Unser Buchtipp
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6
kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
Westdeutsche Zeitung

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Eingereicht am
30. Mai 2007

Die Angst vor dem Borkenkäfer oder Eine Geburt in WARP-Geschwindigkeit

© Michael Stürze

Mittwoch, 28. März 2007

exakt 10:19 Uhr

Ich habe Stress.

Klar habe ich Stress, immerhin will meine Freundin zum Frisör. Und da ich nun mal derjenige bin, der in unserer kleinen Familie immer, und damit meine ich IMMER, die Uhr im Auge behalten muss, stehe ich ganz kurz vor einem Schlaganfall, oder wenigstens vor einem kleinen Herzinfarkt. Ich weiß schon, was Sie jetzt denken und Sie haben Recht. Natürlich ist ein Termin bei einem Frisör nun gar kein Grund, um hektisch zu werden. Ist der Frisör jedoch ein ziemlich gut besuchter italienischer Figaro, der sehr ungern Kunden warten lässt, nur weil meine Freundin partout nicht pünktlich sein kann und selbige zudem hochschwanger ist, dann bricht bei mir die Panik durch. Warum fragen Sie? Weil wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nach einer Dame dran sind, die sich stundenlang irgendwelche Strähnchen in ihr stumpfes Haar färben lässt, und das nur, weil Senior Pino die alternde Ruhrpottdiva nicht noch fünf Minuten mit zu starkem Kaffee bei Laune halten wollte. Ich sehe mich also an diesem Morgen mit der Aussicht konfrontiert, auf unabsehbare Zeit in einem Friseursalon eingepfercht zu sein und das bei strahlendem Sonnenschein, frühlingshaften Temperaturen, dem Geruch eines blühenden und grünenden Bochumer Stadtparks in der Nase, den ich an diesem Tag sicher nur aus dem Auto heraus sehen sollte und dem Geschmack von Eis auf der Zunge, das ich nicht kriegen würde.

Entgegen meinen sonstigen Angewohnheiten renne ich also wie ein wildgewordener italienischer Eisverkäufer durch unsere Wohnung, schwenke meine Halblitertasse Kaffee und versuche meine Freundin so höflich wie irgend möglich zur Eile zu treiben, schließlich hetzt man keine Frau, die kurz vor einer Entbindung steht. Im Hinblick auf die Geburt unseres Kindes entzieht sich mir auch der Sinn eines Frisörbesuches, schließlich sind wir beide keine Typen vom Schlage eines "Hauptsache die Haare liegen", aber das ist ein anderes Thema.

genau 11:16 Uhr

Wir sind beim Frisör angekommen, selbstverständlich sechzehn Minuten nach dem vereinbarten Termin und etwa vierzehn Stunden vor dem Haarschnitt, den sich meine Freundin machen lassen will. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als mich in die aktuelle Tageszeitung zu vertiefen, denn der Versuch, mich in einer Espressotasse zu ertränken endet beinahe damit, dass ich die Tasse verschlucke. Warum sind die Dinger auch so verdammt winzig, und warum können Italiener keinen normalen Kaffee kochen? Sei es drum.

Stunden später ist meine Freundin glücklich über frisch gewaschene und geschnittene Haare und um einige Brocken der italienischen Sprache reicher; ich bin glücklich endlich hier rauszukommen und um einige Euro ärmer.

Da wir beide nicht richtig gefrühstückt hatten, beschließen wir, dass es 14:00 Uhr dafür noch nicht zu spät ist und schlendern in Richtung Bochumer Shoppingmeile. In den vergangenen Monaten hat sich herausgestellt, dass die angeblichen, für Außenstehende widerwärtig anmutenden Fressgelüste von Schwangeren ein Mythos sind. Trotzdem ist meiner Freundin nicht nach belegten Brötchen und Croissants sondern nach Fisch. Kein Problem, denke ich, wir haben die Auswahl zwischen "Nordsee" im City-Point und "Nordsee" in der Nähe vom Bermudadreieck, das deswegen so heißt, weil es eine riesige Kneipenmeile ist, auf der schon der Eine oder die Andere verschwunden sein soll. Wahrscheinlich auch ein Mythos, aber ich bin nicht der "Mythbuster" also ist mir das egal. Wie auch immer, wir stranden bei "Nordsee", lassen uns Fischsuppe, Lachsfilets und Garnelenpfännchen schmecken. Satt und gut gelaunt machen wir uns auf den Weg zum Stadtpark. Zufällig müssen wir da an einer italienischen Eisdiele vorbei. Fällt Ihnen was auf? Wenn das so weiter geht, müssen wir heute Abend zu einem Italiener Essen gehen.

Schon von weitem bemerke ich das Kamerateam, das ahnungslosen Passanten dämliche Fragen stellt. Im Verschwörerton raune ich meiner Freundin zu: "Lass uns bloß zusehen, dass wir da unbehelligt vorbei kommen." Zu meinem Leidwesen muss ich feststellen, dass meine Freundin nicht mehr so beweglich ist wie vor einigen Monaten. Außerdem scheint ihr der Fisch quer im Magen zu liegen, denn sie wird langsamer und sagt: "Warte mal bitte, mein Magen krampft." Sofort kreischt in meinem Kopf die Sirene vom Raumschiff Enterprise los und Captain Picard verkündet Alarmstufe ROT.

"Magenkrampf?", zweifle ich. "Schatz das sind Wehen!"

"Nein, bleib ganz ruhig", winkt sie ab, "das ist nur der Fisch. Ich hab den ganzen Tag noch nichts gegessen und dann gleich den Fisch, dass konnte doch nicht gut gehen."

Der rote Alarm wechselt mit dem gelben den Platz, noch bin ich nicht beruhigt, schließlich ist der offizielle Termin morgen und der von Oma errechnete schon vor vier Tagen. Da Omas aber immer Recht haben, zumindest behaupten sie das von sich, sind wir sozusagen überfällig.

"Bfuuh" schnieft meine Freundin. "Es geht schon wieder." Auf meine hochgezogene rechte Augenbraue meint sie: "Glaub mir, das war KEINE Wehe. Ich bin eine Frau, ich weiß, was eine Wehe ist und was ein Magenkrampf." Die Alarmsirene geht aus, aber ganz weit hinten dreht sich unablässig die gelbe Rundumleuchte, während Captain Picard meine Schulter tätschelt, lächelt und sich zurückzieht.

In diesem Moment rammt mir eine debil grinsende Frau mit fettigen Haaren ein Mikrofon fast in die Nase und sagt: "Dürfen wir Ihnen eine Frage stellen?" Obwohl ich mich winde wie ein Aal, weiß ich genau, hier komme ich nicht raus. Normalerweise hätte ich mich in einer solchen Situation schleunigst aus dem Staub gemacht, aber mit einer schwangeren Frau an der Hand, die auch noch Magenkrämpfe wegen eines Fischessens hat? No Way! Resigniert nickte ich. "Von mir aus."

"Prima. Vor welchen Tier haben Sie Angst?"

Häh? Was ist los?, denke ich, sage aber: "Tja, keine Ahnung, ich hab selber Tiere."

"Na ja, ganz spontan. Welches Tier fällt Ihnen ein, vor dem Sie in freier Wildbahn Angst hätten?"

Abgelenkt von den Magenkrämpfen meiner Freundin versuche ich mir die "freie Wildbahn" vorzustellen. Leider geistert mir in diesem Moment der Stadtpark durchs Hirn (wahrscheinlich, weil das Augusta-Krankenhaus in unmittelbarer Nähe steht) und ich gebe die unwahrscheinlichste Antwort auf die Frage, vor welchem Tier ich Angst habe: "Nun, vor dem Borkenkäfer." Was? Bin ich total bescheuert? Der Borkenkäfer? Ich weiß noch nicht mal wie einer aussieht. Aus den Augenwinkeln kann ich sehen wie meine Freundin sich windet, aber ganz sicher nicht, weil ihr der Magen schmerzt.

Die Reporterin ist sichtlich indigniert, wahrscheinlich überlegt sie noch, ob sich ein Interview mit einem Grenzdebilen wie mir lohnt. Das ist meine Chance. Schnell packe ich das Handgelenk meiner prustenden Freundin und zerre sie weg. Ich höre noch wie mir die Reporterin irgendwas mit Zecken und Borreliose hinterher ruft, der Rest geht im lauten Lachen der schwangeren Frau unter, die ich hinter mir her ziehe. Wir bringen einige Meter zwischen uns und die lästigen Fernsehleute, bleiben stehen und schütten uns regelrecht aus vor Lachen.

"Das war echt Dein Bester heute", schnauft meine Freundin, während ich sie breit angrinse. "Weißt Du, mir geht's schon wieder besser, vielleicht sollten wir uns noch ein Eis besorgen." Auf meine hochgezogene Augenbraue meint sie: "Es geht wirklich schon wieder. Und Schwangeren soll man immer alle Wünsche erfüllen." Nee, is klar, denke ich, sage aber: "Na gut, lass uns zur Eisdiele am Park gehen, die machen das leckerste Eis in ganz Bochum." Gesagt, getan. Gemütlich laufen wir Richtung Stadtpark und überlegen, ob wir nicht vielleicht doch noch ein paar Minuten im Park spazieren gehen sollten, schließlich ist Bewegung an frischer Luft das beste Mittel um Wehen zu fördern.

ziemlich genau 15:30

Das Eis ist geradezu unglaublich lecker, aber plötzlich hat meine Freundin keinen Bock mehr auf einen Spaziergang. Da auch meine Xbox360 benutzt werden will, entscheiden wir, nach Hause zu fahren. Unterwegs kommen die Magenkrämpfe wieder, meine gelbe Rundumleuchte im Kopf nimmt eine dunkelorange Färbung an, die Sirene schrillt leise und Captain Picard zeigt mit dem Finger auf mein Gaspedal und sagt: "Energie". Ist Picard eigentlich Italiener? Egal, ich gebe Gas.

Daheim fällt meiner Freundin ein, dass ja warmes Wasser krampflösend wirkt und lässt sich ein Bad ein. Ich ziehe mich in die fotorealistischen Welten von "Oblivion" zurück und erkunde mit meinem Dunkelelfen Azrael finstere, vor Trollen starrende Höhlen und grün-goldene Wälder voller Orks, Banditen und Minotauren. Langsam wird die Sirene leiser, die Alarmleuchte wird wieder gelb, rückt weit in den Hintergrund und Captain Picard zieht sich in sein Quartier zurück.

etwa 16:30

Offensichtlich hatte das Bad nicht den gewünschten Erfolg. Meine Freundin sitzt neben mir auf der Couch und schaut mit einem Auge zu, wie ich einen Totenbeschwörer mit meinem Schockschwert bearbeite.

"Ich glaub ich leg mich mal ne Stunde hin", sagt sie. "Die letzte Nacht hab ich irgendwie unruhig geschlafen. Vielleicht hilft das gegen die Krämpfe."

Krämpfe? Immer noch? Nach einer dreiviertel Stunde in der warmen Wanne? Sofort ist Picard wieder da, kommt jedoch nicht dazu, den roten Alarm zu verkünden, denn meine Freundin wiegelt sofort ab: "Vergiss es, das sind keine Wehen." Nein, natürlich nicht, aber wer bin ich, dass ich mit einer schwangeren Frau streite, vor allem, wenn es meine eigene ist? Also lasse ich sie tun, was immer sie tun will, erlöse Azrael aus seinem Pausenmodus und verwandle den Totenbeschwörer in eine leblose Pixelhülle.

Plötzlich sind die grün-goldenen Wälder nur noch blass und meine Konzentration ist dahin. Ich überlege, was es noch zu tun gibt, sollte sich herausstellen, dass die Magenkrämpfe doch Wehen sind. Leider fällt mir nichts ein, weil wir auf alle Eventualitäten vorbereitet sind. Die Tasche fürs Krankenhaus ist gepackt, ebenso der Rucksack mit Wasser, Powerriegeln und Traubenzucker für den Kreißsaal. Man weiß ja nie, wie lange so eine Geburt dauert. Laut unserer Hebamme kann es bei Erstgebärenden schon mal 12 Stunden harte Arbeit bedeuten, bis die kleinen, kreischenden und faltigen Familienpocken endlich da sind.

Hat eigentlich mal jemand darüber nachgedacht, warum der Kreißsaal so heißt? Hat ja nichts damit zu tun, dass die Räume rund sind, oder die Bäuche der Frauen, denn dann würde es Kreissaal heißen. Im Moment ist mir das auch ziemlich schnuppe.

Mir bleibt also nichts weiter zu tun, als mir eine Tasse Kaffee zu kochen und Azrael weiter so richtig schön durch "Oblivion" zu hetzen.

gegen 18:30

Die Schlafzimmertür geht auf und meine Freundin erscheint. Trotz der dunklen Ringe unter den Augen ist sie eine Schönheit. Kein Wunder, schließlich sind die Haare frisch geschnitten und das Make-Up perfekt. Fehlt nur noch das Abendkleid und ein Seidentuch und sie ist fertig fürs Theater oder den Wiener Opernball. Das einzige, was nicht so recht passt, ist der verkniffene Gesichtsausdruck.

"Alles okay?", frage ich, weil mir Picard schon wieder seine Hand auf die Schulter legt.

"Mh, jaja, muss nur mal zur Toilette." Die Stimme klingt gepresst und abgespannt, als sie im Bad verschwindet. Klingt man so, wenn man Wehen hat? Keine Ahnung. Ich hatte noch nie welche. Beinahe wünsche ich mir, ich könnte...

"Micha?" Jetzt klingt es eindeutig überrascht und ein wenig ängstlich. Während ich die wenigen Meter ins Bad hetze, legt Jean-Luc schon mal die Hand auf den Alarmknopf.

"Stimmt was nicht?" Ich glaube, ich habe noch nie was Dämlicheres gesagt. Gut, da war die Sache mit dem Borkenkäfer, aber Schwamm drüber.

"Nein, nichts stimmt. Ich habe Blutungen." Scheiße. Picard hämmert auf den Alarmknopf. Aber Moment mal! Unsere Hebamme Jutta hat doch im Geburtsvorbereitungskurs gesagt, dass so was vollkommen in Ordnung ist. Trotzdem...

"Ich möchte zur Kontrolle ins Krankenhaus fahren", presst meine Freundin durch ihren blutleeren Lippen. "JETZT!" Wenn meine Freundin in diesem Ton "Jetzt" sagt, lässt sie keine Widerworte mehr gelten. Da heißt es zackig die Hacken zusammen geknallt und sofort reagiert.

"Gut," sage ich, "lass uns fahren. Die Tasche können wir ja hier lassen, die schicken uns bestimmt wieder nach Hause. Sollte es tatsächlich ernst sein, kann ich sie immer noch holen. Ist ja nicht so weit von Castrop nach Bochum." Da meine Freundin nickt, ist das Thema erledigt und wir könnten los. Vom Bad ins Wohnzimmer läuft alles prima, aber an der Couch krümmt sie sich zusammen, geht in die Knie und schnauft. Mist, soll ich jetzt auf die Uhr gucken und irgendwelche Abstände messen, soll ich vielleicht doch schon die Tasche mitnehmen, oder den Rucksack und wo ist überhaupt mein verdammter Autoschlüssel, wie, was ... Mein Kopf schwirrt wie ein amoklaufender Bienenstock. Trotzdem schaffe ich es irgendwie, meine Schuhe anzuziehen und sogar meiner Freundin dabei zu helfen, in ihre zu schlüpfen.

Der Weg zum Auto geht leicht. Wir steigen ein und als ich in den Rückspiegel schaue, sehe ich Picard, wie er auf das Gaspedal zeigt und sagt: "Warp 5. Energie!"

Genau, Captain, Warp 5 und ab dafür. Die Entfernung von Castrop nach Bochum beträgt mittlerweile Lichtjahre und die Fahrt dauert Ewigkeiten. Währenddessen versucht meine Freundin, den Haltegriff über der Beifahrertür abzureißen. Das scheint dermaßen anstrengend zu sein, dass sie schon Schweißperlen auf der Stirn und ihrer Nase hat. Ich greife zu einem Zellstofftaschentuch und tupfe sie ab, ein Auge auf der Straße, das andere auf meiner Freundin.

"Man, das tut aber verdammt weh", sagt sie plötzlich und hat zeitweise den Versuch vergessen, den Griff mitnehmen zu wollen.

"Ach", meine ich, weil ich ja ein Klugscheißer reinsten Wassers bin, "warte mal ab, das richtig Schlimme kommt ja erst noch. Wir haben doch jetzt locker noch sieben Stunden vor uns." Ich werfe schnell einen Blick auf die Uhr im Cockpit unseres Autos, die mir mit grünen Ziffern anzeigt, dass es 18:58 Uhr ist.

"Na toll, du hast gut..." Der Rest geht in angestrengtem Schnaufen unter.

Am Krankenhaus angekommen, parke ich schnell das Auto ein und wir steigen aus. Da krümmt sich meine Freundin wieder. Verdammt, wie lange ist denn die letzte Wehe her, denn dass es Wehen sind, daran zweifelt jetzt auch meine Freundin nicht mehr? Egal, ich hab nicht auf die Uhr geguckt. Mir fällt nur ein, dass wir die Tasche doch schon hätten mitnehmen sollen.

Die Wehe ist vorbei und wir machen uns langsam auf den Weg zum Eingang, der in einer Entfernung von unglaublichen dreißig Metern einladend auf uns wartet. Wir schaffen nicht ganz die Hälfte, als die nächste Wehe kommt. Was? Wie lange braucht man denn für knapp fünfzehn Meter, selbst wenn man langsamer als Methusalems Urgroßmutter läuft? Langsam wird mir bewusst, dass die Zeit knapp wird. Mein Puls galoppiert los wie ein durchgegangenes Rennpferd. Der Kreißsaal befindet sich im dritten Stock, was ist denn, wenn das Kind im Fahrstuhl... Nein, das ist natürlich Quatsch. Eine Geburt geht niemals so schnell, schon gar nicht wenn es die erste ist.

Die Wehe ist vorbei, wir schlurfen weiter, das heißt ich schlurfe, meine Freundin hängt an mir dran, denn ihr Körper scheint per Autopilot unterwegs zu sein. Wir erreichen den Eingang. Noch etwa sechs oder sieben Meter bis zum Fahrstuhl. Die nächste Wehe kommt. Verdammt, kommen die jetzt im Zehn-Sekunden-Rhythmus?

Knapp eine Minute schnaufen und weiter geht's. Na toll, jubel ich innerlich, der Fahrstuhl ist schon unten. Schnell in die dritte Etage und dann sofort in die Arme einer Hebamme. Der Fahrstuhl gibt ein emotionsloses Ping von sich, als wir den dritten Stock erreichen. Fünf Meter nach rechts und wir sind auf der Entbindungsstation. Doch vorher kommt noch eine Wehe. Schwer atmend stützt sich meine Freundin auf den Handlauf an der Wand. Innerhalb der letzten paar Minuten habe ich das Rückenstreicheln perfektioniert.

Die Wehe ist vorbei, wir betreten die Entbindungsstation und ernten den ersten mitleidigen Blick. Vielleicht soll der Blick der Schwester auch aufmunternd sein, ich kann es nicht unterscheiden, weil ich zu beschäftigt damit bin, meine Freundin aufrecht zu halten. Forschen Schrittes (Sie merken, ich übertreibe ein wenig) bewegen wir uns in Richtung Kreiß- (oder Kreis, weil meine Gedanken plötzlich nur noch darum kreisen, meine Freundin sicher in ein Entbindungsbett zu bringen) saal und schaffen es tatsächlich hinein. Aber nur knapp, dann kommt die nächste Wehe. Unwillkürlich wandert mein Blick zum Schritt meiner Freundin, nur um festzustellen, dass die Fruchtblase so ist, wie sie sein sollte: NICHT geplatzt. Immerhin.

Eine Hebamme kommt angerannt und hilft mir. Sie greift mir unter die Arme, wenn Sie mir diesen lahmen Kalauer erlauben. Dabei spricht sie beruhigend auf meine schweißnasse Freundin ein. Mir fällt sofort auf, dass die Hebamme mit Dialekt spricht.

Jetzt raten Sie mal, mit welchem!

Falsch!

Es ist polnisch und die gute Frau heißt auch nicht Giovanna, sondern Czupala. Wäre sonst auch zuviel des guten.

laut Hebamme 19:08 Uhr

Wir haben es geschafft. Meine Freundin liegt mit hochrotem Kopf und verschwitzten, aber gut geschnittenen Haaren im Entbindungsbett. Die Hebamme sagt jetzt, dass sie erst mal nachschaut, ob soweit alles in Ordnung ist und beugt sich nach vorn. Dann der erlösende Satz: "Das sieht alles sehr gut aus. Genauso, wie es sein soll." Und dann: "Der Muttermund ist schon 10 Zentimeter offen." Genauso wie mein Mund. Neben mir macht meine Freundin ein grunzendes Geräusch, das höchste Überraschung ausdrückt. 10 Zentimeter? Man hab ich ein Glück, dass das Kind nicht schon im Auto gekommen ist. Mit mir als Geburtshelfer und Captain Picard als Zuschauer, das hätte doch... Plötzlich ist das Bett komplett nass. Ich höre die Hebamme sagen: "Ach, na prima, die Fruchtblase ist geplatzt. Und soviel Wasser, na der Kleine wird wohl ein richtiger Schwimmer.", aber mir entzieht sich im Moment der Sinn der Worte.

Eine andere Schwester steckt den Kopf zur Tür herein und fragt, ob meine Freundin etwas dagegen hätte, wenn eine Schülerin bei der Geburt dabei ist. Der Zeitpunkt für diese Frage ist denkbar ungünstig gewählt, weil gerade jetzt eine neue Wehe kommt. Mit zusammengebissenen Zähnen zischt meine Freundin: "Das ist mir doch scheißegal." Sie neigt sonst nicht zur Fäkalsprache, aber wer will es ihr verdenken. Obwohl sie gerade dabei ist meine Hand zu Knochenbrei zu zerquetschen, streichle ich meiner armen Freundin mit der anderen über den Kopf und nicke dann der Schwester zu, die daraufhin die verängstigte Schülerin in das Entbindungszimmer schickt. Die Wehe lässt kurz nach, ebenso der Druck auf meine Finger, die sich zum Glück noch bewegen lassen.

Die Hebamme dreht sich kurz weg, um die Wärmelampen am Wickelplatz anzuschalten. Dann bückt sie sich und legt frische Säuglingswäsche raus. Moment mal, denke ich und durch mein verwirrtes Hirn geistert eine Erinnerung an Juttas Worte: "Wenn die Hebamme im Kreißsaal die Wärmelampen anknipst und die Wäsche rauslegt, habt ihr als werdende Eltern das Schlimmste überstanden." Das Schlimmste überstanden? Wie lange sind wir denn schon hier? Die Hebamme macht einen Fehler. Ich weiß genau, dass eine Geburt nicht nur eine halbe Stunde dauert. Ich habe Bücher gelesen und im Internet gesurft. Beim Frauenarzt hab ich in einschlägiger Literatur geblättert, also weiß ich...

"Ja, meine Liebe, das machen Sie ganz toll, noch mal tief Luft holen und pressen!"

Nein, nein, so geht das nicht, wir haben doch noch ein paar Stunden... Ich muss doch die Tasche noch holen und den Traubenzucker... Wer soll denn die ganzen Powerriegel essen... Glücklicherweise hat sich mein bewusstes Ich, das völlig fassungslos auf diese Situation reagiert, von meinem unterbewussten Ich getrennt, das genau das macht, was es soll: Es spricht aufmunternd mit meiner Freundin, hält ihr den Kopf und hilft so, wenn auch unzulänglich, bei der Entbindung.

Ganz weit weg höre ich, wie meine Freundin sich in den kurzen Wehenpausen bei der Hebamme dafür entschuldigt, dass sie schreit. Sie wollte nämlich nicht schreien.

exakt 19:29

"So, und jetzt noch mal kräftig pressen... Jawoll, na bitte, da ist er. Es ist ein Junge. Herzlichen Glückwunsch." Ganz vorsichtig hüllt die Hebamme das Kind, an dem noch die Nabelschnur hängt, in ein warmes Handtuch und legt es meiner Freundin auf den Bauch.

"Na, haben Sie schon einen Namen?" Ich merke, dass die Hebamme mit mir redet.

Kurz, ganz kurz, rasseln mir verschiedene Namen durch meinen Kopf: Jean-Luc, Atze, Otto... Bis mein Verstand plötzlich einrastet und ich sage: "Ja, Constantin."

"Sehr schöner Name. Möchten Sie die Nabelschnur durchtrennen?" Natürlich möchte ich.

Dann sehe ich das erste Mal das Gesicht meines Sohnes und weiß plötzlich, dass jetzt jemand anderes dran ist, ein Kind zu sein. Auf einmal ist alles anders. Besser.

Für eine letzte Sekunde blicke ich über die Schulter und sehe Captain Picard, der den rechten Daumen in die Höhe reckt, mir anerkennend zunickt und dann in den unendlichen Weiten des Weltalls verschwindet.

Das hatte ich nicht erwartet. Aber es ist gut so wie es ist. Nein, es ist das Beste - ich bin Vater.

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6 Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-3-6

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