Unser Buchtipp
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6
kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
Westdeutsche Zeitung

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Eingereicht am
13. Juni 2007

Dino

© Linus Wedding

Der Verkehr dröhnte stinkend und zischend unter uns hinweg. Die Autos zogen lange Sprühnebelfahnen hinter sich her, die Scheibenwischer wedelten vor den Gesichtern der Fahrer herum, als wollten sie geistig Weggetretene wieder in die Wirklichkeit zurückholen. Die Scheinwerfer spiegelten sich in der nieselnassen Fahrbahn.

"Fertig, Alter?"

"Alles Roger in Kambodscha."

Wir standen auf der Brücke, die Kapuzen über den Kopf gezogen. Boulette hielt den schweren Stein in der Hand, ich die Kamera.

"Bist du wirklich sicher, dass wir gleich richtig Ernst machen sollen, Dino?", fragte er vorsichtig.

"Warum so bocklos, Alter? Wenn du dich nicht traust, dann werfe ich den Stein und du hältst die Kamera."

"Nee, ist schon okeh."

"Wir nehmen aber einen, der schön alleine angezuckelt kommt, damit nicht noch einer auf die Idee kommt, anzuhalten und eine Täterbeschreibung abzuliefern."

"Klaro."

Boulette war der ideale Befehlsempfänger. Er hatte eine auffallende Ähnlichkeit mit dem kleinen Muck, nur umgekehrt: Auf einem dicken plumpen Burger von einem Körper saß ein schmächtiger Kopf mit einem entsprechenden Birnenhirn.

Wir warteten. Eine Minute. Zwei. Drei. Endlich tat sich eine größere Lücke im Verkehr auf und mittendrin rauschte ein schwarzer Mercedes mit hundertachtzig oder hundertneunzig auf der linken Spur heran.

"Der da", sagte ich. Ich schmiss mir schnell noch eine Vitamintablette rein, spülte mit einem Schluck Korn nach und ließ auch Boulette noch etwas Zielwasser trinken. Wir machten uns bereit. Das Zielfahrzeug kam rasch näher. Ich brachte die Kamera in Anschlag. Radarkontrolle, hähähähä. Überhöhte Geschwindigkeit wird unnachsichtig geahndet. Das gibt hundert Punkte in Flensburg und lebenslangen Führerscheinentzug. Einen Augenblick lang war das Bild verschwommen, dann stellte es sich automatisch scharf wie eine Klitoris. Meine Pumpe laborierte ein wenig schneller, fast wie damals, als ich meine erste Tusse verführt hatte. Nicht übel, das Gefühl.

"Wer unter euch ist ohne Sünde", sagte ich, "der werfe den ersten Stein."

"Okeh."

Der Stein fiel von rechts oben in das Bild hinein. Fast wäre er mir entwischt. Er segelte in einer vorbildlichen Parabel nach unten und traf mit einem bösen dumpfen Krachen auf die Windschutzscheibe, die sich sofort mit einem weißen Spinnennetz überzog, in dessen Zentrum ein schwarzes Loch gähnte. Der Wagen jagte unter der Brücke hindurch. Wir hetzten auf die andere Seite. Obwohl der Fahrer außer Gefecht gesetzt sein musste, hielt sein Fahrzeug in bewundernswerter Weise die Spur. Cool. Deutsche Wertarbeit. Die Autobahn beschrieb allerdings einen sanften Bogen nach links, so dass der Wagen schließlich die Leitplanke entlangschrammte.

"Los, wir verpissen uns", drängte Boulette.

"Moment noch. Jetzt will ich auch wissen, wie das ausgeht."

Eine Weile sah es so aus, als würde der Wagen seine Fahrt auf diese Weise beenden, aber dann geriet er ins Schlingern, das Heck brach aus und er überschlug sich tänzelnd und hüpfend und blieb schließlich mit dem Bauch nach oben liegen, alle Viere von sich gestreckt. Zwei Räder drehten sich unbeirrt weiter.

"Okeh, ich hab's im Kasten. Machen wir die Mücke."

Wir sprinteten davon, enterten unser Auto, brachen in wildes Kriegsgeheul aus und klatschten uns ab. Ich startete den Motor, rammte den ersten Gang rein und wir rasten mit quietschenden Reifen davon. Boulette schaltete seine dreckige Lache ein.

"Voll geil, Alter", freute er sich kindlich.

"Reich mal die Flasche rüber."

Er entkorkte sie und ließ einen tüchtigen Schluck in meinen offenen Mund hineingluckern. Ein Teil davon lief kitzelnd an meinem Kinn herab und tropfte auf meinen Pullover. Wenn du einen guten Rat hören willst: Fahr nie nüchtern. Wenn du nüchtern bist, verleitet dich das nur dazu, unnötig vernünftig zu fahren, und wenn die Bullen dich sehen, denken sie, es muss doch einen Grund haben, warum der so vorsichtig dahinschleicht, und schon haben sie dich auf dem Kieker. Und wenn dir hinten einer raufknallt, bekommst du vielleicht sogar Mitschuld, weil du zu langsam gefahren bist oder sogar die Bremse benutzt hast, und die Versicherung würgt dir noch einen rein. Wenn man besoffen ist, fährt man dagegen mit einer natürlichen Unbekümmertheit, die es einem leicht macht, im Verkehr nicht unangenehm aufzufallen.

"Was machen wir jetzt?", wollte Boulette wissen.

"Ganz einfach. Wir fahren zu mir oder zu dir, sehen uns das Video an, köpfen ein paar Bierchen und machen uns einen schönen Abend. Zu mir geht allerdings nicht, weil Ronja heute da ist."

"Wir könnten auch in den Puff gehen."

"Geht nicht. Seit ich mit Ronja zusammen bin, gehe ich nicht mehr in den Puff. Außerdem muss ich sparen. Besorg dir doch endlich mal selbst eine Freundin. Es kann doch nicht so schwer sein, irgendeine Bitch aufzureißen. Es ist ja peinlich, mit einem Wichser befreundet zu sein."

In Boulettes Wohnung überspielten wir das Video auf seinen Computer und studierten es eingehend in allen Details. Dank der hervorragenden, raubkopierten Software konnte man den Film schneller oder langsamer laufen lassen, das Bild anhalten, beliebige Ausschnitte vergrößern, verkleinern und ausdrucken, nachträglich die Bildqualität manipulieren, dem Fahrer das Aussehen eines Außerirdischen verleihen und sonst noch allen möglichen Schabernack veranstalten. Vom Fahrer war wegen des blöden Regens aber nicht viel zu erkennen. Er schien der einzige Insasse des Autos gewesen zu sein, was sehr bedauerlich war. Wäre der Wagen voll gewesen, hätte es sich wenigstens richtig gelohnt. Ich hätte gern sein Gesicht gesehen. Vielleicht hatte er uns vorher auf der Brücke bemerkt und schon geahnt, welches Schicksal wir ihm bestimmt hatten. Vielleicht war aus seinem zerschmetterten Schädel eine Fontäne frischen Blutes gespritzt. Es war aber von seinem Gesicht vor dem Aufprall des Steines nur ein verschwommener Fleck und hinterher gar nichts mehr zu erkennen.

Nachdem wir uns den Film achtzehnmal angesehen hatten und er irgendwie keine neuen Erkenntnisse mehr brachte, laberten wir noch ein bisschen Scheiße, dann fuhr ich durch die dunklen und verlassenen Straßen nach Hause, die Lautsprecher bis zum Anschlag aufgedreht. Ich war vom Feuerwasser und vom Bier und von den Vitamintabletten ein bisschen benebelt. Vorsichtig öffnete ich die Wohnungstür. Eigentlich hatte ich Ronja versprochen, den Abend mit ihr zu verbringen, aber dann war spontan die Aktion mit dem Stein dazwischengekommen. Die Wohnung war voll von kaltem Rauch, der Aschenbecher voller ziemlich energisch ausgedrückter Kippen. Ronja lag in Klamotten und Stiefeln auf dem Bett und grunzte. Als ich gerade nachsehen wollte, ob im Kühlschrank außer einer leeren Ketchupflasche noch was zu beißen war, öffnete sie die Augen und blinzelte mich nicht sehr kameradschaftlich an.

"Hallo, Alte", sagte ich.

"Wo warst du?", knurrte sie.

Ich zuckte gleichgültig die Schultern. "Bisschen Fun gehabt."

Ronja war meine süße Sau und oberster Adel. Sie war sehr stolz und keine von den verhätschelten Zimperzicken, die sich wegen jeder kleinen Spinne ins Höschen machten. Wenn sie ihren Willen nicht bekam, konnte sie allerdings ziemlich unwirsch werden. Ich hielt es deshalb für besser, wenigstens einen Teil des Versäumten nachzuholen und ihr Lieblingsspiel mit ihr zu spielen. Ich zog sie aus, setzte sie auf den Stuhl mit den gepolsterten Armlehnen, hängte ihre Beine über die beiden Lehnen, fixierte ihre Oberschenkel mit Hilfe von zwei Gürteln und fesselte ihre Hände hinter ihrem Rücken mit Plastikhandschellen, so dass sie mir wehrlos ausgeliefert war. Ich kniete vor ihr nieder, steckte meinen Kopf zwischen ihre Oberschenkel und machte Ronja II. meine Aufwartung. Es erübrigt sich, sie großartig vorzustellen, wenn ihr Ronja kennt, dann kennt ihr auch Ronja II. Sie hatte einen kleinen Kopf, einen großen Mund und kurze Haare. Da sie nur einen kleinen Kopf hatte, war sie nicht besonders clever, aber das wenige, das sie konnte, beherrschte sie ausgezeichnet. Dafür, dass sie nicht besonders clever war, hatte sie aber wie ihre Herrin einen ausgesprochen starken Willen und fand auch Mittel und Wege, ihn durchzusetzen.

Nach einer Weile fing Ronja wie üblich an, vor Lust die Nachbarn aus dem Bett zu schreien und mich mit einer Flut der unanständigsten Ausdrücke zu bombardieren, die ihre schmutzige Fantasie nur ersinnen konnte. Doch aus dem geplanten Drama in drei Akten wurde irgendwie nichts, denn mitten im Lustspiel wurde mir plötzlich von dem ganzen Zeug, das ich in mich hineingekippt hatte, ganz komisch im Kopf. Um mich herum drehte sich alles und ich wusste nicht mehr, wo oben und unten war. Ich kroch mühsam zum Bett hinüber, wobei mir ganz schwarz vor Augen wurde, zog mich hinauf und schloss schwitzend die Augen. Aus weiter Ferne hörte ich Ronjas wütendes Gebrüll, ich solle gefälligst zu ihr zurückkommen.

Ich wollte mich nur ein paar Minuten ausruhen, aber auf einmal gingen in meinem Theater die Lichter aus, und als ich die Augen wieder aufmachte, schien die Sonne hell durchs Fenster. Ronja schrie nicht mehr. Sie saß immer noch in derselben Stellung wie in der vorigen Nacht, wenn auch der Stuhl nicht mehr an der gleichen Stelle stand. Ihr Blick verhieß nichts Gutes. Die Haare hingen ihr wirr ins Gesicht und ihre grau umrandeten Augen sahen aus, als hätte sie geflennt.

"Mach mich sofort los", zischte sie eisig.

"Bist du sauer?", fragte ich, während ich ihre Fesseln löste.

Sie erhob sich vom Stuhl wie eine Rentnerin und humpelte mit gebeugtem Rücken und zwei bunten Flecken auf dem Hintern ins Schlafzimmer. Sie hievte wortlos ihren Koffer vom Schrank, öffnete die Schranktür und begann, ihre Klamotten in den Koffer zu werfen. Dann zog sie sich an, klappte den Koffer zu und schleppte ihn zur Tür.

"Du Arschloch", schrie sie mir wütend zum Abschied entgegen und schleuderte den Schlüsselbund quer durch die Wohnung in meine Richtung. Sie knallte wütend die Tür ins Schloss und ich hörte, wie sie die Treppen hinunterpolterte.

Ich verstand in gewisser Weise, dass sie sauer war, weil sie nun vielleicht zu spät zur Arbeit kam. Es war mir zwar ein totales Rätsel, wie man überhaupt auf den Gedanken kommen konnte, sich das Leben durch Arbeit zu versauen. Der einzige attraktive Job, den ich mir vorstellen konnte, wäre Arschlitiker gewesen. Die bekamen einen Haufen Kohle dafür, dass sie jede Veränderung verhinderten, und ich bewunderte die Selbstverständlichkeit und Schamlosigkeit, mit der die Polithaie logen und sich am Volk bereicherten, ohne mit der Wimper zu zucken. Um Politiker zu werden, brauchte man aber Beziehungen, und die hatte ein kleiner Angehöriger des Pöbels wie ich natürlich nicht.

Ronja aber war froh, dass sie überhaupt etwas gefunden hatte, und trabte gehorsam jeden Morgen in die Firma, um auf der Computertastatur ihre Fuge über c-h-e-f zu orgeln. Es würde nun ein paar Wochen dauern, bis sie zu dem Schluss kam, dass niemand es ihr so gut machte wie ich, und sich wieder bei mir meldete.

Ich schaltete den Fernseher ein, um zu sehen, ob sich unsere Tat von gestern Abend schon herumgesprochen hatte. Schon nach zehn Minuten kam im Titten-TV, eingeleitet von einer herrlichen, Betroffenheit heuchelnden Miene der Moderatorin, ein Bericht, dem zufolge gestern Abend zwei feige Jugendliche einen Stein von einer Autobahnbrücke auf einen PKW geworfen hatten. Der Fahrer hatte überlebt, würde aber für den Rest seines Lebens vom Hals abwärts gelähmt bleiben. Ich grinste zufrieden in mich hinein. Wir waren jetzt berühmt, wenn auch zugegebenermaßen auf ziemlich anonyme Weise. Aber jeder Autofahrer wusste nun, dass wir jederzeit wieder zuschlagen konnten und dass sein Schicksal in unseren Händen lag, und irgendwie wünschte ich, dass ich den Stein selbst geworfen hätte.

Den Ausdruck 'feige' konnte ich allerdings nicht unwidersprochen stehen lassen. Wir riskierten immerhin eine mehrjährige Haftstrafe, es war also sogar ausgesprochen mutig, eine solche Tat zu begehen. Ohne den Reiz dieses Risikos hätte es viel weniger Fun gebracht.

Natürlich hatten sie auch schon einen entsprechenden Experten parat, der den ratlosen Zuschauern erklären sollte, was in den Köpfen solcher Jugendlicher wie uns wohl vorging und was bloß aus unserer einst so wunderbaren Gesellschaft geworden war. Wahrscheinlich hat jedes Fernsehstudio zu jedem möglichen Thema einen gesonderten Experten vorrätig, der dann bei Bedarf nur noch aus dem Lager geholt werden muss. Jugendliche Gewalt? Das ist Experte Nr. 167, Dr. Helmut Labermeister, links oben im Regal. Vermutlich hatten diese Experten Tonbänder eingebaut, deren Texte aus irgendwelchen illustrierten Zeitschriften abgeschrieben und von Studenten, die sich ein paar Euro hinzuverdienen wollten, auf Band gesprochen wurden. Die Tonbänder brauchte man nur noch durch Knopfdruck in Betrieb zu setzen, wenn man die sehr erhellenden Ausführungen der Experten hören wollte.

Als mir das Geblubber von Helmut Labermeister auf die Nerven ging, entzog ich ihm das Wort, indem ich den Ton abschaltete. Wenn sie anstelle eines bedödelten Experten mich gefragt hätten, was in den Köpfen solcher Jugendlicher wie uns vorging, hätte ich ihnen die Frage ja gern beantwortet. In Boulettes Kopf ging praktisch nichts vor, das in irgendeiner Weise erwähnenswert gewesen wäre. Und was mich anging: Was soll schon sein? Dieser Autofahrer war mir eben genauso viel wert wie ich ihm. Ist doch einfach. Wer auf regennasser Fahrbahn mit hundertneunzig die Autobahn langbrettert, dem ist es selbst egal, ob jemand durch sein Verhalten über den Jordan geht. Er ärgert sich höchstens, dass ihm so viele im Weg sind, und es wäre ihm ganz recht, wenn es ein paar weniger wären. Wer wusste schon, wie viele Unschuldige dieser Amokfahrer bereits auf dem Gewissen hatte? Aber danach fragte natürlich keiner, sonst wäre ja die Geschichte im Fernsehen nicht so herzergreifend gewesen. Und nach meiner Meinung fragte natürlich erst recht niemand, denn ich war ja kein Experte und konnte deshalb nur höchst laienhaft darüber Auskunft geben, was in meinem Kopf vor sich ging.

Ich meine, man lebt schließlich, um Fun zu haben, so viel ist klar. Und was die Dinge sind, die einem Fun bringen, ist auch leicht zu erkennen: Schlunzen vom Pfad der Tugend abzubringen und auf die goldene Allee der Verderbtheit zu führen; andern die Sachen wegzunehmen, die man selbst haben will; das Gefühl zu genießen, dass einen niemand daran hindern kann, Fun zu haben; auf seinen Feinden rumzutrampeln; nutzlosen und überflüssigen Individuen ihre Entbehrlichkeit vor Augen zu führen; und sich ansonsten die Zeit ein wenig mit Vitaminen zu versüßen. Welchen Nutzen kann man sonst aus anderen Leuten ziehen?

Eine Million Jahre lang haben sich die Menschen abgequält, den Zwängen ihres beschissenen Alltags zu entkommen und nicht mehr um ihr Überleben kämpfen zu müssen. Jetzt haben wir es geschafft. Wir haben Wohlstand und so'n Zeug. Wir leben endlich wie im Paradies. Und ich habe nicht den nullsten Bock, mich aus dem Paradies vertreiben zu lassen, nur weil irgendwelchen gripslosen Dödeln mein selbstzufriedenes Grinsen nicht gefällt. Manche Leute haben nur einfach eine falsche Vorstellung vom Paradies. Ihr müsst lernen, mit dem Kopf zu denken, nicht mit den Genen. Das Paradies ist nichts für saubere Seelen und reine Herzen. Das bringt doch null Fun. Das Paradies ist für Schweine, die sich im Dreck suhlen. Welchen Sinn sollte ein Paradies sonst haben?

Ihr müsstet jetzt eure Gesichter sehen, wie ihr mir ernsthaft zuhört, während ich diese totale Scheiße labere. Ihr seid wirklich nicht mit Geld zu bezahlen. Aber ihr seht jetzt, was ich meine. Ich verarsche euch und ihr lasst euch gehorsam verarschen. Das ist die Freiheit, die ich meine.

Ich schlug mich mit ein paar von den lustigen Idiotentalkshows durch den Vormittag, in denen sich die Gäste gegenseitig an die Gurgel springen, und sah mir dann die alten Fotos von Ronja an, vor allem mein Lieblingsbild, auf dem sie gerade einen Orgasmus hatte, wobei sie wie üblich eine zähnefletschende Grimasse schnitt. Von ihren Augenwinkeln strahlten dabei Falten bis über ihre Schläfen aus, die auch im Normalzustand nie mehr völlig verschwanden und ihrem Aussehen nicht sonderlich zuträglich waren. Vom vielen Vögeln bekam sie Krähenfüße. Vielleicht war es überhaupt Zeit, dass ich mich nach einer neuen Schlampe umsah.

Gegen Mittag rief mich Boulette an und fragte mich freudestrahlend, ob ich schon gehört hatte, dass wir jetzt die Helden der Nation waren. Das brachte mich auf eine Idee. Da wir jetzt beide solo waren, konnten wir eigentlich auch gemeinsam Weiber aufreißen gehen. Auf diese Weise fiel für Boulette vielleicht auch mal eine ab. Ich jedenfalls hatte nicht die Absicht, mein Intimleben auf Handbetrieb umzustellen, bis Ronja vielleicht irgendwann einmal geruhte, zu mir zurückzukehren.

Boulette bekam sofort einen Ständer, als er meinen Vorschlag hörte, und wir verabredeten uns auf dem nächstgelegenen U-Bahnhof. Vorher holte ich mir an der Dönerei um die Ecke noch ein Kebab mit scharfer Soße, um meinen drohend knurrenden Magen zu besänftigen. Knoblauch wäre für das geplante Vorhaben vielleicht nicht ganz das geeignete Mittel gewesen. Auf dem Weg zum U-Bahnhof hatte ich eine geniale Idee für ein geiles Computerspiel: Autos von der Autobahnbrücke mit Steinen bewerfen. Wer die meisten Totalschäden bei Fahrzeugen und Insassen erzielte und am längsten den Polypen entkam, gewann. Arschlizistenautos wurden mit Extrabonus belohnt, aber das Risiko war entsprechend höher. Das Spiel wäre garantiert ein großer Reißer geworden. Vielleicht hätte ich doch etwas Vernünftiges wie Programmierer werden sollen oder so. Es sagten ja alle, dass ich nicht auf den Kopf gefallen war. Aber der Weg zum Beruf führte leider nur über Langeweile und Selbstdisziplin und war deshalb für mich nicht gangbar.

Als ich auf dem U-Bahnhof ankam, war Boulette schon da. Es war genau die Zeit, zu der Schülerinnen für gewöhnlich von der Schule nach Hause kamen. Wir stiegen in den erstbesten Zug, der eintrudelte. Die U-Bahn tutete und setzte sich in Bewegung. Unterwegs waren die üblichen sozialen Wracks mit ihren finsteren Mienen. Diejenigen, die nicht mit gesenkten Köpfen in Büchern, Zeitungen oder Handys lasen, glotzten wie verzaubert auf die unter der Decke hängenden Bildschirme. Wir hatten Glück. Ein paar Meter von uns entfernt standen zwei Flittchen im besten Alter mit vielversprechend verdorben aussehenden Gesichtern.

"Aber die sind doch noch minderjährig", wollte Boulette einwenden.

"Eben. Die Vierzehnjährigen sind doch die Besten. Die haben noch keine Enttäuschungen mit Männern erlebt und glauben dir noch alles, was du ihnen erzählst. Die sind noch richtig wild darauf, die Geheimnisse der Liebe zu entdecken, und du kannst mit ihnen alles machen, was du willst."

Ich schlenderte zu ihnen hinüber, während Boulette mir folgsam hinterherdackelte.

"Na, ihr kleinen Säue?", sagte ich zur Begrüßung.

Die beiden warfen einander einen scheinbar verstörten Blick zu und taten so, als hätten sie nicht die blasseste Scheckung, was ich von ihnen wollen könnte.

"Habt ihr Lust, heute Abend etwas Besonderes zu erleben?"

Wieder sahen sie sich an, diesmal mit einem Blick, wie ihn nur Mädchen in diesem Alter zustande kriegen, die wissen, dass sie in diesem Moment dasselbe denken.

"Willst du uns zu einem Hamburger einladen?", fragte die eine. Sie kicherten.

"Blödsinn, er will uns seine Briefmarkensammlung zeigen", sagte die andere. Wieder giggelten sie debil. Das war ein gutes Zeichen. Je weniger eine Schlunze im Hirn hat, desto mehr konzentriert sich ihr Interesse zwangsläufig auf die tiefer gelegenen Regionen ihres Körpers.

"Ich hatte eigentlich eher an Autotrampolin gedacht", sagte ich. "Aber offenbar habe ich euch etwas überschätzt. Wenn ihr also lieber in die Kinder-Disco geht und abends um zehn brav in euren Heiabettchen liegen wollt, dann bitte ich vielmals um Entschuldigung. Dann müssen wir uns woanders nach richtigen Frauen umsehen."

Damit ließ ich sie am ausgestreckten Arm verhungern. Nun konnten sie nicht anders, als nachzuhaken.

"Was soll das sein: Autotrampolin?"

"Ganz einfach. Wenn es dunkel ist und die Straßen verlassen sind und alle rechtschaffenen Bürger zu Hause vor dem Fernseher sitzen, sucht man sich ein schönes Auto aus, klettert aufs Dach und beginnt darauf herumzuspringen. Zu viert macht es am meisten Spaß. Das Auto schaukelt dabei so schön und das Dach sinkt langsam immer tiefer ein. Wenn man Glück hat, sieht auch noch der Besitzer des Wagens aus dem Fenster, fängt an zu schreien und kriegt einen Infarkt. Dann nimmt man die Beine in die Hand und sieht zu, dass man Land gewinnt. Aber wenn ihr euch nicht traut, kann man eben nichts machen."

Sie sahen sich unsicher an. Ich hatte sie am Haken. Ich hatte förmlich spüren können, wie ihnen bei meinen Worten die Klitoris geschwollen war. Auf den Wangen der einen war sogar der Anflug einer zarten Rotfärbung zu sehen. Süß.

"Also gut", sagten sie.

"Schön denn. Heute Abend um zehn? Im Tivoli. Das kennt ihr doch, oder?"

Sie nickten.

Der Zug hielt an und wir stiegen aus.

"Na bitte", sagte ich zu Boulette. "Daran erkennt man mal wieder die völlige Nutzlosigkeit von Intelligenz. Im Leben ist alles ganz einfach."

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6 Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-3-6

kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
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