einige Augenpaare waren erstaunt aufgerissen, so manches Bein spielte mit dem Gaspedal, aber Gregor hatte sich schon wieder beruhigt und erreichte den anderen Bürgersteig. Alles vor seinen Augen wirkte oszillierend, wie ein Trugbild, das sich im nächsten Moment in ein bloßes Flimmern der Luft auflösen konnte. Mit dem Zeigefinger befühlte er die Leere hinter seinen Lippen. Ein leises Vibrieren war in seiner Brust zu spüren. Er zuckte mit den Schultern, stieß sich an einem Hydranten und verwischte in einer Geste jegliche Erwartungshaltung aus seinem Geist. Vielleicht musste er sich auf diese Überzeugungen zurückberufen, dass die Welt logisch und gesetzmäßig geordnet sei, auch dort, wo es nicht immer und unmittelbar einzusehen war. Loslassen diese Verkettungen, diese Hoffnung auf Belohnung. Gute Tat ohne Resultat. Eine alte Frau trippelte an ihm vorbei, verlangsamte den Schritt, kehrte um und gab ihm ein Taschentuch. Gregor drückte es sich auf den Mund und atmete durch. Irgendwie wurde sein Schritt nun leichter. Dieser Geistesschwung rettete ihm möglicherweise das Leben, zumindest kackte ihm nicht einmal mehr ein Vogel auf die Schulter.



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Eingereicht am 21. Februar 2007.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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