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Eingereicht am
25. Februar 2007

Süchtig

© David Stinner

Am Horizont ging langsam die Sonne wieder auf. Er war bereits Stunden dort, hatte sich unter Schmerzen hierher gequält. Zu dieser Brücke. Er brannte wie Feuer und mit jeder Bewegung wurde es schlimmer. Wasser. Wasser war alles was er wollte. Seine Rettung. Es war ihm auch egal, wie kalt es war. Im Winter. Seiner Kleidung hatte er sich schon längst entledigt, wegen des Feuers, was in ihm zu brennen schien. Nichts genützt hatte es, die Anstrengung hatte es nur noch schlimmer gemacht. Er wusste, er musste es löschen. Nur wie? Ihm fiel der Fluss ein. Es war zwar ein weiter Weg und er war nackt bis auf die Knochen, aber das war ihm egal, er registrierte es nicht einmal. Auf dem Weg zur Brücke hatte er sich mehrfach übergeben, es war wie flüssiges Feuer, das aus ihm heraus wollte. Musste. Er schmeckte Eisen. Blut. Seinem? Er war nicht ganz sicher. Und es war ihm auch egal. Unterwegs begegnete ihm eine Frau, die schrie, als sie ihm sah. Schrie vor Angst, sie wollte ihren Hund auf ihn Hetzen. Aber als dieser ihn erreicht, winselte er nur voller Mitgefühl, ließ die Ohren hängen und rannte zurück zu seiner Herrin, die bereits geflüchtet war. All dies bemerkte er nur beiläufig, als sei es nicht wirklich, Instinktiv, nicht bewusst. Das Gleiche galt auch für den Schnee und den Dreck, durch den er sich schleppte, der an ihm haftete. Mehrfach rutschte er aus, bis er es irgendwann aufgab wieder aufzustehen und stattdessen kroch. Hätte ihn so jemand gefunden, jemand mutigeres oder einfach nur verrückteres als der Hund, ein Polizist oder eine Polizistin vielleicht, die ihm hätten helfen wollen und ganz klassisch zuerst nach seinem Namen gefragt hätten, so hätte er ihn nicht nennen können. Er hätte ihn nicht gewusst. Auf die Frage, was er habe, wäre er eine Antwort schuldig geblieben. Nicht, weil er nicht wusste, warum sein Körper rebellierte, seine Glieder nachgaben und die Schmerzen ihn zu zerfetzen drohten, doch das Feuer schien ihn jeglicher Fähigkeiten beraubt zu haben. Er glaubte zu spüren, wie seine Spucke verdunstete unter diesen Höllenqualen. Warum nur brannte er, diese frage stellte er sich nicht. Er wusste es zwar nicht, wusste aber auch nicht, dass er es wissen wollte. Er wollte nur zu brennen aufhören, wollte dass die Schmerzen aufhören, weiterleben. Mit letzter Kraft, die er nicht mehr besaß, zog er sich noch ein Stückchen weiter. Mittlerweile glaubte er das Wasser spüren zu können. Zu riechen. Zu fühlen. Er war ganz nah, fast da. Nur noch ein Zug...

Obdachloser tot im Park gefunden
Nackter Mann gibt sich "goldenen Schuss"

So der Titel, der den Artikel einleitet, einen kleinen, auf der letzten Seite, an dessen Ende darum gebeten wird, zur Beerdigung eines anonymen Menschen zu gehen, weder Name, Alter, Familie oder Geschichte scheint zu interessieren, aber es gibt eine Aufforderung zu spenden, damit er verbrannt werden kann. Staub, der nie existiert zu haben schien.

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