Unser Buchtipp
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6
kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
Westdeutsche Zeitung

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Eingereicht am
05. April 2007

Seniorenheim-Geschichten

© Rosa Guska

"Die Frau Dings" Teil 1

Als ich in den Gymnastikraum kam, da saß sie schon da, die Frau Dings. Sie hat nicht mal das Licht eingeschaltet. Es war noch früh, und im Winter ist der Raum ohne Licht ein bisschen unangenehm.

Die Frau Dings ist früher gekommen weil sie so gerne auf ihrem Platz sitzen möchte.

Ja ihre Plätze ….

Am Anfang war ich gegen feste Plätze, aber jetzt… Wir haben doch auch zu hause unseren Platz, unsere Liebling Sessel oder Stuhl, und die Ecke auf der Kautsch und nicht die andere. Ich habe verstanden warum die Bewohner im Heim um eigene Plätze fast kämpfen. Ich habe auch mein Platz… Und das jede zweite Person heißt Fr. Dings das verstehe ich auch…heutzutage sind die Namen soooo schwer.

Bei mir hat auch lange gedauert bis ich die alle Namen gelernt habe. Und wenn ich schon den Namen wusste, passte er nicht unbedingt zu der richtigen Person.

Sie waren irgendwie gleich, die Frauen Dings und so… Da war die Frau im rotem Pullover, oder die die immer am Fenster sitzt, oder die kleine Frau mit der großer Brille, oder die mit dem weißem Stock die fast blind ist und hält ihren Kopf immer hoch und ich habe immer so ein komischer Gefühl dass sie mit der Nasen Spitze uns erkennt….

Sie sind alle so ähnlich, alle so klein um nicht zu sagen geschrumpft… Graue Haare, große Brillen, Strickjäckchen, lachende Münder aber traurige Augen.

ähnlich? Das stimmt nicht, ich habe schnell bemerkt wie verschieden sie sind, die Frauen Dings.

Wenn sie über jemandem sprächen dann sagen sie immer " na die Fr. Dings", also nenne ich sie auch Fr, Dings. Anders ist mit Namen von früher, die wissen sie noch alle.

Der Lehrer heißt so und so…

Der Nachbarn so und so…

Der alte Post Bote so und so…

Nur heute heißen alle Dings.

Ja, und da saß die Fr. Dings auf ihrem Platz und wartete auf mich. Heute haben wir unsere Zeitungsrunde, aber so richtig wollen die Damen Dings die Nachrichten hören, das alles haben sie schon gestern im Fernseher gesehen oder gehört, je nach. Manche kommen weil sie selber nicht mehr lesen; die Augen sind zu schwach. Geboren bin ich im Niederschlesien deshalb kommen manche weil sie mein Akzent mögen. Manche kommen weil sie einsam sind, und manche weil wir auch viel Spaß miteinander haben.

Ja, und da saß die Fr. Dings. Sie wollte noch bisschen mit mir sein, bevor die andere Frauen Dings kommen. Und da kamen sie langsam, Die Fr. Dings, und die Fr. Dings, und die Fr. Dings….

Der kürzeste Weg ist oft, Schriet für Schriet ein Kampf, besonders wenn sie den falschen Weg wählen.

Gut dass sie selber darüber lachen.

Sie machen sich immer so schick .Hoch zugeknöpfte Bluse, Perlenkette oder Bernsteinkette oft auch beides zusammen, und noch eine Brosche dazu. Silber graue Locken, na ja ohne Dauerwelle werde sie nicht geben die Locken. Die Jahre haben den Rücken krumm gemacht, aber sie schauen immer um sich mit so viel Stolz als ob sie sagen wollten: "Guckt der Tag ist auch meins" Und die Falten bekommt man nicht auch mit dem Bügeleisen weg, wie sie selber sagen.

Und das stimmt, weil wenn sie lachen, dann alle Falten wie weg gebügelt verschwinden.

Also das beste Rezept gegen Falten ist: nicht bügeln sondern lachen.

Und die Zeitungsrunde? Na ja, so lange bis wir uns unterhalten ist alles gut. Wenn ich schon länger als 10 Min. vorlese, kommt von jeder Richtung leiser Schnarchen. Und wenn zufällig, lasse ich den Kugelschreiber auf den Boden fallen, dann gehen die Augen auf und ein bisschen verlegen sagen sie:

"Ich habe nicht geschlafen, ich hab nur die Augen zu" Dann frage ich mich, wer hat da geschnarcht?

Und wie kann man bei meiner Lautstärke schlafen?

Sie haben nicht nur silberne Locken und schwäche Augen, sie sind auch schwerhörig. Deshalb muss ich auch ziemlich laut vorlesen.

Wach sind die Frauen Dings wenn ich zum Schluss Witze vorlese, besonders die, die nicht zum Beispiel für Schüler erlaubt sind, da sind sie alle wach und auf einmal viel jünger.

Und dann, dann ist die Stunde um, und wir gehen unsere Wege. Die kurze und die lange Wege.

"Die Frau Dings" Teil 2

Ausflug- wir fahren heute weg. Im Heim merkt man schon die Aufregung und Bewegung. Die Picknick Körbe sind gepackt. Die Frauen Dings haben sich schick gemacht mit ihren Täschchen, wir Betreuer mit unserem kleinem Rucksäckchen auf dem Rücken, damit die Hände frei bleiben.

Der Bus ist vorgefahren. Rampe runter, Rollstühle hoch, natürlich mit Bewohner. Sicherheitsgurt um und wieder runter, und wieder auf die Rampe, und hoch. Gespräche und Gelächter, der Schweiß fließt den Rücken runter. Der letzte Rollstuhl ist drin, die Tür zu. Wir packen uns vorne rein und geht's los!. Gerne werde ich singen "Hab mein Wagen voll beladen"… Frau Dings hinter mir fragte "wie lange noch weil sie muss mal"… Und wie soll ich ihr klar machen dass sie grade mal war? Ich versuche doch ein Lied singen. Die Stimmung ist gut, alle singen mit. Frau Dings hat vergessen dass sie mal muss, und sie singt am lautesten. Die Fahrt dauert nicht lange, wir sind schon an unserem Reise Ziel angekommen.

Der Bus steht, wir steigen aus, Tür auf, Rampe hoch, Rollstuhle runter, Rampe weg, Tür zu.

Im Museum machen wir unseren Rundgang. Jeder schiebt einen Rollstuhl. Gerne werde ich den Platz tauschen, meine Frau Dings die ich begleite wurde gerne mit mir tauschen… Die Stimmung ist gut, alle sind gut drauf. Immer wieder hört man mal rechts mal links, mal vorne, mal hinten leise: oh und ach… So erkennen wir ob es gefehlt oder nicht. Im einem Museum ist bisschen wie in der Kirche; alle sind ruhig und irgendwie ernst geworden.

Der Rundgang ist geschafft, wir auch. Wir haben ein Tisch im Kaffee bestellt, die Freude auf eine Tasse Kaffee und stück Kuchen ist zu bemerken, die Frauen Dings sind wieder munter geworden. Wir freuen uns auf eine Zigarette, aber es dauert noch lange, weil die Frauen Dings, ach ja wir haben auch ein Herr Dings dabei, also die Herrschaften müssen mal.

Der Kuchen war lecker, der Kaffe heiß, und die Zigarette danach sehr kurz. Die Herrschaften mussten mal wieder.

Langsam gehen wir Richtung Parkplatz. Der Bus steht, Tür auf, Rampe runter, Rollstühle rein, Sicherheitsgurte um, Rampe weg, Tür zu.

Frau Dings hinter mir fragt:" wie lange noch weil sie muss mal". Wir singen wieder aber diesmal hat nichts geholfen.

"Die Frau Dings" Teil 3

Im so einem Seniorenheim sind die Wintermonate schrecklich lang. Die Nikolausfeier, Weihnachtsfeier, und Silvesterfeuerwerk zusammen, glänzen nicht so stark wie die Augen der Bewohner, wenn die erste warme Tage kommen. Draußen stehen kleine Tische und Stühle, die Sonne scheint, und die Rollatore rollen. Jeder möchte der erste sein, man hat schließlich auch draußen Lieblingsplätze. Und auwaja wenn man zu lange für den Weg braucht, dann…Na dann, dann ist der beste Platz weg. Zuerst dachte ich, es geht um die besten Plätze in der Sonne, man war schließlich lange nicht draußen. Von wegen, die beste Plätze sind die Gucker Plätze. Man möchte schließlich alles sehen… Wer zum Besuch kommt, wer kriegt Besuch, welcher Schwester hat Dienst, wer kommt zu Fuß, wer mit dem Auto, wer mit dem Bus. Gleich vor dem Haus ist eine Bushaltestelle. Der Bus kommt alle zwanzig Minuten; man guckt ob der Bus pünktlich kommt, so wie früher.

"Die Frau Dings" Teil 4

Frühling das ist im Heim Grillzeit. Unter dem großem Baum im hinter Hoff hat man die Holz Tische und Bänke aufgebaut. Am einem sicheren Platz steht der Grill. Der Luft riecht nach brennender Kohle. Die erste Frauen und Herren Dings rollen schon mit ihren Rollatoren Richtung gedeckten Tischen. Und wieder wer zu erst kommt, der hat den besten Platz. Wer vorne sitzt der kann alles sehen, aber der sitzt auch zu nah am Grill. Langsam schwebt schon in Luft der köstlicher Duft Von Bratwüstchen. Noch paar Plätze für Rollstühle, noch ein Lied, noch ein leeres Glas, und die Würstchen sind fertig. Wir dürfen servieren. Da muss man die Wurst pellen, da klein schneiden, da wünscht man sich noch eine, und da die Frau Dings hat noch keine. Man isst, und man trinkt, man singt und schunkelt, und Herr Dings schreit weil im seinem Glas schwimmt eine Fliege um ihren Leben. Frau Dings sitzt zu nah am Grill, und die kleine Frau Dings mit der großer Brille nach hause will.

Links um die Ecke kommt eine riesige, dunkle Regenwolke. Die Stimmung ist super, die erste Regentropfen klopfen auf die Sonnenschirme. Die Herrschaften Dings meinen: "Wir sind nicht aus Zucker, wir lassen uns nicht unterkriegen". Wir singen noch ein Lied: "Regentropfen, die an mein Fenster klopfen"…

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6 Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-3-6

kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
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