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Eingereicht am
09. März 2007

Agentur Friedwald Teil 1

© Volker Schopf

Er saß in einem winzigen Büroraum, ein Schreibtisch, zwei Stühle, dahinter ein niederer Aktenschrank, gefüllt mit Ordnern in den verschiedensten Farben.

Der Mann lächelte freundlich, faltete die Hände und musterte Stein gründlich. Dann räusperte er sich, schlug die vor ihm liegende Mappe auf, schraubte die Kappe vom eleganten Füllfederhalter und blickte erneut zu ihm auf.

"Ihr Name?"

"Stein, Hans", stotterte er und spielte nervös mit dem Daumen seiner linken Hand. "Aber … eigentlich bin ich wegen meiner Frau hier."

"Bitte, Herr Stein", sagte der Mann in ruhigem der Situation angemessenen Ton. "Die Formalitäten, Sie verstehen?"

Stein nickte und senkte den Blick.

"Der Tod meiner Frau", versuchte er zu erklären und wurde sofort unterbrochen. Der Tonfall seines Gegenübers wurde ungeduldiger.

"Herr Stein! Ihre Frau hat sich für eine Veränderung in ihrem Leben entschieden und, bitte, dieses andere Wort entspricht nicht den heutigen Erkenntnissen. Deshalb vermeiden wir es hier."

Stein nickte erneut, wurde daraufhin wortkarg. Er antwortete knapp, musste sich jedes Wort aus der Nase ziehen lassen, bis er von dem freundlichen Mitarbeiter der Agentur Friedwald erneut gerügt und mit einem vernichtenden Blick abgestraft wurde.

"Bevor wir uns näher mit den Modalitäten beschäftigen, Herr Stein, zwei Fragen: Wann beschloss Ihre Frau, dass sie in unseren Themenpark übersiedeln will, und wie sind Sie auf unsere Agentur gestoßen?"

"Sie … ich meine Jutta, hat in der Zeitung darüber gelesen und sie stand neuen Ideen, den Zeichen der Zeit, immer offen gegenüber. Seit Friedhöfe …"

"Was für ein garstiges Wort, Herr Stein! Das wollen wir hier aber nicht mehr hören", schimpfte laut Namensschild Herr Kiesewetter und drohte zusätzlich mit dem Füller.

"Sie … ging immer mit der neuesten Mode - Ich hoffe, Sie verstehen, was ich damit zum Ausdruck bringen möchte.... Deshalb … der Wohnungswechsel."

Er atmete erleichtert aus. Wohnungswechsel. Dass ihm das eingefallen war! Stein war stolz auf sich und erntete auch von dem Vertreter ein anerkennendes Lächeln.

"Herr Stein!", rief er sichtlich vergnügt und kam nun zu den angesprochenen Modalitäten. "Es ist von Vorteil für den Umzug Ihrer Frau", nahm Herr Kiesewetter den Faden, den er gelegt hatte, bereitwillig auf, "dass wir sie baldmöglichst zu uns übersiedeln. Das erspart uns unnötige Mühen und Ihnen unvorhersehbare Ausgaben. Deshalb würde ich vorschlagen, dass sie den Vertrag unterschreiben. Während wir die näheren Einzelheiten festlegen, können sich unsere Mitarbeiter bereits um Ihre Frau kümmern."

Stein nickte zum dritten Mal, nahm den angebotenen Füllfederhalter behutsam wie ein rohes Ei in die Hand und setzte zitternd seine Unterschrift an der bezeichneten Stelle unter den Vertrag.

"Ihre Schlüssel?"

"Wie? Ich verstehe nicht."

Kiesewetter räusperte sich vernehmlich.

"Entschuldigen Sie!", haspelte Stein und tastete seine Taschen nach dem Schlüssel ab. "Hier … Sie müssen wissen … Es ist für mich das erste Mal …" Er kaute hilflos auf den Worten herum und vermutlich verstand ihn der Vertreter der Agentur Friedwald deshalb nicht oder nur ungenügend.

"Danke."

Der Bund verschwand in einer Rohrpostbombe, die mit einem saugenden Geräusch aus dem Raum katapultiert wurde.

"Ich werde Ihnen jetzt einige Fragen stellen, Herr Stein und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sie mir so präzise wie möglich beantworten würden. Schließlich hängt die neue Umgebung Ihrer Frau davon ab. Nun denn!"

Die Fragestunde begann. Nach der dreißigsten Antwort wurde Stein der Prozedur allmählich überdrüssig. Wie zuvor fielen seine Antworten einsilbiger aus und er ertappte sich dabei, wie seine Gedanken abschweiften, sich angenehmeren Dingen zuwandten. Er sah sich in der Sonne sitzen, ein Eis essen oder gemütlich vor dem Fernseher lagernd, die Beine hochgelegt und eine Tüte Chips auf dem Schoß.

"Ich rekapituliere", sagte Kiesewetter mit lauter werdender Stimme und zog Steins Konzentration ein letztes Mal auf die bereits mehrfach angesprochenen Modalitäten.

"Ihre Frau liebt Rosen über alles, geht gerne in der freien Natur spazieren und sie hasste die Dunkelheit …"

Stein hörte nicht mehr zu. Wozu auch? In ein paar Tagen konnte er das Ergebnis in einem der Themenparks von Friedwald kostenlos betrachten. Angehörige durften im ersten Jahr kostenlos ihre Familienangehörigen besuchen; selbst die Dauer des Aufenthaltes war in dieser Zeit nicht beschränkt.

Stein verabschiedete sich von Herrn Kiesewetter, nickte ihm dankbar zu, weil ihm die passenden Worte nicht in den Sinn kommen wollten, drückte ihm mit beiden Händen die dargebotene Rechte und schlich auf Zehenspitzen aus dem Büro und anschließend aus den Wandelhallen der Agentur Friedwald.

Zwei Wochen später erhielt Stein die Einladung zum Themenpark Naturfreude in Gießen. Das Glück wollte, dass es ein Freitag war, und so eilte er zum Bahnhof, kaufte sich ein Ticket in besagte Stadt und holperte über das marode Netz der Bahn der neuen Behausung seiner Frau zu.

Man behandelte ihn freundlich, wies ihm den Weg und wünschte ihm einen schönen und erholsamen Aufenthalt.

Stein betrat den Themenpark. Er studierte die Wegmarkierungen, verglich sie mit der Beschreibung zum Standplatz seiner Frau und ging zielstrebig und mit pochendem Herzen los.

Der Themenpark ähnelte einer Grünanlage. Gepflegte Wiesen, mächtige alte Bäume, Miniaturseen, an deren Ufern Holzpavillons standen, in denen Getränke und kleinere Speisen angeboten wurden.

Stein kam an einer Bank vorbei, grüßte unwillkürlich das ältere Ehepaar, das hier unter der ewigen Sonne des Themenparks Naturfreude seinen Lebensabend verlebte. Hinter ihm auf der Wiese spielten Eltern mit ihren Kindern. Ein Hund sprang übermütig zwischen den Gruppen umher und schnappte vergeblich nach dem Ball.

Überall herrschte das pure Leben und zum ersten Mal seit dem Umzug seiner Frau fühlte Stein sich wieder so richtig glücklich.

Endlich erreichte er den Platz seiner Frau. Das Herz schlug ihm bis zum Hals und er musste sich an der Bank festhalten, die zufällig neben Jutta stand.

"Jutta", murmelte Stein verstört und glücklich zugleich, während er seine Frau von oben bis unten in Augenschein nahm.

"Dein Lieblingskleid. Das Blaue mit den weißen Blumen und" -Er betrachtete gerührt ihre Hände, während erste Tränen ihm in die Augen traten- "unser Ehering. Sie haben nichts vergessen … oh, mein Gott, Jutta!"

Stein musste sich setzen. Ein älterer Mann, der zufällig vorbei kam und seinen aufgelösten Zustand bemerkte, verweilte kurz bei ihm, ja legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter und meinte, in die Betrachtung von Steins Frau vertieft: "Wie aus dem Leben gegriffen! Zum ersten Mal hier?"

Stein nickte und zog ein Tempo aus der Tasche.

"Beim ersten Besuch überwältigt es einen. Mir erging es nicht anders. Sie werden sich daran gewöhnen." Der Alte klopfte ihm ein letztes Mal auf die Schulter und entfernte sich taktvoll.

"Ihre Konservierungstechnik übertrifft jede meiner Erwartungen", dachte Stein und rieb sich die Augen trocken.

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