Unser Buchtipp
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6
kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
Westdeutsche Zeitung

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Eingereicht am
31. Mai 2007

Des Lebens Risiko

© Katharina Britzen

Zweifelsfrei das Logo der Firma. Meine Hände zitterten, als ich den Wisch mit dem Daumennagel aufschlitzte, im Gehen die Zeilen überflog und meine Augen sich an den Worten festsaugten: "...wir Sie bitten, am 28.03. um 10:00 h im Personalbüro zu erscheinen." Die Floskeln schenkte ich mir. Mir schwante, dass es sich nicht um eine Einladung zu einem Cha-Cha-Cha-Abend handelte. Prompt krampften sich meine Eingeweide zusammen, und ich stürzte zur Toilette. Parallel zu den Darmzuckungen raste mein Puls. Ich krümmte mich vor Schmerzen, und Schweißperlen bedeckten meine Stirn.

Während die Porzellanschüssel unter mir Körpertemperatur erreichte, ich mich peu à peu entspannte, stiegen aus den Tiefen des Gehirns Erinnerungen hoch. Erinnerungen an bessere Zeiten, als Besuche im Personalbüro noch positiv belegt waren. Drei Beförderungen in dreiunddreißig Jahren Berufstätigkeit. Verdiente Tantiemen für Engagement und Leistung. Ich sonnte mich jedes Mal in meinem Erfolg und durchlebte einen lang anhaltenden Glückstaumel. So hatte ich es bis zur Hauptkassiererin und Abteilungsleiterin gebracht, Aufgaben, die mich ausfüllten und mir Befriedigung verschafften, aber am meisten genoss ich den unmittelbaren Kontakt zum Kunden. Auch wenn ich als Hauptkassiererin mit anderen Aufgaben betraut war, suchte ich oft an den Kassen die Nähe des Kunden. Tauchte in Stoßzeiten ein ins Gewusel, um Aushilfen zu entlasten, um Azubis anzulernen. Ich ging derart auf in meiner Arbeit auf, dass ich jahrelang Babettes gebetsmühlenartige Vorschläge, die Eröffnung einer eigenen Boutique, ablehnte.

Nun das! Ausgerechnet heute, an meinem freien Tag, obwohl das Fluidum solcher Tage längst Schnee von gestern war. Mit einer SMS informierte ich meine Freundin Babette, löste zwei Schlaftabletten auf und schleppte mich ins Bett.

Das Licht der Straßenlaterne fiel durch die Ritzen der Jalousie, als ich im Dämmerschlaf Babette gegen die Wohnungstür hämmern hörte: "Gisela, mach auf. Sofort. Hörst du? Mach sofort auf. Wir müssen reden." Ich wankte zur Tür und öffnete wortlos, worauf Babette mich packte, vor den Ankleidespiegel im Schlafzimmer zerrte und mir ins Gesicht schleuderte: "Sieh dich an, Gisela. Sieh genau hin", unsere Augen trafen sich im Spiegel, "was siehst du? Ein Wrack? Eine Vogelscheuche? Sind die das wert? Komm endlich auf den Boden der Realität und hör auf, dich zu bemitleiden." Ich blieb stumm, doch sie redete weiter auf mich ein: "Tu es endlich, Gisela. Du gehst sonst noch vor die Hunde. Wirf ihnen alles vor die Füße. Du wirst sehen, dann geht es dir besser. Viel, viel besser. Wo bleibt dein Stolz, Gisela?"

Warum, weiß ich nicht, aber plötzlich nahm ich allen Mut zusammen und wagte mich vor den Spiegel. Wie Recht Babette hatte! Eine Fremde starrte mir entgegen mit dunklen Schatten unter den Augen, Mundwinkel bis zum Kinn, in einem Schlafanzug, mittlerweile zwei Nummern zu groß. Ein breiter Streifen Grau wuchs aus ehemals kastanienbraungefärbten Haaren heraus. Haaren, die dringend einer Korrektur bedurften. Allem Anschein nach schien ich nur noch ein Schatten meiner selbst zu sein und auf dem besten Wege, im Chaos zu versinken. Vernachlässigte mich, meine Wohnung, igelte mich ein und schottete mich vor der Außenwelt ab und hätschelte mein angeknackstes Ego. Damit musste Schluss sein. Vorbei. Für immer.

Lag es am Aussehen, lag es an Babettes Appell, dass ich aufsprang, wie ein Derwisch im Kreis herumhüpfte und lauthals posaunte:"Ja", ich tue es. Ich tue es gleich morgen."

Mit dem Ausdruck grenzenloser Erleichterung umarmte mich Babette, bis ich nach Luft japste. Den Rest meines freien Tages genossen wir in altbewährter Manier. Viel hätte nicht gefehlt und er hätte das Format längst vergessen geglaubter Tage erreicht, dieser freie Tag.

Frei zu haben mitten in der Woche bedeutete, keine drängelnden Kunden an der Kasse. Kein "Geben Sie bitte Ihre Pin ein und mit grün bestätigen" oder "Haben Sie eine Kundenkarte?" Kein Gemaule, wenn sich eine Schlange von drei Kundinnen, ich gestehe, manchmal auch mehr, an der Kasse bildete. Keine BHs, Slips, Strümpfe, Pullover in knisternde Plastiktüten stopfen. Keinen Umtausch vornehmen, kein Geld zählen und addieren. Keine Fehlsummen recherchieren; weder Belege kontrollieren noch Essig-Essenz-Kundinnen mit einer Charmeoffensive einlullen. Kein "Frau Thomé bitte an Kasse ... Kein... Kein...

An freien Tagen frönte ich dem Lustprinzip. Tage, an denen ich gleich nach dem Aufwachen in die Freizeithaut schlüpfte und mich bedingungslos meinen jeweiligen Stimmungen unterwarf. Faulenzen, Essen, Lesen, Musikhören, Fernsehen... Oder zusammen mit meiner

Freundin Babette der Göttin des Konsums opferte. Zuweilen Stunden dieser Tage bei einem Rendezvous mit einem XY-Chromosomen-Träger verplemperte oder genoss. Je nachdem...

Bis diese lustbetonten Tage vor etwa einem Jahr jäh endeten.

Der Prozess begann schleichend. Jahr um Jahr verringerten sich die Umsätze in der Mehrzahl der Filialen, bis sie schließlich im freien Fall nach unten stürzten und tiefrote Zahlen die Bilanzen dominierten. Doch in der Konzernleitung zögerte das Management, auf dem eine Resignation wie Mehltau lag, die längst fälligen Schritte, zu dem Zeitpunkt noch unter halbwegs sozialverträglichen Aspekten, einzuleiten und der Schieflage mit den notwendigen Instrumenten entgegen zu treten. Stattdessen begegneten sie dem drohenden Untergang mit Flickschusterei.

Nicht zu Unrecht wurde der Konzernleitung später eine grobe Fehleinschätzung der Realität nachgesagt. Als Folge fielen die Aktien ins Bodenlose, und der Pleitegeier kreiste. Jetzt schlug ihre Stunde, die der Heuschrecken, zu neudeutsch: Hedgefonds. Die neue Geißel der Menschheit? Weltweit agierende Fonds, gespeist aus globalen Geldgebern, einem Mix aus undurchsichtigen Geldströmen mit dem Motiv der unendlichen Gewinnmaximierung, hatten sich unseren Konzern gekapert und waren dabei, ihn zu filettieren. Getreu dem Motto: Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Es lebe der Gewinn.

Ausgestattet mit einer Blankovollmacht startete das Management den Kahlschlag in Kettensägemanier. Unrentable Niederlassungen wurden geschlossen, und tausende von Menschen standen von einem Tag auf den anderen auf der Straße, Lebensläufe erlitten Brüche. Aber wer es verstand, an der Ampel des Brotverdienens dem Wegweiser Grün zufolgen, machte sich die Veränderung zunutze und war erleichtert, dem Untergang entkommen zu sein und einen Neuanfang riskiert zu haben. Diejenigen aber, die sich tagein, tagaus wie im Leerlauf bewegten, mit ihrem Schicksal haderten, Verbündete des Sich-Treiben-Lassens wurden, liefen Gefahr, Haus und Hof zu verlieren und/oder einer schwerwiegenden Erkrankung anheim zu fallen und bei Hartz IV zu landen. Endstation Ein-Euro-Job oder Gully. Verloren auf der Straße der Arbeitslosigkeit. Nicht zu vergessen jene, die zwar auf der Suche nach Arbeit wie im Hamsterrad strampelten, aber mangels Qualifikation oder fehlender Arbeit durchs Raster fielen und keinen Fuß mehr in die Tür bekamen.

Unsere Filiale wurde nicht geschlossen, aber den Angestellten jenseits der Fünfzig, zu denen ich, geschieden und allein stehend, gehörte, angeblich zu teuer und nicht mehr leistungsfähig, lockten sie mit läppischen Abfindungen, um uns loszuwerden. Mehrheitlich entschieden wir uns dagegen. Zumindest blieb uns die Obhut des Arbeitsamtes erspart,

mussten aber notgedrungen einer Änderungskündigung zustimmen. Weniger Gehalt bei höherer Arbeitsleistung. Zusätzlich Kürzungen der Sozialleistungen.

Um den Preis eines sicheren Arbeitsplatzes waren wir Deppen bereit, Opfer zu bringen. Wie diese Opfer aussahen, erfuhren wir rasch am eigenen Leibe, denn die Lotsen des Geldes zwangen uns auf ihren Kurs. Mit harten Bandagen, Druck, bis wir uns wie Quetschkartoffeln fühlten. Druck, gespeist aus der Angst um den Arbeitsplatz, Druck, entfacht durch die Forderung nach höherer Leistung. Druck, ausgelöst durch Mobbing-Virtuosen, ausgeklügelten Kontrollmechanismen und neuen Chefs, loyal zu den Vorgaben der Konzernleitung und einer Distanz im Du und Du. Meine Kompetenzen drastisch beschnitten, verlagerte sich mein Arbeitsbereich hauptsächlich an die Kasse mit oftmals übellaunigen Kunden, da durch ein Minimum an Personal auch die Kundenfreundlichkeit den Bach runter ging. Unter Dauerstress verlor ich meine charming-girl-Attitüde und musste mich oft genug zur Freundlichkeit zwingen. Unter diesen Bedingungen häuften sich die Fehlerquoten. Die Quittung, nämlich eine gelbe Karte, hatte ich bereits kassiert.

Langjährige Wegbegleiter, ausgeschieden, entlassen, abgefunden, standen weder für Klatsch und Tratsch noch fürs Herzausschütten zur Verfügung. Ein Mindestmaß an Kommunikation erfolgte per Gebärdensprache zwischen Oberhemden und Kleiderpuppen. Oder auf den Klosetts. Wut, Ärger, Angst, Groll, größtenteils ungefiltert heruntergeschluckt und abends mit einer Schlaftablette ins kurzzeitige Vergessen befördert. Und immer die Angst im Nacken. Wie lange noch und ob überhaupt?

Dann dieser Brief vom Schicksalskabinett, die Aufforderung, ins Personalbüro zu kommen.

Der entscheidende Morgen war angebrochen. Den Triumph würde ich ihnen nicht gönnen. Niemals. In Erwartung dieser Genugtuung rappelte ich mich auf, kleidete mich mit größter Sorgfalt, trug ein dezentes Make-up auf und drehte mich, bis auf den grauen Haaransatz d'accord mit mir, vor dem Spiegel.

Der Aufzug stoppte mit einem melodischen Gong in der oberen Etage, in der jetzt die Personalabteilung residierte. Selbstredend mit komplett ausgetauschter Mannschaft. Weit und breit niemand mit einem aufmunternden Lächeln oder einem "Hallo, Frau Thomé, wie geht's?" Ich klopfte an die Tür des Personalchefs und stürmte, ohne dessen "Herein" abzuwarten, geradewegs hinein in die Höhle des Löwen.

Jung, dynamisch und mit dem Charisma eines Henkers residierte der Neue in seinem Chrombüro - der Vergleich mit einem faradayschen Käfig drängte sich mir auf - vor sich eine Computerliste mit Namen, die zum Teil neonrot markiert waren und sah mir verwundert entgegen: "Äääh, hmmm, Frau Thomé, wir haben doch erst in vierzehn Tagen einen Termin... hmmm." Sein Adamsapfel rollte auf und nieder, und in Bruchteilen von Sekunden erkannte ich, dass er unter noch größerem Druck stand als ich und am Gängelband der Heuschrecken wie an einem seidenen Faden baumelte. Für einen Moment empfand ich Mitleid.

Ich postierte mich vor ihm und verkündete mit fester Stimme: "Den Termin in vierzehn Tagen können wir uns schenken. Ich kündige. Fristlos."

Knallte ihm das Kuvert mit der schriftlichen Kündigung auf den Schreibtisch, machte auf dem Absatz kehrt und war schon fast zur Tür heraus, als ich ihn stammeln hörte: "...haben Sie falsch verstanden. Wir wollten Sie wieder auf Ihren alten Posten zurückversetzen. Natürlich vorerst ohne Gehaltsanpassung..." Das Letzte, was er von mir zu sehen bekam, war mein mein Stinkefinger.

Abends beim Lieblingsitaliener stießen Babette und ich mit Champagner auf unser zukünftiges Leben als Boutiquebesitzerinnen und dem Ende als abhängig Beschäftigte an.

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6 Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-3-6

kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
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