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Eingereicht am
26. Februar 2007

Welcome to Fairy Dale ... a fairytale

© Britta Dubber

Die beigefarbene Jacke war zwei Nummern zu groß; der graue Rock kaum breiter als ein Gürtel.

Gemma Katzbaum wusste wirklich nicht viel von Mode. Ihre strähnigen hellblonden Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten; die braunen Augen waren mit violettem Kajal umrandet und der ohnehin viel zu breite Mund glänzte in einem satten Rot.

Warum sie dennoch die ungeteilte Aufmerksamkeit der Bewohner von Fairy Dale auf der Stadtversammlung genoss, war mir ein Rätsel.

Sie lispelte nicht nur, sie verschluckte ganze Buchstaben und verstümmelte so die Sätze ihrer langweiligen Rede über artgerechte Haltung liebestoller Buntfleckkühe.

Niemand wusste was Buntfleckkühe waren; vermutlich behandelte Gemmas Rede ein ganz anderes Tier, welches aber aufgrund ihrer schlechten Aussprache einfach in eine Buntfleckkuh umbenannt wurde.

"Faszinierend, findest du nicht?", flüsterte mir Jim, mein Sitznachbar zu. Stirnrunzelnd blickte ich ihn an und wollte gerade seine Stirn fühlen, als er weiter sprach. "Ist dir aufgefallen, dass sie viele Buchstaben einfach vertauscht?"

"Was?"

"Erstaunlich, dass sie ganze Sätze bilden kann ohne konsequent bestimmte Buchstaben zu benutzen."

"Das nennst du ganze Sätze? Wovon handelt eigentlich ihre Rede?"

"Es hat gedauert bis ich dahinter bekommen bin, aber da ist Logik dabei. Die a?s lässt sie ganz weg und die p?s ersetzt sie durch ein b und umgekehrt. Aus dem z hingegen macht sie ein w. Und aus dem s dann ein z."

"Faszinierend", murmelte ich und gähnte. Eine halbe Stunde dauerte die Versammlung noch, erst dann wurde das Buffet eröffnet und Bier ausgeschenkt.

Zum Glück fand diese Stadtversammlung nur einmal im Monat statt. Ich warf Jim einen äußerst garstigen Blick von der Seite zu. Immerhin hatte er mich zur Teilnahme überredet.

"Hast du mich deswegen hier her geschleppt? Um mir die Logik an Gemmas Ausdrucksweise aufzeigen?"

"Nein, nicht deswegen."

Ich seufzte und sank ein bisschen tiefer in den Sitz. Die Stühle waren hart und unbequem. Vermutlich war das Absicht, damit sich die Versammlung nicht noch länger hinzog als ohnehin schon. Wenn der Bürgermeister immer die obligatorische "Wünscht noch jemand etwas mitzuteilen Frage stellte", dann meldete sich fast niemand. Alle waren vermutlich froh aus diesen Plastikstühlen zu kommen und die Langeweile mit einem Bier und einem Sandwich zu kompensieren.

Gemma änderte ihre Rede mit einer Bitte, die Bewohner, die nahe der Straße wohnten, sollten sich alle zwei Tage die Füße waschen, wenn es regnet; zumindest hatte es sich für mich so angehört. Gesagt beziehungsweise gemeint haben wird sie etwas vollkommen anderes. Aber es war beruhigend, um mich rum lauter irritierte Gesichter zu sehen. Bis auf Jim. Aber wen kümmerte schon Jim? Der schlief immerhin bei geöffneter Tür, damit im Falle eines Einbruchs keine Fensterscheibe zu Bruch ging.

Nach dem spärlichen Applaus ging der Bürgermeister auf die Bühne, lächelte der vorbei gehenden Gemma zu, wie jemanden, dem man in einer Nervenheilanstalt eine Schachtel Bonbons schenkt, dann trat er ans Mikrophon und fragte: "Wünscht noch jemand etwas zu sagen?"

Stühle wurden bereits gerückt, als Jim aufsprang und laut rief "Ja, Miss Cartis und ich möchten gerne eine Entschuldigung einfordern, von Mr. Miller, der uns bereits zum wiederholten Male falsch heraus gegeben hat."

Fassungslos starrte ich Jim an, während mein Kopf sich auf die Suche nach passenden Beschimpfungen für ihn machte. Kleinkarierter, sich im Dunkeln in die Hose machender Möchtergern-Klugscheißer, war das erste, was mir einfiel. Nicht besonders originell, aber ich war zu sehr damit beschäftigt den zahlreichen Blicken in dem Raum auszuweichen und rot anzulaufen.

Mr. Miller war uralt und betrieb einen Lebensmittelladen. Normalerweise hatte er sich zur Ruhe gesetzt und seine Tochter hatte den Laden übernommen, doch seit sie sich das Bein mehrmals gebrochen hatte und für mehrere Wochen ans Bett gefesselt war, sorgte nun wieder ihr Vater für das leibliche Wohl der Bewohner von Fairy Dale. Leider waren seine Augen und Ohren nicht allzu gut , was zu zahlreichen Missgeschicken führte. So hatte er mir neulich versucht ein frisch geschlachtetes Huhn zu verkaufen. Statt einem kalten Bier, hatte er ein kaltes Tier verstanden.

Und durch die Sehschwäche hatte er Schwierigkeiten mit dem Wechselgeld, aber im Gegensatz zu Jim genügte mir die Erklärung, er sei ein alter Mann.

Jim hingegen hatte sich wieder eine seiner Verschwörungstheorien zurecht gelegt, die er nun ohne rot zu werden den anderen mitteilte.

"Seine Tochter ist längst abgehauen mit all den Ersparnissen und nun versucht er durch die Herausgabe durch zu geringem Wechselgeld den Verlust auszugleichen. Immerhin wollte er sich doch irgendwo im Süden eine Wohnung kaufen."

Viele Bewohner waren bereits von ihren Plätzen aufgestanden und gierten in Richtung des Tisches, wo die Teller mit den Sandwiches darauf warteten geplündert zu werden.

"Jim, du spinnst doch", sagte ich und stand nun ebenfalls auf. "Ich möchte betonen, dass ich mit Jims Märchengeschichten nichts zu habe!"

Der Bürgermeister lächelte verlegen und fummelte am Kragen seines Hemdes herum.

"Gut, wenn dann nichts ist, das Buffet ist eröffnet!"

"Wo ist Miller eigentlich heute abend?", fragte Jim lauter als nötig gewesen wäre, als er sich ein Bier vom Buffetisch nahm und es öffnete.

"Er ist alt, Jim. Vermutlich zu Hause mit einer Wolldecke auf der Couch und erholt sich vom Arbeitsalltag. Der Mann hat Gicht oder Rheuma, jedenfalls ist er alt und krank."

Jim schnaubte, nahm einen Schluck Bier und ignorierte die bösen Blicke der Anderen.

Tim Down machte kurzzeitig Anstalten ihm sein Bier über den Kopf zu schütten, wurde aber noch rechtzeitig von seiner Frau davon abgehalten.

"Da steckt Taktik hinter, nen Plan", sagte Jim. "Hier zehn Cent, da fünf Cent. Da hast du schnell nen Haus auf den Bahamas zusammen."

Mitleidig streichelte ich Jim an der Schulter. "Tu mir ein Gefallen. Trink nicht noch ein Bier."

Ich aß den Rest meines Truthahnsandwiches und ging nach draußen. Ich brauchte frische Luft.

Meinen Wagen hatte ich vor Millers Laden geparkt und so nutzte ich die kühle angenehme Nachtluft für einen kleinen Spaziergang. Als ich an Millers Laden angekommen war, traute ich jedoch meinen Augen nicht. Die Fenster waren mit Pappe und Holz verkleidet und an der Tür hing ein riesiges Schild. "Zu verkaufen. Angebote bitte an folgende Nummer richten..."

Es war eine Auslandsnummer. "Die Bahamas", sagte ich leise vor mich hin und lächelte, als ich meinen Wagen aufschloss.

Wenn es sich jemand verdient hatte, dann Mr. Miller.

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