Unser Buchtipp
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6
kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
Westdeutsche Zeitung

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Eingereicht am
05. Juni 2007

Sprung rückwärts

© Onivido Kurt

Isabel Betancourt, ihres Zeichens Ingenieuse, kam nach München von einer Tochterfirma in Venezuela um zu helfen, einige verkorkste Projekte doch noch rechtzeitig über die Bühne zu bringen. Anfangs waren wir alle sehr skeptisch über diese Verstärkung ausgerechnet aus einem tropischen Schwellenland, versöhnten uns aber schon in den ersten Tagen mit dieser Maßnahme. Die berufliche Kompetenz der jungen Dame stand außer Zweifel. Sie fügte sich nahtlos ein in unsere Arbeitsstruktur und hatte eigentlich nur einen Fehler. Sie arbeite bis spät in die Nacht hinein, wahrscheinlich weil sie nichts Besseres zu tun hatte,- so die Kolleginnen.

Wir hielten das für sehr untypisch für eine Lateinamerikanerin, ebenso ihr Aussehen. Ein Mädchen von der Karibikküste hatten wir uns dunkelhäutig vorgestellt, aber Isabels Haut war makellos weiß.

Ihre Figur war übrigens ebenfalls makellos.

"Ob das wohl alles echt ist", rätselten wir unter Kollegen, oder hatte etwa ein geschickter Chirurg nachgeholfen?

Vor allem das weibliche Personal neigte dazu, letzteres zu versichern. Heutzutage kann man ja nie wissen. Isabel hatte Lippen wie reife Kirschen, sanfte haselnussbraune Augen, dickes, braunes Haar, das zu dünnen Zöpfchen geflochten war, an deren Enden bunte Glasperlen funkelten. Etwas sonderbar, die Frisur, afrikanisch, aber zugegeben, sie passte zu ihrem Gesicht.

Als sich dann der Erbe einer Vorstadtvilla für meine Freundin zu interessieren begann, machte diese unserer Gewohnheitsbeziehung flugs den Garaus. Sie hätte endlich gemerkt, dass wir vollkommen verschiedene Interessen und Ansichten hatten, meinte Sabine, weil ich zum Beispiel Salsa dem Hard-Rock vorzog, lieber selbst Fußball spielte als Ballettaufführungen zu besuchen und zu allem Überfluss Homosexuellen das Recht absprach Kinder zu adoptieren. Diese Konstellation verschaffte mir reichlich Zeit um zu versuchen Isabel davon abzubringen, die Abendstunden im Büro zu vergeuden. Unerwarteterweise errang ich wenigstens einen Teilerfolg schneller als gedacht und entdeckte, dass sie die Frau meines Lebens war.

Sie war weichherzig, konnte an keinem Straßenmusikanten vorbeigehen ohne ihm eine Münze in die Hand zu drücken "Hay que colaborar - man muss helfen", entschuldigte sie sich dann für diese Unterstützung des Schmarotzertums.

Sentimental war sie, chronisch gut gelaunt, spielte Volleyball, tauchte, joggte und tanzte. Und wie sie tanzte. Und ich verliebte mich grenzenlos und Gott sei es gedankt, Isabel ebenso.

Sie hielt nichts von platonischer Liebe und allem Anschein nach hatte sie auch noch nie etwas von Schwangerschaftsverhütung gehört. Jedenfalls war sie vier Monate nach dem Ausbruch unserer Liebesekstase schon einen Monat schwanger und ich blähte mich wie ein Pfau und zählte überglücklich die Tage bis zur Geburt unseres Kindes.

Sogar bei meiner Mutter hatte Isabel einen Stein im Brett, weil sie schon bei ihrem ersten Besuch nicht gefremdelt hatte und ihr, wie in Lateinamerika immer noch üblich, bei der Hausarbeit wie selbstverständlich zur Hand ging.

"Ein nettes Mädel, einfach, nicht so gespreizt, wie die Sabine", meinte meine Mutter.

Mit Hilfe der Verwandtschaft ergatterten wir eine günstige Eigentumswohnung in einem Vorort und konnten sie gerade noch einrichten, bevor das Baby geboren wurde.

Und das war der Tag, an dem für mich die Welt zusammenbrach. Das Baby war gesund und robust, aber hatte unzweifelhaft negroide Gesichtszüge und dunkle Haut.

Isabel schien dies nicht zu stören. Stolz präsentierte sie mir das Kind als meinen Sohn. Ich fühlte mich verhöhnt, grausam verspottet von der Frau, die ich unsäglich liebte, die ich mir näher geglaubt hatte als meinen Atem, deren Gedanken ich dachte und ohne die ich nicht leben wollte.

Wortlos verließ ich das Zimmer. Ich wollte nicht vor aller Welt heulen und kämpfte mit den Tränen, bis ich mich in einer Toilette einschloss. Aber jetzt blieben meine Augen trocken. Das war also die Frucht der gelegentlichen, nächtlichen Überstunden Isabels.

Mein Handy piepste. Meine Mutter. Ich antwortete nicht.

Ich wollte keinem Bekannten begegnen, wollte nicht in unsere Wohnung, wollte nicht zu meinen Eltern, Aber ich konnte nicht endlos durch die Straßen irren und so landete ich bei Eddie's, setzte mich an die Bar und bestellte ein Bier und gänzlich gegen meine Gewohnheit einen Korn dazu. Und noch einen Korn und ein Bier und schon sah die Welt wieder ein bisschen anders aus. Und immer wieder das gleiche.

Stunden später hatte ich die Wahl, mit der Nutte, die mich reif für ihre Dienste erkannt hatte, abzuziehen oder nach Hause zu gehen. Aus Angst vor AIDS entschied ich mich für letzteres und torkelte zum nächsten Taxistand.

Im Hausflur herrschte Aufregung. Unsere Nachbarin und ihr Ehemann versuchten einen Informationsaustausch mit einer etwas üppigen Negerin. Ein erfahrener Linguist hätte aus dem Kauderwelsch Silben der englischen Sprache heraushören können. Obwohl ich für heute von Negern genug hatte, versuchte ich behilflich zu sein.

Alkohol ist manchmal der Verständigung förderlich.

"I am looking for Isabel Betancourt", erklärte die Schwarze, "ich suche Isabel Betancourt."

"Aha, und wer sind Sie?"

Die Frau runzelte die Stirn.

"Und wer sind Sie?"

"Ich war ihr Mann."

"Ich wusste gar nicht, dass Isabel mehrere Männer hier in Deutschland hatte."

"Ich auch nicht", knirschte ich.

Die Alkoholnarkose drohte ihre Wirkung zu verlieren.

Wieder kämpfte ich mit den Tränen.

Die Frau musterte mich etwas erstaunt, wie es mir schien. Dann sagte sie: "Ich bin ihre Schwester"

War es der Rausch oder das übermächtige Gefühl der Erleichterung, das mich wanken ließ? Ich fasste nach dem Stiegengeländer und hielt mich daran fest.

Ja, die Frau war ziemlich schwarz, hatte krauses schwarzes Haar, aber ihre Gesichtszüge bewiesen eindeutig die nahe Verwandtschaft mit Isabel. Ihre Schwester, sie hatte ihren Besuch anlässlich der bevorstehenden Geburt angesagt um Isabel behilflich zu sein. Eigentlich hätte ich sie am Flughafen abholen sollen. Das hatte ich in meinem Schock gänzlich vergessen. Ihr Foto hatte mir Isabel noch schnell per e-mail ins Büro geschickt, bevor sie wegen der unerwarteten, plötzlichen Wehen Hals über Kopf im Taxi in die Klinik gefahren war. Das Foto hatte ich nicht angesehen, weil auch ich überstürzt zur Klinik gerast war. Schwester! Unglaublich!

"Sorry, Englisch liegt mir nicht besonders. Ich wollte sagen, ich bin ihr Mann."

Meine Schwägerin lächelte.

"Ich bin Catalina", stellte sie sich vor.

Trotz meines alkoholisierten Zustands fand ich den Wohnungsschlüssel, schloss auf, drängte Catalina in die Wohnung und ließ unsere Nachbarn enttäuscht in Unwissenheit.

Wie schon erwähnt, ich glaube Alkohol ist manchmal gut. Jedenfalls half mir mein abgestumpfter Zustand Catalina umgehend, schnörkellos die Wahrheit zu beichten und ich war auch verzweifelt genug sie um Hilfe zu bitten.

"Ay", lachte sie zu meinem Erstaunen, "das Kind ist also ein salto atrás - ein Sprung rückwärts, wie ich übrigens auch. Kein Wunder, dass du gezweifelt hast. Das kommt bei uns oft vor, so oft, dass man sogar diesen schönen Namen dafür erfunden hat."

Sie zog mich aus dem Sessel, in den ich gesunken war.

"Komm, fahren wir zur Klinik, bevor sich Isabel die Augen ausweint. Recht geschieht es ihr zwar, warum hat sie dir nie Fotos von ihrer Familie gezeigt."

Dankbar umarmte ich Catalina, kontrollierte meine schwankenden Schritte und den Brechreiz und folgte ihr aus der Wohnung Im Taxi rief ich meine Mutter an.

"Also, so eine Enttäuschung, so eine Schande ...", begann sie schluchzend noch bevor ich ein Wort herausgebracht hatte.

"Mamma, kannst du mit Vater in die Klinik kommen. Ich möchte euch Isabels Schwester vorstellen."

"Mein Gott", hörte ich sie noch sagen, "unser Rolf hat den Verstand verloren."

Dann blieb mein Handy stumm. Low battery.

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6 Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-3-6

kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
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