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Eingereicht am
05. März 2007

Der Junge am See

© Gedda

An einem See weit weg von den Menschen, hatte Johannes seinen Lieblingsplatz gefunden. Er ging jeden Tag zu Fuß entlang der stoppeligen Weizenfelder, durch ausgetrocknete Flussbetten und über unzählige ausgedorrte Brennnesseln durchsäht mit stolz emporragenden Distelgewächsen. Da wo die weiche Wiese ins Wasser hineinglitt, legte Johannes seine mitgebrachten Kostbarkeiten ab und schaute mit seinem geübten Augen nach der Wasseroberfläche. Er nahm jede kleinste Regung des Wassers, jeden unscheinbaren Windhauch mit seinem jungen Körper wahr und beobachtete in nicht allzu großer Entfernung die friedlich vor sich her blubbernden Enten. Er wusste, dass dies ein besonderer Tag werden würde: die Enten und Krähen befanden sich in der Nähe seiner Küste, aus den Schilfstauden vernahm er wohlbekannte Geräusche, als würde da unten jemand mit den Fingern schnalzen. Da wo sich die Mücken und Wasserläufer zu einem gemeinsamen Spiel versammelten, sah er, wie sich das Wasser zu einer kleinen Welle aufbäumte, ohne das der Wind zugenommen hätte.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis er eines der anwesenden Seetiere erblicken würde: und da sah er auch schon das Erste! Rötlich schimmernd schoss die Rückenflosse in Richtung eines kleinen Schilfwaldes und verschwand so schnell, dass nur noch das hektische Zucken einiger Schilfhalme die gewesene Gegenwart des Glitzer-Etwas verriet.

Die Sonne stand bereits hoch über dem Horizont und die Hitze hinterließ eine rötliche Spur auf Johannes Gesicht. Eine leichte Brise schien die Sonnenstrahlen gleich einem nächtlichen Sternenhimmel auf dem Wasser wiederzuspiegeln. Rings um seinen geliebten Wiesenplatz entfaltete sich ein fröhliches Rascheln und Knistern ausgeblichener Laubblätter, die erst langsam, dann mit immer ungestümeren Kreisformen auf sich aufmerksam machten. Sollte dieser Blättertanz der Vorbote eines bevorstehenden Wetterwandels sein? Der Himmel war durchwoben mit derselben blauen Substanz, die auch schon die Tage zuvor das morgendliche Aufstehen beflügelte. Keine verschwommenen Wolkenschleier, keine kantigen Wolkenkrusten deuteten auf ein heranziehendes Gewitter hin. Nur der grünlich matte Glanz einiger Schilfhalme prophezeite einen erquikenden Abend.

Zu Hannes Kostbarkeiten, die er bei jedem größeren Ausflug mit sich trug, gehörte seine Bambus-Rute mit Schnur und Angelhaken, ein Ersatzangelhaken, ein Taschenmesser sowie ein Beutel mit Salz. "Hannes" nannte ihn sein Großvater, der in einem alten Haus am anderen Ende des Sees wohnte. Den Ersatzangelhaken nahm er immer mit, seitdem ihm eines jener Wasserwesen seinen einzigen selbstgebogenen Haken mitgenommen hatte. Großvater Franz gab Hannes immer Sätze mit auf den Weg wie: "Pass auf dich auf" ,"sei vorsichtig beim See".

Innerlich wusste er aber, dass Hannes durch eine besonders tiefe Verwandtschaft mit den Pflanzen und Tieren des Sees verbunden war, in der die Gefahr keinen Zutritt hatte. Und obwohl er es liebte, ohne die lästigen Schuhe nach den schönsten Orten der Welt zu suchen, hatte er fast niemals Wunden an seinen zarten Füßen bemerkt. Selbst als er einmal mit seinem ganzen Temperament auf die verlasse Siedlung einer Schneckenhaus-Familie stolperte und dabei die größten Gebäude zum Einsturz brachte, gelangte kein Schmerz von den Füßen zu ihm. Wenn er im Wasser stand und seine Bambus-Rute mit zwei Fingern im Gleichgewicht vor sich herwippte, vergaß er seine Füße und hatte das Gefühl, ein Lebewesen des Wassers zu sein. Hannes konnte es nie verstehen, warum die lauten Touristen, die an den Wochenenden Großvaters Dorf heimsuchten,

mit grell leuchtenden Turnschuhen an der morastigen Küste entlang gingen, ständig darauf bedacht, die Schuhe sauber zu halten. Warum traute sich bloß keiner, ein Lebewesen des Sees zu werden?

Hannes hatte nun seine Bambus-Rute soweit vorbereitet, dass der Angelhaken befreit von der vielen Schnur silberglänzend im Grase lag. Dieses Mal hatte er statt Brot ein paar Stückchen von Großvaters übriggebliebener Käseschale mitgenommen und eines davon an dem Haken befestigt. Eine Armlänge oberhalb des Hakens befand sich der Korken einer vom Wasser angeschwemmten Flasche, die aus einem fernen Land herstammen musste. Er erinnerte sich noch gut an das aufgeweichte Etiquett, auf dem deutlich das Ende eines fremdländischen Wortes mit einem unbekannten Buchstaben zu lesen war:"...pagña."

Hannes glitt nun ganz langsam ins Wasser, wohlbedacht, keine ruckartigen Bewegungen zu erzeugen, da er von der Schreckhaftigkeit der Unterwasserwelt vieles wusste. Er ging dem See entgegen bis das Wasser sein Knie bedeckte. Behutsam holte er mit seiner leichten Bambusrute aus, so dass das Käsestück einige Meter vor ihm in dem trüben Wasser versank. Hätte er eine jener Touristen-Angeln gehabt, dann bräuchte er jetzt nicht im Wasser zu stehen, sondern hätte ganz weit von der Küste aus schleudern können...Aber welche Verbindung hätte er dann mit dem See, woher sollten dann die Wasserwesen von Hannes Anwesenheit erfahren?

Der "Pagña-Korken" bewegte sich langsam entgegen der leichten Brise. Schon früher hatte sich Hannes darüber gewundert, wo diese unsichtbare Strömung herkam. Er war schon an vielen Küstenabschnitten seines Sees gewesen, und überall hatte er diese geheimnisvolle Strömung wahrgenommen. Sie bewegte sich immer von der Seite seiner freien Hand in Richtung seiner Rutenhand. Es schien, als ob sich der ganze See im Kreise drehte. Hannes fragte sich, ob es wohl noch größere Tänze auf dieser Welt gibt?

Die Sonne stand nun direkt über dem Schilfwald, in welchem er bei seiner Ankunft jenes schnelle Zucken bemerkt hatte. Ein markanter Wolkenumriß baute sich dicht neben ihr zu einem pompösen Gebilde auf. Die Rutenschnur kräuselte sich bei der Vorahnung, demnächst mit höheren Wellen kämpfen zu müssen.

Hannes stand da wie ein Schilfhalm und beobachtete mit aufmerksamen Gemüt die ihn umgebenden Veränderungen. Das linke Bein wollte gerade eine verspätete Mittagspause einlegen und war schon drauf und dran, kribbelnd in die Traumwelt zu versinken, als Hannes Rutenarm plötzlich zur Seite gerissen wurde. Erschrocken von soviel ungestümer Kraft gab Hannes blitzschnell das Stück Schnur frei, welches er für solche Momente reserviert hatte und verfolgte mit begeisterter Anspannung, wie der Korken immer mehr beschleunigte. Schon fing sich die Schnur an zu spannen und Hannes wollte gerade die Rute ins Wasser fallen lassen, da geschah das Unerwartete: es war auf einmal alles ruhig! Die Schnur war noch gespannt, Hannes war gespannt, aber nichts passierte!

Was hatte dieses Wasserwesen vor? Wie groß musste es sein, um solch eine Kraft hervorzubringen? Hannes ging zwei Schritte in Richtung Korken. Nichts passierte. Er hielt die Schnur noch gespannt, aber konnte das Lebewesen unter dem Wasser nicht spüren. Kein Rucken. Kein aufbäumender Befreiungsversuch. Selbst das Wasser zeigte keine Luftblasen oder strudelähnliche Bewegungen. Hannes wagte sich ein paar weitere Schritte heran. Dieselbe unbekannte trügerische Ruhe...Nun folgte er der Schnur, bis er an dem Korken angekommen war. Er erwartete jeden Augenblick eine mächtige Bewegung. Langsam tauchte er die Bambus-Rute in Richtung des Ortes, wo er das Käsestück vermutete. Er spürte etwas Festes und zugleich Bewegliches... Sollte das vielleicht ein neues Lebewesen sein, von dem er noch nichts wusste?

Er hob langsam seine Rute und sah, dass sie dünne Fäden enthielt, wie er sie von den Schilfpflanzen kannte. Das war es also. Das Unterwasserwesen hatte sich den Käse geschnappt und war eiligst durch zwei Schilfstauden

entwischt, die über dem Wasser nicht zu sehen waren. Hannes war erleichtert und auch ein bisschen enttäuscht, dass er das Wesen nicht einmal teilweise zu sehen bekommen hatte.

Gedankenversunken befreite er den Haken von der Wasserpflanze und ging beeindruckt vom Geschehen an seine Küste zurück.

Das Echo dieser stürmischen Begegnung pulsierte noch in seiner rechten Hand und er versuchte sich zu erinnern, ob er jemals etwas ähnliches erlebt hatte. Eigentlich kannte er Erfahrungen dieser Art nur vom Hören und Sagen, wobei er bisher von niemand gehört hatte, der so etwas gesagt hätte.

Zurück an seinem Lieblingsplatz sah er, wie sich einige Ameisen darum bemühten, dass Kleinste der mitgebrachten harten Käsestücke fortzutragen. Fasziniert von soviel Eifer und selbstverständlicher Frechheit, setzte er sich daneben und sah diesem Schauspiel zu. Eine der Ameisen lief ununterbrochen um das von den vier anderen Ameisen getragene Käsestück herum und machte den Eindruck, als würde es den Anderen sagen, wie und wohin sie die kostbare Ware tragen sollten. Hannes sah bald, dass sie so nicht sehr weit kommen würden, da sich ringsumher viele Gräser befanden, die den Abtransport behinderten. Natürlich hätte er jetzt eingreifen und das Käsestück zerkleinern können. Aber irgendwie reizte ihn die Vorstellung zu sehen, ob sie es doch schaffen würden. Er schaute also weiterhin zu. Das Käsestückchen bewegte sich noch einige Ameisenmeter weiter, blieb dann aber zwischen einer Graswurzel stecken. Nun begannen die vier Ameisen, die den Käse getragen hatten, ebenfalls aufgeregt um diesen herumzulaufen. Wie heimlich abgesprochen, liefen nun zwei der Trägerameisen hintereinander fort. Sie liefen schnell und geradewegs an den entgegenkommenden Grashalmen vorbei, bis sie dann nach etwa drei Menschenmeter Entfernung in der Erde verschwanden. Hannes hatte sich aufgerichtet und ging den beiden Ameisen einige Schritte hinterher und beobachtete neugierig, was nun bei dem kleinen unscheinbarem Loch in der Erde passieren würde. Nach einigen Ameisenstunden kamen die beiden Ameisen wieder zum Vorschein.

Waren dies dieselben Armeisen die kurz zuvor in das Erdloch hineinschlüpften? Hannes hatte keine Zeit dieser Frage nachzugehen, denn er sah, dass es nun ein ganzes Dutzend Ameisen war, welches sich wohlgeordnet auf den Weg zu dem verkündeten Schatz machten. Aber was war das? Die Ersten kehrten um und liefen gleich wieder zurück! Jede von ihnen hatte ein kleines Stückchen von einem Grashalm auf dem Rücken. Hannes konnte es kaum glauben. Gerade noch hatten sie einen kostbaren Käseschatz entdeckt, zwei ihrer Kameraden losgeschickt um die Anderen zu benachrichtigen, und nun hatten sie nichts Wichtigeres zu tun als Grashalme abzuknicken und nach Hause zu schleppen? Nun gewahrte er aber, wie allmählich immer mehr Ameisen aus dem unterirdischen Gehäuse an die Tagesoberfläche gelangten und aus dem anfangs vereinzelten Hälmchen-Transporten begann ein emsiges Hin-und Her, ein wallendes Grashalm-Meer heranzuwachsen. Erst jetzt begriff Hannes, woran die Ameisen arbeiteten: Sie wollten dem königlichen Schatz einen königlichen Weg bereiten. Vielleicht bauten sie mit den kleinen Halmen ein Erdschloss, damit das Käsestück angemessen empfangen werden konnte?

Nun lenkte Hannes seine Aufmerksamkeit wieder dem kleinen Stück Käse zu und musste mit Erschrecken feststellen, dass in der Zwischenzeit viele Hunderte Ameisen bei seinem Käse angelangt waren und zwar nicht nur bei dem kleinsten Stück! Sie hatten bereits begonnen, mit ihren unsichtbaren Werkzeugen kleine Teile, selbst von den größten Käsestücken abzutragen. Jetzt war aber Schluss! Hannes nahm einen kleinen Stock und schubste die größten Käsestücke zu einer Stelle, an der sich noch keine Ameisen befanden. Zurück blieben das kleine Käsestück, welches bereits auf Wanderschaft gegangen war, sowie viele kleine Käsekrümel, die die Ameisen nun emsig forttrugen. Mit soviel Arbeitseifer hatte Hannes nicht gerechnet! Er war mal wieder um eine wichtige Erfahrung bereichert worden.

Was wäre passiert, wenn das Wasserwesen nicht den Käse mitgenommen hätte und Hannes noch längere Zeit verträumt im Wasser gestanden hätte? Wahrscheinlich wäre dann der ganze Käseschatz zerkleinert, weggetragen und im Erdreich versenkt worden...

Bei diesen Gedanken lenkte er seine Aufmerksamkeit wieder auf den See. Er war dunkler geworden. Die scharfen Wolkenkanten hatten nun endgültig den Sonnenplatz besetzt, die Enten waren näher zusammengerückt und die anfänglich leichte Brise hatte an Willkür zugenommen und zeigte sich nun in Form unbeherrschter vereinzelter Windwallungen. Das reine Himmelsblau war einem trüben Wolkengrau gewichen. An einer einzigen Stelle sah man noch die Reinheit der Vergangenheit durchscheinen...

Hannes hatte ein gerettetes Käsestück befestigt und ging an der morastigen Küste entlang. Wie ein Fischreier hilt er nach auffälligen Bewegungen des Wassers Ausschau.

In den Momenten, in denen sich der Wind bei den Schilfpflanzen verfing, bildete sich über dem Wasser eine schweratmige Schwüle, die von dem Geruch angeschwemmter Wasserpflanzen durchdrungen war. Dem zuvor lustig anmutenden Spiel der Insekten haftete nun etwas Schwerfälliges an. Sie klebten auf dem Wasser, ohne sich ihrer Leichtigkeit zu entsinnen. Und auch Hannes spürte mit zunehmender Entfernung von seinem Lieblingsplatz, dass seine Rute nicht mehr wie eine Feder in der Hand ruhte, sondern mit wachsender Ungeduld nach einer neuen Herausforderung verlangte.

Er folgte nun einem kleinen Rinderweg, der ihn etwas von der Küste wegführte, hinauf bis zu einer von Wiesen umgebenden Anhöhe. Von hier aus konnte er nicht nur den See als Ganzheit überblicken, sondern er sah nun zum ersten Mal die vielen kleinen Schilfbuchten, die den See umringten. Eine dieser Buchten bannte sofort seine ganze Aufmerksamkeit, da sich dort nicht nur Enten, sondern auch fremdartige größere Vögel aufhielten, deren Schnäbel ideal für das Fangen von Seewesen geformt waren. Er ahnte, dass sich dort nicht nur Tiere der Oberwasserwelt versammelt hatten...

Mit erregter Vorfreude stieg er von dem Hügel herab, darum bemüht, die ausgekundschaftete Bucht nicht aus den Augen zu verlieren. Er begann zu laufen. Durch die innere Erregung nahm er keinen der am Horizont immer deutlicher aufzuckenden Blitze wahr. Er lief mit der unbeugsamen Gewissheit, heute noch etwas Großartiges zu erleben. Das er an den Disteln und Brennnesseln keinen Schaden nahm, grenzte nicht an ein Wunder, sondern stimmte mit dem überein, was der Großvater als intime Naturverbundenheit in ihm erkannt hatte.

Nur noch eine Hecke, durch das Flussbett hindurch, über die weiche Wiese... Seine Schritte wurden ruhiger und leiser. Er wusste, dass er nach dem nächsten Felsenvorsprung die ersehnte Bucht erreicht hatte. Fast ein wenig scheu ging er an dem Felsen entlang und da lag sie vor ihm: eine wunderschöne Wasserbucht umringt von majestätischen Schilfwäldern. Alles roch so lebendig und klang unberührt harmonisch...

Eine Handvoll junger Enten spielten miteinander das Spiel der Jugend. Die Älteren blickten wohlwollend dem fröhlichen Treiben zu, reinigten ihre bunten Federn oder saßen zufrieden auf ihren mit Zweigen umflochtenen Nestern. In der Nachbarschaft schwammen schwarzgefiederte Fischreier um einen Baumstumpf herum, an dessen Ende ein merkwürdiger Ast mit leuchtend hellgrünen Blättern herausragte. An dessen Ende ragte eine wunderschöne rötliche Blume empor. Ein Tee aus den Blättern dieser Blume, umringt von soviel übersprudelnder Lebendigkeit musste zur Quelle der ewigen Jugend führen...

Entlang der Schilfwälder standen mit langen grazilen Bambusbeinen jene unbekannten Seevögel, die Hannes von der Anhöhe aus gesehen hatte. Sie hatten eine anspruchsvoll aufrechte Gestalt, und waren bestimmt so etwas wie die "stattlichen Herren" unter den Seevögeln.

Das Wasser war bedeckt von einem silbrig schimmernden Teppich aus linsenartigen Pflanzenblüten. Bei genauerem Hinsehen merkte Hannes, dass sich das Wasser nicht nur bei den Enten und Fischreihern bewegte, sondern gerade unter diesem Teppich eine Quelle übersprudelnden Lebens vorhanden war. Überall blubberte und plätscherte es, die Ringe eines Strudels wurden abwechselnd von dem daneben liegenden abgelöst und weitergeleitet. Es glich einem kochenden Gewässer, dessen Hitzequelle das Leben war. Noch nie hatte Hannes so viele Wasserwesen so eng zusammen gesehen...

Berauscht von dem überwältigenden Anblick stand er da und es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis der erste Blitz Großvaters Dorf erreicht hatte. Das Donnergrollen rollte über den See und riss Hannes aus seiner zauberhaften Idylle heraus. Zu spät bemerkte er, dass sich die Schlinge der kriegerischen Wolken bereits zugezogen hatte.

Um ihn herum war es dunkel geworden. Die eben noch in allen Zügen genossene Umgebung wirkte nun bedrohlich auf Hannes jungen Charakter. Ohne viel zu überlegen, fing er an zu laufen, nicht in Panik, aber doch so zügig wie er konnte. Er hatte jetzt nur noch den Wunsch bei Großvater zu Hause zu sein...

Gerade auf der Anhöhe angekommen, hörte er hinter sich einen ohrenbetäubenden Knall, so dass er vor Schreck seine Rute fallen ließ. Irgendetwas Gewaltiges war hinter ihm geschehen. Er rannte ohne sich umzudrehen den Hügel hinunter, vorbei an seinem Lieblingsplatz bis er die ersten Weizenfelder erreicht hatte. Der Regen peitschte ihm nun kalt ins Gesicht, der Wind war zu einem rempelnden Unhold geworden und der Weg hatte seine richtungsweisende Hilfe aufgelöst ...

Die letzten Minuten bis zu Großvaters Haus waren mit Abstand die ungemütlichsten seines Lebens...

Schon von weitem hatte Großvater ihn wahrgenommen und gab ihm nun warme wollige Kleidung. Sein Wesen hatte etwas Beruhigendes und gab den Kindern im Dorf das Gefühl, dass da einer ihre Welt sehr gut kannte...

Am Kamin erzählte Hannes, wie viel Schönes und Großartiges er heute erlebt, welch eine erhabene Blume er entdeckt und obwohl er seine kostbare Bambus-Rute auf der Anhöhe fallengelassen hatte, schlief er bald beruhigt und friedlich ein. Am Nachmittag des darauffolgenden Tages las der Großvater in dem Dorfblatt:

"Gestern ist auf der anderen Seite von dem See der Blitz eingeschlagen. Er traf einen im Wasser liegenden Baumstumpf. Dieser ist fast vollständig abgebrannt. Wie durch ein Wunder ragt aber noch ein lebendiger Zweig mit einer unbeschreiblich schönen Blume heraus."

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