Unser Buchtipp
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6
kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
Westdeutsche Zeitung

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
16. Juni 2007

Der Geschmacksverstärkerdrink

© MC

Wir hatten uns heute eine Flasche Wein für 10 EURO gekauft und dann einen netten Salat gemacht und dazu den Wein getrunken. Patricia verspürte wieder die unbändige Lust ihr Haar zu verändern und ich holte den Karton mit den Probepackungen von Wella, die ich beim Auszug von Christof überreicht bekommen hatte, aus dem Keller. Sie entschied sich für Rot, nachdem sie die Packungsaufdrucke der ca. 20 Fläschchen und Tübchen gelesen hatte, alle in einer anderen Farbe - toll.

Dann das Bild, wie sie unter der orangefarbenen Trockenhaube saß, die ich auf dem Sperrmüll gefunden hatte, mit Original Quelle Aufdruck, das Q mit der blauen Hand in der Mitte, -genial. Ich blitzte ihr dreimal in die Augen und recordierte dann noch 1 Minute mit der Digicam. Man musste ja für seine Nachfahren vorweisbares Material anlegen. Denn eigentlich lebte man ja nur dafür, dass man irgendwann mal seinen Enkeln erzählen konnte, was man für ein Knaller gewesen war, -damals. Wahrscheinlich war das dann wieder völlig langweilig für das Gros der Leute und nur ein paar individuelle, freidenkende Enkel konnten die Qualität dieser Aktionen erkennen.

Wir waren also gut in Form, und das hieß, wir würden heute unsere Versuche zum Thema: "Wir kreieren den Drink für die New Generation, die ihren Flüssigkeitshaushalt weder mit Bier noch mit Cola decken will" starten. Also die potentiellen Leitungswassertrinker.

Es geht los. Als grobe Idee war da der Nudelwasser-, der Reiswasser- und der Spargelwasserdrink. Es mussten unbedingt Geschmacksverstärker rein, das war klar. Das einzige, was ich mit Geschmacksverstärker hatte war asiatisches Paniermehl zum Frittieren von Gemüse, was noch übrig war von unserem missglückten Stand auf dem Sommerfest auf dem Unigelände. Ich hatte zwar viel Mehl gekauft, aber die Leute nicht das frittierte Gemüse.

Das ganze wurde dann in heißem Wasser zu einer gefühlsechten Mischung verarbeitet, die aussah wie aufgelöstes Sperma. Ein Schuss Zitrone brachte auch nicht die Entscheidung, auch nicht mit Salz, -Zucker war verpönt und kam nicht in die Tüte. (Ich aß ein Stück Ritter Sport Olympia zwischendurch für den Geschmack.) Das Ding brauchte eine ansprechendere Farbe und ich hatte noch etwas Tomatensaft. Wir verfielen der alten Tradition und machten natürlich noch etwas Chili rein. Um es richtig beurteilen zu können warf ich das Ganze in ein Glas mit Eiswürfeln, um diesen lauwarm-faden Grundgeschmack zu ändern. Das brachte aber nichts und wir gossen es in ein Glas, um es ins Lager aufzunehmen, sozusagen als Basisversuch, der nicht wiederholt zu werden brauchte.

Dann wurde es orientalisch, PC lief zu Höchstform auf, strich durch die Wohnung wie ein Puma und kam mit dem Rest Baguette vom Abendessen an, nachdem sie zuerst Salzstangen in heißem Wasser unter Zuhilfenahme einer Gabel aufgelöst hatte. "Du isst dann Salzstangen die warm sind, es macht also mehr satt und zweitens ist es wie ein Brei. Es ist nur kein richtiges Getränk. Mann, das ist super", meinte sie und salzte es noch nach. Es war grauenhaft und erinnerte mich an Verbrauchtes. Nichts für mich. Die nicht Zerdrückten hatten etwas von braunen Maden, die prall und aufgequollen in einem afrikanischen Tümpel herumschwammen, also mit Sicherheit nicht der hundertprozentige Ankommer für die Zielgruppe, die wir im Auge hatten. Sie erwähnte, "das könnten wir dem Typen verkaufen vom Bioladen". Meinte dann im Erzählton: "Wir hätten da so ein paar Verbesserungsvorschläge für sie...".

Zwiebeldrink wäre noch etwas, ich nahm mir noch ein Stück Ritter Sport und ärgerte mich, das es Leute schafften mit dem Mixen von Zucker und irgendwelchen Geheimessenzen eine riesige rot-weiße Fangemeinde aufzubauen und es sich erlauben konnte zu Weihnachten in unsinnigen Trucks durch die Gegen zu fahren und Getränke zu verschenken, der auch noch super ankam.

"Wie wäre es mit einem Hefedrink", fügte dann aber gleich hinzu "-den trinke ich dann aber nicht", fügte sie gleich hinzu. Ich meinte: "Mach", und dann sagte sie: "jetzt weiß ich's, jetzt mach ich mir eine Hefemaske, -willste auch?". Nachdem ich dann auf dreimaliges Nachfragen wissen wollte, ob das eine rhetorische Frage wäre, lachte sie und meinte: "Natürlich nicht. Nicht nur, sind Hefemasken unglaublich billig, sie sind auch unglaublich wirksam, -ich wird's dir beweisen". Ich war gespannt, denn das mit dem Haarefärben hatte nicht geklappt, die Schuld lag natürlich beim Haarfärbemittel.

Dieser Wein für 10 EURO war wirklich super und wir philosophierten über die Frage, warum ein teuerer Wein so deutlich besser ist als ein billiger.

Da standen dann also unsere ersten vier Entwürfe auf dem Tisch. Ein Geschmacksverstärkerdrink, ein Salzstangendrink, ein Baguetteschleim und ein Drink, der aus aufgelösten Reißwaffeln mit dem letzten Bodensatz aus der Sojaflasche bestand. Der eine der fehlte fiel mir nicht mehr ein und die Hefemaske zählte ich mal nicht dazu.

Wieso hatte ich eigentlich eine Spülmaschine Modell Lady in meiner Einbauküche von Poggenpohl, das war diskriminierend. Ich würde mir mal eine Messerschleifmaschine Modell Herkules zulegen. Aber eigentlich schleift ja jeder Mann der Ahnung hat die Messer am unteren Rand einer Tasse und beeindruckt damit die Frauen, -denkt er. Dabei weiß das ja auch jede Frau, die schon mal von einem Mann beim Kochen assistiert wurde. Aber wir brauchten keine scharfen Messer für den nächsten Drink, denn PC hatte die ultimative Idee. "Ich mache jetzt den Kaffeedrink. Ich sag dir, das kommt super an, vor allem in Berlin. Man nehme eine neu gekaufte Espressomaschine, fülle sie mit Kaffe und Wasser und erhitze das ganze. Fertig". Das war die Lösung.

Als wir dann bei der Verabreichung angekommen waren sagte sie: "Du bist zum Beispiel jemand der immer Milch im Haus hat, weil du cool bist. Weil du nicht nur zwei Packungen Frischmilch kaufst wie die anderen, was überhaupt nichts bringt, weil es auch gar nicht schmeckt". "Was?" "Na ja, sie schmeckt schon gut" und ich wollte ihr wieder erzählen, dass ich eine neue Idee hatte für einen Verschluss an Folienbeuteltüten, damit sich Milch länger frisch hielt, da keine Luft drankam, das ganze kombiniert mit einem patenten Sammelbehältersystem das sich stapeln und doch nebeneinander stellen lies auf kleinstem Raum, -doch ich ließ es sein. Sie legte sich die Hefemaske auf, und ihr Gesicht glich wenig später einem ausgetrockneten Wasserloch ganz weit draußen in der Wüste.

Ich nahm mir einen Keks - natürlich Prinzenrolle. Man sollte nie in große Einkaufszentren gehen, wenn man ausgehungert ist und an seine Vergangenheit denkt. Man kauft nur Scheiß, wie zum Beispiel im Anflug von Sentimentalität Prinzenrolle. Sie widerstand und meinte, "Nein, ich trinke eine Feige zum Kaffee". Die eine Feige war leider schon angefault und dabei hatte sie 49 Cent gekostet. "Ach weißt du, Feigen sind irgendwie auch blöd, entweder sind sie noch nicht reif oder schon zu weit. Also mit Feigen ist das auch nicht immer so doll, aber ganz schlimm sind ja Datteln, sie sind holzig und schmecken süß, -also ich weiß ja nicht." Ich schaute mir die Sammlung der Drinks für die new generation an. Dann stellte ich noch ein Glas Leitungswasser daneben und bei der objektivsten Betrachtungsweise, die ich vornehmen konnte sprach mich das Glas mit Wasser am meisten an. Die Flasche Wein sah aber am schönsten aus, vielleicht sollte man Wasser in edlen verkorkten Weinflaschen abfüllen.

2007
Apellation Eau
Superieur Controlée.
Mis en bouteille au Chateau.
Serviervorschlag: zu Keksen, Salat und Schokolade.

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6 Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-3-6

kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
Westdeutsche Zeitung


beim Verlag bestellen
bei amazon.de bestellen

Kurzgeschichten unserer Autoren
Der Mann, der vergewaltigt wurde und andere Geschichten  Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-8-7 Schlüsselerlebnisse  Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-8-7 Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6
Direkt beim Verlag bestellen

Copyright-Hinweis: Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.