Unser Buchtipp
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6
kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
Westdeutsche Zeitung

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Eingereicht am
20. April 2007

Quo vadis, Johannes?

© Ulrich Rakoún

"Wohin gehst Du, Johannes?", fragte die Stimme.
"Ich weiß nicht, ich weiß es doch nicht, denn ich kenne den Weg aus der Nacht heraus nicht", dachte ein junger Mann nun so laut,

Johannes hatte sich einsam gefühlt, wie schon so oft vorher - diesmal aber in seinem Traum, der ihn weit von der Realität seines momentanen irdischen Daseins irgendwo im Norden der Republik entfernt zu haben schien, denn er sah schon bewegte Gesichter und hörte Stimmen, die niemals vorher zu dem normalen physiologischen und psychologischen Repertoire an inneren und äußeren Phänomenen seiner Alltagswelt gehört hatten, an die er und sein siebenundzwanzigjähriges Leben sich bereits gewöhnt zu haben glaubten. So sah er sich jetzt an einer selten befahrenen Landstraße sitzen und den spärlich vorbeikommenden Autos nachschauen. Er war auffällig schmutzig und mit abgetragenen Lumpen bekleidet, umgab sich mehr unfreiwillig als freiwillig mit einem starken, unangenehmen Körpergeruch und verfügte auf dieselbe Weise über einen großen Hunger und Durst, weil er seit zwei Tagen schon keine richtige Mahlzeit mehr zu sich genommen hatte. Sein Magen knurrte unablässig in einer Tour, und seine Haut brannte, als hätte er stundenlang ohne Hautschutzfilter unter der glühenden Sommersonne einer tropischen Insel gelegen oder dieselbe Zeit in einem Sonnenstudio einer Großstadt zugebracht und nicht wie in Wirklichkeit auf der kalten Erde neben der Strasse an einem ebenso kalten, wie unfreundlichen Herbsttag irgendwo in einer spätherbstlichen-vorwinterlichen Landschaft, die ihm vom Namen und ihrer äußerlichen Beschaffenheit her noch unbekannt war und der er deshalb in seinem Traum auch keinen passenden Namen geben konnte, der ihr gerecht werden würde, gesessen.

Alles blieb so wie es war, denn auch die rot-gelb-braunen Farben des Herbst, die dem Anschein nach ein Gefühl von Sterben und Wiedergeburt vermitteln wollten und der damit verbundene Geruch des leuchtendbunten Blattlaubs, konnten Johannes nicht in eine bessere Stimmung versetzen, der sich nur wünschte, dass einmal irgendeines der seltenen Autos, die vorbeikamen, anhalten würde um ihn mitzunehmen - irgendwohin, wo er bis jetzt noch nicht gewesen war und wo die warme Sommersonne immer noch schien, nach der sich der junge Mann sehnte. Wie ein Star vor Anbruch der Kälteperiode und vor seinem Aufbrechen in südlichere Gefilde, sich nach der wärmenden Sonne sehnt, die bei einem jungen Mann, in Verbindung mit einem guten Essen, möglichst nach einem voraus gegangenen heißen Bad oder einer Dusche, die Erfüllung aller seiner momentanen Wünsche gewesen wäre. Aber es hielt niemand an, schon die ganzen letzten Tage nicht, und auch dieser Tag war schon, dem Uhrzeigersinn des Himmelsgewölbes nach zu urteilen, um einiges fortgeschritten, so dass sich Johannes keine allzu großen Hoffnungen mehr machte, dass noch irgendetwas Unvorhergesehenes passieren würde, das ihn aus seiner Einsamkeit und Lethargie, in der er und sein Leben sich momentan befanden, herausreißen konnte, um ihn "irgendwohin" zu bringen, wo es ihm sicher besser ginge als dort, wo er sich gerade befand. So wie alle Menschen wohl irgendwann in ihrem Leben, wenn es ihnen schlecht geht, einmal denken, dass es ihnen anderswo besser gehen könnte.

Dass etwas passieren würde, wonach er oder sie sich bewusst oder unbewusst mit seinem oder ihrem ganzen Herzen sehnte, das einen innerlich berühren und befreien konnte und das mehr war als nur eine warme Mahlzeit, ein Bad und frische Sachen zum Anziehen. Aber ein solches Wunder gab es wohl sicherlich nicht und wenn, dann würde es wohl nicht gerade Johannes widerfahren (aus seinem "nirgendwohin" nach "irgendwohin" zu gelangen); so oder vielleicht auch anders dachte der junge Mann, als wieder einmal ein Fahrer in ziemlicher Geschwindigkeit an ihm vorbeifuhr und sich nicht weiter um seine gering geschätzte Person und ausweglose Situation, in der sich diese dem Augenschein und dem angeknacksten Selbstbewusstsein eines wenig hoffnungsvollen jungen Mannes nach befand, zu kümmern schien.

Sei es wie es war oder wie auch immer. Die Vorstellungen von südlicher Sonne und Wärme und die Erinnerungen an frühere Urlaube am Mittelmeer mit Palmenstrand an der Hand seiner ehemaligen Freundin, seiner Jugendliebe, verblassten, wobei die Stunden sehr rasch vergingen und schon bald die Nacht hereinbrach und ein junger Mann bis jetzt noch immer nichts gegessen und getrunken hatte. Zusätzlich begann es draußen um diese Jahreszeit, etwas nach Mitte Oktober, schon erheblich kälter zu werden, und Johannes fror in seiner leichten und schäbig wirkenden Sommerbekleidung, einer alten Blue Jeans Hose mit einer dazu passenden ungefütterten Jacke, die ihn nicht vor der äußeren Witterung schützen konnten, die über ihn und sein junges blühendes Leben hereinzubrechen schien und seinen momentan verwahrlosten seelischen und körperlichen Zustand noch um manches verschlechterte. Wer würde jetzt bei der stärker anbrechenden Dunkelheit und Kälte wohl noch anhalten und sich seiner Person und Situation erbarmen und annehmen, war es was Johannes im Moment durch den Kopf ging, und er schlang seine Arme um seine Beine, die er so eng wie möglich an den vor Kälte zitternden Körper gepresst hatte, um auf diese Weise die Wärme wie an einem gut beheizten Ofen bei sich zu behalten, die ihm sonst noch schneller verlorenen zu gehen drohte. Nein, so etwas gab es in der heutigen Zeit nicht mehr, dass Menschen sich so für ihre Mitmenschen interessierten und aufopferten, meinte Johannes in einem leichten Anflug von Kummer und Traurigkeit und fing zu allem Überfluss auch noch still und leise an zu weinen, weil ihm seine Situation als zu ausweglos erschien und er zunehmend begann, mit sich selbst Mitleid zu bekommen.

"Warum hilft mir niemand", oder "Gott hilf mir", dachte er, ein nicht gerade Glaubender fast schon laut. Aber es war nur der ungeborene Glaube eines Menschen, der sich aufrichtigen Herzens auf der Suche danach befand. Der sich sicher war, seinen Glauben an die reziproken zwischenmenschlichen Beziehungen auf einer "Mikroebene" hoffnungslos verloren zu haben. Denn Johannes, der ein hoffnungsvoll suchender Philosophiestudent gewesen war, hatte schon in allen oder fast allen Philosophien und Religionen der Welt nach dem Sinn des Lebens gesucht und ihn nirgendwo finden können. Die heutige Zeit mit ihren Verwirrungen und Verirrungen, in der es so etwas wie moralische Grundsätze nicht mehr zu geben schien, sondern allenfalls eine ihm zweifelhaft und leicht übertrieben erscheinende Wissenschaftsgläubigkeit, konnte Johannes auch keine Antwort auf seine vielen ungelösten Fragen und Probleme geben, und so wurde der junge Mann vor langem ein großer Anhänger von Hannah Arendt, der er im Andenken an ihre Zeit bei Karl Jaspers zuerst nach Heidelberg und später in eben solchem an ihre Jahre bei Martin Heidegger nach Marburg folgte, wo er sein Studium kurz vor dem Magister nach einer schweren Nervenkrise abbrach, weil seine Eltern beide bei einem tragischen Flugzeugabsturz in Amerika ums Leben gekommen waren. Als er sich nun gerade die letzte Träne von seinen nassen und geröteten unteren Augenlidern mit einem benutzten Papiertaschentuch abwischte, geschah es auch schon.

Johannes hatte früher einmal bei einem seiner äußerst seltenen Kirchenbesuche eine Predigt mit dem Inhalt: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan", gehört. Er erinnerte sich nur noch vage an den Inhalt, aber es ging wohl darum, dass ein Mann einem armen Bettler, der außerdem noch mit einer Art Aussatz behaftet war, geholfen hatte und später nach seinem eigenen Tod in den Himmel kam. Vielleicht gab es so etwas ja auch in Wirklichkeit, dachte Johannes und zwar nicht nur in der Predigt eines Pfarrers am Sonntagmorgen. Er wünschte es sich sehr, denn dann konnte selbst einem bei den Menschen in Ungnade Gefallenem wie ihm geholfen werden, einem "armen Hund", der sonst sicher sprichwörtlich "vor die Hunde" gegangen wäre. Und gerade in Erwiderung seines wenig strukturierten, noch nicht explizierten Gedankens oder seines unausgesprochenen Wunsches hielt keine dreißig Meter von ihm entfernt ein Auto, das zuerst wie die anderen an ihm vorbeigefahren war. Eine Person, deren Alter man noch nicht einschätzen konnte, stieg aus, und Johannes vermochte in der Dunkelheit weder ihr Gesicht noch ihre Figur zu erkennen, die nun sehr langsam mit schweren Schritten und mit gesenktem Kopf auf ihn zukam. Sie oder er war in einen merkwürdigen dunklen Mantel oder Pelz mit Kapuze eingehüllt, der sich kaum von der schwarzen Farbe der Nacht abhob und der oder dem mysteriösen Fremden irgendwie etwas Unheimliches verlieh, das Johannes so bisher noch an keinem anderen ihm vertrauten Menschen gesehen hatte. Vielleicht war es der Teufel persönlich, der ihn und sein Leben überholte, in der Überholspur an einem Versager vorbeigefahren war, dachte Johannes, den jetzt eine panikartige Angst überfiel, in die er sich wie betäubt hineinfallen ließ, denn einen Funken der Hoffnung gab es für ihn, der sich einem sehr ungewissen Schicksal gegenübergestellt sah, dem er nicht mehr entrinnen konnte, nicht mehr. Als die oder der Fremde immer näher auf ihn zukam und schließlich keine fünf Schritte weit von ihm entfernt stand, hob die Person den Kopf leicht an und Johannes konnte das Gesicht der Gestalt eben noch im spärlichen Licht des Mondes und der Sterne erkennen.

Plötzlich verwandelte sich sein ursprüngliches "Ich" - verletzendes Selbstmitleid in Mitleid, denn was Johannes sah, entsetzte ihn sehr. Es war Gott sei Dank nicht der leibhaftige Teufel, aber es war eigentlich auch kein Gesicht in das er blickte, sondern mehr ein aus vielen blutigen Hautfetzen zusammengesetztes Gebilde oder Mosaik eines menschlichen Antlitzes, das ihm weder unfertig noch fertig erschien. Ein auf ihn befremdend wirkendes, unschönes Gemälde, eine Totenmaske von einer gequälten, geschundenen Kreatur, der er irgendwo früher einmal im Religionsunterricht begegnet sein musste, dachte Johannes zuerst. Ein Requiem von Britten oder ein melancholisches Lied von Marianne Faithfull, das ihn traurig stimmte und deshalb nie wieder gespielt oder gesungen werden durfte. Der Fremde reichte ihm freundlich und gütig die Hand und half ihm beim Aufstehen, und beide machten sich auf den Weg zum Auto. Nach wenigen Metern schon wurden ihre Körper fast völlig von der Dunkelheit verhüllt, förmlich wie vom geöffneten Maul eines großen Säugetiers mit riesigen Mengen von Plankton zusammen verschluckt. Sie verschmolzen, wurden eins mit der schwarzen Farbe der Nacht an einem Himmelszelt, das den Blick auf einen halben Mond und den großen und kleinen Wagen gerade noch freiließ. Aber Johannes hatte nun plötzlich keine Angst mehr, sondern ging ruhig und gelassen an der Seite seines fremden Begleiters. Bald erreichten sie das abgestellte Auto, und der Fremde und Johannes fuhren damit in der Ungewissheit einer stärker hereinbrechenden, kalten Herbstnacht auf und davon.

Johannes erinnerte sich im weiteren Verlauf seines Traumes noch daran, dass ihn der Fremde in einem Gasthaus bewirtete und ihm ein Zimmer für die nächsten Tage mietete, wo er duschen und gut und warm schlafen konnte. Dann verließ er Johannes, dem er noch einen ansehnlichen Geldbetrag schenkte und war weitergefahren, ohne dem jungen Philosophen seinen Namen zu nennen. Es hatte eine große und seltsame Wärme in den Augen des fremden Mannes, der sich im mittleren Alter befinden musste, gelegen, die das Herz seines jüngeren Begleiters berührte und nach der sich dieser mehr und mehr sehnte, je öfter er an den ihn beinahe schon vertraut gewordenen Fremden zurückdachte. Ja, die permanent spürbare Wärme ließ seine Seele, die in den vergangenen Jahren im typischen Lebensrhythmus der Zeit zu einem Eiszapfen eingefroren war, auf eine immanente, unerklärbare Weise auftauen.

Als Johannes einige Tage später wieder des Nachts auf der kalten und dunklen Landstraße stand, war ihm plötzlich, als wären die vertrauten Augen des Fremden wieder da - über ihm, in ihm - die ganze Zeit schon mussten sie bei ihm gewesen sein, denn er hatte sich in ihrer Nähe sicher und geborgen gefühlt. Johannes wusste nicht, wohin ihn sein Weg führen würde, denn es war sehr dunkel und kalt in dieser Nacht, und es gab keinerlei Wegweiser am Straßenrand. Er würde sich bestimmt verlaufen haben, dachte ein junger, sich nun nicht mehr am Geist der Zeit orientierender und sich nicht mehr verloren fühlender Mann - weil die Augen ja bei ihm waren. Bald schon kam Johannes (der sich in eine andere Zeit hineingeträumt hatte) an einem Dorf vorbei, wo man gerade Kirmes abhielt und junge Mädchen von einem Kettenkarussell im Kreis herumgedreht wurden. Aus dem Innern des Karussells ertönte die trällernde Stimme der Piaf: "L' accordéoniste"

Ein pittoreskes Gemälde dachte Johannes, das Jean Cocteau sicher auf Zelluloid zu bannen versucht hätte, denn ein paar ältere Leute standen unweit schwatzend daneben und schauten den Mädchen lächelnd bei ihrem Vergnügen zu. Zwischen den Greisen befand sich das markante Gesicht eines Mannes, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem französischen Schauspieler Jean Marais (der vielleicht mit Cocteau aus Paris gekommen war) in seinen Jugendjahren aufwies, aber Johannes konnte sich natürlich auch irren. Das Alter und die Jugend, dachte der junge Wandrer noch abschließend und machte sich bald darauf wieder auf den Weg.

Denn der mühsame Weg, der noch vor ihm lag, würde sicher weit und beschwerlich sein, das fühlte der Philosoph, als ihn seine jungen Glieder zu schmerzen begannen, so als wären sie die eines alten und verbrauchten Menschen. Jemandes Körper, der sein Leben schon gelebt hatte und sich nicht erst an dessen Anfang befand. Er blickte hinauf zum Mond und zu den Sternen, und ihn überkam plötzlich das berauschende und auf undefinierbare Weise lustvolle Gefühl, ein Teil des unendlichen Kosmos und der um Lichtjahre entfernten Himmelsgestirne zu sein, die ihm doch so greifbar nah erschienen, als könne er sie in der Hand halten. So wie ein kostbares Diadem aus Saphiren und Brillianten. Oder wie die Sternchenformen in seines Mutters Küche, die sie immer zum Ausstechen des Teigs für das Weihnachtsgebäck verwendete. Als Johannes in der Dunkelheit der Nacht und im Licht des Mondes und der Sterne schließlich eine morsche Holzbrücke über einen Bach erreichte, konnte er daneben ein Schild erkennen, auf dem in großen Buchstaben geschrieben stand: Wegen Einsturzgefährdung betreten verboten. Aber Johannes musste doch auf die andere Seite, weil sich dort sein Heimatdorf befand. Die vertrauten Augen des Fremden würden ihn schon sicher geleiten, ihn dorthin begleiten, so dass ihm bestimmt nichts zustoßen konnte und er wohlbehalten an das andere Ufer gelangen würde. Als Johannes jedoch in der Mitte der Brücke angelangt war, brachen die alten Holzdielen mit einem großen Krach, und der junge Mann stürzte mit lautem Aufschrei in das eiskalte Wasser des tiefen Baches, in dem er bald darauf versank und jämmerlich ertrank.

Als Johannes seine Augen im noch nicht ganz ausgeträumten Traum öffnete, lag er auf einer grünen, mit bunten Blumen übersäten Wiese. Es war wieder oder immer noch Nacht, denn alle Blumen und Vögel schliefen, und man durfte sie in ihrem Schlaf nicht stören. Seine Kleider schienen ganz trocken zu sein, so als wäre von alledem nichts geschehen, was er mit den eigenen Ohren während der letzten Minuten zu hören gemeint hatte und was seine Augen auf eine mysteriöse und wundersame Art und Weise draußen in der Natur wahrzunehmen glaubten. Er machte sich gleich wieder auf den Weg zu seinem Heimatdorf, das in seinem Wunschtraum irgendwo in der weiten Ferne, nach der er eine große Sehnsucht verspürte, in tiefe Dunkelheit verhüllt auf ihn wartete. In der Küche würde die Mutter vielleicht gerade eine heiße Suppe für ihn kochen oder einen Kuchen für ihn backen und in der Schlafkammer sein warmes und ihm vertrautes Bett auf ihn warten. Sein zu Hause und die damit verbundene Wärme und Geborgenheit würde Johannes nicht gegen alle Millionen der Welt eintauschen, dachte der junge Mann nun weiter und auch nicht gegen die Philosophie von Hannah Ahrendt, deren glühender Verehrer er immer noch in seinem Herzen war. Sie war im gleichen Jahr, ja sogar im selben Monat in dem er in Hannover geboren wurde, in New York im Salon ihrer Wohnung nach einem Herzinfarkt gestorben, nämlich im Dezember 1975.

Johannes hatte ihr Hauptwerk: "Origins of Totalitarianism" ("Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft") schon ein paar Mal in englischer Sprache gelesen und kannte auch fast alle anderen Bücher und Veröffentlichungen der großen Philosophin jüdischer Herkunft.

Aber trotz oder gerade wegen seiner philosophischen Kenntnisse sehnte sich Johannes nach einem Übergang "in ein neues Leben" und einer Veränderung "seines alten Lebens", aber er sah keinen Weg heraus aus seiner Misere, die sowohl die "Mikro" - als auch die "Makroebene" seines jungen, ihm schon so alt und gelebt erscheinenden Daseins betraf.

Plötzlich fiel ein heller Lichtstrahl fast bis vor seine Füße, und eine Stimme aus dem Äther des Universums rief ihn bei seinem Namen: "Quo vadis, Johannes?" Und als Johannes vor Furcht und Entsetzen nichts darauf erwiderte, rief die Stimme noch einmal umso lauter: "Quo vadis, Johannes?" Johannes glaubte, die fremde Stimme irgendwo und irgendwann schon einmal gehört zu haben. Und so verhielt es sich auch, denn die Stimme passte zu den Augen, denen er auf seinem Weg in einer früheren Nacht begegnet war. Das fremde, nun schon vertraut gewordene Gesicht war also wieder da, irgendwo unsichtbar im Dunkeln wartete es vielleicht auf ihn und fragte ihn, wohin er gehen würde. Johannes schüttelte mit dem Kopf, so dass ihm seine langen Haarsträhnen bis ins Gesicht fielen und Augen und Nase bedeckten und ihn für einen Moment lang fast blind machten. "Ich weiß nicht, ich weiß es doch nicht, denn ich kenne den Weg aus der Nacht heraus nicht", dachte ein junger Mann nun so laut, dass ihn die unsichtbaren Augen und die Stimme sicher verstanden haben mussten. Dann hatte Johannes das Gefühl, das ihn jemand bei der Hand nahm und auf den schmalen Lichtstrahl zuführte, der sich irgendwo in der unendlichen Ferne, weit hinter dem Horizont verlief.

Aber Johannes schaute noch einmal zurück und nach seinen beiden Seiten. Zu seiner Linken erblickte er von den sieben Weltwundern nur noch die Pyramiden von Gizeh. Ganz weit hinter ihm meinte er die Feuer von Terror und atomarer Vernichtung zu erkennen und daneben gewaltige Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüche und die Folgen der Klimakatastrophe, die einen Teil der Menschheit vernichteten. Unweit davon die Reste von zwei eingestürzten Türmen auf einer großen Insel und daneben Menschen im Alltag, die mit Mobbing, Gewalt und Missbrauch (als Täter, Opfer und Therapeuten) so sehr beschäftigt waren, dass sie gar keine Zeit mehr für die ihnen unbekannten, unsichtbaren und sicher auch oft ungewollten gütigen Augen zu haben schienen. Zu seiner Rechten erblickte er die Entgleisungen von Sodom und Gomorrha, und der halbe Weltkreis tanzte um ein großes goldenes Kalb. Die Menschen zogen lachend in unendlich langen, leuchtenden Ketten einem riesigen Feuersee entgegen, indem sie bald darauf mit großem Weinen und Klagen für immer verschwanden. Als ihm ein grinsendes und ironisch lächelndes Frauengesicht eben noch zurief: "Andere Zeiten, andere Sitten", wusste ein junger, ehemaliger Kandidat der Philosophie, dass dies nicht mehr seine Zeit war, in der er sich gerade befand und dass seine Zeit eigentlich schon seit langem abgelaufen und vorbei war. Plötzlich konnte Johannes auch sein kleines Elternhaus erkennen mit seiner alten Mutter davor, die all die Jahre auf ihn gewartet haben musste und im Vorgarten noch immer auf ihn wartete. Nein, er musste wenigstens noch einmal zurück nach Hause, um zu sehen, wie es seiner Mutter ging, aber die Stimme rief ihm wieder eindringlich zu: "Quo vadis, Johannes?"

Jetzt erkannte Johannes, dass er die Augen und die Stimme nicht mehr länger warten lassen durfte und auf dem schmalen Lichtstrahl gehen und bleiben musste, von dem er nicht wusste, wohin er ihn schließlich noch führen würde. Aber er spürte zugleich wieder die Wärme, Geborgenheit und innere Zuversicht, die von beiden ausging und die er in der Welt und ihren vielen Möglichkeiten, Vergnügungen und Philosophien nicht hatte finden können. Er durfte die Augen und die Stimme, die ihm sicher nur Gutes tun wollten, nicht enttäuschen, und in der Welt hinter und neben ihm gab es an sich nur noch wenig, das Johannes wirklich von Herzen interessierte, denn er sah die Anzeichen der nahenden Katastrophe und des Verfalls, auf die schon Erich Fromm in seinem Werk "Haben oder Sein" vor langem hinwiesen hatte, immer deutlicher, so dass dem jungen Mann keine Zeit mehr blieb, über seine Entscheidung länger nachzudenken, als nur noch einen kurzen Augenblick lang, der eben vergangen war.

Als Johannes einige Kilometer auf seinem neuen Weg, dem Lichtstrahl gewandert war, öffnete er seine rechte Hand, die er die ganze Zeit über zu einer Faust zusammengeballt hatte und erkannte etwas ihm jetzt kaum noch Befremdendes darin. Es war ein Stück abgerissene, blutige Haut, nur ein kleiner, unscheinbarer Fetzen mit ein paar Dornen daran, den er irgendwo während der Nacht am Straßenrand aufgelesen haben musste. Er kannte auch jetzt noch nicht den Namen dessen, zu dem der Hautfetzen und das langsam aus der Erinnerung Stück für Stück in sein Bewusstsein zurückkehrende, blutverschmierte Gesicht passen konnte, aber er hatte eine leise Vermutung, um wen es sich dabei handeln musste ...

Als ein junger Mann am nächsten Morgen in Hannover aus seinem tiefen Schlaf in seinem Bett erwachte, hatte er das Gefühl von einer weiten Reise, vielleicht einer Schiffskreuzfahrt mit der Bremen um die ganze oder wenigstens die halbe Welt zurückgekehrt und ein völlig anderer und neuer Mensch zu sein oder es wenigstens noch zu werden. Vielleicht oder hoffentlich würde er sein Leben heute einmal etwas anders als für gewöhnlich anpacken. Er wünschte sich von Herzen, dass sich zumindest ein kleiner Teil seiner Hoffnungen erfüllen möge. Seltsam war es schon, aber er fühlte sich irgendwie sauber wie nach einem langen und reinigenden Dampfbad, und er verspürte den sonderbaren Wunsch, dies auch noch länger oder möglichst sogar für immer zu bleiben - wenn es so etwas wie "immer" überhaupt gab - geben konnte, dachte ein ehemaliger Anhänger der Philosophie von Hannah Ahrendt, die er im Stillen heute noch verehrte. Aber ein kleines oder vielleicht sogar großes Wunder war und blieb es doch, das Johannes in seinem viel zu langen, viel zu kurzen, einmal wirklichkeitsnahen und ein anderes Mal wirklichkeitsfernen Traum erlebt hatte.

Und der neue Tag sollte nur kommen ...

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6 Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe

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ISBN 978-3-9809336-3-6

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