Unser Buchtipp
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6
kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
Westdeutsche Zeitung

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Eingereicht am
09. April 2007

Ein Tag

© Paul-J. Hildebrandt

7.30 Uhr

Es ist 7.30 Uhr. Der Wecker klingelt

7.35 Uhr

Das Klingeln des Weckers kommt langsam zum Höhepunkt. Das hohe Piepen ertönt nun in so einem schrillen Tempo, das man meint nur einen einzigen Ton zu hören. Es ist ein modisches Gerät, schwarz, mit Digitaler Anzeige.

7.36 Uhr

Ehe meine Frau erwacht stehe ich auf. Sie hat einen tiefen natürlichen Schlaf und braucht meist ein paar Minuten ehe der Wecker sie aufweckt.

8.00 Uhr

Ich habe mich geduscht und rasiert. Ich stehe nun in der Küche um das Frühstück vorzubereiten. Der Tag ist fest durchgeplant, monoton. Der Kaffe kocht, das Brot liegt geschnitten auf dem Tisch und die Orangen-Marmelade die sie jeden Morgen zu sich nimmt ist auch schon geöffnet.

Ich fühle mich leer.

Der Lieblingsspruch meiner Frau ist: "Routine beruhigt die Seele."

Ich habe das Gefühl meine Seele schläft.

8.10 Uhr

Ich habe meine Frau geweckt und meine Aktentasche gepackt. Alles lag sorgsam vorsortiert auf meinem Schreibtisch. Das macht meine Frau jeden Abend. Ein Ritual.

8.20 Uhr

Natürlich habe ich meinen Bus bekommen. Ich habe ihn noch nie verpasst.

Ich stelle mich in die Mitte des Busses. An die Stange. Die Leute um mich herum kenne ich. Vier Schulkinder, die aus einem Dorf in der Nähe jeden Morgen zur Schule fahren. Eine ältere Dame die sich im Bus mit ihrer Tochter zur gemeinsamen Krankengymnastik trifft. Ich höre die Gespräche, ihre Sorgen und Ängste. Sie berühren mich nicht, sondern fliegen an mir vorbei. Wie Radio denke ich manchmal. Die anderen Menschen sind unbekannte Gesichter. Gleich.

Wir haben zwei Autos, natürlich. Doch der Bus verschafft mir Regelmäßigkeit. Er ist noch nie zu spät gekommen.

8.50 Uhr

Der Bus hält vor einem großen Betongebäude. Mein Arbeitsplatz. Ich habe nun noch zehn Minuten Zeit, bevor ich anfange zu arbeiten. Ich gehe zum Automaten um mir einen Kaffee zu kaufen. Auch ein Ritual. Ich nehme die 50 Cent Münze aus meinem Portemonnaie. Ich achte immer sorgfältig darauf sie abends einzustecken.

Die Bedienung könnte ich mit geschlossenen Augen betätigen. Zuerst das Geld auf zwei-drittel Höhe des Apparates in den Schlitz schieben, dann den dritten Knopf von oben, der sich etwa 20 cm unter dem Schlitz befindet drücken und innerhalb einer halben Minute ist der Kaffe fertig, schwarz.

8.55 Uhr

Noch immer ist kein Kaffee zu sehen, nicht einmal der Becher ist erschienen. Ungeduldig klopfe ich gegen die aus Plastik bestehende Außenhülle. Keine Regung. Nun wird es knapp mit dem Kaffe. Beunruhigt gucke ich auf meine Uhr(Sie hat ein ähnliches Design wie mein Wecker außerdem ist sie eine Funkuhr, so dass ich immer die genaue Zeit weiß), die Zeit scheint immer schneller zu verstreichen. Unter den Achseln und auf den Handflächen beginnt sich Schweiß zu bilden. Ich trete nun gegen die Maschine um meinen Kaffee doch noch zu bekommen. Keine Reaktion.

8.59 Uhr

Ich stehe im Fahrstuhl. Gewissensbisse plagen mich. Wenn die Maschine nun kaputt ist? Ich weiß nun, dass ich nicht rechtzeitig auf meinem Platz erscheinen werde. Der Fahrstuhl ist einfach zu langsam.

9.05 Uhr

Ich sitze an meinem Platz. Meine Krawatte ist verrutscht und auf meiner Stirn bilden sich Schweißtropfen. Missbilligend guckt mein Vorbeigehender Chef auf meinen Zustand. Ich erröte und versuche mich einigermaßen wieder herzurichten. Meine Konzentration ist dahin. Wie konnte ich nur so die Kontrolle über meinen Tag verlieren? Ich beginne meine Papiere zu ordnen

11:50 Uhr

Noch nie habe ich die Mittagspause so herbeigesehnt. Plötzlich kommt mein Nahbar auf mich zu. Er hat wieder diese typische freundliche Miene aufgesetzt, diese Miene die er immer hat wenn ich etwas machen soll. Und tatsächlich, er grinst mich an und sagt mir ich möge doch bitte noch seinen Aktenstapel durcharbeiten, er habe seine Frau heute Mittag zum Essen eingeladen.

Ich kenne ihn schon seit ich in diese Stadt gezogen bin. Er und seine Frau wohnten schon vor uns in der Straße. Meine Frau empfahl mir mich mit ihm gut zu stellen. Es sei doch wichtig einen guten Eindruck zu machen.

Mir ist noch nie aufgefallen wie sehr ich ihn verabscheue. Seine hochnäsige Art, diese Selbstverständlichkeit mit der er mir seine Aufgaben aufdrückt.

13:00 Uhr

Noch eine Stunde Mittagspause. Ich gehe in die Stadt um mir dort in meinem Stammladen eine Mahlzeit zu gönnen. Es ist immer derselbe Laden den ich besuche. Ein kleines sauberes Cafe, das von seinen Stammgästen lebt und immer sehr nahrhaftes und gesundes Essen macht. Die Sonne scheint und plötzlich fühle ich mich besser. Mein Tag bekommt wieder Konturen

13:10 Uhr

Fassungslos stehe ich in der Einkaufsstraße. Mein Lokal hat zu. "Wir sind im Urlaub", steht da. Schon wieder bricht mir der Schweiß aus. Lediglich 50 Minuten verbleiben mir um ein neues Lokal zu finden und meine Mahlzeit einzunehmen. Mit großen Schritten haste ich die Straße endlang.

13.15 Uhr

Es scheint als hätten sich alle gegen mich verschworen. Noch immer habe ich kein, meinen Wünschen entsprechendes Cafe gefunden. Entweder waren es kleine schmuddelige Kneipen oder teure Restaurants.

13.20 Uhr

Ich beginne zu verzweifeln.

Immer noch keine Essgelegenheit gefunden.

13.22 Uhr

Ich bleibe vor eine Kneipe stehen. Das teure Restaurant hätte ich meiner Frau nicht erklären wollen. Ich gehe hinein und gucke mich um. Rauschwaden wabern in der Dämmrigkeit umher. Plötzlich höre ich jemanden meinen Namen rufen. Drei Arbeitskollegen sitzen an einem Tisch. Zögernd gehe ich zu ihnen hin. Ablehnen wäre unhöflich gewesen. Sie bestellen mir einen halben Liter Bier und ein Kalbsschnitzel.

13.25 Uhr

Ich murmele eine Entschuldigung und gehe auf Toilette. Die Kacheln sind schmutzig.

Als ich zurück zum Tisch komme erwartet mich mein Getränk, zusammen mit einem riesigen fettigen Schnitzel. Ohne angewidert erscheinen zu wollen beginne ich es in kleine Stücke zu schneiden. Ich nippe an meinem Bier.

Ich trinke sonst eigentlich keinen Alkohol.

Nach wenigen Minuten habe ich mein Bier zur hälfte ausgetrunken. Ohne Flüssigkeit ist dieses Schnitzel unverdaulich. Meine Arbeitskollegen scherzen und beobachten junge Studentinnen die sich am Nebentisch niedergelassen haben

13.40 Uhr

Mittlerweile habe ich auch mein zweites Bier bis zur Hälfte ausgetrunken. In meinem Kopf verspüre ich ein Gochgefühl, das mich zurücksinken lässt. Mit vollem Bauch und schwerem Kopf nehme ich die Zigarre entgegen, die mir von der Seite gereicht wird und lasse mich in den Stuhl fallen.

14:02 Uhr

Ich schrecke hoch, das Bier kippt um, doch ich habe keine Zeit mich um mein nasses Hemd zu kümmern. Zwar leicht verschwommen, doch trotzdem erkennbar zeigt meine Uhr zwei Minuten nach Zwei an. Die Mittagspause ist vorbei. Ich komme zu spät zu meinem Arbeitsplatz. Schnell werfe ich einen fünfzig Euro Schein auf den Tisch. Meine Kollegen sind ohne mich losgegangen. Ich schnappe mein Jackett und sprinte los.

Ca.14:13 Uhr

Vollkommen verschwitzt komme ich vor dem Bürogebäude an. Ich renne zur Treppe und sprinte in den vierten Stock. Doch dem Unglück nicht genug rutsche ich plötzlich auf dem frischgewischten Boden aus. Ich rutsche auf die Bürotür zu und-direkt hindurch.

Wenige Sekunden später

Da sitze ich nun. Mein Kopf noch benebelt vom Alkohol, mein Hemd, verschwitzt und nach Bier stinkend direkt vor dem Füßen von meinem Chef. Spöttisch guckt er auf mich herab und empfiehlt mir mich schnellstens wieder zu meinem Arbeitsplatz zu begeben. Mit rotem Kopf stehe ich auf und leiste Gehorsam. Auf dem Weg sehe ich in die hämisch grinsenden Gesichter meiner Kollegen. Eben diese, die mir vor wenigen Minuten noch so großzügig eingeschenkt hatten. Eine stille Wut überkommt mich, wie ich sie noch nie verspürt habe. Verwirrt verdränge ich dieses mir so unbekannte Gefühl.

Als ich mich hinsetze muss ich den Spott meines Nachbarn über mich ergehen lassen.

Am liebsten würde ich ihn anbrüllen. Mich sarkastisch bei ihm bedanken. Für seine Mithilfe bei diesem Desaster, dass ich aus lauter Freundlichkeit seine Papiere bearbeitet habe und als Folge dessen nun dieses Horrorszenario erlebe.

Doch nein, mit rotem Kopf setze ich meine Arbeit fort.

Später

Mein Chef kommt zu mir hinüber und drückt mir einen Stapel Extraarbeit in die Hand. Doch zu meiner Freude auch meinem Nachbarn. Als Begründung nennt er das Loch in dem unsere Firma gerade steckt.

Nun, die Schadenfreude die ich empfinde wenn ich zu dem wutverzerrten Gesicht meines Nachbarn hinübergucke entschädigt mich für alles

Noch später

Sobald der letzte Aktenstapel bewältigt packe ich fröhlich pfeifend meine Sachen ein. Als ich gerade aus der Tür gehe fällt mein Blick plötzlich auf die Uhr. Die Ziffern springen mir praktisch entgegen. Just in diesem Moment wird der Bus ankommen. Doch keine Panik, ein paar Sekunden bleiben mir noch um ihn vor der Abfahrt zu erreichen.

Ich renne Richtung Treppe(langsam spüre ich auch die Müdigkeit in meinen Beinen, die von den vielen Läufen herrührt, die ich heute schon bewältigen musste), aber welch Schreck! Auf der Treppe wird gewischt und ein großes Schild hält mich auf weiterzulaufen. Schicksalsergebend ändere ich meine Route Richtung Fahrstuhl. Als ich sehe, dass er bereits auf dem Weg ins Erdgeschoss ist, raste ich aus. Wütend schlage ich auf die Knöpfe und nachdem als einzige Reaktion ein Stillstand des Fahrstuhls erfolgt wende ich mich wieder der Treppe zu. Mit meinen langen Beinen übersteige ich das Schild und mache mich mit dem letzten Fünkchen Sachverstand, das mir noch geblieben ist und der gebotenen Vorsicht auf, das nasse Hindernis zu überwinden.

Eine Minute später

Ich erreiche gerade den Fuß der Treppe und will lossprinten, doch ein zweites Mal an diesem verfluchten Tag falle ich der feuchten Glätte zum Opfer. Ich rutsche aus und reiße mir die Hose auf.

Den Schmerz ignorierend sprinte ich weiter, Richtung Tür

18:20 Uhr

Ich sehe den letzten Bus, der mich pünktlich zum Abendessen nach Hause bringen könnte laut quietschend vor mir davon fahren.

Voller Wut schmeiße ich meine Aktentasche auf den Gehsteig, mitten in einen Hundehaufen. Klirrend fällt der Autoschlüssel meines Nachbarn heraus.

Einundzwanzig nach Sechs

Endgültig genug. Es ist endgültig genug! Ich schreie. Dieser Tag ist nicht normal. Alles hat sich gegen mich verschworen. Und dieser dreckige Arsch von einem Nachbarn wird sich nicht einmal bedanken, wenn ich ihm seinen Schlüssel zurückbringe.

Ungefähr halb Sieben

Ich sitze im Auto des Nachbarn und fahre auf die Autobahn. Ich werde rechtzeitig nach Hause kommen, die kleine in den Arm nehmen und meiner Frau einen Kuss geben. Alles wird sein wie immer, alles wird gut sein.

Viertel vor Sieben

Ich stecke im Stau. Um mich herum stinkende Autos. Und in jedem dieser Auto die hässliche hohntriefene Fratze meines Nachbarn. Ich schlage auf das Lenkrad, immer und immer wieder. Mein Hupen hört sich an wie Schmerzenschreie. Plötzlich reiße ich das Lenkrad herum schiebe meine Nachbarn zur Seite und fahre auf den Standstreifen um von dort aus meine Hand mit herausgestrecktem Mittelfinger aus dem Wagenfenster zu präsentieren.

Ich lache, oh wie das gut tut. Befreit lache ich auf.

Kurz nach Sieben

Ich sprinte ins Haus. Der knirschende Sand ist wie Willkommensmusik in meinen Ohren. Ich schließe die Haustür auf und renne ins Esszimmer. Am Tisch sitzen meine Frau und die Kleine, ihre vorwurfsvollen Blicke bohren sich durch mein stinkendes Hemd. Ihre Worte brennen sich in meinen Kopf, verbrennen alles Denkende darin. "Du bist zu spät, stinkst wie ein Tier und den Dreck den deine Schmutzigen Schuhe auf dem Boden verursachen machst du gefälligst selber weg." Blut läuft mein Knie hinab.

Scheiß auf die Zeit!

Genug ist Genug. Dieses elende Weibsstück mit ihrer elenden Pingeligkeit dieses ganze verdammte Haus mit der beschissenen Sauberkeit. Diese Fratze von Nachbarsgesicht mit dem unerträglichen Grinsen.

Meine Hände zittern nicht als sie den Benzinbehälter aus dem Auto nehmen. Sie zittern auch nicht als sie den Brennstoff über all das gießen was mir den Kopf verbrennt. Sie zittern nicht als ich das Streichholz nehme, anzünde und in die schwarz-braune so bunt schillernde Lache werfe.

Ich nehme die Lampe und schlage alles klein. Meine Hände sind ruhig.

Doch als ich den Föhn nehme um in zu mir in die Badewanne zu legen spüre ich ein kurzes Zucken in meinem kleinem Finger.

War wohl nur Einbildung.

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6 Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-3-6

kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
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